Zeitfenster Nr. 55

Frau‘n und Männer nichts als Spieler

Zum Ende der Spielzeit 2013.14 trat die langjährig engagierte Schauspielerin und das spätere Ehrenmitglied des Hauses Gabriela Badura (*1941) von der Bühne ab. Bei einer so außergewöhnlichen Karriere darf man sich zur Abschiedsvorstellung, wenn nicht ein Werk, so doch eine Rolle wünschen. Gabriela Baduras Wahl fiel auf die Rolle des Firs in Tschechows Ein Kirschgarten. Zu Beginn ihrer Laufbahn hatte sie im gleichen Stück die Pflegetochter Warja gespielt. Regisseur war damals Schauspieldirektor Claus Leininger (1974-77) und nun führte Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski Regie. In einem Zeitungsinterview führte Badura aus, worum es ihr ging, als sie erstmals einen Mann spielte:
»Eigentlich ist es ein gesichtsloser, geschlechtsloser Diener‘, beschreibt Badura ihre Rolle. Für die Herrschaften, die längst Pleite gegangenen, aber noch großkotzigen russischen Großgrundbesitzer sei es ‚völlig Wurst‘, wer und was ihr Diener sei. Der sei eben schon immer da, fertig.«
Sich mittels Kostüm und Maske in den Firs zu verwandeln, war keine große Sache. Gabriela Badura trug ihr natürliches Haar und entsprechende Herrenkleidung. Ihr Alter und ihre schon immer dunkel timbrierte Stimme kamen ihr für die Rolle zudem entgegen. Regisseur Kosminski schien Gefallen am Geschlechtertausch gefunden zu haben und ließ Ralf Dittrich als musizierende Gouvernante auftreten:
War vom Autor des Kirschgartens beim Firs die Besetzung durch einen Mann vorgesehen, so gibt es in der Theaterhistorie Beispiele, bei denen die wahlweise Besetzung einer Rolle mit einem Mann oder einer Frau möglich ist. Dazu zählen Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel sowie Ambroise Thomas‘ Mignon. Am Nationaltheater machte man in früheren Zeiten von der Wahlmöglichkeit eher keinen Gebrauch. Die bislang digitalisierten Theaterzettel weisen für die Rolle von Humperdincks Knusperhexe fast immer weibliche Besetzungen aus. Die Rolle des Frederick (dt. Friedrich) in Mignon wurde ausschließlich von Herren verkörpert. Erst seit 1970 besetzte der Regisseur Wolfgang Blum bei der heute noch im Repertoire befindlichen Hänsel-Inszenierung die Knusperhexe dauerhaft mit einem Mann. Anfangs übernahm Ehrenmitglied Jakob Rees die Rolle. In letzter Zeit meisterte Uwe Eikötter die Partie so grandios, dass er es 2019 auf das Titelbild der städtischen Mitarbeiterzeitschrift schaffte:
© Stadt Mannheim
Seine Verwandlung von einem Mann zu einer Frau dauert ungefähr eine Stunde, bis alles sitzt: ein Doppelkinn aus Schaumstoff mit integrierter Warze, mehrere Schichten Theaterschminke, lange Gummifinger mit schwarzen Klauen und der schwarze Zahnlack. Zu Anfang ihres Einsatzes kommt die Figur noch recht gemäßigt daher, doch dann schlägt sie um. Der Gruselfaktor kann noch durch »unschönes« Singen erhöht werden. Nach 20 Minuten ist alles vorbei und die Knusperhexe verbrennt im Ofen.
Wenn das Publikum sich Hänsel und Gretel anschaut, wird es aber noch mit einem anderen Theaterphänomen konfrontiert. Der männliche Part der Geschwister, der Hänsel, wird von einer jungen Frau gesungen. Diese sog. Hosenrolle gehört zu dem Typus, bei dem männliche Wesen als Kinder oder unerfahrene junge Männer durch Frauen dargestellt werden. Die Theatergeschichte weist unzählige Beispiele dieses Spiels »en travestie« auf. Das bedeutet, dass Charaktere durch Personen des anderen Geschlechts dargestellt werden. Als Fixpunkt einer langen Tradition in der Oper gilt die Rolle des Cherubino in Mozarts Le Nozze di Figaro. Obwohl der Beruf der Opernsängerin zu diesem Zeitpunkt schon fest etabliert war und Frauenrollen nicht mehr von Kastratensängern übernommen werden mussten, wählte Mozart diese Option. Anders noch in seinem Idomeneo von 1781. Für den Idamante, den Sohn Idomeneos, sah er einen Kastraten vor. Bedingt durch das Aussterben des Kastratenwesens, besetzte man die Partie mit einer Frau.
Richard Strauss (ZF 44) trieb das Spiel mit den Travestierollen auf die Spitze. Gleich dreimal schuf er Hosenrollen: den Komponisten in Ariadne auf Naxos, den Pagen in Salome und den Oktavian im Rosenkavalier. Er erwies damit nicht zuletzt den musikdramatischen Leistungen Mozarts seine Reverenz. Strauss geht mit einem Spiel im Spiel jedoch darüber hinaus, wenn Ochs von Lerchenau eben nicht erkennt, dass es sich bei Oktavian nicht um eine »Frau« handelt. Er greift nach »ihm«, wie er es bei jungen Frauen immer zu tun pflegt.
Nicht immer war es der Sängerin als Oktavian auch körperlich gegeben, jugendlich-androgyn überzeugend zu performen. Was tun? Eine Lösung bot das Mannheimer Allround-Talent Irene Ziegler (1901-1966) an. Sie nutzte die Hosenrolle, um ihre attraktiven Beine in Szene zu setzen:

MARCHIVUM, Bildsammlung, AB00313-3-401
Richard Strauss war längst mit der psychoanalytisch informierten Zeit gegangen, was seinem Werk ungeahnte Tiefen verlieh. Die Theaterbühne war bei allen Schwierigkeiten in der Umsetzung der einzige öffentliche Ort, wo die immer drängender werdenden Fragen der sexuellen Identität verhandelt werden konnten. Oftmals diente das Ballett als Projektionsfläche für die in der Gesellschaft tabuisierte Homosexualität.
Wurde die Besetzung der bösen Zauberin Carabosse in Tschaikowskis Dornröschen mit einem Mann zum Standard, spielten sich im Privatbereich weitaus tragischere Dinge ab. Der hochrangige Militär Dietrich von Hülsen-Haeseler (*1852) starb 1908 an einem Herzinfarkt, nachdem er auf einer Jagdveranstaltung vor Kaiser Wilhelm II. im Tutu und mit einem Hut aus Pfauenfedern zu Walzerklängen getanzt hatte. Die Umstände seines Todes wurden vertuscht, weil ausgerechnet Hülsen-Haeseler von ihm beauftragt worden war, gegen homosexuelle Einflüsse am Hof vorzugehen.
Im Nationaltheater bevorzugte man harmlosere Formen des Cross-Dressings. Am 21.02.1895 feierte dort Brandon Thomas‘ Farce Charley’s Tante Premiere. Ob Hosen- oder Rockrollen emanzipativ zu lesen sind (als travestierendes Spiel mit der männlichen und der weiblichen Rolle) oder ob sie sich über das »falsche Geschlecht« nur lustig machen, bleibt bis heute strittig. Als der deutsche Kaiser 1912 nach Mannheim kam, spielte man Hänsel und Gretel. Die Knusperhexe gab die Wiener Mezzosopranistin Betty Kofler (1868-1933):
Theaterzettel als Online-Ausgabe: MARCHIVUM, 2023
Das emanzipatorische Potenzial der Hosenrolle gestalteten sich auch außerhalb der Mannheimer Bühne etwas variantenreicher als bei den Herren, bei denen die Lust am Klamauk überwog. Die Damen beeindruckten mit Bubi-Schnitt, Krawatte, Hemd und kesser Beinkleidung. Wir sehen die in kommunistischen Kreisen engagierte Mannheimerin Martha Bien, geb. Kramer (1913-2009):
MARCHIVUM, Bildsammlung, AB05164-026
Nicht zu vergessen, hatten sich auch immer wieder Schriftstellerinnen in eine Art »mentale« Hosenrolle begeben. Sie veröffentlichten ihre Werke unter einem männlichen Pseudonym. Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil legte sich für ihre Publikationen den »nom de plume« George Sand zu. Die Schauspielerin, Schriftstellerin, Librettistin, Regisseurin und Intendantin Charlotte Birch-Pfeiffer (1800-1868) verwendete sowohl Klarnamen als auch potentiell männlich klingende Pseudonyme. Diese lauteten C. Birchpfeiffer, Waldherr oder Franz Fels. Ihr gesamtes literarisches Schaffen umfasst nahezu 90 Titel. Sie bereitete für ihre Bühnenwerke meist literarische Texte anderer im Zeitgeschmack auf. Zwei ihrer Vorlagen kamen von Frauen, die ebenfalls männliche Pseudonyme benutzten. Am Nationaltheater sah man Die Grille. Ein ländliches Charakterbild in 5 Akten, »mit theilweiser Benützung einer Erzählung von Sand«. Auch fand sich Die Waise von Lowood, ein »Schauspiel in zwei Abtheilungen und vier Acten mit freier Benutzung von Currer Bell« auf dem Spielplan. Currer Bell war das männliche Pseudonym von Charlotte Brontë. Auf der Rückseite des Theaterzettels sind in den Erläuterungen zum Stück sowohl Pseudonym als auch Klarname genannt. Es setzte sich durch, unter bürgerlichem Namen zu schreiben. Die einzige Tochter von Charlotte Birch-Pfeiffer ist unter Wilhelmine Birch, verheiratete von Hillern zu finden. Sie ist die Autorin der berühmten Geier-Wally. Der Mannheimer Theater-Zettel vom 02.04.1882 weist eine Vorstellung des Schauspiels von Wilhelmine von Hillern »nach ihrem Roman gleichen Namens« aus:
Theaterzettel Geier-Wally als Online-Ausgabe: MARCHIVUM, 2023
In Zusammenarbeit mit Alfredo Catalani (1854-1893) entstand daraus die Oper La Wally. Wilhelmine von Hillern war vor ihrer Eheschließung in Mannheim als Schauspielerin engagiert. Ihr dänischer Vater Andreas Christian Birch gehörte ebenfalls dem einflussreichen Netzwerk an, für das auch der Berliner Theaterintendant Botho von Hülsen und seine Frau Helene tätig wurden. Helene von Hülsen empfing als Salonnière mehrmals Richard Wagner und seine Frau. Helene war die Mutter von Dietrich von Hülsen-Haeseler. Loriot (ZF 45) ließ den nach ihr benannten Helenen-Marsch in dem berühmten Sketch »Weihnacht« erklingen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… beispielsweise auch über die berüschten Morgenröcke aus Seide, die sich Richard Wagner für den Eigenbedarf anfertigen ließ.

Dr. Laura Bettag
Bildnachweise, Literatur und Links:
  • Peter W. Ragge. Abschied im Kirschgarten. Mannheimer Morgen v. 26.07.2014.
  • Wikipedia-Artikel zu Dietrich von Hülsen-Haeseler und zur Harden-Eulenburg-Affäre.
  • Theaterzettel zu Die Grille von George Sand, Die Waise aus Lowood von Charlotte Brontë, Dorf und Stadt von Berthold Auerbach. MARCHIVUM, Theaterzettel, Druckschriften digital 1882-05-15, 1883-03-12, 1882-12-18. Verfügbar unter https://druckschriften-digital.marchivum.de
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