Zeitfenster Nr. 60

Kunst, Karriere, Kinderbücher und das NTM

Wenn Jugendliche gegenüber ihren Eltern den Berufswunsch »Schauspieler*in« äußern, kann sich dies zu einer familiären Herausforderung entwickeln. Ab und an erreichen das Nationaltheater Anfragen, wie aus dem Wunsch (keine!) Realität werden kann. Informationen zur ersten Orientierung sind auf der Webseite des Deutschen Bühnenvereins zu finden. Auf dem persönlichen Weg zur Bühne gilt es die vielen Möglichkeiten und Perspektiven, die das Berufsfeld Theater bietet, erst noch zu entdecken. Etwas anders ist es, wenn die eigenen Eltern schon am Theater arbeiten bzw. selbst schon Schauspieler*in sind. Manche Theaterkinder erzählen später davon, dass sie sich backstage aufgehalten, in der Kantine gespielt oder Vorstellungen der Eltern besucht haben. So z.B. Herbert Pott (ZF 33), der Sohn des bekannten Mannheimer Schauspieler-Paares Walter Pott und Edith Krüger, bürgerlich: Paula Pott. Seine frühen Einblicke veranlassten ihn nicht dazu, zum Theater zu gehen. Genauso wie der spätere Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz, der einmal berichtete, dass er als kleines Kind unter dem Schreibtisch seiner Mutter gespielt hat. Alice Kurz war Intendanz-Sekretärin am Nationaltheater. Kommt man aus einer Theater-Dynastie, wie Ben und Meret Becker oder Nicole Heesters, liegt ein Einstieg in die Theaterwelt näher. Dennoch möchte der hoffnungsvolle Theaternachwuchs nicht auf das bloße »Sohn/Tochter von« reduziert werden. Manchmal helfen Künstlernamen zur Abgrenzung. Schon drei Buchstaben können einen großen Unterschied ausmachen. Der Vater des berühmten Fernsehkommissars Erik Ode (1910-1983) war der von 1914 bis 1921 am Nationaltheater engagierten Fritz Odemar (1890-1950):
MARCHIVUM, Bildsammlung, KF039259
Bürgerlich hieß Erik Ode, dessen Opa Hofschauspieler war, Fritz Erik Signy Odemar. Bereits als Zwölfjähriger spielte er in einem Stummfilm mit. Es unterstrich seine Vielseitigkeit, dass er in der deutschen Synchronfassung von Singin’ in the Rain nicht nur Gene Kelly sprach, sondern auch dessen Gesangsparts übernahm. Zudem trat er auch als Bühnenregisseur und in Film- und Fernsehen in Erscheinung.
Schauspielerinnen aus früheren Zeiten berichten des Öfteren, dass man sich zu ihrer Zeit für oder gegen Kinder zu entscheiden hatte. Dessen ungeachtet gab es bekannte Bühnengrößen die auch während ihrer Laufbahn Mütter wurden, z.B. Ida Ehre (ZF 29). Die ebenfalls für einige Zeit am Nationaltheater tätige Käte Jaenicke (1923-2022) brachte am 09.10.1963 Tochter Anja Jaenicke zur Welt. Ihre Tochter inspirierte sie möglicherweise zu dem Kinderbuch Kleines Mädchen zu verleihen, das 1971 im Verlag Dressler erschien. Der Roman schildert die sozialen und kulturellen Unterschiede zwischen den Bewohnern eines Mietshauses. Dabei werden zeittypische Konflikte der bundesdeutschen Gesellschaft, wie der Umgang mit »Gastarbeitern« oder »langhaarigen« Studenten beleuchtet. Die Geschichte wurde als Hörspiel und als Kinofilm adaptiert. Zu hören ist der Text vollständig bei YouTube:
© Domino – Klaus Vethake Produktion
Vater von Anja Jaenicke ist der türkischstämmige Schriftsteller, Journalist und Schauspieler Aras Ören (*1939). 2023 erhielt er die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung. Käte Jaenicke und Aras Ören gestalteten damals aus eigener Betroffenheit einen Beitrag zum Thema Integration der sog. »Gastarbeiter«. Aras Ören arbeitete überdies mit dem in Mannheim vor allem durch die Uraufführung seiner Oper Der Spiegel des großen Kaisers bekannten Detlef Glanert (*1960) in dem »Märchen für Musik« Leyla und Medjnun zusammen. Dirigent der Uraufführung am 28.05.1988 war Roger Epple, 1. Kapellmeister am Nationaltheater von 1993 bis 1995. Was heute in der Arbeit des Nationaltheaters eine professionell verankerte Aufgabe ist, steckte in den 80er-Jahren noch in den Kinderschuhen. Es dauerte seine Zeit, bis es an den Theatern flächendeckend zu ähnlichen Aktivitäten kam. In Mannheim wurde schließlich 2006 während der Generalintendanz Regula Gerbers die Kooperationssparte »Junge Oper« in Zusammenarbeit der Sparten Oper (Direktion: Prof. Dr. Klaus-Peter Kehr) und dem damaligen Kinder- und Jugendtheater »Schnawwl« (Direktion: Andrea Gronemeyer) gegründet.
Indem sich Theaterschaffende auch mit dem Medium »Kinderbuch« beschäftigten, leisteten sie für die Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen eine wichtige Vorarbeit. Neben ihrer Tätigkeit als Komponistin von Schauspielmusiken betätigte sich Aleida Montijn (ZF 58) als Kinderbuch-Illustratorin und -Autorin sowie als Komponistin für Hörspielmusiken. Als ihr wohl bekanntestes Werk in diesem Bereich gilt das Hörspiel Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer von Michael Ende. 1968 entstand die Hörspielbearbeitung, bei der der Autor persönlich Regie führte. Diese Bearbeitung erschien auf 3 Langspielplatten. Deren Cover gestaltete Franz Josef Tripp (1915-1978):
© Quadriga-Ton, LPs Qu 1035, 1036, 1037
Danach folgten Fassungen für Musikkassette (1973) und die heute noch erhältliche CD (1999). Das Kinderbuch von Michael Ende erschien 1960. Theoretisch könnte dies der 1952 in Chicago geborene Walter Sittler gelesen haben. Er ist das jüngste Kind eines durch seine Einstellung zu Nazi-Deutschland umstrittenen Germanistik-Professors. Walter Sittler war am Nationaltheater Mannheim von 1981 bis 1988 als Schauspieler tätig und startete von hier aus seine großen Erfolge auf Bühne, Film, Funk und Fernsehen. Wer so gefragt ist, kann sich nicht immer zu Hause aufhalten. Um seine temporäre Abwesenheit so gut es geht auszugleichen, schrieb Sittler 2007 ein Kinderbuch, das 2008 als CD herauskam:
© Pendragon
Malin entstand während einer Tournee fernab der Familie. Der Klappentext verrät:
»Eines Abends klopft es an meinem Fenster und Malin, ein rätselhaftes Wesen, bittet um Einlass. Das Geschöpf muss sein Volk, die Jilys, zum Siebenfrühlingsfest einladen und braucht dabei meine Hilfe. Von nun an begleitet mich Malin auf meiner Reise, und ein aufregendes Abenteuer nimmt seinen Lauf.«
Die Geschichte hat Walter Sittler in Briefen an seine Kinder Jennifer, Benedikt und Lea-Marie für Kinder und Erwachsene aufgeschrieben.
In der Generation von Adolf »Adi« Laimböck (1933-2018) erfand man wiederum andere Mittel, Privat- und Berufsleben zu verbinden. Der in Österreich geboren Schauspieler gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die am Nationaltheater gearbeitet haben. Adi Laimböck hatte mit seiner Frau Monika Geibel 5 Kinder: Alfred, Wilma, Alexander, Oliver und Viktoria. Wenn der Vater seinen Text lernte, durften sie ihn nicht stören. Er hatte sich zum Textlernen und Repetieren ein eigenes System aus Zahlen und Punkten ausgedacht, das auf dem Kachelbild links oben zu erkennen ist. Um sich mit seiner Familie verbunden zu fühlen, klebte er Zeichnungen seiner Kinder auf die Vorderseite des Textbuchs. Sie hatten sie ihm zuvor geschenkt, wie Monika Geibel dies bei Übergabe seines Nachlasses an das Marchivum berichtete.
Seine Paraderolle war die des Wiener Fleischhauers Hans Bockerer, nach dem von Ulrich Becher (1910-1990 ) gemeinsam mit Peter Preses verfassten dramatischen Possenspiel Der Bockerer. Ursprünglich wurde das Stück 1947 im New Yorker Exil geschrieben und 1948 in Wien uraufgeführt. Die Episoden aus dem Leben des Karl Bockerer wurden zu einem großen Erfolg. Adolf Laimböck schreibt an Ulrich Becher am 20.12.1980 aus Ilvesheim zum Bockerer:
»Unsere aufgezeichnete Aufführung ist in China schon achtmal im Fernsehen ausgestrahlt worden. [...] Wir sind inzwischen bei 86 Vorstellungen angelangt [...] Hier herrscht nach wie vor großer Andrang nach diesem Stück, und wir werden es wohl zu über 100 Vorstellungen bringen.«
Nach den 10 Jahren im Mannheimer Festengagement von 1975 bis 1985 blieb er noch ein Jahr bis 1986 als Gast dem Haus verbunden. Dies wiederholte sich von 1992 bis 1994. Neben seinem reichen Bühnenschaffen hat sich Adolf Laimböck auch eine beachtliche Filmbiografie erarbeitet. Aus diesen und weiteren Angaben könnte eine Biografie als Buch entstehen. Ein Rückblick auf den bisherigen Werdegang lässt sich knapper oder ausführlicher formulieren. Die Mannheimer Schauspielerin Ragna Pitoll (*1965) verbindet die Frage, wie man Schauspielerin wird, in einem längeren Zeitungsartikel mit Angaben, wie ihr persönlicher und beruflicher Weg bislang verlaufen ist.
Einige Bühnenschaffende setzen sich noch intensiver mit ihrem bisherigen Leben auseinander und schreiben eine Autobiografie - manchmal mit Hilfe von Ghostwriting. In der Sparte Tanz hat sich eine weitere autobiografische Darstellungsweise etabliert. Bühnentänzer*innen um die 40 Jahre stellten ihre tänzerische Laufbahn als eigenes Bühnenstück dar. Selbst initiiert und entwickelt, tanzten sie darin sich selbst in den verschiedenen Lebensabschnitten. Ein starkes Motiv für eine solche Produktion ist häufig das Ausscheiden aus dem Bühnentanz-Beruf, was zu elementaren Reflexionen Anlass gibt. Die Tanzschaffenden ergründen dabei für das Stück, wie es zu ihrer Karriere gekommen ist und wie es nun weitergehen könnte. Die Solistin, Choreografin und Pädagogin Aki Kato (*1966) entwickelte das Stück Generations. Sie war von 1991 bis 2000 am Nationaltheater engagiert. Im Anschluss an ihre Theaterkarriere betrieb sie eine eigene Ballettschule, wie es ihr Vater in Tokio getan hatte. Zudem wurde sie Mutter einer Tochter. Zum Zeitpunkt der Aufführung wusste sie noch nicht, ob ihr Kind in die tänzerischen Fußstapfen der Familie treten würde. Aki Kato visualisierte dies im Stück als Projektion:
© Aki Kato links im Schattenriss. Foto: Günter Krämmer
Autobiografische Stücke lassen sich in die Tradition des Dokumentartheaters einreihen. Dessen Anfänge reichen bis in die Nachkriegszeit zurück. Das Dokumentartheater wird als Theaterformat bezeichnet, das nicht auf der Aufführung einer fiktiven Stückvorlage beruht, sondern tatsächliche historische oder aktuelle Begebenheiten inszeniert. Mit der Zeit entdeckte man die teils sehr spannenden Lebensläufe von Bühnendarstellenden als Ressource für Bühnenstücke. Beeindruckend und bedrückend zugleich war es zu hören, wie Jacques Malan in Oliver Frljićs Stück Second Exile 2017 bei den Schillertagen aus seiner südafrikanischen Familiengeschichte berichtete. Jacques Malan (*1956) war 2022 nach Beendigung seines Festengagements nach 17 Jahren in Rente gegangen. Danach war er als Gast bei Dürrenmatts Das Versprechen zu sehen. Gemeinsam mit dem Regisseur Dominic Friedel hatte er dafür eine eigene Fassung erstellt. Jacques Malan lebt nicht in Südafrika, sondern bei der Familie seiner Frau Samireh Malan, einer iranisch-stämmigen Lehrerin für Bauchtanz und zeitweiligen Mitarbeiterin des Kostümfundus im NTM. Aller dann!
Jacques Malan beim Abschiedsinterview
© Mannheimer Morgen, Foto: Manfred Rinderspacher

Dr. Laura Bettag
Bildnachweise, Literatur und Links:
  • Kachelbild: MARCHIVUM, Nachlässe, NL Laimböck, Adolf, Zug. 30/2020, Nr. 3.
  • Laura Bettag (2010). Autobiografische Formen des Selbstmanagements bei Bühnentänzerinnen und Bühnentänzern. In: Musik-, Tanz- und Kunsttherapie, 4, 157-177.

In memoriam Ilse Thomas (1949-2013), Frauenbeauftragte der Stadt Mannheim.
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