Zeitfenster Nr. 57

Ewig dreht sich das Räuberrad

Nicht auszudenken, wie sich das Mannheimer Nationaltheater entwickelt hätte, wenn dort nicht Schillers Trauerspiel Die Räuber am 13. Januar 1782 uraufgeführt worden wäre? An diesem Tag soll das Theater einem Irrenhaus geglichen haben! Man wollte rollende Augen und geballte Fäuste gesehen sowie heisere Aufschreie im Zuschauerraum gehört haben. Diese durch Anton Pichler meist kolportierte Anekdote wurde bereits 1959 von Otto Schmidt in Zweifel gezogen. Die Uraufführung wies tatsächlich viele, auch für die damalige Zeit ungewöhnliche Umstände auf. Zunächst war das Stück von Schiller als Lesedrama konzipiert worden, das anonym und mit fiktivem Ort 1781 erschien. Dann brachte man es 1782 in einer veränderten Fassung auf die Bühne. Bei der Uraufführung verbat man dem Autor die Anwesenheit im Theater, was dieser umging. Als »Wormser Korrespondent« verfasste er eine Selbstrezension, die alsbald veröffentlicht wurde. Und, und, und…
Der Theaterzettel liefert dazu nur wenige Angaben:
© MARCHIVUM, Bildsammlung, AB01826-015
Dies tat der vielfältigen Rezeptionsgeschichte keinen Abbruch. Schaut man allein auf die in Mannheim historisch entstandene Schiller-Verehrung, lassen sich durch das überlieferte Bildmaterial (mittlerweile digitalisierte) »Bände« füllen. Das starke Interesse an Schiller erreichte geradezu stadthistorische Bedeutung für Mannheim. Besonders beeindruckend ist ein Foto der Schiller-Feierlichkeiten zum 100. Todestag 1905 vor dem alten Nationaltheater:
MARCHIVUM, Bildsammlung, GF00984
Das Nationaltheater wurde »Schiller-Bühne« und brachte Schiller-Inszenierungen zu sämtlichen Jubiläen der Theatergründung 1779, der Uraufführung der Räuber 1782 sowie der Geburts- und Todestage Schillers heraus. Auch wurden die Räuber-Aufführungen gezählt. Zur 100. Aufführung am 13. Januar 1886 erarbeitete Max Martersteig (ZF 27) eine eigene Textfassung. Der vor seiner Zeit am Nationaltheater auch in Worms lebende Regisseur und Theaterleiter, beschäftigte sich später als Theaterwissenschaftler mit der sich wandelnden Aufführungspraxis der Räuber. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es wichtiger, Theaterstücke als visuell-auditives Erlebnis und nicht primär als Textrezitation zu vermitteln. Auch in Mannheim bemühte man sich um immer neue szenische und bühnentechnische Lösungen.
Nach dem Krieg wurde die Tradition der Schiller-Jubiläen weitergeführt. Baubeginn des neuen Nationaltheaters war 1954. In Relation zum damalig definierten Datum der Theatergründung 1779 ereignete sich dies 175 Jahre später. Man adelte dieses Jahr zusätzlich durch die erstmalige Vergabe des Schiller-Preises (ZF 8). Zur Fertigstellung des Neubaus 1957 jährte sich die Uraufführung der Räuber dann zum 175. Mal. Eine Neuinszenierung der Räuber zur festlichen Eröffnung war alternativlos! Es ging aber nicht nur um die Fortsetzung einer großen Tradition, sondern auch um den erfolgreichen Aufbruch in eine neue Zeit. Für derart komplexe Konstellationen standen in Deutschland nur noch wenige Theaterschaffende zur Verfügung.
Erwin Piscator (1893-1966) war davon der prominenteste. Der damalige Intendant Hans Schüler kannte ihn seit 1920 aus Berliner Tagen. Die Räuber hatte Piscator schon 1926 dort am Preußischen Staatstheater inszeniert. Voller Hoffnung kam er 1951 nach Deutschland zurück, um Deutschland mit künstlerischen Mitteln vom Einfluss des Nationalsozialismus zu befreien. Zum Teil erlebte er herbe Enttäuschungen und musste feststellen, dass seine Ideen aus den 20er-Jahren unwiederbringlich verloren waren. Er brachte dennoch die Motivation auf, sich auf das noch Machbare zu konzentrieren. Intendant Schüler bot ihm am Nationaltheater mehrere Regien als Gast an. Bei Arthur Millers Hexenjagd konnte er 1954 im Neuen Theater im Rosengarten eine Form des Arena-Theaters verwirklichen, bei dem das Publikum rund um die Bühne gruppiert saß. Auch für das Kleine Haus des Neubaus war ein flexibles Raumprogramm in Planung. Stolz wurden in der Festschrift von 1957 auf S. 152 die sechs Verwandlungsmöglichkeiten präsentiert. Es gab das Schauspielhaus »mit Orchestergraben«, mit »erweiterter Vorbühne«, »aufsteigend aus Parkett für Shakespeare«, für »Vortragsraum und Konzertsaal«, die »Arenabühne zweiseitig« und die »Arenabühne allseitig«. Hinzu kam ein aufsetzbarer Drehteller als Alternative zu einer fest installierten Drehbühne wie im Großen Haus (ZF 39).
Die neuen bühnentechnischen Errungenschaften »mussten« bei der Eröffnung präsentiert werden! Piscator war diesbezüglich der ideale Regisseur. Die Premiere seiner Räuber fand am 13. Januar 1957 statt. Die Symbolmacht des Datums war gewollt, wenn es auch am 12. Januar die Vorstellung Nr. 1 als Voraufführung für geladene Gäste gab. Der Theaterzettel des 13. Januars verweist auf die Absicht der Feier des 175. Jahrestages der Uraufführung – wiederum an einem Sonntag, wenn auch als Vorstellung Nr. 2:
© MARCHIVUM, Reiß-Museum, Zug. 18/2016, Nr. 259
Erwin Piscator entschied sich für die zweiseitige Arenabühne, bei der das Publikum sich gegenübersitzen konnte:
MARCHIVUM, Bildsammlung, KF014809
Über die gesamte Decke waren die Dekorationszüge und Beleuchtungsmöglichkeiten verteilt. Die beiden seitlichen »Galerien« wurden ebenfalls bespielt:
© Robert Häusser – Robert-Häusser-Archiv/Curt-Engelhorn-Stiftung, Mannheim.
Zur besseren Sicht bei wechselnder Fokussierung war die Bestuhlung für das Publikum drehbar. Piscator schöpfte einen großen Teil der bühnentechnischen Möglichkeiten aus, aber nicht alle. Er stellte sie vielmehr inhaltlich in den Dienst seiner Inszenierung. Peter Mertz schreibt dazu:
»Wie zwei Pole liegen einander gegenüber: das Schloß der Moor und die Böhmischen Wälder. Piscator zieht die beiden Galerien mit ins Spiel hinein und entwickelt das Drama von diesen beiden Bau- und Raumkomplexen langsam, aber mit einer verblüffenden Folgerichtigkeit. Wie einst in seiner berühmten Inszenierung 1926 im Theater am Gendarmenmarkt läßt er Szenen über- und nebeneinander spielen. Piscator setzt die dramatischen Momente wie ein Mosaik zusammen. Er geht fast episch vor, bleibt auf weite Passagen hin kühl […]. Und dennoch unterschlägt Piscator nicht das Pathos des jungen Schiller, nicht Aufschrei und Verzweiflung, Anklage und tödlichen Irrtum.«
Im Unterschied zu 1926 hatte Piscator weniger Text gestrichen, wodurch die Vorstellung bis nach Mitternacht andauerte. Das begeisterte Publikum harrte fasziniert bis zum Ende aus. Piscator, der 1962 Leiter der Berliner Freien Volksbühne wurde, avancierte nach seiner langen Zeit im russischen, französischen und amerikanischen Exil schließlich zum überall geschätzten Theaterschaffenden. War Schiller zur Symbolfigur der Befreiung aus der Feudalherrschaft geworden, so stand Piscator für das Vermögen, nach der nationalsozialistischen Diktatur andere Wege zu beschreiten.
So erfolgreich die künstlerische Linie war, gab es doch auch innerhalb der Belegschaft Kritik an der Beschaffenheit des Schauspielhauses. Herbert Pott (ZF 32) weiß noch heute zu berichten, dass mancher Bühnendarstellende die Akustik dort als nicht optimal empfand. Durch das damals noch offene Schauspielfoyer verlor sich der Schall nach hinten hin sehr stark. Daraufhin verkleinerte man den Raum durch den Einbau von Wänden. Später wurden die Treppen nicht mehr bespielt, sondern je nach Bedarf justierbare Schallsegel eingebaut. Die Beleuchtungsabteilung monierte, dass durch die ständige Veränderung der Hängung von Beleuchtungskörpern und mobilen Zwischenebenen die Decke »Löcher wie ein Schweizer Käse« bekäme. Der wechselnde Ein- und Ausbau der Bestuhlung für die Raumbühne verursachte Mehrarbeit. Als der Bühnenbildners Paul Walter (1913-1993) 1976 ausschied, kam der Einsatz der Arenabühne weitgehend zum Erliegen. Auch zu einer Etablierung von Musiktheater-Veranstaltungen kam es nicht. Bei der Sanierung im Jahre 1994 wurde der Orchestergraben des Kleinen Hauses zurückgebaut. Die Oper war nie heimisch geworden – zu roh und zu nackt wirkte für sie der Raum mit den unverputzten Lochziegelwänden.
Der in São Paulo (ZF 35) preisgekrönte Theaterbau von Gerhard Weber sah auch eine Raumkonfiguration für Tagungen vor. 1959 fand die 32. Bühnentechnische Tagung, gemeinsam veranstaltet von der Berufsgruppe »Ausstattung, Technik und Verwaltung« in der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und von der »Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft« statt. Erwin Piscator war dazu eingeladen worden, aber leider verhindert. Sein Text wurde von Schauspieler Walter Vits-Mühlen (1909-1999) verlesen. Ob es dabei um sicherheitstechnische Belange der sog. Lichtroste ging, wissen wir nicht. Piscator verwendete diese Gitterroste bevorzugt, weil diese von oben und unten zu beleuchten waren. Bei der Premiere seiner Räuber sollte Aleida Montijn als Komponistin der Bühnenmusik zum Schlussapplaus auf die Bühne kommen. Die gebürtige Mannheimerin (1908-1989) veröffentlichte folgende Anekdote dazu auf S. 200 ihrer Autobiografie:
»Bei den ‚Räubern‘ in Mannheim wurde mir dieser Lichtrost zum Verhängnis: Als ich mich neben Piscator verbeugen sollte, blieb mein rechter Lackpumps im Lichtrost hängen, und ich mußte 3 Schritte zurückhinkeln, um den Schuh, der eingeklemmt war, rauszuziehen und ihn mir wieder anzuziehen, derweil Piscator freundlich lächelnd auf seine Komponistin wartete, um sich dann mit ihr zu verbeugen
Eine Beschäftigung mit dem Werdegang Aleida Montijns ist darüber hinaus lohnend (ZF 58).

Dr. Laura Bettag
Bildnachweise, Literatur und Links:
  • Kachelbild: MARCHIVUM, Bildsammlung, KF010302, Foto: Artur Pfau
  • Otto Schmidt (1959). Die Uraufführung der "Räuber" - ein theatergeschichtliches Ereignis. In: Herbert Stubenrauch & Günter Schulz (Hg.). Schillers Räuber. Urtext des Mannheimer Soufflierbuches. Mannheim: Bibliographischer Verl., S.151-180.
  • Peter Mertz (1970). Das neue Nationaltheater. In: Gesellschaft der Freunde des Nationaltheaters (Hg.) (1970). Das Nationaltheater Mannheim. 1779-1970. Mannheim: May, S. 55-59.
  • Nina Birkner (Hg.)(2022). Erwin Piscators ‚Die Räuber‘. Regiebuch und weitere Dokumente zur Berliner Schiller-Inszenierung von 1926. Heidelberg: Winter.
  • Aleida Montijn (1988). Nachrichten an K.G. Erinnerungen einer Komponistin. Kassel: Bärenreiter.
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