Zeitfenster Nr. 28

Orchestrale Netzwerke zwischen Mannheim, Paris und Edinburgh

Mannheim im 18. Jahrhundert war zweifelsohne ein touristischer Hotspot. Seine Kunst und Kultur zogen den europäischen Adel an. Man reiste damals, um sich zu bilden oder sich den letzten Schliff für einen gesellschaftsfähigen Auftritt zu holen. So kam auf seiner sog. Grand Tour auch Thomas Alexander Erskine 1752 nach Mannheim. Der spätere 6. Earl of Kelly bzw. Lord Pittenweem wurde 1732 in Schottland als ältester Sohn einer mit den jacobitischen Bestrebungen um Bonnie Prince Charlie sympathisierenden Familie geboren. Thomas Alexander lernte früh das Geigenspiel und nannte sich ganz unstandesgemäß »Fiddler Tam«. Als aktives Mitglied der Edinburgh Musical Society galten seine Interessen insbesondere der zeitgenössischen Orchestermusik. Die aufsehenerregendste und fortschrittlichste Musik ihrer Zeit erklang am Mannheimer Hof. So war es kein Wunder, dass er vier Jahre in Mannheim blieb. Er studierte Komposition im Umfeld des in Böhmen geborenen Johann (Wenzel Anton) Stamitz (1717 - 1757). Stamitz stand der Mannheimer Hofkapelle seit 1748 als Direktor der Instrumentalmusik vor. Dass er allein als »Stammvater« des Mannheimer Kompositionsstils zu gelten hat, ist heute wie andere, zumeist national oder lokalpatriotisch motivierte Narrative zur Mannheimer Schule differenzierter zu sehen. Die Idee der »Schule« bildete sich schon während der Regentschaft Carl Theodors von 1742 bis 1778, wenngleich die musikpraktische und theoretische Ausbildung auch Gesang und Tanz umfasste. Zu Zeiten von Johann Stamitz fiel zudem die Häufung von herausragenden Instrumentalisten, die zugleich respektable Komponisten waren, als bemerkenswert auf. Thomas Alexander Erskine musste sich bei seinem Aufenthalt in Mannheim tatsächlich wie im »Paradies der Tonkünstler« gefühlt haben! Er begann im Mannheimer Orchesterstil zu komponieren und sich dessen fortschrittliche Errungenschaften anzueignen. Zwischen ihm und Johann Stamitz entstand ein besonderes Lehrer-Schüler-Verhältnis. Als Stamitz nach Paris, einem weiteren Zentrum der Orchesterkultur reiste, zog es Erskine ebenfalls dorthin. Stamitz hatte im August 1755 vor, seine Orchestertrios op. 1 im Verlag de La Chevardière zu veröffentlichen. Den Stich des Notentextes besorgte die Kupferstecherin und Musikdruckerin Marie-Charlotte Vendôme. Wenn auch unauffällig, wird sie auf der Titelseite genannt. Sie agierte als Teil eines künstlerischen Netzwerks, zu dem zahlreiche weibliche Mitwirkende zählten. Instrumentalvirtuosinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen und auch Komponistinnen waren keine Seltenheit. Auch Johann Stamitz hatte eine begabte Tochter: Franziska Lang (1746 - 1800). Sie findet jedoch neben seinen Söhnen Carl und Anton - ähnlich wie der schottische T. A. Erskine - bislang keine Erwähnung in der deutschen Fachliteratur. Anders bei Johann Stamitz selbst. Er erwähnte Thomas Alexander Erskine, ganz der Widmungsfreude seiner Zeit verpflichtet, auf dem Titelblatt der genannten ersten Pariser Ausgabe mit »dédiées à The Right Honourable Mylord Pitteweem (sic)«. Als sein Vater 1756 starb, kehrte Lord Pittenweem zunächst nach Schottland zurück. Dort komponierte er im Mannheimer Stil weiter. Sein Opus 1 sind sechs Orchesterouvertüren, die von der Beherrschung der Mannheimer Effekte und Manieren zeugen. Eine solch stürmisch bewegte symphonische Musik kannte man in England und Schottland bis dato nicht.
Die Stücke von Thomas Alexander Erskine erschienen 1761 im Musikverlag Robert Bremner in Edinburgh, was zu ihrer Verbreitung in Great Britain beitrug. In London kam es zudem zur Aufführung seiner musikdramatischen Werke an verschiedenen Theatern. Auch die Orchestertrios op. 1 von Johann Stamitz erschienen in der englischen Ausgabe als Six Grand Orchestra Trios proper for small or great Concerts. Dedicated to the Right Honourable Lord Pittenweem (now Earl of Kelly):
Titelblatt der englischen Ausgabe des op.1 von J. Stamitz, gemeinfrei
Titelblatt der englischen Ausgabe des op.1 von J. Stamitz, gemeinfrei
Lord Pittenweems bilaterale Bemühungen um die sinfonische Musik der Mannheimer einerseits und der von ihr inspirierten eigenen Schöpfungen waren mit zunehmenden Erfolg bekrönt und erreichten nahezu Kultstatus. Die vom 6. Earl of Kelly maßgeblich aufgebaute Musikkultur Edinburghs wurde zu einer Attraktion, die man als Mitglied der Upper Class besucht haben musste. Dies fand Anerkennung bei dem führenden Musikhistoriker Charles Burney, der das Musikleben Mannheims und Schwetzingens aus eigener Anschauung kannte. Er beschrieb Erskine (zit. nach Girdham) als
»possessed of more musical science than any dilettante with whom I was ever acquainted«
Lord Pittenweems künstlerische und musikorganisatorische Pionierleistungen schienen kräftezehrend gewesen zu sein. Eine Kur in Spa sollte seiner Genesung aufhelfen. Diese Unternehmung misslang, so dass er auf der Rückreise nach Schottland in Brüssel 1781 im Alter von 49 Jahren starb. Die Edinburgh Musical Society ehrte ihn mit einem Gedenkkonzert. In Mannheim harrt sein Werk, das teils in modernen Ausgaben verfügbar ist, noch seiner Entdeckung.

Dr. Laura Bettag
Bildnachweise, Literatur und Links:
  • Kachelbild: Thomas Alexander Erskine, 6th Earl of Kellie. Kupferstich von Robert Blyth im Besitz der National Galleries of Scotland. Verfügbar als Creative Commons.
  • Englische Ausgabe des op.1 von Johann Stamitz. Verfügbar unter https://imslp.org/wiki/6_Orchestra_Trios,_Op.1_(Stamitz,_Johann), gemeinfrei im International Music Score Library Project.
  • Jane Girdham (2011). Erskine, Thomas Alexander, sixth earl of Kellie [Kelly] (1732–1781). Verfügbar unter https://doi.org/10.1093/ref:odnb/8876
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