Zeitfenster Nr. 44

Richard Strauss (1864-1949) in Mannheim

Richard Strauss‘ Anwesenheit und musikalisches Wirken in Mannheim sind erstaunlich vielfältig. Das dokumentieren u. a. mehrere Fotos von seinen Besuchen sowie die ausführlichen Eintragungen im Goldenen Buch des Mannheimer Liederkranzes, eines jüdischen Männergesangsvereins. Von Richard Strauss‘ Werk ist dort die Rede,
»als ob diese in fürstlichem Glanze und Prunk, in starker Sinnenfreude, in stolzestem dekorativem Purpur einherschreitende Kunst, noch einmal einen neuen Höhepunkt, eine noch höher flutende Inkarnation gefunden haben wollte in dem Schaffen dieses Mannes, der heute schon auf ein Lebenswerk zurückblicken kann, wie es die wenigsten unter seinen Genossen in Apoll zu summieren vermögen (…)«
Die Würdigung bezieht sich auf die »romantischste Periode der deutschen Musik«, was auf eine allgemein nationale Gesinnung in dieser Zeit schließen lässt. Es war das jüdische Großbürgertum Mannheims, das zum Aufbau einer hochkarätigen Musikpflege beitrug. Insbesondere die Familie Kahn war hier für Mannheim bedeutend. Elisabeth Lili Kahn heiratete Felix Deutsch, den Mitbegründer der AEG Deutschland (ZF 32). Die Verbindung zur zeitgenössischen Kultur war so eng, dass die Söhne Frank und Georg Patenkinder von Gerhart Hauptmann und Richard Strauss wurden. Maria Ley (1989: 163), die Ehefrau von Frank Deutsch, gibt als Zeitzeugin Einblicke in die Realität dieses Patenschaftsverhältnisses während der 30er-Jahre:
»Wir hörten nichts von Richard Strauss, dem Paten von Franks Bruder Georg. Die beiden Deutsch-Söhne hatten also Literatur und Musik schon in der Wiege geatmet. Vielleicht hielt Strauss, der oft Wochen und Monate im Haus der Familie Deutsch in Berlin verbracht hatte, Stillschweigen für angebrachter, jetzt, da Georg nach London geflohen war.«
Diese Begebenheit deutet an, wie schwierig und komplex die Rolle von Richard Strauss im Nationalsozialismus gewesen sein muss. Brisant wurde sie auch deswegen, da sein einziger Sohn Franz mit Alice von Grab-Hermannswörth verheiratet war. Sie stammte aus jüdisch-großindustriellem Hause. Derer beiden Familien hatten sich 1907 bei einer Aufführung der Salome in Prag kennengelernt. Sohn Franz (*1897), den man auf dem Kachelbild sieht, wurde Jurist und unterstützte den später politisch umstrittenen und standespolitisch streitbaren Vater. Dessen Vater wiederum, ein professioneller Münchner Musiker, wachte anfangs streng über die Karriere seines Sohnes. Richard studierte in München neben seiner Ausbildung als Pianist, Dirigent und Komponist auch kurz Kunstgeschichte und Philosophie. Sein ganz großer Erfolg begann mit der »Oper in einem Akt« Salome (op. 54), deren Premiere am 9. Dezember 1905 in Dresden war. Sie basiert auf dem Libretto von Oscar Wilde in der Übersetzung von Hedwig Lachmann. 1906 wurde das Werk erstmals am Hof- und Nationaltheater Mannheim aufgeführt. Die musikalische Leitung oblag dem leitenden Kapellmeister Hermann Kutzschbach. Regie führte Intendant Carl Hagemann. Die Titelpartie der Salome mit ihrem berühmten Schleiertanz sang die schwedische Sopranistin Signe von Rappe (1879-1974).
MARCHIVUM, Bildsammlung, AB05114-005, Foto: Tillmann-Matter
Carlos Droste schrieb in seinem Vergleich der ersten Salome-Darstellerinnen:
»Das Prinzip der Besetzung der Rolle mit einer ausgesprochen jugendlichen Kraft, bezw. sogar mit einer Anfängerin, war an den Theatern von Mannheim, Mainz und Stettin erfolgreich durchgeführt worden. Fräulein Signe von Rappe in Mannheim, eine junge Norwegerin [sic!], und Fräulein Malwine Kann in Mainz, beide noch Novizen auf den weltbedeutenden Brettern, (Fräulein Kann, eine in Dresden von der Gesangsmeisterin Julia Hansen trefflich ausgebildete Ungarin, debütierte unseres Wissens überhaupt in Deutschland in dieser ungemein schwierigen Rolle), erledigten sich ihrer schwierigen Aufgaben mit viel Geschick und überraschend gutem Gelingen und erfreuten besonders, wie auch Fräulein Agnes Klebe, die Stettiner Salome, durch den jungfräulichen, fast kindlichen Eindruck, den sie in Erscheinung, Spiel und Haltung hervorzuheben vermochten und den auch unsere Bilder trefflich wiederspiegeln.«
In Mannheim folgten 1911 Aufführungen von Der Rosenkavalier sowie 1913 Ariadne auf Naxos und Feuersnot. In Folge war Richard Strauss als Dirigent meist seiner eigenen Werke zu Gast in Mannheim. Am 30. November 1926 leitete er ein Konzert im Philharmonischen Verein, einer Orchestervereinigung für Musikliebhaber*innen. 1927 dirigierte er gleich zweimal seine Opern im Nationaltheater: am 1. Juni Salome und am 27. November den Rosenkavalier.
Auch bei der Feier des 25-jährigen Bestehens des Rosengartens war er bei dem Festkonzert mit einem Werk vertreten. Keine Frage, dass er am 30. Juni 1929 das Dirigat einer Festvorstellung des Rosenkavalier als Abschlussvorstellung der Festwoche übernahm. 1929 war ein denkwürdiges Jahr für das Musikleben Mannheims. Einerseits wurde das 150. Bestehen des Nationaltheaters und der Musikalischen Akademie gebührend gefeiert, andererseits machte die Finanzierung des Theaterbetriebes den Verantwortlichen große Sorgen. In unbeirrbarem Aktionismus schufen sie positive Tatsachen: am 22. Juni 1929 verlieh Oberbürgermeister Heimerich im Mannheimer Schloss die »Goldene Denkmünze der Stadt Mannheim«. An wen? An Richard Strauss! Dieser schien im Gegenzug so starkes Gefallen am Mannheimer Musikleben gefunden zu haben, dass er sich um die musikalische Leitung des Nationaltheater-Orchesters bewarb. Seine Forderung nach einem Doppelengagement mit seiner Frau, der Sängerin Pauline de Ahna, erwies sich jedoch als unerfüllbar. Ungeachtet dessen lief die Strategie aus Gedenkfeiern und Ehrungen von Berühmtheiten erfolgreich weiter. Im Schauspiel wurde 1932 der 150. Jahrestag der Uraufführung von Schillers Die Räuber aufgegriffen. Dieses Jubiläum kombinierte man mit Gerhart Hauptmanns 70. Geburtstag und entsprechenden Festvorstellungen im Schauspiel. Am Tag des Geburtstages am 29. November hielt der Autor und Kritiker Alfred Kerr in einer Morgenfeier 1932 den Festvortrag. Am Nachmittag des gleichen Tags ehrte man den Laudator Alfred Kerr. In die auserlesene Programmfolge fügte sich Richard Strauss‘ Liederzyklus op. 66 Der Krämerspiegel bestens ein. Richard Strauss hatte die Hohn- und Spottgedichte seinerzeit 1918 bei Alfred Kerr in Auftrag gegeben. Mit dem Krämerspiegel sollten die konfliktuösen Beziehungen zwischen Richard Strauss und dem Musikverlag Bote und Bock auf’s Korn genommen werden. In Mannheim sang Dr. Ernst Cremer diese Lieder, seines Zeichens 1. Kapellmeister am Nationaltheater. GMD Joseph Rosenstock begleitete ihn am Klavier.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde es ruhiger um Richard Strauss in Mannheim. 1954 beteiligte sich das Nationaltheater Mannheim an den Schwetzinger Festspielen mit einer Inszenierung von Mozarts Idomeneo in der Bearbeitung von Richard Strauss. Im neuen Haus am Goetheplatz folgten Inszenierungen vom Salome, Elektra, Rosenkavalier, Ariadne auf Naxos, Frau ohne Schatten, Capriccio, Arabella, Die schweigsame Frau oder die Musik zum Ballett Die Josephslegende als Abschiedsproduktion des Ballettdirektors Joachim Gerster 1990. Ein weiteres Highlight gestaltete der berühmte GMD, das Ehrenmitglied des Hauses Horst Stein, zu seinem Abschied mit einer Vorstellung vom Rosenkavalier: am 21. Juni 1970 sang Anneliese Rothenberger als Gast die Partie der Sophie. Kurz zuvor hatte ihm Oberbürgermeister Reschke den »Mannheimer Golddukaten« verliehen.
Dreht man das Rad der Mannheimer Richard-Strauss-Musikgeschichte zu seinem Ausgangspunkt zurück, kommt man zum Jahr 1897 mit einem »Recitations-Abend im Conzert-Saal« (des Nationaltheaters in B 3). Ernst von Possart und Richard Strauss führten das Melodram Enoch Arden für Sprecher und Begleitung nach Alfred Tennyson auf.
Seither erfuhren die Werke von Strauss‘ neben zahlreichen Liedern oder Tondichtungen wie Don Juan op. 20 oder Aus Italien op. 16 in Mannheim immer wieder neue Interpretationen. Einen vorläufigen Höhepunkt bildete 2020 die Aufführung der Alpensinfonie op. 64 und des Konzerts für Oboe und kleines Orchester von 1945 durch den scheidenden GMD Alexander Soddy und dem Solo-Oboisten des Hauses Jean-Jacques Goumaz. Die beiden Stücke repräsentieren in ihrer je eigenen Weise insbesondere die Strauss‘schen Lebensmelodien vor und nach dem 2. Weltkrieg.

Dr. Laura Bettag
Bildnachweis, Literatur und Links:
  • Auszüge aus »Das Goldene Buch des Liederkranzes. Die Chronik eines jüdischen Männergesangvereins in Mannheim 1856-1938« in der Bildsammlung des MARCHIVUM. Verfügbar unter Findstar-Eingabe AB01887-3-129, AB01887-2-099, AB01887-6-283, AB01887-6-282, AB01887-2-100, AB01887-3-123.
  • Carlos Droste (1907ff). Deutsche Darstellerinnen der Richard Straussschen Salome. In: Moderne Kunst. Illustrierte Zeitschrift. Berlin: Bong, S. 178-180.
  • Maria Ley-Piscator (1989). Der Tanz im Spiegel. Mein Leben mit Erwin Piscator. Hamburg: Wunderlich.
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