Zeitfenster Nr. 20

Innovative Nutzungen für alternde Theaterräume: tief hinein statt hoch hinaus

Ein Theatergebäude kann sowohl Raum- als auch Zeitspeicher werden. Der Theaterraum atmet Geschichte – sagt man. Dies wird möglich, wenn man am gleichen Ort Stücke wiederholt aufführt oder in immer neuen Inszenierungen auf die Bühne bringt. Zudem vergrößert sich das Geflecht des Theatergedächtnisses durch individuelle Erinnerungen mit jedem Theaterbesuch. Wie muss ein Theatergebäude beschaffen sein, um diese Wirkungen zu unterstützen? Diese und ähnlich komplexe Fragen stellt sich auch die Theaterarchitektur. Wo ein Theater stehen soll und welches Raumprogramm es haben wird, hängt wesentlich von zeitbezogenen Anforderungen ab. Vorstellungen finden in der Regel abends in festgelegten Zeitkorridoren statt. Sie prägen den internen Theaterbetrieb, der nahezu rund um die Uhr läuft. Jede Vorstellung ist eingebettet in übergreifende Zyklen von Spielzeiten. Lineares und zyklisches Zeiterleben treffen aufeinander, wobei weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass »der Lappen (zum vereinbarten Zeitpunkt) hochgehen muss.«
Einen »Lappen«, also einen Bühnenvorhang, gab es nach der Zerstörung der Theater im 2. Weltkrieg vielerorts nicht mehr. Dennoch wollte man weiter Theaterspielen. Theaterschaffende machten sich Gedanken, wie die Bühnenraumgestaltung unter solchen Bedingungen aussehen könnte. So auch in Mannheim, wo es nach Kriegsende eine längere Diskussion gab, ob man das alte Nationaltheater auf dem Gelände des Schlosses wiederaufbauen sollte. Dies wäre ein Rückschritt auf der theaterhistorischen Zeitachse gewesen, da sich die treibenden künstlerischen Kräfte bereits in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts von einer symbiotischen Beziehung zwischen Hof und Bühne zu lösen begonnen hatten. Kurfürst Carl Theodor stellte das damalige Zeug- und Schütthaus sowie Fruchtspeicher und Zehntweinkellerei auf B 3 zum Umbau zur Verfügung. Es war kaum mehr als ein Speicher aus Stein, was im Vergleich zu den temporären Theatern aus Brettern als Fortschritt angesehen wurde. Mobile Theaterformen, wie den Thespiskarren oder das Straßentheater der Commedia dell‘ arte glaubte man im Schiller’schen Hof- und Nationaltheater überwunden. Dennoch blieben die improvisatorischen Theaterpraktiken weiterhin bekannt und wurden in immer wieder anderer Form aufgegriffen. Zu einem Boom kam es in der Nachkriegszeit, nicht zuletzt aus Raumnot. Der damalige Mannheimer Intendant Hans Schüler schreibt:
»Nach dem zweiten Weltkrieg begann für unsere Theater, die nach dem hohlen Pathos des Hitlerregimes segensreiche Zeit des Spielens in den ‚Scheunen‘. Bühnenkünstler und Publikum entdeckten den Reiz einer Art asketischen Theaterspielens. Eine Zeitlang schien es fast, als sei die Summe eines Komforts eines Theaters und seiner künstlerischen Leistung eine Konstante: bei großer Leistung genüge die ‚Scheune‘, dagegen träten schwächere Leistungen bei einem aufwendigeren Theater weniger ins Bewußtsein; bei Erfüllung des uralten, komödiantischen Imperativs ‚spielt man gut‘ könne man vielleicht vom Wiederaufbau der zerstörten Theatergebäude absehen.«
Das Modell eines temporären und mobilen Theaters ließ sich nicht gegen das eines repräsentativen Theaterhauses aus Stein ausspielen. Im Gegenteil: der regieführende Hans Schüler war mit den Experimenten Erwin Piscators und seiner veränderlichen Raumbühne aus den 20er-Jahren vertraut. Zudem hatten sich die innovativen Anforderungen an eine moderne Theaterarchitektur insbesondere in den Entwürfen André Perrottet von Labans und Mies van der Rohes niedergeschlagen. Schüler schreibt zum Raumprogramm in der Festschrift:
»In Mannheim, das wohl die unzulänglichsten Behelfsräume aller bedeutenden deutschen Theaterstädte besaß, hatte man sich in den Reiz des Improvisatorischen so verliebt, daß man es selbst im neuen Nationaltheater nicht ganz missen wollte. Man machte es dem Architekten zur Aufgabe, ein Theater zu bauen, das die Variabilität der Szene im Mozartsaal des Rosengartens weiterhin gewährleistete, ja die Möglichkeiten der Improvisation tunlichst noch erweiterte. Nicht nur zwischen Guckkasten- und Einraumtheater wollte man auch in Zukunft bei den Inszenierungen die Wahl haben, man wollte das Bühnenpodium nicht nur eckig oder rund an die Breit- oder Schmalseite des Saales oder mitten zwischen die Zuschauer stellen können, wie im Mozartsaal, man wollte darüber hinaus gelegentlich rings um die Zuschauer herum, vielleicht sogar bei Tageslicht spielen können.«
Im neuen Theatergebäude von 1957 wurden vor allem im Kleinen Haus alle beschriebenen Optionen verwirklicht. Es war möglich, ganz unterschiedliche Bühnenräume innerhalb der sie umfangenden stabilen Hülle des Theaters entstehen zu lassen. Durch die äußere Erscheinung des Gebäudes konnte man dies nur bedingt vermuten, so dass es als »Kunstsilo« (Festschrift, S. 160) verspottet wurde.
Der Produktivität des Nationaltheaters tat dies keinen Abbruch. Die ambitionierte Spielplanpolitik der Interimszeit bis 1957 wurde fortgesetzt. Man erlebte nicht nur die Eröffnung eines neuen Hauses, sondern nichts weniger als die zukunftszugewandte Neugründung eines bisherigen Traditionstheaters. Das Vorhaben florierte! Durch den wachsenden Repertoirebetrieb wurden immer mehr Lager- und Depotflächen erforderlich. Man machte wiederum aus der Not eine Tugend, indem man den Tiefbunker aus dem Jahr 1940 umfunktionierte.
In diesem für damalige Verhältnisse sehr großen Raum konnte man alles aufbewahren, was im Theaterbetrieb bislang entstanden war. Dekorationsteile und Requisiten, die auf ihre Wiederaufnahme warteten, aber auch ausrangierte Dinge sammelten sich an. Es entstand so etwas wie eine unterirdische Scheune, in der sich die künstlerische Ernte einfahren ließ. Mit den Jahren wurde die Nutzung von Gebrauchtem immer seltener bzw. war wegen endgültigen Verschleißes gar nicht mehr möglich. Mehr noch: der Bunker selbst zeigte Verrottungseffekte. Im Vorfeld der Generalsanierung sprach der Mannheimer Architekt Andreas Schmucker mit einem Augenzwinkern von dem Bunker als »Tropfsteinhöhle«. In Vorbereitung der Schließung des Hauses 2022 musste der Bunker geräumt werden. Zuvor organisierte man Bunkerführungen, um sich vorerst abschließend mit diesem »Theatermuseum« ganz eigener Art zu konfrontieren.
Im Zuge dieser Aktivitäten bahnte sich ein neues Verhältnis zum Bunkerbereich an. Hatte Architekt Gerhard Weber den Tiefbunker 1954 als erratischen Block hinnehmen müssen, so eröffnen sich im Untergeschoß über 60 Jahre später nun neue Lösungen. Man baut in die Tiefe! Neue Präsenzwerkstätten, der Chorprobesaal, Einsing- und Stimmzimmer sowie ein neuer Orchesterprobensaal werden entstehen. Drei große Lichthöfe ermöglichen eine natürliche Belichtung und Belüftung der Räumlichkeiten. Auf seiner Website visualisiert das Architekturbüro Schmucker und Partner einen Orchesterproberaum, der so dimensioniert sein wird, dass Orchester, Chor und Solosänger/innen darin gemeinsam an einem Werk arbeiten können:
Schmucker und Partner Planungsgesellschaft mbH

Dr. Laura Bettag
Bildnachweise, Literatur und Links
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