Opernhaus

Dark Spring

Song-Oper von Hans Thomalla | Songtexte von Joshua Clover Premiere: Fr, 11. September 2020
Auftragswerk des Nationaltheaters Mannheim | Uraufführung | Text vom Komponisten nach Frank Wedekinds »Frühlingserwachen«
In englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

mit dem Nationaltheater-Orchester

Dark Spring ist eine Oper über vier junge Menschen unter extremen Druck: dem Leistungsanspruch in Schule oder Studium, dem Erfolgsdruck im Popularitätsranking des Freundeskreises, und nicht zuletzt dem Druck zu einer perfekten Performance in Sexualität und Intimität. Der Druck ist verinnerlicht. Eltern oder Lehrer treten in der Oper nicht auf, und die Protagonisten stehen den spätkapitalistischen Anforderungen einer ständigen Ich-Optimierung ganz alleine gegenüber. Der Konflikt zwischen Erfolgsdruck einerseits und dem Gefühl von Ohnmacht und unerreichbarer Selbstverwirklichung in einer Zeit permanenter Stagnation andererseits spitzt sich mehr und mehr zu und schlägt schließlich um in Destruktion: in die sexuelle Gewalt von Melchior und den Selbstmord von Moritz.

 

 

 

Im Zentrum der Oper steht weniger die Erzählung einer linearen Geschichte jener vier jungen Menschen, sondern vielmehr ihr Versuch die damit verbundenen oft widersprüchlichen Gefühle zu artikulieren und zu verstehen. Gefühle von Entfremdung und Verlorenheit in einer Gesellschaft, die auf Produktivität und Erfolg ausgerichtet ist, und die zugleich deren Erreichen so gut wie unmöglich macht; Gefühle von Schmerz und Leid aber auch vom Verlangen nach Schmerz als sexuelles Erleben; Gefühle von Solidarität und Liebe, die zwischen den vier Protagonisten aufscheinen, aber auch die Angst vor der damit einhergehenden Verletzbarkeit. In einer Welt des alles umfassenden Wettbewerbs erscheinen Gefühle jedoch als Blöße. Die Sehnsucht, zu begegnen, sich zu offenbaren und sich und den Anderen zu spüren, und dafür einen eigenen Ausdruck zu finden, verunsichert.

 

Die vier Protagonisten von Dark Spring singen Songs. Sie artikulieren ihre Gefühle in der Maske des scheinbar distanzierten Formschemas aus Reim, Vers, Strophe und Refrain. Hinter der Formalisierung dieser Songs und ihren Bildern bricht jedoch immer wieder eine rohe, ungeformte Klanglichkeit durch, eine undomestizierte akustische Welt aus Geräusch, Lärm, Schrei und Stille.

 

Hans Thomalla (2020)

 

Dauer: ca. 1 Stunde und 30 Minuten, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

Kompositionsauftrag des Nationaltheaters finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung.

 

 

 

English version

 

Dark Spring is an opera about four young people under extreme pressure: the pressure to overachieve academically, to score high in the popularity contests at school or at college, and to perform romantically or sexually. The pressure has become entirely internalized as parents or teachers are absent and the protagonists are left alone with late capitalism’s demands of permanent self-optimization. The conflict between the expectation to succeed on the one hand and the sense of powerlessness and unattainable self-determination in an era of constant stagnation on the other hand grows increasingly acute until it eventually flips into violence: into Melchior’s sexual aggression and Moritz suicide.

 

The opera focuses less on the narration of the four young protagonists’ story but rather on their attempt to articulate and understand the often contradictory feelings that come with it: Feelings of meaninglessness and alienation in a society that values only productivity and success but makes it unreachable for almost everyone; feelings of pain both as suffering and as sexual experience; feelings of love and kinship that briefly appear between the protagonists that nevertheless bring a sense of vulnerability. In a hyper-competitive world the display of emotions is seen as a weakness and a liability. The longing to open up to someone else, to reveal and feel oneself and one another, and to find an expression for that longing seems unsettling and dangerous.

 

The four protagonists of Dark Spring sing songs. They articulate their feelings through the mask of the distancing formalization of rhyme, meter, stanza, and refrain. Under the surface of the objectified schemata of song an almost raw and undomesticated sound-world simmers, though, that breaks through at crucial points of the plot – a sound-world of noise, screams, and silence.

 

Hans Thomalla (2020)

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»Insgesamt ein kompakter, treffsicher komponierter und souverän inszenierter Abend, der auch musikalisch überzeugt. Und in seiner ganzen Facon sicher ein Stück der Stunde ist.« (Deutsche Bühne, 12.09.2020)

 

»Dark spring«, von der Siemens-Kulturstiftung finanziert, könnte schon ein Renner werden.« (Die Rheinpfalz, 14.09.2020)

 

»Thomalla eröffnet mit seiner – frei nach Frank Wedekinds Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ komponierten – Uraufführung um vier Heranwachsende ein schillerndes musikalisches Panorama: Von spannenden, fast schmerzhaft sich reibenden Dissonanzen und Klangfeldern, wie sie die aktuelle Neue Musik weitgehend dominieren, über fast nach Industrial klingende Technobeats bis hin zu musicalhaften Strukturen in Songs und Ensembles. Thomalla schreckt vor nichts zurück: Wunderschöne Romantik, fast Popkitschiges steht neben tiefenpsychologisch ernsten Klängen.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)

 

»Thomalla radikalisiert diesen Stoff, seine Musik führt zielstrebig hinein in die Innenwelt verunsicherter Seelen. Sie schenkt dem Hörer nichts, macht Druck, der auch in den Songs nicht nachlässt, die in den durchkomponierten Ablauf eingebettet sind. Bei der mit großem Beifall aufgenommenen Uraufführung am Mannheimer Nationaltheater sorgt Alan Pierson für die perfekte Organisation dieses Klangmaterials […].« (Darmstädter Echo, 14.09.2020)

 

»Hans Thomallas eloquente und bis ins kleinste Detail akribisch ausgefeilte Musiksprache richtet sich wie ein Vergrößerungsglas auf die Mühen des Erwachsenwerdens. Sie vagabundiert durch alles, was derzeit auf dem Markt ist: Popmusik und ihre Stereotypen, Jazz, die Neue Musik, Minimalismus oder die Untiefen der Ambient Music. Trompete, Saxophon, Klarinette, Gitarre, Klavier, Keyborad, Schlagwerk, Cello und Kontrabass sind dafür die genau richtige Besetzung.« (Die Rheinpfalz, 14.09.2020)

 

»Musikalisch klingt die Ankündigung einer „Song-Oper“ mit Anleihen beim Pop eigentlich als Drohung, tatsächlich ist Thomallas Tonspur eine äußerst elegante Mixtur aus gemäßigten Avantgarde-Klängen, minimalistisch getriebenen Strecken, Anleihen beim Brecht/ Weill’schen Moritaten-Duktus, scharf-schmissigen Passagen in der Bernstein’schen „West Side Story“-Tradition und elektronisch erzeugten, geräuschhaften Klangflächen.« (Deutsche Bühne, 12.09.2020)

 

»Eine melancholische Gratwanderung zwischen E und U also, Donaueschingen, Oper in der englischen Tradition Benjamin Brittens, Brecht/Weill und Broadway in suizidaler Koexistenz.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)

 

»17 Songs in elf Szenen: raffinierte Balladen mit Broadway-Anklängen, etwa im elaborierten Sondheim-Stil, durch Thomallas Bezug zur neuen und elektronischen und Minimal Music aufgemischt, aber hinreichend wirkungssicher, um das Opernpublikum in klangsinnlichen Balladen zu umgarnen.« (Badische Neueste Nachrichten, 14.09.2020)

 

»Dirigent Alan Pierson jedenfalls hat das mit den zehn Musikern voll im Griff. Das Ensemble mit E-Gitarre, Keyboard, Schlagzeug, Bläsern und Streichern spielt das alles scharf und mit dem nötigen Sinn für archaisch-periodische Rhythmen. Brillant.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)

 

»Alan Pierson am Pult ist ein exzellenter Sachwalter der Partitur, die Mannheimer Musiker sind tadellos.« (Die Rheinpfalz, 14.09.2020)

 

»Regisseurin Barbara Horáková Joly, die erstmals in Mannheim arbeitete, inszenierte das Stück als Bühnenshow. Sie lenkt dabei den Blick auf den wesentlichen Unterschied zum Originalstück: Es ist der fast musicalhafte Show-Charakter von „Dark Spring“, der zwar immer wieder gebrochen wird, aber letztlich doch die 90 Minuten dominiert.« (Rhein-Neckar-Zeitung, 14.09.2020)

 

»Das Team um Regisseurin Barbora Horáková Joly stellt Thomallas Kammeroper ein buntes Kaleidoskop an Bildern entgegen.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)

 

»Horáková Joly und dem Video-Künstler Sergio Verde glücken starke, schlüssige Bildwelten, die Personenregie ist dicht und hält trotz der Künstlichkeit des Settings und der dauerhaften Distanz eine hohe Binnenspannung.« (Deutsche Bühne, 12.09.2020)

 

»Die Wendla von Mezzo-Sopranistin Shachar Lavi überzeugt in ihrer hedonistischen Anlage. Schön im Äußeren. Kaputt im Innern. Nur Extreme spüren diese Menschen. Nicht nur Lavi singt bemerkenswert rein. Thomalla setzt vibratolose Töne, die mit Anschwellen und Aufblühen an Alte Musik erinnern und sich mit Liegeklängen zu Zeitbomben voller Spannung stauen.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)

 

»Anna Hybiners Ilse gelingt die Mixtur aus Oper und Einfachheit ebenso. […] Countertenor Magid El-Bushra stellt die innere Wandlung des Geschlechts überzeugend dar. Das Drama des Mannes, der kein Mann sein kann und keine Frau werden darf, treibt einem die Tränen in die Augen. El-Bushras Counter ist wie gemacht für diese Partie. Und Christopher Diffeys Melchior-Tenor klingt einfach nur – fantastisch.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)

 

»Elf Szenen, vier passgenau besetzte Akteure: Shachar Lavi (Wendla, Mezzo), Anna Hybiner (Ilse, Alt), Magid El-Bushra (Moritz, Countertenor) und Christopher Diffey (Melchior,Tenor) sind entfernte Verwandte der gleichnamigen Wedekind-Figuren. Jung wie diese, ziellos und innerlich „fertig“, bevor das Leben für sie eigentlich begonnen hat.« (Die Rheinpfalz, 14.09.2020)

 

»[…] ein ausgezeichnetes Sängerquartett mit Shachar Lavi (Wendla), Anna Hybiner (Ilse), Magid El-Bushra (Moritz) und Christopher Diffey (Melchior) verbindet staunenswert Klangschönheit und charakterliche Differenzierung.« (Darmstädter Echo, 14.09.2020)

 

»Auch sängerisch lässt das Quartett, das übrigens die Jugendlichkeit der Dargestellten hervorragend beglaubigt, keinen Wunsch offen: Shachar Lavis cremig-geschmeidiger Mezzo in der Rolle der Wendla gewinnt zunehmend an Glut, Anna Hybiners Mezzo ist heller und metallischer timbriert, sie formuliert prägnant und pointensicher, Magid El-Bushras butterweicher Countertenor schmiegt sich innig in die abgrundtiefe Melancholie der Rolle des Moritz, während Christopher Diffeys kerniger, höhensicherer Tenor der irrlichternden Figur des Melchior Substanz gibt.« (Deutsche Bühne, 12.09.2020)

 

»Die erste (und hoffentlich letzte) Corona-Saison am Nationaltheater Mannheim (NTM) beginnt mit einem Maximum an Depression. Finster. Niederdrückend. Ausweglos. Das Haus unterzieht die mit gebotenem Sicherheitsabstand geordneten 230 statt 1150 Besuchenden einer psychischen Stabilitätsprüfung. Ein bitterer Abend. Der fasziniert.« (Mannheimer Morgen, 14.09.2020)