Zeitfenster Nr. 43

Die kriegszerstörte Schule wird zum Werkhaus- und Werkstättengebäude

Das Nationaltheater-Gebäude von Gerhard Weber verdankt seine ausgeprägte Horizontalausrichtung einer Tatsache: zahlreiche Abteilungen des Nationaltheaters haben ihre Arbeitsräume an einer anderen Stelle und sind nicht im sogenannten »Spielhaus« untergebracht. Der Architekt hatte damals in seiner Bauplanung vor allem städtebauliche Anforderungen zu erfüllen. Er sollte das Nationaltheater und die Stadt als etwas miteinander Verbundenes erscheinen lassen. Zum Ring hin öffnete er die Gebäudefront mit einem »Fenster zur Stadt«, was sich durch die noch etwas größere Glasfassade in Richtung Luisenpark wiederholte. Die Platzgestaltung zur Berliner Straße sollte großzügig und unverstellt wirken. Das Trapezoid des Baukörpers wurde daher maximal an die Hebelstraße herangerückt. Mehr Stockwerke hätten den erwünschten Raumeindruck durch eine »Schluchtenbildung« verhindert. Die Aufstockung wurde vermeidbar, weil das Gelände der kriegszerstörten Liselotteschule zusätzlich für den Raumbedarf zur Verfügung gestellt werden konnte. 1953 fiel der Startschuss für den Bau der »Verwaltungs-, Magazin- und Werkstättenräume.« Man versprach sich mit der Trennung der Räumlichkeiten in Spiel- und Werkhaus auch eine Kostenersparnis für das Projekt insgesamt. Im März 1955 war der Bau des »Werk- und Verwaltungsgebäudes« abgeschlossen.
44 Jahre nach ihrer Einweihung wurde das Mädchen-Gymnasium nun Bau-Geschichte. Den ganzen Stolz ihrer Erbauer drückte damals eine neobarocke Einweihungstafel aus:
Sie war Ausdruck eines Mannheimer Lokalpatriotismus, der seine Identifikation mit der Stadt an der Vorstellung einstiger Glanzzeiten als Residenzstadt im 18. Jahrhundert festmachte. Stark gewölbt schwillt die Einweihungstafel stolz wie ein Harnisch zum Betrachtenden hin. Ihre Inschrift lautet:
»Dieses Haus wurde in den Jahren 1909 bis 1911 von der Stadtgemeinde nach Plänen des Städtischen Hochbauamtes unter Leitung des Stadtbaurates Perrey, Bauinspektors Hauser und Architekten Rohrer errichtet und im September 1911 seiner Bestimmung übergeben«
Richard Perrey (geb. am 6. Juni 1866 in Stettin und gest. am 27.11.1937 in Mannheim) war Architekt und Leiter des städtischen Hochbauamts. In seiner Amtszeit entstanden zahlreiche stadtbildprägende Gebäude, wie die Alte Feuerwache, das Herschelbad und das Universitätsklinikum. Vor 1933 war er Mitglied der nationalkonservativen, völkisch-antisemitischen DNVP, für die er auch im Gemeinderat saß. Er beendete sein politisches Amt jedoch 1933 und unterstützte den SPD-Politiker jüdischer Herkunft Dr. Fritz Cahn-Garnier.
Über Bauinspektor Albert Hauser ist ebenfalls Einiges bekannt. 1856 in Stuttgart geboren, studierte er von 1875 bis 1879 an der dortigen Technischen Hochschule Architektur. Nach einer Anstellung bei der Schweizer Nationalbahn in Winterthur machte er sich in Zürich und Luzern als Villenarchitekt einen Namen. 1887 trat er in den Dienst der Stadt Mannheim ein, zwei Jahre später wurde ihm die Stelle des ersten Architekten und Vertreters des Hochbauamtsvorstandes übertragen. Um 1900 wurde er für das Nationaltheater in B 3 tätig. Er modernisierte es zu »einem theatertechnisch modernen Betrieb«. Sein wichtigstes Betätigungsfeld war jedoch der Schulbau. Er starb 1915 und wurde in einem Nachruf als Architekt gewürdigt, der sich um die Stadt in besonderer Weise verdient gemacht hatte. Weitaus weniger ist über den zweitgenannten Mitarbeiter Perreys bekannt. Der Architekt und Baurat Robert Rohrer ist 1880 in Mannheim geboren und arbeitete ebenda für die Stadt Mannheim. 1945 zog er nach Herrenalb und verstarb 1961 in Karlsruhe.
Die umgewandelte und erweiterte ehemalige Schule wurde von den Mitarbeitenden des Nationaltheaters mit Freude in Betrieb genommen. Als schließlich 1972 das Studio Werkhaus mit dem Werkhaus Casino zu den Räumlichkeiten hinzukam, verschwand die Einweihungstafel weitgehend unbeachtet in einem Nebenraum des Casinos. In diesem Nebenraum werden noch heute kleine Köstlichkeiten auf engstem Raum gezaubert. Die Einweihungstafel ist seit 2023 nach ihrer Restaurierung in den nationaltheatereigenen Werkstätten im Eingangsbereich des Intendanztrakts zu sehen.
Im nebengelagerten Werkstätten-Gebäude befand sich u. a. der legendäre Malsaal – nicht: Malersaal. Bühnenvorhänge und Dekorationen können hier in Originalgröße ausgebreitet bzw. gehängt werden. In dieser Arbeitsweise muss ein Entwurf des Bildteppichs von Johanna Schütz-Wolff für das Große Haus bearbeitet worden sein. Das Foto des Entwurfs fand sich im Nachlass des Mannheimer Fotografen Hans Bergerhausen. Man erkennt darauf die sparsame Bauweise des Werkstätten-Gebäudes mit seinen unverputzten Wänden, aber auch die Helle des Raums mit ihren natürlichen Lichtquellen:
MARCHIVUM, Nachlass Bergerhausen, BG 076702-1-1
Der gemalte Entwurf auf Pappe wurde aus heute nicht mehr eindeutig nachvollziehbaren Gründen nicht in einen gewebten Bildteppich umgesetzt. Auch wurde dieser Entwurf nicht an der vorgesehenen Stelle im Großen Haus gezeigt, sondern eine in Helligkeit und Farbigkeit reduziertere Version. Möglicherweise bevorzugte man diese, da sie dem geltenden Farbkonzept von Paul Meyer-Speer (ZF 5) eher entsprach. Das Foto aus dem Nachlass Bergerhausen kam erst 2023 wieder ans Tageslicht, so dass Christian von Lehsten aus dem familiären Umfeld von Johanna Schütz-Wolff vermutet, dass es einen farblichen Zwischenstand wiedergibt. Der tatsächliche Endzustand des Entwurfs war insbesondere auf den Farbton der Lochziegel im Großen Haus angepasst:
Entwurfsfoto aus dem Nachlass von Johanna Schütz-Wolff
Beide 56 qm großen Entwürfe haben sich über die Jahrzehnte nicht erhalten. Was heute jedoch existiert, ist die kleinere Ausfertigung eines Bildteppichs von Johanna Schütz-Wolff (ZF 12) nach ihrer Grafik Drei Frauen. Derzeit wird dieser Bildteppich fachgerecht gereinigt und schonend vom Staub der Zeit befreit.
Das erste Werkstätten-Gebäude von 1955 wurde 2008 durch einen Neubau ersetzt. Dabei bot sich die Gelegenheit, auf die aktuell vorhandenen städtebaulichen Gegebenheiten zu reagieren. So entstand im Kreuzungsbereich Mozartstraße/ Ifflandstraße/Collinistraße eine Stadtloggia, die die Architektursprache des Weber’schen Nationaltheaters von 1957 aufgreift und durch die Glasfassade Einblicke in die Theaterwerkstätten ermöglicht.

Dr. Laura Bettag
Bildnachweis, Literatur und Links:
  • Kachelbild: MARCHIVUM, Bildsammlung, KF 036706
  • Jakob Trumpfheller (1957). Die Vorgeschichte des Theater-Neubaus. In: Das Neue Nationaltheater, Festschrift zur Eröffnung des neuen Mannheimer Nationaltheaters am 175. Jahrestag der Uraufführung der »Räuber«, S. 131.
  • MARCHIVUM, Nachlässe, NL Bergerhausen, Hans
  • Liselotte Homering (Hg.) (1998). Mannheim und sein Nationaltheater. Menschen – Geschichte(n) – Perspektiven. Mannheim: Palatium-Verlag, Farbabbildung XIII, 21.
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