Opernhaus

Der Idiot

Mieczyslaw Weinberg
Text von Alexander Medwedjew nach Fjodor Dostojewskis gleichnamigem Roman / in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln
»URAUFFÜHRUNG DES JAHRES 2013« (OPERNWELT)

Der junge Fürst Myschkin kehrt nach einem langjährigen Klinikaufenthalt in der Schweiz mittellos nach Sankt Petersburg zurück und trifft im Zug auf den reichen Rogoshin, der von einer dunklen Leidenschaft für Nastassja, eine »gefallene« Frau, getrieben ist. Der haltlose, durch seine Krankheit realitätsferne und naiv an das Gute im Menschen glaubende Fürst, der als eine Art russischer Don Quichotte gezeichnet ist, verfällt Nastassja ebenfalls, aber auf andere Art: Er will sie retten. Zwischen ihr und der jungen Aglaja wird er selbst Teil eines Geflechts von materiellen und sexuellen Abhängigkeiten, von Verletzungen, Besessenheit und Beziehungsunfähigkeit, das schließlich mit Rogoshins Mord an Nastassja endet. Myschkin erstarrt in den Armen des Mörders in einem Zustand zwischen Wahn und Zärtlichkeit.

Der Idiot ist Mieczyslaw Weinbergs letzte Oper, entstanden 1986/1987 und wurde bisher nur in einer reduzierten Version aufgeführt. Weinbergs Idiot verdichtet Dostojewskijs gleichnamigen »polyphonen« Roman zu einer sprunghaften Folge von Bildern auf einer Simultanbühne, die auch epische Kommentare einschließen. Der polnisch-jüdische Komponist Weinberg (1919 - 1996), der durch den Nationalsozialismus seine Familie verlor, nach Russland floh und dort später wiederum der stalinistischen Verfolgung ausgesetzt war, gehörte bis vor kurzem zu den zu Unrecht vergessenen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er hat ein beachtliches Gesamtwerk hinterlassen und gilt seit einer beeindruckenden Renaissance in den letzten Jahren heute neben Schostakowitsch und Prokofjew als einer der wichtigsten Komponisten der Sowjetunion.

 

Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Nationaltheater Mannheim

 

Dauer: ca. 4 Stunden, inkl. einer Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

 

Regula Gerber […] entwickelt in der Inszenierung dieses gewaltigen Werks unverkennbar Sympathie für den an Epilepsie leidenden Titelhelden. Dmitry Golovnin singt und spielt ihn bei der Premiere überwältigend. […]
Wie so viele slawische Stimmen ist auch sein Tenor im Kern markant, ein bisschen rau, was gut zu dem gebrochenen Protagonisten passt. Aber er kann auch lyrische Phrasen gestalten, etwa im Liebesduett mit Nastassja. Im dritten und vierten Akt nimmt seine Stimme in Mannheim fast existenzielle Züge an. [...]
Entscheidenden Anteil daran, dass diese Oper überhaupt und so erfolgreich auf die Bühne gebracht wurde, hat der Dirigent Thomas Sanderling. Er ist schon seit Jahren ein Verfechter Weinbergs. Dessen musiktheatralische Qualitäten werden vor allem dank Sanderlings genialer Leitung offenkundig. Inspiriert von der ausdrucksstarken, großteils herben Tonsprache Dmitrij Schostakowitschs unterfüttert Weinberg seine Partitur mit einer klugen Leitmotivtechnik und einer ausgefeilten Instrumentierung, um so im Orchesterklang eine Spiegelung der psychologischen Verläufe zu erzielen. Das Orchester des Nationaltheaters realisiert das auf beeindruckend hohem Niveau und trotz Dauer und Anspruch ohne Substanzverlust. Dasselbe gilt für das Bühnenpersonal. Neben der Titelfigur sind es vor allem Ludmila Slepneva als metallisch timbrierte Nastassja und die lyrische Sopranistin Anne-Theresa Møller als ihre Gegenspielerin Aglaja, die aus einem exzellent singenden und spielenden Ensemble herausragen.
(Stuttgarter Zeitung, 15. Mai 2013)

 

Die Komposition ist von überwältigender Schönheit und Stringenz, episch und ironisch zugleich, melodiensatt, romantisch, meisterhaft instrumentiert. […]
Das Orchester wuchs unter Leitung von Thomas Sanderling weit über sich hinaus. Die Sänger überboten einander an Intensität und Perfektion. Das Publikum saß wie gebannt, knapp vier Stunden lang, denn dieser Idiot hat beinahe Parsifal-Länge, auch der Jubel am Schluss wollte nicht enden. [...]
Fürst Myschkin steht als Epileptiker und guter Mensch außerhalb der Gesellschaft. Er wird von Dmitry Golovnin mit einem hellblonden, trompetenstarken Tenor ausgestattet, der etwas Überirdisches hat: als könne diese Stimme, wie der Erlöser selbst, über Wasser wandeln. Die beiden Frauen, die ihn umwerben, liefern sich auch vokal ein Duell der Leidenschaften: Ludmila Slepneva ist eine lupenreine Nastassja, Anne-Theresa Møller eine warm timbrierte, dramatische Aglaja. Auch der Bass des ehrlichen Ganoven Rogoschin ist mit Steven Scheschareg glänzend besetzt, ebenso der intrigante Strippenzieher Lebedjew mit seinem frechen, von Jazzrhythmen angepieksten Loge-Tenor.
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Mai 2013)


Die Regisseurin Regula Gerber hat die Handlung […] sehr geschickt auf die Bühne gesetzt. Unterstützt von Videoeinspielungen setzt sie schließlich immer mehr die Figuren als Archetypen in Szene; und kann dabei auf sehr intensive Sängerdarsteller bauen, insbesondere Dmitry Golovnin als Fürst Myschkin, doch auch Steven Scheschareg als Rogoshin, Anne-Theresa Møller und Ludmilla Slepneva als gegensätzliche, konkurrierende Frauen bewältigen nicht nur stimmlich souverän ihre Rollen. Lars Møller kommentiert und integriert als sensationslüsterner Mitmacher Lebedjew und Elzbieta Ardam fürchtet lauthals, dass ihre Töchter atheistisch werden können.
Dass Weinbergs späte Uraufführung seiner großen Dostojewskij-Oper so überzeugend und trotz der Länge spannungsreich gelang, ist wohl dem souveränen Dirigat von Thomas Sanderling zu danken. Ihm, einem Kenner des russischen Musiktheaters, vertrauten sich Musiker und Zuhörer gerne an.
(Deutschlandradio Kultur, 13. Mai 2013)

 

Mannheim bietet ein Ensemle auf, über das man nur staunen kann! Ob nun Dmitry Golovnin als eindringlich bei sich selbst bleibender Fürst Myschkin in der Titelrolle oder sein Gegenspieler Rogoschin. Steven Scheschareg zeigt glaubwürdig, wie dieser rabiate Tatmensch bei aller Konkurrenz um die Liebe der von ihm dann am Ende ermordeten Nastassja Filippowna, Myschkin zugleich in tiefer Zuneigung verbunden bleibt. […] Aber auch die Randfiguren, wie der schmierige Lebedjew (Lars Møller) oder der Bürokrat und Vater dreier heiratsfähiger Töchter Jepantschin (Alexander Vassieliev), dessen Frau (Elzbieta Ardam mit grandios orgelndem Alt) und deren Töchter werden liebevoll und auf höchstem vokalen Niveau gezeichnet. […]
Für die Bandbreite der musikalischen Mittel, die Weinberg dabei verwendet und für deren Zusammenhalt als großes Ganzes ist Thomas Sanderling genau der richtige Mann am Pult. Mit seiner schon biographisch bedingten Affinität zur russischen Moderne sorgt er für quasi authentisches musikalisches Idiom. Wobei auch das Orchester […] über sich hinaus wächst. Ob beim Auftakt mit den harte Paukenschlägen und dem Schicksals-Pathos der Bläser. Ob bei dem Zug ins schwermütig melancholische oder dann auch ins rhythmisch grundierte Parlando. Ob beim Durchschimmern eines parsifaleken Erbes oder dem Wiederschein von Schostakowitschs Vitalität – in Mannheim ist eine musikalische Entdeckungstat auf höchsten Niveau zu bestaunen. Und zu bejubeln.
(Die Deutsche Bühne, online, 13. Mai 2013)

 

Großes Musiktheater, an dem das Bühnengeviert von Stefan Mayer wesentlichen Anteil hat. Mit eher kargen Accessoires werden die Szenen auf der Drehbühne imaginiert; Videoeinspielungen und eine zoomende Bildwand gehören dazu, wie auch die einfallsreichen, Individualität generierenden Kostüme von Falk Bauer passgenau zugeordnet scheinen. […]
In der Vielzahl der Partien des insgesamt ausgezeichneten Ensembles, das Personal der russischen Gesellschaft ist recht umfangreich, sei vor allem Lars Møller als schillernder Lebedjew erwähnt. Der Männerchor ist gewohnt stark, Tilman Michael pflegt ihn sorgfältig.
Die Uraufführung dieser wertvollen Oper stößt beim Publikum auf breite Zustimmung; auch Ex-Generalintendantin Regula Gerber darf sich über den persönlichen Erfolg ihrer intensiven Regiearbeit freuen.
(Opernnetz.de, 14. Mai 2013)

 

Regula Gerber, ehemalige NTM-Generalintendantin, hätte kein besseres Comeback als Regisseurin feiern können. Konzentriert erzählt sie die Story um Fürst Myschkin, beißt sich in die Psychologie des Protagonistenfünfecks hinein, und wenn uns diese Uraufführung von Mieczys³aw Weinbergs Der Idiot zwei Dinge lehrt, dann diese: Lustvoll erzählte Handlung funktioniert auf dem Theater immer noch. Und Weinbergs Werk lohnt die Entdeckung, wartet es doch mit faszinierenden Farben und Kopplungen auf und bietet ein sagenhaftes stilistisches Kompendium. Zehn Minuten frenetischen Beifall gibt es für diesen spannenden Abend um drei Männer und zwei Frauen und die Suche nach einem Ausweg. Ein großer Erfolg. [...]
Gerber ändert das Dekor der zehn Szenen schnell und einfach über die sich drehende Bühne und einige Videoprojektionen (Thilo David Heins), die das Geschehen durch Doppelungen psychologisieren. Es entsteht ein fliegender Wechsel der Räume, ein episodisches Im-Nu-Theater von großer Wucht. [...]
Ihre [Ludmila Slepnevas] Darstellung: überzeugend zwischen Lasterhaftigkeit und Tugend wankend. Ihr Gesang: warmtimbriert, kultiviert, farbenreich, beseelt, sexy, alles, was man braucht. Mit Myschkin steht ihr ein lyrisch gefärbter Tenor gegenüber. Dmitry Golovnin, der die Partie als Einspringer in vier Wochen (!) lernte, steht das stimmlich wunderbar durch. Sein Tenor glänzt wundersam, klingt lebendig, pulsierend und introvertiert unschuldig. […]
Auch die anderen Sänger sind wunderbar: Anne-Theresa Møllers Aglaja klingt betörend und am Rande des Wahnsinns angriffslustig, Steven Scheschareg verleiht Rogoschin eine substanzvolle Kraft, die hell leuchtet, Uwe Eikötter ist ein zwischen heldischem Strahlen und fiesem Charakterisieren irisierender Ganja, Bryan Boyce ein überzeugender Tozkij und Elzbieta Ardam eine fast überdimensionierte Jepantschina und Cornelia Ptassek eine ebensolche Alexandra. Auch Katharina Göres (Warja) und alle anderen liefern Hervorragendes ab.
Das Orchester sprudelt in solistischen Farben, drängt in großer Emphase oder betört durch sinnliche Kompaktheit – auch dank Thomas Sanderling. Dieser exzellente Idiot empfiehlt sich trotz mancher Länge als Uraufführung des Jahres.
(Mannheimer Morgen, 11. Mai 2013)


Dmitry Golovnin verkörpert stimmlich und darstellerisch einen grandiosen Myschkin, aber er steht mit dieser Leistung nicht alleine. Das Ensemble begeistert durch die Bank, sei es Steven Scheschareg als Rogoschin, Anne-Theresa Møller als Aglaja, Lars Møller als Lebedjew, Elzbieta Ardam als deren Mutter Jelisaweta oder Uwe Eikötter als Ganja. Sie alle garantieren zusammen mit dem Orchester unter Thomas Sanderling einen eindrucksvollen Opernabend für das Nationaltheater. (Die Rheinpfalz, 11. Mai 2013)

 

Eine wirkliche Entdeckung sowie eine höchst erfolgreiche Uraufführung. Die mit Pause vierstündige, tief bewegende und höchst eindrucksvolle Aufführung wurde umjubelt. Mannheim im Glück. [...]
Regisseurin Regula Gerber, ehemalige Generalintendantin des Hauses, feiert mit ihrer psychologischen Kammerstudie ein verdientes Comeback auf der Nationaltheater-Bühne.
Im kargen Bühnenbild von Stefan Mayer setzt Gerber ein Karussell der Gefühle in Gang, das sich mit wenig Requisiten, dezenten Projektionen (Video: Thilo David Heins) und fast durchgehenden Drehbewegungen der Bühne wie ein Schraube immer tiefer in die Seelen der Protagonisten windet. Ludmila Slepnevas hoch dramatische Nastassja, Bryan Boyce als Tozkij, Anne-Theresa Møllers Aglaja und Lars Møllers Lebedjew sowie die kleineren Rollen geben dem hier wiederentdeckten Stück die Kontur eines bisher völlig übersehenen Meisterwerks.
Authentisch wird die Aufführung unter der musikalischen Leitung von Thomas Sanderling, der durch seinen Vater früh Kontakt zum Komponisten Weinberg hatte und sich als Dirigent für ihn einsetzte. Weinbergs Partitur klingt unter seiner Leitung präzise differenziert, nie dick, bisweilen kammermusikalisch ziseliert. Viele Instrumentalsolisten – allen voran die Holzbläser – haben wirkungsvolle Aufgaben. Das Nationaltheaterorchester meistert sie bewundernswert.
(Rhein-Neckar-Zeitung, 11. Mai 2013)