Online-Vorstellung

Phänomenologie des Verschwindens

Ariel Efraim Ashbel and Friends (Berlin)
Video-Performance

Dramaturgie: Romm Lewkowicz

Kostüme: Charlotte Werkmeister

Chorassistenz: Alexander Schweiß

Kamera & Schnitt: Daphna Keenan

Produktionsleitung: Anna von Glasenapp

 

Mit: Jessica Gadani (Performance)

In ihrer »Phänomenologie des Verschwindens« überführen Regisseur Ariel Efraim Ashbel und Komponistin Maya Dunietz die philosophischen Betrachtungen Georg Friedrich Wilhelm Hegels »Über Herrschaft und Knechtschaft« in eine Performance, die Lust am Denken bereitet. Hegels Analyse des menschlichen Selbstbewusstseins, das durch die Begegnung von Herrscher und Beherrschtem geformt wird, überträgt die Künstlergruppe auf den Opernkanon. Dieser liefert schließlich oft genug ein Abbild der Willkürherrschaft der Europäer und einen romantisierten Blick auf ihr Verhältnis zu den »Nicht-Europäern«, der Hegels Metapher von der Beziehung zwischen Herr und Knecht anschaulich macht.

Ariel Efraim Ashbel and Friends haben ihr ursprüngliches Konzept für diese Festivalpremiere den neuen Produktionsbedingungen angepasst. Statt des NTM-Bürgerchors »Alphabet-Chor« hat die Performerin Jessica Gadani nun allein Hegels Text in eine sinnliche und teilweise urkomische Begegnung zwischen den unterdrückten und entfesselten Geistern einer alten Kunstform überführt.

 

Die Kunsthalle Mannheim stellt das Video-Kunstwerk im Zeitraum des Festivals samstags, sonntags und dienstags von 14.30 bis 17.00 Uhr auf ihrer großformatigen Videoleinwand im Atrium aus.

 

 

Die deutsche Übersetzung der Texte zu Phänomenologie des Verschwindens finden Sie hier.

 

Die deutsche Übersetzung der Antworten auf die 5 Fragen an Ariel Efraim Ashbel finden Sie unterhalb des Textes. Bitte klicken Sie auf das Dropdown-Menü »Übersetzungen«.

 

Die deutsche Übersetzung des Gesprächs zwischen Ariel Efraim Ashbel und Romm Lewkowicz von finden Sie hier.

 

 

Eine Produktion von »Mannheimer Sommer« 2020 in Kooperation mit der Kunsthalle Mannheim.

 

 

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

 

 

Fotos: Ariel Efraim Ashbel and friends

5 Fragen an Ariel Efraim Ashbel

 

Übersetzung aus dem Englischen

 

 

1. Hegel ist nicht gerade der Philosoph mit den anschaulichsten Gedankenbildern. Wie bist du auf ihn gekommen?

Ich bin auf Hegels Schriften gestoßen, als ich Philosophie an der Universität von Tel Aviv studiert habe. Das ist die einfache Antwort, vielleicht kann ich das später genauer ausführen. Der Kanon der Universitätslehre in Israel ist angelehnt an den deutschen Kanon. Also wenn man Philosophie in Tel Aviv studiert, dann lernt man, dass Kant der Gott ist und Hegel der Sohn Gottes. Nachdem ich Theaterwissenschaft studiert habe, habe ich Philosophie und Geschichte studiert und so Hegels Schriften kennen gelernt.

 

2. Welche Aktualität hat Hegels Schrift?

Das ist eine gute Frage, es kommt drauf an, wen man fragt. Natürlich ist Hegel nicht hochaktuell. Aber auf der anderen Seite sind diese Definitionsfragen, die Denkerinnen und Denkern, Künstlerinnen und Künstlern »Relevanz-Atteste« ausstellen, nicht wirklich meine Baustelle. Das ist anachronistisch und nicht gerade produktiv. Ich denke, Hegel ist ein Philosoph des 19. Jahrhunderts. Er war aktuell in seiner Zeit. Offensichtlich ist das nicht die Aktualität unserer Zeit, insbesondere wenn man den Kontext seiner Schrift »Über Herrschaft und Knechtschaft«, welche wir als Grundlage unserer Performance nutzen, kennt und sich auch mit anderen Texten von ihm beschäftigt. In Hegels Werk findet man eine Menge verstörender, rassistischer Schriften. Er vereint seine Anschauungen über Herkunft, Rasse, Kultur und Imperialismus zu einer These, die besagt: Die höchste Entwicklungsstufe des Menschen ist der Nationalstaat. Und er leitet davon ab, dass alle anderen Menschen den Weißen unterlegen sind. Das ist eine Aussage, die wir heute nicht ernst nehmen können, mehr als Witz verstehen. Auf der anderen Seite ist die Kultur, in der wir heute leben, von Menschen wie Hegel gemacht. Also sind seine Ideen unglücklicherweise doch relevanter für uns, als wir gerne zugeben.

Es gibt noch eine andere Antwort auf die Frage, die eher mit den Menschen zu tun hat, die Hegel interpretiert haben. Viele der Aspekte der Dialektik, die Hegel in der »Phänomenologie des Geistes« darlegt, haben sich in anderen Schriften weiterentwickelt. Marx hat Hegel gelesen. Freud hat Marx gelesen, Lacan hat Freud gelesen und Judith Butler beschäftigt sich mit Lacan. Judith Butler hält Hegel für absolut relevant. Das ist ein anderer Zugang. Ich denke, dass diese Art des interdisziplinären Denkens, die Art wie sich Menschen auf dialektische Weise, mal enger und mal entfernter, mit Hegel auseinandersetzen, ist eine Alternative zur Kontextualisierung Hegels innerhalb seiner eigenen Zeit.

 

3. Ein Chorstück auf Grundlage von Hegels Text, komponiert von Maja Dunietz, sollte zentrales Element der Performance werden. Genau dieses Stück kann nun wegen der Epidemie nicht aufgeführt werden. Was tritt an die Stelle?

Etwas ganz anderes. Eigentlich basierte die geplante Performance auf einem Dialog zwischen dem Chor, der Hegels Text singt und einer Solistin, die auf den Chor reagiert. Eine philosophische Debatte, die sich durch die Musik entfaltet.

Was wir nun machen ist, dass wir in die Kunsthalle Mannheim gehen, die wirklich superschön und ganz neu ist, und wir werden ein Video mit Jessica Gadani drehen, der Sängerin, die eigentlich die Dialogpartnerin des Chores gewesen wäre. Wir werden sie an verschiedenen Orten im Museum filmen und so Extrakte aus der ursprünglich geplanten Performance in einen Film verwandeln.

 

4. Wie verortet sich das Projekt zwischen Musiktheater, Film und Kunstausstellung?

Eine gute Frage, die gleichzeitig die Antwort liefert. Es ist ein interdisziplinäres Experiment zwischen Film, Skulptur und Musiktheater. Die Frage nach der Position des Einzelnen im Verhältnis zum Theater, das Verhältnis des Menschen zu einer posthumanistischen Welt, ist eine, die mich als Künstler sehr beschäftigt. Also freue ich mich immer, wenn ich die Möglichkeit habe, mit einer einzelnen Darstellerin zu arbeiten, denn da kommt man an den Kern der Frage. Ein einzelner Körper tritt sofort in ein besonders Verhältnis zum Raum. Dieses Verhältnis kann sehr genau betrachtet und analysiert werden. Noch wissen wir nicht, wo der Prozess uns hinführt, aber wir denken auch darüber nach, die Möglichkeiten des Digitalen zu nutzen, um den einzelnen Körper zu multiplizieren… wir werden das noch herausfinden.

In jedem Fall denke ich, Theater und auch Oper sind interdisziplinäre Kunstformen. Ich habe den Begriff Theater immer mehr als eine Beschreibung des Ortes, der Architektur verstanden. Das Theater ist ein Ort, in diesem kommen verschiedene Künste in den Dialog. Nun nutzen wir diese Aspekte des Theaters und nehmen die Kamera als weiteres Mittel dazu.

Es gibt außerdem drei verschiedene Videos, die unsere Arbeit inspirieren. Eines ist ein superschönes Video von Barbra Streisand aus den 60ern, in dem sie in einem Museum singt. Die zwei anderen sind vom Popsänger Drake, die dieses Video ästhetisch aufgreifen.

 

1. Drake - Toosie Slide - YouTube

2. Drake - Hotline Bling - YouTube

3. Color Me B*rbra (Dieses Video ist leider inzwischen nicht mehr auf youtube verfügbar)

 

5. Du bist Israeli in Deutschland und beschäftigst dich in deiner Arbeit mit Abstraktion und Queerness. Was haben diese Aspekte mit der Kunstform Oper zu tun?

Ich weiß nicht viel über die Oper. Ich bin nie dagewesen. Meine Ohren sind nicht daran gewöhnt. Es hat sicher mit Kultur zu tun, aber auch mit Klasse… Es gibt ein Opernhaus in Israel, aber da gehen eigentlich nur ältere »aschkenasische Juden« (Anm. d. Übers.: Nachfahren der Mittel- und osteuropäischen Juden), also »weiße Juden« hin, die versuchen, Israel als Replikat eines europäischen Landes nachzubauen. Aber genau darum ist Oper auch so interessant für mich, ich fühle mich dieser Kultur nicht verbunden. Für mich sind da schreiende Menschen auf der Bühne und ich verstehe überhaupt nicht warum. Aber je mehr ich darüber lerne, glaube ich zu verstehen, dass die Politisierung dieser Kunstform einigermaßen neu ist. Komischerweise hat die Oper durch die Jahrhunderte versucht, sich außerhalb politischer Kontexte zu bewegen. Ich gucke also auf die Oper als Außenstehender.

Meine Arbeiten mit den Begriffen Abstraktion und Queerness zu beschreiben ist definitiv richtig. Abstraktion und Queerness sind miteinander verbunden, als Praktiken, die beide Logik und Generalisierungen unterlaufen. Also wenn ich, wie du auch sagst, mich als israelischer Künstler beschreibe, der nach Deutschland gekommen ist, um dort zu arbeiten, dann sind daran gewisse Erwartungen geknüpft. Ich habe darüber hinaus bemerkt, dass bestimme Arten von Wissen nur bestimmen Gruppen vorbehalten sind. Also, weiße Menschen dürfen abstrakt arbeiten, dürfen Sound und Texturen erforschen, abgehoben sein und Dinge wie Wolken und Bäume und das Universum künstlerisch untersuchen. Braune Menschen, jüdische Menschen sollten sich mit dem Holocaust oder Trauma oder dem Nah-Ost-Konflikt befassen. Und ich habe das Gefühl, meine Mission ist es, diese Logik anzufechten, um mich davon zu befreien. Auch wenn ich dieses Thema nie explizit anspreche, da mich die implizite Art mehr interessiert. Ich tue einfach nicht gerne, was man von mir erwartet, da ist schließlich nicht das, wonach Künstler leben sollten.

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