Schauspielhaus

Dantons Tod

Georg Büchner Premiere: Mi, 17. Juli 2013

»Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eignen Kinder.«

 

Wir schreiben das Jahr 1794. Fünf Jahre sind seit dem Sturm auf die Bastille vergangen. Der König ist gestürzt und das absolutistische System vernichtet. Doch noch immer hört das Morden in Paris nicht auf, die Guillotine steht nicht still und das Volk hungert. Statt Brot gibt es Aristokratenfleisch und das der Feinde der Revolution.
Danton ist müde von der einst von ihm so heftig mit Waffengewalt vertretenen Revolution und sucht Ablenkung bei den Frauen und im Müßiggang. Die Revolutionsreden seiner Gefährten will er nicht mehr hören und selbst keine mehr halten. Das Volk, das zuvor an seinen Lippen hing, folgt nun Robespierre, der verkündet: »Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch den Schrecken herrschen«. In einem letzten großen Aufbegehren fordert Danton von Robespierre das Ende der Gewalt und findet bald das eigene.

Regie führen wird Robert Teufel, der am Nationaltheater zuvor Bitchfresse – Ich rappe also bin ich, wohnen. unter glas und Tiny Kushner inszenierte.

 

Dauer: ca. 2 Stunden und 10 Minuten, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

Umso schwerer wiegt die starke Leistung des Ensembles, allen voran das kontrastreich angelegte Quartett Danton, Desmoulins, Robespierre und St. Just. […] Danton ist bei Sascha Tuxhorn ein sterbensmüde gewordener Aussteiger, der in den Lastern, die ihm vorgeworfen werden, mehr die Betäubung als den Genuss sucht. […] Kaum hört er zu, wenn Ralf Dittrichs feinfühliger Camille Desmoulins zusammen mit den Gefährten Hérault-Séchelles (Jacques Malan) und Lacroix (Matthias Thömmes) mehr Einsatz für das Anliegen der Gemäßigten fordert. […]
Brillant die direkt ans Publikum gerichtete Rede im Jakobinerklub, mit der Robespierre die Notwendigkeit einer Schreckensherrschaft der Tugend begründet. Mit seiner besonderen Begabung für zwielichtige Charaktere gelingt Aselmann hier die Ideal-Verkörperung des Raubtier-Populisten: ein Wolf, der Kreide gefressen hat, mit einem Lächeln, das fürchten macht. Als Robespierre fanatischer Kettenhund St. Just gibt David Müller, noch Schauspielschüler in Hannover, seinen vielversprechenden Einstand in Mannheim. Eindringlich und anrührend, wie von ihr nicht anders gewohnt: Ragna Pitolls Lucile.
(Rhein-Neckar-Zeitung, 19. Juli 2013)

 

In einem effektvollen Eröffnungsbild lässt das Ensemble das Luftschloss wie eine Seifenblase zerplatzen. Aus der Traum von einer besseren Welt, die (Französische) Revolution frisst längst ihre Kinder, auch wenn diese noch mit Legosteinen in Tricolore-Farben zunehmend hysterisch ‚Bau auf!‘ singen (geschickte Bühne: Florian Etti). […]
Danton sehnt sich nach Ruhe, ist revolutions- und auch lebensmüde, wie wir dem eindringlichen Paargespräch mit seiner Frau Julie (Anne-Marie Lux) entnehmen. […] Sanft ist der Einfluss von Fremdtexten an diesem Abend, der von anspielungs- und kenntnisreicher Dramaturgie (Katharina Blumenkamp) zeugt. Sanft und klug, dann wieder kindisch auffahrend oder zynisch-cool ist auch Sascha Tuxhorns Danton, der sich mit dieser Rolle für das erste Fach empfiehlt. Eine Marionette der Verhältnisse, ein Opfer seines einstigen Ehrgeizes und eigener Unzulänglichkeit, der er sich mit jeder Faser seines ihm fremd werdenden Körpers bewusst ist. Einen adäquaten Spielpartner hat er in Martin Aselmann, dessen Robespierre seinen Leib – freilich nur bildlich – als gekreuzigter Messias der Revolution hingibt. Aselmann stellt diesmal selbst das Dauerlächeln zur Disposition, um sich nicht nur in seiner glänzenden Rede im Jakobinerklub ganz der trickreichen Sprache Büchners hinzugeben. Wie sich diese beiden Revolutionäre einander nähern, ist große Schauspielkunst. Diese wird auch bei Ralf Dittrich (Desmoulins), Jacques Malan (besonders als Herman) und dem erdig-zornigen Lacroix Matthias Thömmes‘ zum dichtesten Ensembleabend der Saison. Was heißen soll, dass selbst in die kleineren Rollen sehr viel Herzblut und Gespür für das Ganze fließt. David Müller erhält als St. Just Szenenapplaus für seine grausige geschichtsphilosophische Rede über die die Menschheit zerstückende und sie gleichsam verjüngende Kraft der Revolution. Rätselhafterweise spielt er auch die Grisette (Hure) Marion, während Ragna Pitoll eine Lucile gibt, deren Eindringlichkeit selbst beim finalen – fast beiläufig selbstverhängten Todesurteil – Es lebe der König! atemberaubend ist.
(Mannheimer Morgen, 19. Juli 2013)

 

Teufel lässt Büchners Figurenkonstellation und seine Sprachgewalt wirken. […] Danton und Robespierre im Business-Outfit, zwei alerte Manager. Glatte Yuppie-Gesichter, fitnessgestählte Körper. Dreck am Stecken haben sie beide. […]
Regisseur Teufel lässt die Stärken und Schwächen dieser beiden Charaktere sehr plastisch herausarbeiten, ihre suggestive Überzeugungskraft, aber auch ihre Ängste, ihr schlechtes Gewissen. Ihr freundschaftliches Gespräch, um vermeintliche Missverständnisse auszuräumen, wird zum Zusammenprall zweier Führungsphilosophien. Das hinterlässt Blessuren, persönliche Verletzungen gar. Sascha Tuxhorn und Martin Aselmann geben dieser Szene etwas sehr Persönliches, ja Kameradschaftliches. Das Gefühl der Feindschaft wird erst danach zur Gewissheit. […]
Der Regisseur hat den Text mit seinen vielen Seitenaspekten sinnvoll gestrafft, auch mit kleinen Umstellungen. Acht Schauspieler agieren in Doppelbesetzungen. Jacques Malan, in der Hauptsache Dantonist Hèrault, brilliert als eine Art Zirkusdirektor mit Mantel und Zylinder in Rot. Er thront als bestochner Richter des Revolutionstribunals auf schwarzen Legosteinen und verbiegt das Recht, um Danton und seine Gesinnungsgenossen der Guillotine überantworten zu können. Anrührend die kreatürliche Trauer, mit der Lucile (Ragna Pitoll) Abschied von ihrem Geliebten Camille (Ralf Dittrich) nimmt.
(nachtkritik.de, 18. Juli 2013)