Zeitfenster Nr. 42

Grenzüberschreitende Maler-Bühnenbilder von Rudi Baerwind bis Achim Freyer

Neben Motiven der griechischen Mythologie (ZF 19) interessierte sich der Mannheimer Maler Rudi Baerwind (1910-1982) auch für die germanische Sagenwelt, insbesondere die Nibelungensage Als musikalisch gebildeter Mensch verfolgte er entsprechende Inszenierungen am Nationaltheater, wie z.B. Wagners Ring des Nibelungen in den 30er-Jahren (Regie: Richard Hein). Dass der Nationalsozialismus das Werk Richard Wagners vereinnahmte, dürfte ihm dabei nicht entgangen sein. Baerwind wurde Kriegsteilnehmer, studierte in Paris und entwickelte durch seine Kunst den Ausdruck widerständiger Energien. Er wollte nicht nur das Sichtbare wiedergeben, sondern Unsichtbares sichtbar machen. Kunst wurde zum Ausdruck seines Erlebens und dessen, was ihn politisch-gesellschaftlich umtrieb.
Er thematisierte auch die Kriegszerstörung Mannheims. Der Rosengarten mit seinem Nibelungen-Saal war weitgehend vernichtet. Baerwind trug auf seine Weise zum Wiederaufbau des Rosengartens bei, indem er für dessen neuen Anbau eine Plastik mit dem Titel Die Jagd der Nibelungen schuf. Die kunstgeschichtliche Literatur spricht in diesem Zusammenhang von seinem Lebensthema »Wald und Mensch.« Er griff wiederholt mythologische Themen auf, verband sie aber mit einer elementaren menschlichen Wahrnehmung. Die Gemälde »Wald« (1933), »Schwarzwald« (1941) und »Mystischer Keltenstein im Odenwald« (1963) sind von den Naturtönen braun und grün geprägt. Daher ist auch anzunehmen, dass Baerwinds Bühnenbild zu Wagners Siegfried von 1951 in diesem naturalistischen Duktus gehalten war. Zwei schwarz-weiße Szenenfotos von Adolf Falk sind davon publiziert (Dann 2010:32 und Homering 1998:571).
Für die kleine Bühne der Schauburg veranstaltete man zur Vergabe des Bühnenbilds einen Wettbewerb, an dem sich drei Mannheimer Kunstmaler beteiligten. Rudi Baerwind gewann ihn zuungunsten von Willi Wernz und Hans Graeder. Die Inszenierung Joachim Kleibers feierte am 2. November 1951 Premiere. Den Siegfried gab (wie vor dem Krieg) Georg Faßnacht. Baerwind schuf dafür ein Bühnen-Gemälde, auf dem der Lindwurm in einer Projektion aus Licht erschien. Diese innovative Lösung wurde vom Publikum abgelehnt. Nicht zuletzt forderte Baerwind durch seine malerische Deutung ein Umdenken, zu dem die Wagnerianer dieser Zeit noch nicht bereit waren. Kein Zweifel, dass der neue Intendant Hans Schüler mit einer experimentellen Ausstattung den Weg bahnen wollte, Wagners Werke in die Zukunft zu führen. Das allgemeine Bewusstsein, dass dies aufgrund der Nazi-Zeit notwendig sein würde, schien jedoch gering ausgeprägt. Insbesondere von der Theatermalerei erwartete man, dass sie illustrativ, wenn nicht illusionistisch arbeitete. Es kam einer Provokation gleich, Szenenanweisungen und Ortsangaben abstrahiert umzusetzen oder gar ganz wegzulassen. Die Impulse Bildender Kunstschaffender waren aber durchaus möglich und brachten Entwicklungen im Bereich Bühnenbild und Ausstattung voran. Friedrich Schinkel und Pablo Picasso sind die ganz großen Namen, die sich nicht scheuten, vom hohen Ross der Kunstmalerei abzusteigen, wenn auch nur temporär.
Nachdem Baerwind bei der Gestaltung der Mosaike für das Unteren Foyers des Nationaltheater-Neubaus 1957 (ZF 18) nicht zum Zuge gekommen war, hatte er in der Spielzeit 1974.75 wieder Gelegenheit, sich an einer Produktion des Nationaltheaters zu beteiligen. Er entwarf die Ausstattung zu dem Ballett Vögel nach der Musik von Anton von Webern innerhalb eines dreiteiligen Ballettabends von Lothar Höfgen (*1936). Der damalige Leiter des Balletts von 1973 bis 1979 platzierte das Stück an zweiter Stelle nach »A la Don Quijote«, für das Leo Labusch das Bühnenbild entwarf. Wolf Hildebrandt (1906-1999) sollte als Dritter im Bunde »Orpheus oder die Gewalt« ausstatten. Alle Entwürfe wurden von Günther Fischer-Piscat als Kostüm- und Bühnenbildner des Hauses für die Bühne übertragen.
Zwischenzeitlich mit der Schillerplakette geehrt, war Rudi Baerwind zu dieser Zeit weithin als Künstler und Mannheimer Bürger trotz oder wegen seiner Skandale anerkannt. Oberbürgermeister Hermann Heimerich und Intendant Hans Schüler (mit Hund!) ließen sich von ihm porträtieren. Das Thema Bildende Kunst spielte in Schülers Leben auch privat eine große Rolle: seine Ehefrau Gerda war die Tochter des Malers, Zeichners und Illustrators Franz Stassen (1869-1949).
Zu Anfang von Schülers Amtszeit kam es noch im Schauspiel zur Zusammenarbeit mit einem Maler aus der Region. 1951 schuf Willi Sohl (1906-1969) das Bühnenbild zu Ugo Bettis deutscher Erstaufführung von Die unschuldige Irene.
1996 wurde Willi Sohl selbst zum Gegenstand eines Stücks. Der Ballettdirektor Philippe Talard und die Solo-Tänzerin Aki Kato brachten das Tanzstück Tanzrevue. Die Geschichte vom Bösen Mann nach seiner Geschichte heraus. Die Ausstattung gestaltete sein Sohn, der Maler Pieter Sohl. Gelegentlich hinterließ noch HAP Grieshaber Spuren seiner Kunst im Nationaltheater. Einer Bildenden Künstlerin wurde zum ersten Mal 2010 ein Tanzstück gewidmet. Die stv. Ballettdirektorin und spätere stv. Ballettintendantin Dominique Dumais choreografierte ein Ballett über die mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907-1954).
Mit der Verpflichtung Achim Freyers (*1934) erlebte das Nationaltheater mehrfach eine Alternative zur üblichen arbeitsteiligen und hierarchisch geprägten Zusammenarbeit zwischen Regie und Kostüm- bzw. Bühnenbildnerei. Für den »Neuen Mannheimer Ring« zeichnete Freyer als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie als Video- und Lichtgestalter verantwortlich. Das Ring-Projekt erstreckte sich über zwei Spielzeiten von 2011 bis 2013. Dazu erschien eine DVD-Gesamtaufnahme inklusive einer Making-of-Doku zum Richard-Wagner-Jahr 2013:
»Achim Freyer inszenierte ein magisches, bildgewaltiges Theater, das die ‚mythologische Welt‘ des Rheingolds, die ‚Archaik‘ der Walküre, den ‚ersten Menschen‘ im Siegfried und den ‚Weltentanz‘ einer modernen Spaßgesellschaft in der Götterdämmerung als beziehungs- und symbolreiche Zeichen-Schau gestaltet.«
Der Brecht-Schüler Freyer merkte dazu an:
»Wagner setzte den Begriff ‚Gesamtkunstwerk‘ und den Verfremdungseffekt ‚Zeitlosigkeit‘ in die Welt des Theaters. So erreicht er uns mit seinen Werken über Sprache und Philosophie, Musik und Bild in Zeit und Raum. Er schafft denkbar größte Erweiterung von Kunst und Leben für uns heute.«
Bei Freyers »szenischer Vision« des Rings kam die Drehbühne des Opernhauses zum Einsatz. Drehte sich hierdurch der Ring tatsächlich wörtlich und schloss sich damit der Kreis, gelang Achim Freyer bei Lucia Ronchettis Esame di mezzanotte (Spielzeit 2014.15) eine spezifische Dynamisierung der Kreisform. Mittels Gaze-Vorhängen über die gesamte Bühnenbreite visualisierte er einen Zeittunnel aus der Perspektive des Publikums, der zugleich die Entwicklung des Zeiterlebens des Protagonisten veranschaulichte. Die vertikale und horizontale Raumgliederung wurde von einer sagittalen Linienführung überlagert. Die angedeutete Spirale als Urform des Zeiterlebens verknüpfte lineares und zyklisches Raum-Zeit-Empfinden. Freyer priorisierte dabei die Deutung des Werkes auf der visuellen Ebene. Die Frankfurter Rundschau beschrieb dies nicht zuletzt als Ausdruck unserer gegenwärtig visuell dominierten Zeit:
»Es ist ein Theater der Effekte, der Bilder, der Projektionen, und es hat immer mehrere – wahrscheinlich vier – Dimensionen, in denen Universum und Paralleluniversum zugleich erscheinen.«
Die Produktion von Lucia Ronchettis Esame di Mezzanotte wurde mit dem Titel »Uraufführung des Jahres« von der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt ausgezeichnet.

Dr. Laura Bettag
Bildnachweis, Literatur und Links:
  • Ursula Dann, Christine Theuer & Claus Scholl (Hg.)(2010). Rudi Baerwind. Leben und Werk 1910-1982. München: Hirmer.
  • Liselotte Homering (Hg.)(1998). Mannheim und sein Nationaltheater. Menschen – Geschichte(n) – Perspektiven. Mannheim: Palatium-Verl., S. 431.
  • Herbert Meyer (1979). Das Nationaltheater in Mannheim 1929 – 1979. Mannheim: Duden, S. 164.
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