Studio Werkhaus

Bataillon

Enis Maci Premiere: Fr, 24. Januar 2020
Uraufführung | Auftragswerk

Ein Hochhaus steht verloren im Niemandsland, Flechten wuchern an den Betonkanten des Gebäudes, in dessen Innerem eine ganze Welt zusammenkommt: Im Keller sitzen Weberinnen und arbeiten an Tarnumhängen aus Kartoffelsäcken, Lumpen, Fischernetzen für einen Krieg, der viele Schauplätze hat: den Balkankrieg etwa, den Krieg in Syrien oder auch den Körper der Frau. Im Friseursalon ein paar Stockwerke höher schäumt Monica Lewinsky einer Fremden, die bald hier einziehen wird, den Kopf ein. Ada Lovelace, die britische Mathematikerin, die als erste Programmiererin bezeichnet wurde, kommt vorbei, Elisabeth Mann Borgese, aber auch Penelope, die Frau des berühmten Odysseus‘. Eine Greisin putzt ihr Gewehr. Zwei Kühlschränke kommunizieren miteinander. Die Ränder der Gegenstände verformen sich. Da sind Erinnerungen – wem gehören sie?

Enis Maci, Hausautorin der Spielzeit 2018/19 und »Nachwuchsdramatikerin« der Jahre 2018 sowie 2019 (»Theater Heute«), entwirft in ihrem Auftragswerk für das NTM eine postapokalyptische Zukunftsvision, deren einzelnen Geschichten kunstvoll miteinander verwoben sind. Mit einem Panorama von ausschließlich weiblichen Stimmen, die dem antiken Mythos ebenso entspringen wie unserer aktuellen Lebenswelt, entwickelt sie einen Gegenentwurf zur vorrangig männlichen Geschichtsschreibung.

Die Regisseurin Marie Bues setzt mit dieser Arbeit ihre konsequente Beschäftigung mit Gegenwartsdramatik nach Inszenierungen u. a. in Basel, Stuttgart und München fort. Seit 2013 leitet sie gemeinsam mit Martina Grohmann das Theater Rampe in Stuttgart.

 

Dauer: 1 Stunde und 25 Minuten; keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

 

 

Der Stücktext von Enis Maci wurde im Rahmen von Neustart Kultur durch den Deutschen Literaturfonds im Programmbereich 200 neue Stücke für ein großes Publikum gefördert. Abrufbar ist der Stücktext hier (PDF).

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»Ein ganz und gar außergewöhnliches Stück. Keine Handlung, keine Dialoge, letztlich keine greifbaren Figuren. Die Regisseurin Marie Bues hat versucht, diesem genialisch-rasanten Mix aus Szene und Essay, Lehrstück und Albtraum, Enzyklopädie und Bildersturm, Legoland und Lochkarte, dieser szenischen Partitur der jungen Autorin Enis Maci eine gewisse Form und Bodenhaftung zu geben. Sie hat den stakkatohaften Text spürbar entschleunigt und gerafft […]. Die Figuren halten sich förmlich an der Sprache fest. Ihre Sprechweise ist durchgetaktet synchron, unaufgeregt. Utopie? Dystopie? Jedenfalls nichts für Ambivalenz-Allergiker.« (Deutschlandfunk Kultur, 25.01.2020)

 

»Sophie Arbeiter, Annemarie Brüntjen, Otiti Engelhard und Carina Thurner als Weberinnen agieren kaum als Solistinnen. Sprechen sie alleine, sprechen sie doch fast immer in Bezug aufeinander. Die meiste Zeit sprechen sie ohnehin im Gleichklang – eine enorme Herausforderung an die Konzentration der Schauspielerinnen. Das Mannheimer Quartett ist ihr gewachsen.« (Nachtkritik, 24.01.2020)

 

»Maci hat in ihrem Text vieles verarbeitet. Auch den Aufenthalt im Collini-Center, wo die Hausautorin des Nationaltheaters wohnte. Nahtlos fügt sich der von ihr vermutlich als bedrückend empfundene Aufenthalt in das Textgewebe ihrer Recherchen ein, in ihre Suche nach mehr oder weniger bedeutenden Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts.« (Mannheimer Morgen, 27.01.2020)

 

»Im Laufe der anderthalb Stunden der Aufführung stellen sich beide Extreme ein, die man vom Umhersurfen im Internet kennt: Freude über die Entdeckungen, die man beim Weiterklicken macht. Und das Völlegefühl, wenn man sich beim Informationen aufschnappen verrannt hat. Diese flirrenden Längen im Stück fängt Regisseurin Bues mit Liebe zum Detail auf. […] Aus dem textlich vorgesehenen schauspielerischen Graubrot eines Gruppenauftritts mit wenig eigenen Akzenten haben die Darstellerinnen (als gemeinsamer "Organismus") in der Wirklichkeit der Bühne einen schillernden, witzig-skurrilen Auftritt gemacht. Die Zuschauer*innen haben es nicht als Webfehler empfunden.« (Nachtkritik, 24.01.2020)

 

»Clou der Aufführung ist ein Schmuckstück von Panzer, den die Frauen Stück für Stück zusammenbauen, mit strassbesetzten Rädern und Spiegelwänden, die liebevoll poliert werden.« (Rhein-Neckar-Zeitung, 28.01.2020)

 

»Maci hat ihren Text fünf Frauen anvertraut. […] Mal sprechen die Frauen im Chor, dann wieder exponieren sich aus der Gruppe einzelne Figuren. Assoziationsreich, als würde man durchs Internet surfen, springen die Berichte, Erinnerungen, Biografien und Zitate hin und her. Ein dicht vernetzter Diskurs voller Daten und Fakten. Knotenpunkte der Geschichte, über die das Bühnenpersonal (Sophie Arbeiter, Annemarie Brüntjen, Johanna Eiworth, Otiti Engelhardt, Carina Thurner) vital und mit schönem Mut zur Rhetorik gewissermaßen erkundet, was die Welt im Innersten zusammenhält.« (Mannheimer Morgen, 27.01.2020)