Online-Vorstellung

Machines of Enlightenment

Musikmaschinen von gamut inc (Berlin)
Multimediale Konzertinstallation

Musikmaschinen sind schon seit dem Barock sowohl Faszinosum als auch philosophische Herausforderung. Wieviel mehr gilt das heute, im Zeitalter des Computers, in der die Kategorien des Menschlichen und des Technischen zunehmend ineinanderfallen?

Das interdisziplinäre Ensemble »gamut inc« um die Computermusikerin und Architektin Marion Wörle und den Komponisten und Gitarristen Maciej Sledziecki hat sich seit 2011 elektroakustischer Musik, neuem Musiktheater und Maschinenmusik verschrieben und arbeitet dafür projektweise mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern zusammen.

Seit 2012 entwickeln sie auch computergesteuerte Musikmaschinen: das »Automatische Akkordeon« das »Elektromagnetische Banjo« oder das »E-Bowgespielte Monochord« sind faszinierende Klangerzeuger an der Schnittstelle zwischen Computer und Instrument. Die Automaten von »gamut inc« übersetzen antike Überlegungen zur Akustik in die Klangsprache der Jetztzeit.

Die Videos und Fotos ihrer eigenen Musikmaschinen stellen sie für den »Mannheimer Sommer« Aufnahmen historischer Musikautomaten aus dem Deutschen Musikautomaten-Museum Bruchsal gegenüber. Mit einem Einführungsvortrag über die Idee von Maschinen und Maschinenmusik, von Descartes über La Mettrie bis heute, liefern sie den Materialien einen gedanklichen Überbau, der informativ und sinnlich ist.

 

 

Mit Dank an das Deutsche Musikautomaten-Museum Bruchsal

 

 

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

 

 

Die ganze Geschichte der Machines of Enlightenment

 

 

PYTHAGORAS IN DER SCHMIEDE

In einer Schmiede beobachtete Pythagoras, dass, wenn die Gewichte der Hämmer in ganzzahligen Verhältnissen zueinander stehen, die Hammerschläge wohlklingende Töne erzeugen. Diese Beobachtung übertrug er auf die Saiten eines Monochords und machte damit erstmals musikalische Harmonie mathematisch darstellbar. Die so gewonnen Intervalle von Oktave, Quinte und Quart übertrug er anschließend auf die Bewegungen von Himmelskörpern. Diese werden ja bekanntlich von unsichtbaren Kugeln auf ihrer Umlaufbahn gehalten, und erzeugen dabei Töne die zusammen die Sphärenharmonie bilden. Leider können wir – anders als angeblich Pythagoras - diesen himmlischen Akkord nicht hören. Das liegt daran, dass er dauerhaft erklingt und uns nur durch sein Verstummen bewusst werden würde.

 

Dass die Schwingungsfrequenz gar nicht zum Gewicht eines Hammers in Proportion steht, und die Anekdote sich somit so gar nicht zugetragen haben kann, macht sie umso treffender für das Wesen der eng miteinander verknüpften Geschichte von Musik und Mechanik: Wissenschaft und Mythos verweben sich zu einem poetischen Resonanzraum, in dem schließlich die gesamte Welt als riesige Maschine erscheint. Zumindest aber lernt man aber, dass Musik in einer Werkstatt erfunden wurde.

 

 

MACHINES OF ENLIGHTENMENT

Unsere Reise in die Welt der Maschinen begann in der Werkstatt des Musikmechanikers Gerhard Kern, der uns 2009 mit unbändiger und ansteckender Begeisterung seine selbstspielenden Orgel- und Schlaginstrumente vorführte. Seitdem haben wir gemeinsam als »gamut inc« einige Musikroboter entwickelt, die den Klang akustisch erzeugen, aber vom Computer aus gesteuert werden. Diese Schnittstelle von elektronischer und akustischer Musik fasziniert uns nachhaltig, weil sie neue Spielmöglichkeiten für die Instrumentalmusik bietet, und die sonst unsichtbare Klangerzeugung der elektronischen Musik sichtbarer macht.

 

Wäre die Techno- und Biosphäre nicht durch die Virosphäre erheblich durcheinandergewirbelt worden, hätten wir in der Ausstellung » Machines of Enlightenment« unsere Maschinen historischen Apparaten des Deutschen Musikautomaten-Museums Bruchsal und des Technik Museums Speyer gegenübergestellt. Darunter wären so wohlklingende Maschinen wie ein »Polyphon-Standgerät« oder die »Raffin Konzertorgel« gewesen. Das »Seybold Orchestrion« und das »Sinfonie Jazz«…

 

 

GOLDENES ZEITALTER

Die meisten dieser Maschinen wurden am Ende des 19ten und am Anfang des 20ten Jahrhunderts entwickelt. Die Musik in den florierenden Vergnügungsstätten benötigte mehr Lautstärke, als es damalige Grammophone erzeugen konnten. Getanzt wurde daher in den Ballsälen Walzer, Foxtrott und Galopp zu Pianolas, Orchestrien wie auch Drehorgeln. In Lichtspieltheatern spielten von Notenrollen gesteuerte Maschinen Musik zu Stummfilmen. Das »Welte-Mignon-Klavier« ermöglichte die weitgehend authentische Wiedergabe als auch Aufnahme von Klavierstücken. Viele berühmte Komponisten schrieben für die »Welte-Philharmonie-Orgel« - eine komplexe selbstspielende Orgel, die als ein Höhepunkt der Automatisierung galt. Ein Exemplar soll auf der Britannic, dem Schwesterschiff der Titanic eingebaut worden sein, das sich heute im Museum für Musikautomaten im schweizerischen Seewen befindet Die Musikautomatenindustrie stand in voller Blüte. So beschäftigte die Leipziger »Fa. Ludwig Hupfeld« rund 1500 Mitarbeiter und zeitweilig wurden in den USA mehr Pianolas als reguläre Klaviere verkauft.

 

Erst die Erfindung des Röhrenverstärkers und Lautsprechers Mitte der 1920er Jahre beendete die goldene Ära der Automaten. Schon 1932 existierte die Branche praktisch nicht mehr. Das selbstspielende Klavier überlebte bis heute aber als Nischenprodukt.

 

 

IM TAKT DER MASCHINE
Eine andere Musikmaschine, die seit dem 19ten Jahrhundert bis heute allgegenwärtig ist, ist das Metronom. Erst mit seiner Erfindung durch Johann Nepomuk Mälzel konnten Komponisten musikalische Tempi verbindlich festlegen. Während die Dampfmaschine die Industrialisierung anfeuerte, entwickelten »Musikmaschinisten« wie Mälzel Orchestrien, Spieldosen und später dann über Lochkarten und Lochplatten gesteuerte mechanische Musikinstrumente für jedermann, die zu Hundertausenden verkauft wurden.

 

 

AUFKLÄRUNG

Dieser Goldenen Zeit gingen in der Aufklärung philosophische und mechanische Neuerungen voraus. Den vernunftgesteuerten Lumiéres entsprach der Mensch, das Tier und die Welt im Wesentlichen einer Maschine. Der berühmte Konstukteur Jacques de Vaucanson ließ sich durch Ärzte und Chirurgen beraten, um sich seinen Traum, einen akkurat funktionierenden künstlichen Menschen, zu erfüllen. Neben seinem Meisterwerk - die mechanische Ente aus rund 1000 Einzelteilen hatte sogar einen funktionierenden Verdauungstrakt - baute er 1737 auch einen mechanischen Flötenspieler. Dieser hatte ein Repertoire von zwölf Liedern und wurde von einer mechanischen Stiftwalze gesteuert. Dabei bewegte er sich in der üblichen Drehung und konnte zusätzliche Bewegungen zur Seite vollführen, die durch ein Schneckengetriebe bewirkt wurden. Die für die Aufklärung zentrale Vernunft und Logik findet im Zahnrad ihre Verkörperlichung, und in der Imitation von Leben durch Automaten spiegelt sich schließlich das mechanische Weltbild.



In seinem 1632 verfassten, aber erst 1662 erschienen Traité de l‘homme geht René Descartes hauptsächlich darauf ein, dass der Mensch einer Maschine gleicht und sein Herz wie ein Ofen funktioniert. Dieser ursprünglich von Gott geschaffene Apparat, arbeitet selbständig gemäß seiner Mechanik. Dabei bezieht er die verschiedenen physiologischen Vorgänge auf automatische Bewegungen der Teilchen oder chemische Umsetzungen. Das Nervensystem verglich Descartes mit einem hydraulischen System von wassergefüllten verbundenen Röhren. Darauf aufbauend sah der bretonische Arzt und Philosoph De La Mettrie Tiere und Menschen als aufrecht kriechende Maschinen.



Der österreichisch-ungarische Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen konstruierte 1769 den »Schachtürken«. Der Erbauer ließ bei den Zuschauern den Eindruck entstehen, dass die Maschine selbständig Schach spiele. Tatsächlich wurde er durch einen im Automat versteckten menschlichen Schachspieler gesteuert. Ironischerweise arbeiten heute Tausende Mikrojobber als »artificial artificial intelligence«. Für Centbeträge korrigieren sie beispielsweise algorithmisch generierte Bildunterschriften von Webseiten - von Hand aus. Die Plattform für diesen Dienst heißt »Amazon Mechanical Turk«, die Mikroarbeiter werden »Turks« genannt.



Das Jahr 1789 und der napoleonische »Code civil« brachten viele gesellschaftliche Änderungen mit sich. Alte Gesetze wie die »Luxusverordnungen« fielen, die Repräsentation – etwa mit prunkvollen Flötenuhren - allein dem Adel vorbehielten. Der Aufstieg des Bürgertums begann, ebenso das Zeitalter »freier Marktwirtschaft« und »freier Berufswahl« – gepaart mit technischen Innovationen. In Wien waren in den 1820er Jahren die Spielwerke nicht mehr nur elitärer Musikkonsum, sondern dienten auch der Unterhaltung in gehobenen Gasthäusern. Selbst Beethoven lobte Spieluhren, die angeblich zeitgenössische Kompositionen besser intonierten, als manches professionelles Orchester. Gleichzeitig wurden die allgegenwärtigen Automaten durchaus auch als Lärmbelästigung empfunden. Selbst Kommoden-, Rahmen- und Bilderuhren wurden mit kleinen Spielwerken bestückt. In der ersten Hälfte des 19ten Jahrhunderts sind allein in Wien rund 40 Flötenuhrenhersteller nachweisbar.



Jenseits Europas waren mechanische Musikinstrumente auch beliebte Sammlerobjekte, wie an indischen Fürstenhöfen. So zeigt der Automat „Tipus Tiger“ aus dem späten 18ten Jahrhundert einen Tiger bei einer Attacke auf einen europäischen Soldaten oder Angestellten der British East India Company. Er erzeugt dazu passende Geräusche und Bewegungen, und ist wohl als Revanche-Technologie zu verstehen.


Schon seit dem 16. Jahrhundert bereicherten kostbar mechanische Flötenuhren wohlhabende und kulturell gehobene Kreise der Patrizier. In Privathäusern zur Schau gestellte Kunsthandwerke in verschiedenen Größen und bis zu drei Registern mit 82 Pfeifen, auch mit Tanzfiguren, Blüten aus Perlmutt und anderen Materialien. Mozart, Bach und Beethoven schrieben eigens für dieses automatisierte Instrument. So kann die Flötenuhr als deren einziger rudimentärer Tonträger angesehen werden, und erlaubt so auch Einblicke zu Fragen historischer Aufführungspraxis.

 


ARABISCHE RENAISSANCE – Banu Musa
Einen Vorfahren von Vaucasons Flötenspieler kann man im »Book of Ingenious Devices on Automata and Mechanical Devices« finden. Die Brüder Banu Musa - Studenten im Haus der Weisheit in Bagdad um 900 – zeigen darin mehr als 100 erstaunliche Erfindungen. Kinetische Skulpturen, automatisierte Instrumente und allerlei Maschinen, die vorwiegend über Wasserdruck funktionieren und meist zur Unterhaltung und zum Vergnügen bestimmt waren. Darunter findet sich auch ein Automat, der nicht nur Flöte spielen kann, sondern sogar mithilfe von an Schnüren befestigten Ringen die Fingerbewegungen eines Spielers aufzeichnet. Diese auf Rollen festgehaltenen Bewegungen können wiederrum von dem Automaten wiedergegeben werden. Die Sammlung enthält komplexe hydraulische Aufbauten, und ist auch als »Book of Tricks« bekannt. Die Brüder veröffentlichten auch astronomische Beobachtungen zur Sonne und zum Mond. In der Wüste Mesopotamiens maßen sie die Länge von einem Grad. Zudem maßen sie die Länge eines Jahres recht genau auf 365 Tage und 6 Stunden. Sie veröffentlichten fast 20 Bücher, von denen die meisten leider verloren sind. Viele Texte der antiken Griechen wurden im Haus der Weisheit ins Arabische übersetzt, und wären wohl ansonsten durch den Brand von Alexandria für immer verloren gegangen. Die meisten der klassischen Griechen lesen wir also in einer Rückübersetzung aus dem Arabischen.

 


ANTIKE
Diese Übersetzungen werden die Banu Musa auch zu ihren Maschinen inspiriert haben. Die Griechen hatten allerlei Automaten erfunden, von den Theatermaschinen mit denen Schauspieler als »Deus Ex Machina« auf die Bühne gehievt werden konnten, bis hin zu uhrenähnlichen Maschinen wie dem Mechanismus von Antikythera – einer der visionärsten Maschinen der Griechen. Ein Fragment des Mechanismus wurde erst im Jahr 1900 in einem Schiffswrack vor der griechischen Insel Antikythera entdeckt. Lange wurde nach seinem Zweck und der Funktion seiner Mechanik gerätselt. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist er eine Art Uhr, die die Jahre der Olympischen Spiele anzeigen konnte, ein astronomisches Instrument, mit der der sich drehende Himmel nachgebildet werden konnte und eine Art analoger Rechner - oder Computer.
Heron von Alexandria beschrieb um 200 v.Chr. in »Automata« Theatermaschinen die Donner oder Regen imitierten, Tempeltüren die durch Wasserdampf betrieben selbständig öffnen und programmierbare kinetische Skulpturen. Er wiederrum griff auf einen der ersten Techniker überhaupt zurück – Ktesibios, der als Erfinder der Orgel gilt. Er kombinierte mehrere Pfeifenreihen, die unterschiedliche Klangfarben erzeugen konnten, wobei der notwendige Luftdruck durch fußbetriebene Kolbenpumpen erzeugt wurde. Diesen Prototyp entwickelte Heron zu einem durch Wasserdruck gesteuerten selbstspielenden Instrument weiter. Aus dieser Zeit sind auch fragmentarische Berichte über eine automatisierte Orgel in China während der Han Dynastie überliefert. Apollonius Pergaeus und Ktesibios beschrieben im 2ten Jahrhundert vor Christus auch erstmals hydraulische Prinzipien, und skizzierten einen automatischen Flötenspieler und eine Wasseruhr. Flötenautomat und Wasseruhr wiederum waren bereits im Ägypten um 1500 vor Christus bekannt.



Hier verliert sich auch die Spur der »Maschine«. Obwohl es heißt Hephaistos, der griechische Gott des Feuers und der Schmiedekunst hätte in der Vorzeit zwei mechanische Dienerinnen aus Gold gebaut. Wie gut sie Flöte spielen konnten ist allerdings leider nicht überliefert.

 

www.gamutinc.org


Text: Marion Wörle und Maciej Sledziecki


Vielen Dank für inhaltliche und technische Unterstützung an Ulrike Näther, Andreas Seim und Klaus Biber vom Deutschen Musikautomaten-Museum Bruchsal

 

Collagen: Marion Wörle

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der unsere Informationen ergänzt. Sie können ihn mit einem Klick ansehen, wenn Sie die entsprechenden Cookies zulassen. Youtube
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Vimeo, der unsere Informationen ergänzt. Sie können ihn mit einem Klick ansehen, wenn Sie die entsprechenden Cookies zulassen. Vimeo