Textausschnitt aus »Vier Jahreszeiten. Winter«

Wenn mich jemand fragt, ob ich Brasilianerin bin, dann will ich manchmal einfach ja sagen.
Ja, ich bin Brasilianerin. No questions asked.
Aber wenn mich dann halt doch jemand besser kennenlernt, dann reicht es ja nicht
Brasilianerin zu sein, sondern man muss schon auch eine Geschichte haben und Eltern und
so und in dem seltenen Fall, dass das vorkommt, muss ich dann ausholen.

Die Frage ist so ein bisschen, wie weit ich ausholen soll. Über den Zweiten Weltkrieg weiß
eigentlich jeder Bescheid. Demnach wäre die erste nennenswerte Information, dass mein
Vater ein amerikanischer Soldat in Deutschland war. Und die nächste relevante Information
– eigentlich wollte ich gerade nicht so anfangen, aber die Information ist relevant – dass
mein Vater ein schwarzer amerikanischer Soldat war. Ich meine ist. Er lebt ja noch.

Und jetzt höre ich eure Gedanken: »Aha, wer ihre Mutter ist, kann ich mir dann auch
denken«

Und genau das ist mein Problem mit meiner Geschichte. Egal wie ich es hindrehe, es ist
immer sofort sonnenklar, wer meine Mutter ist. Meine deutsche Mutter. Eine weiße Frau
(ich weiß, was du denkst– keine nennenswerte Information, weil das doch offensichtlich ist,
aber jetzt bestehe ich irgendwie drauf). Weißt du, es ist unfair, dass du dir ihre Geschichte
denken kannst und ich muss erklären, wenn ich schon nicht Brasilianerin bin, was dann die
Geschichte dahinter ist.
Wenn du denkst, du kannst dir den Rest denken, können wir den Rest ja schnell zusammen
denken, komm schon.
Anscheinend können sich nämlich ALLE Alles denken. Nur ich nicht.

Also hier in Mannheim führten die »engen freundschaftlichen Beziehungen« zwischen den
Schwarzen GIs und der »Mannheimer Bevölkerung« – also nicht meine Worte, sondern die
einer vertrauenswürdigen Internetseite – ab 1946 zur Geburt zahlreicher Besatzungskinder
mit schwarzen Vätern. Irgendwie klingt mir die Formulierung so, als wolle man das Kind nicht
ganz beim Namen nennen, verstehst du?
Aber sagen wir, wir würden das jetzt ansprechen. Ganz konkret. Das Kind beim Namen
nennen. Wie sagen wir dann dazu? Und dafür habe ich jetzt was Kleines vorbereitet.
Nehmt Euch ruhig einen Kaffee mit Milch.
Inspiriert von einer coolen Mutter auf Tiktok. Also sie hält ihr dunkelhäutiges Kind, das wir
gleich genauer benennen werden, in die Kamera und sie beschwert sich, dass sie immer so
viele Fragen bekommt, ob das Kind ihres ist und jetzt gibt es für all die Ignoranten da
draußen eine basic biology lesson. Schnitt und sie hat ein Glas Milch in der Hand, das Wort
»mother« wird eingeblendet. In der anderen Hand hat sie ein Glas mit Kaffee, das Wort
»father« wird eingeblendet. Sie mischt die Flüssigkeiten in einem dritten Glas, fünfzig fünfzig,
sodass es hellbraun ist.

Und jetzt sag ich dir was, Caren, Karen. Du hast Milch und Kaffee
benutzt. Zwei unterschiedliche Getränke. Ich glaub du hast was nicht verstanden.
Und deshalb sagen wir es nicht. WIR SAGEN ES NICHT.
Mischlingskind. Das. sagen. wir. nicht