Zeitfenster Nr. 35

Der Architekt des Mannheimer Nationaltheaters Gerhard Weber (1909 – 1985)

Gerhard Weber bei der Festrede auf dem Richtfest am 18. Juni 1956
Als der spätere Professor für Entwerfen und Gebäudekunde an der TH München Gerhard Weber in der Nachkriegszeit mit der Planung des Zuschauerhauses der Staatsoper Hamburg beauftragt wurde, betrachtete man seine fehlende Erfahrung im Theaterbau als vorteilhaft. Zu politisch motiviert waren die Diskussionen, in welcher Weise man kriegszerstörte Theatergebäude wieder aufbauen sollte oder nicht. Die Theaterschaffenden selbst rangen um eine zukunftsorientierte Ästhetik, um den durch den Nationalsozialismus bedingten Rückstand aufzuholen. Zusätzlich erschwert wurde dies, weil viele Theater baulich auf eine höfische Tradition aus dem 18. Jahrhundert zurückgingen. Die z.B. in den 20er-Jahren neu entwickelten Bühnenformen wurden in der Regel nicht konsequent in einen entsprechenden Theaterbau umgesetzt.
Die Städte, so auch Mannheim, rangen damals meist kontrovers um die lokal bestmögliche Lösung, wie es nach dem Zusammenbruch weitergehen sollte. Bei der Entscheidungsfindung halfen Architekturwettbewerbe, die in Mannheim mit großem Aufwand durchgeführt wurden. Die eingereichten Modelle visualisierten nicht nur neue Gebäudeformen, sondern boten auch Ansätze zu einem anderen Verhältnis zwischen Bühnengeschehen und Publikum. Schließlich setzte sich Gerhard Weber in der Abwägung aller mannheimspezifischer Faktoren durch und wurde vom Gemeinderat mit dem Bau beauftragt. Bei auftretenden Schwierigkeiten muss er sich als guter Kommunikator (ZF 13) und kompromissfähiges Bindeglied zwischen den beteiligten Akteuren erwiesen haben. Die von ihm, Oberbürgermeister Hermann Heimerich und dem Intendanten Hans Schüler gestaltete Vision für ein neues Nationaltheater traf bei der Eröffnung 1957 deutschlandweit auf Zustimmung. Man sprach anerkennend von »unserer modernsten Bühne« und einem »Schlüsselbau seiner Gattung«.
Bei Baubeginn 1954 war der Architekt Gerhard Weber 45 Jahre alt. Dieses Alter galt in der damaligen Welt des Bauens als vergleichsweise jung. Im Vogtland geboren, war er vor dem Krieg als einer der letzten Bauhausschüler Student von Ludwig Mies van der Rohe, der selbst zu Anfang des Ausschreibungsverfahrens einen Entwurf für das Nationaltheater erstellte. Gerhard Weber trat erst später in den Architekturwettbewerb ein. Als ehemaliger Mitarbeiter des Berliner Büros von Mies van der Rohe war er in der Lage, sich auf dessen (heute noch in der Kunsthalle aufbewahrtes) Modell einerseits zu beziehen, seine Idee aber auch aus theaterpraktischen Erwägungen grundlegend zu verändern.
In Mannheim bot sich außerdem die Chance, an einem durch die jüngste Theaterhistorie nicht vorbelasteten Ort zu bauen. Es ging um einen Neuanfang, nicht um den Wiederaufbau, wenngleich der Tiefbunker unter dem Grundstück erhalten bleiben musste. Es war groß genug, um Opern- und Schauspielhaus unter einem Dach zu vereinen. Es war so erstmals möglich, zwei Vorstellungen gleichzeitig zu spielen. Für die damals als Großes bzw. Kleines Haus bezeichneten Häuser waren im Entwurf von 1954 zwei Bühnentürme vorgesehen.
MARCHIVUM, Bildsammlung, KF006063
Aus Kostengründen hat man aber den Bühnenturm für das Kleine Haus zunächst nicht realisieren können. Dies erfolgte im Rahmen einer größeren technischen Sanierung von 1992 bis 1994. Das Nationaltheater am Goetheplatz steht seit 1986 unter Denkmalschutz. Seit 1996 genießt es als »Kulturdenkmal besonderer Bedeutung« den höchsten Schutzstatus (wie das Mannheimer Schloss).
Die von Weber gewählte Kombination der Materialien Glas und Beton galten damals im Theaterbau als sehr innovativ. Insbesondere die Glasfassaden standen für eine einladende Transparenz. Die klar rhythmisierten geradlinigen Strukturen des Baukörpers schufen letztlich auch symbolisch den offenen Raum der zukünftigen Stadtgesellschaft. Gänzlich geschichtslos sollte es im Theater aber nicht zugehen: die Architektur stellte auch Bezüge zum antiken Theater (ZF 19) und der Commedia dell’ arte (ZF 14 und 18) her. Schwerer tat man sich mit der Rückbesinnung auf das barocke Gebäude auf B 3. 1934 noch von den Nazis generalsaniert, dienten die Trümmer nach dem Beschluss des Theaterneubaus nur noch zur Rheindammbefestigung (ZF 6). Den im Vergleich zu dem barocken Gebäude als schmucklos wahrgenommenen Neuentwurf wollte man durch eine subtile und edle Ausstattungsqualität im Äußeren und Inneren kompensieren. Im Zusammenspiel mit dem Farbkonzept von Paul Meyer-Speer, den Bildkünsten aus Mosaiken (Hans Leistikow und Curt Georg Becker) und Wandteppichen (Johanna Schütz-Wolff und Jean Lurçat) sowie der Möblierung (Mies van der Rohe, Jacobsen, Eiermann u. a.) entstand ein durchkomponiertes architektonisches Gesamtkunstwerk.
Auch wenn dabei die Anmutung eines antiken Kunsttempels präsenter war, gab es im Innenbereich dennoch diskrete Anspielungen auf die höfische Theatertradition. Aufgrund der angestrebten Platzkapazität im Großen Haus konnte Gerhard Weber ohnehin nicht auf Ränge und Logen verzichten. Er interpretierte diese Elemente aber doch deutlich anders als z.B. in dem ebenfalls von ihm gestalteten Zuschauerhaus der Staatsoper Hamburg. Die hellen Mannheimer Holz- und Textilfarbtöne sowie die scheinbar schwebenden Plexiglasverkleidungen vor den offenen Logen gab es andernorts nirgends. Ebenso punktete das als »Experimenttheater« gedachte Kleine Haus mit seinem hohen Maß an Wandelbarkeit des Bühnen- und Zuschauerraums. Alles, was zur damaligen Zeit vorstellbar war, hatte man im Portfolio: den distanzierteren Guckkasten, das allseitig ausgerichtete Arenatheater und die das Publikum einbeziehende Raumbühne. Zudem achtete man auf modernste Bühnen- und Lichttechnik.
Die Verflechtungen zwischen den Künsten, den Professionen und der Präsenz internationaler künstlerischer Strömungen waren damals eng. Alle Kräfte konnten enorm gebündelt werden, was allgemein beeindruckte. Anlässlich der Grundsteinlegung 1954, die terminlich mit der gleichzeitig in Mannheim stattfindenden Hauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins getaktet war, drückte dies Max Brauer als Präsident des Deutschen Bühnenvereins in seiner Ansprache so aus:
»Aller Pessimismus verblasst vor den Aufbautaten des deutschen Volkes. Wir alle werden reicher um diesen Theaterbau.«
Nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene wirkte sich diese gesamtgesellschaftlich bedeutende »Aufbautat« aus. Gerhard Weber erhielt auf der 4. Biennale in São Paulo 1957 eine Auszeichnung für seine Theaterarchitekturen in Hamburg und Mannheim. Im Rahmen dieser heute noch bestehenden und damals nach Venedig zweitgrößten Biennale der Welt wurde eine eigene Ausstellung zur internationalen Theaterarchitektur veranstaltet. Das Reglement der BIENAL DE ARTES PLÁSTICAS DO TEATRO führte u.a. dazu, dass Gerhard Weber 100.000 brasilianische Cruzeiros zuerkannt wurden. Nach Schätzungen Wolfgang Blumes handelte es sich um damals ca. 4.000 DM.
Das Nationaltheater war in São Paulo aber noch durch weitere Beiträge vertreten. Im Katalog genannt sind vier Arbeiten des Bühnenbildners Paul Walter zu den Produktionen von Schillers Die Räuber, Frischs Die chinesische Mauer, Wagners Parsifal und Ingeborg Guttmanns Medea nach Martha Graham:
Und damit nicht genug: auch der Einbau der Drehbühne (palco giratório) im Großen Haus fand als bühnentechnische Errungenschaft einer Wiesbadener Spezialfirma im Katalog Erwähnung. Auf der internationalen Bühne der Biennale sorgten Fotografien von Robert Häusser und Adolf Falk für eine angemessene Präsentation.
Zuhause in Mannheim hatten die gemeinschaftlichen Kraftanstrengungen in der Festschrift von 1957 bereits einen würdigenden Niederschlag gefunden. In seinem Text Bauliche Erläuterungen dankte Weber neben den Mitarbeitern seines Frankfurter Architekturbüros den »Sonderfachleuten« Fritz Grebner für Baustatik, Paul Meyer-Speer für die Farb- und Gestaltungsberatung sowie Dr. Albrecht Eisenberg für die akustische Bearbeitung. Ebenso wie sie erhielten der technische Direktor des Nationaltheaters Hans Birr sowie der Direktor des städtischen Maschinenamts Franz Schmitz Gelegenheit, ihre Beiträge in der Festschrift darzulegen. Es war der Intendant Hans Schüler, der diesen Bezugsrahmen nochmals erweiterte:
»Es gehört zu den beglückendsten Erfahrungen, die der Intendant und der künstlerische Ausstattungsleiter des Nationaltheaters, PAUL WALTER, neben dem technischen Direktor HANS BIRR bei den mannigfaltigen Beratungen mit dem Architekten und seinen Mitarbeitern gemacht haben, daß diese die besonderen geistigen und funktionellen Erfordernisse für den Theaterbau niemals zu Gunsten rein architektonischer Wünsche beiseite zu schieben, sondern sie mit unendlicher Geduld zu berücksichtigen und in eine baukünstlerisch gültige Form einzugliedern versucht haben. Dafür werden Ihnen hoffentlich noch Generationen von Bühnenkünstlern und Theaterbesuchern dankbar sein.«
Das heutige »Kulturdenkmal von besonderem Rang« erfährt weitreichende Unterstützung durch den Schutz von Gebäude, Raumeindruck und Platzgestaltung. Dies hat hohes Interesse an der Dokumentation seiner Baugeschichte zur Folge. Der Architekt Wolfgang Blume, leistete einen wertvollen Beitrag dazu. Er übergab als ehemaliger Mitarbeiter des Frankfurter Architekturbüros Weber Gerhard Webers Nachlass in Anwesenheit des Enkels Thaddäus Weber dem Bauhaus-Archiv in Berlin.

Dr. Laura Bettag
Bildnachweis, Literatur und Links:
  • Gerhard Weber (1957): Bauliche Erläuterungen. In: Das Neue Nationaltheater, Festschrift zur Eröffnung des neuen Mannheimer Nationaltheaters am 175. Jahrestag der Uraufführung der »Räuber«, S. 161 – 164.
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