Schmuckeremitin

Anik Lazar (Hamburg)
Devadasi* – Edelpennerin – Hobby-Seelsorgerin
Installation und Werkkommentar

Die bildende Künstlerin Anik Lazar hatte eigentlich vorgehabt, den »Paradiesgarten« über den gesamten Zeitraum des Festivals als sogenannte »Schmuckeremitin« zu behausen. Solche Eremiten gehörten zum festen Inventar der Landschaftsgärten des 18. Jahrhunderts und widmeten ihr Leben unter höchst prekären Bedingungen dem pittoresken Nachdenken und der Andacht. Die auch als »Schraubergöttin« bezeichnete Wahlhamburgerin, die aus dem, was andere Leute wegwerfen würden, kuriose Riesenkunstwerke baut und diese sogar oftmals als Musikinstrument bespielt, hätte ihre politisch-philosophischen Betrachtungen zum Festivalprogramm wiederum in ein begehbares Kunstwerk verwandelt.

Nun wird es keinen »Paradiesgarten« geben, der subversiv umgestaltet und frech kommentiert werden kann. Darum erschafft Anik Lazar ihre Eremitage als Artefakt einer Installation, die nicht stattgefunden haben wird. In der Rubrik »Festivalzentrum« sowie hier auf der Seite werden Fotos dieses Werkes im Gestus der Erinnerung gezeigt, als visuelles Denkmal für ein Kunstwerk, das hätte sein können und das nun nicht in die Welt gekommen ist.

 

Legende zu den Bildern:

Zelt außen

Zelt innen

Zelt innen Zoom

Sticknadel & Stickgarn

Stoffstücke zum Besticken

Spruchband zum Besticken

Halskette mit großer Mutter

Beschriebene und bestickte Baumwollkleidung

Fußkettchen

Sitz für Gäste

Teppich, getuftet

Banner, bemalt und bestickt

 

 

* Der Begriff »Devadasi« ist ein Wort aus dem Sanskrit, das sich aus »Deva«, »die Göttliche« und »Dasi«, »Dienerin«, zusammensetzt und zusammen übersetzt »Dienerin Gottes« bedeutet. 1)

Ich bin mir der Problematik der Nutzung dieses Begriffs bewusst sowie der menschenunwürdigen Umstände, unter denen die heutigen Devadasis Indiens leben. Ich beziehe mich hier auf die Bedeutung aus der Zeit, in der die Tempeltänzerinnen eine breitgefächerte künstlerische Ausbildung hatten und gesellschaftlich anerkannt waren (etwa im 7./8. Jahrhundert). Der gesellschaftliche Abstieg der Devadasis und somit die Abwertung des Begriffs hat verschiedene Ursachen und eine lange Geschichte, zur letzten Entwertung trugen die englischen Kolonialmächte bei, die den Zusammenhang zwischen Sinnlichkeit und Gottesdienst nicht mit ihren Moralvorstellungen fassen konnten, die Weihungen der Devadasis verboten und sie so in die Prostitution trieben. 

 

1) (Gupta, R.K. 2007. Changing status of devadasis in India. Delhi: Sumit Enterprises: 138, zitiert nach Dorothea Sutor »Devadasis in Indien: Von heiligen Tempeltänzerinnen zu kommerziellen Prostituierten«, 2., 2.1, Hausarbeit, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 2013)

 

 

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

 

 

 

Den begleitenden Werkkommentar der Künstlerin können Sie hier nachlesen:

 

SCHMUCKEREMITIN

 

Der Schmuckeremit verachtet die Zivilisation, denn all die bürgerlichen TO DOs stellen sich zwischen ihn und seine Betrachtungen, in die er sich versenkt, scheinbar unabhängig von Zeit und Raum. Um seine geistigen Aktivitäten zu unterstreichen, lässt er alles Körperliche soweit möglich weg, das eine schließt schließlich das andere aus. So zeugt sein Bart – lang und zottelig – und der Geruch seines ungewaschenen, ausgemergelten Körpers von seiner geistigen Frische und Brillanz. Jedenfalls nehmen ihm das die lustwandelnden Gäste ab, die zwischen Rosen- und Fliederbüschen schon von Weitem die Hälse recken, um den verwahrlosten Weisen zu sehen.
Der Schmuckeremit legt sich in die Sonne vor sein Fass und begibt sich auf eine katathymimaginative1 Reise.


Er versucht, sich eine Wiese vorzustellen, doch alles, was er vor seinem inneren Auge sehen kann, ist eine karge Ebene, der Boden ist trocken und rissig.
WASSER! denkt er.
Da sieht er etwas fein im gleißenden Sonnenlicht glitzern:
Ein Rinnsal schlängelt sich durch die verdorrte Landschaft.
Fiebrig folgt er ihm bachaufwärts.
Das Rinnsal führt ihn durch verbrannte Wälder, über schroffe Felsen und vorbei an mumienhaft dürren Leichen, immer weiter bergauf.
Er hat großen Durst, kann jedoch das Wasser nicht erreichen. Greift er danach, vertrocknet die Stelle um seine Hand auf sonderbare Weise.
Als er, dem Zusammenbruch nahe, den Gipfel eines Berges erreicht, fällt er auf die Knie und ruft, zum Himmel blickend:


Was mache ich hier? Warum ist es hier so tot? Gott, hilf mir!


Er sinkt zusammen und fühlt Tränen aus seinen Augen fließen, endlich Flüssigkeit.
Er schaut auf.
Vor ihm, auf einem Felsen, aus dem die Quelle sprudelt, sitzt eine Göttin.
Ihr langes schwarzes Haar fällt ihr in Wellen über die Schultern, auf dem Kopf trägt sie eine ornamentreiche Krone, um den Hals eine Kette aus Blüten.
In einer Hand hält sie einen Dreizack, in der anderen eine knöcherne Schale.
Blühend schön sitzt sie entspannt dort und lächelt ihn an2.
Auf eine Handgeste kommen wie aus dem Nichts ebenso schöne, mit Gold und Blüten geschmückte Tänzerinnen.
Sie legen Früchte und Süßigkeiten zu Füßen der Göttin und beginnen zu tanzen.
Das Schlagen ihrer Füße bringt den Boden zum Zittern, der ganze Berg vibriert3, ihr Lachen klingt wie ein tosender Wasserfall in seinen Ohren. Die anmutigen Bewegungen ihrer Körper lässt ihn taumeln.
Da hört er die Göttin drei Worte in sein Ohr sprechen.
Es fängt zu regnen an.
Erneut sinkt er zu Boden, lächelnd mit offenem Mund, trinkend.


Der Schmuckeremit blickt sich um, es ist Morgen, wie viel Zeit ist vergangen?, er sieht sein Fass. Seinen langen zottigen Bart. Seine – vollen BRÜSTE?!
Kratzt sich am Kopf. Tastet mit den Händen vorsichtig seinen Körper ab. – IHREN KÖRPER?! Die wohlgeformten Schenkel, die zarten Hände – WAS IST PASSIERT?!


Sucht im Fass nach etwas, findet das Messer und eine Lotusblüte, betrachtet die Gegenstände lang und nachdenklich.
Streicht noch einmal vom Scheitel bis zu den Fußsohlen mit den Handflächen über die weiche Haut. Ich rieche wie ein Pfirsich. WAS IST PASSIERT?


Meine Weisheit war ein Outfit. Ein Outfit, das eine von zwei Dualitäten verdrängte. Ein Outfit, dem etwas fehlte. Meine Knochen sind eingerostet, mein Körper möchte sich bewegen.
Ich erfinde mich neu.
Ich werde unterwegs sein.
Ich möchte tanzen lernen bei den Devadasis des alten Indiens, die vierundsechzig Künste beherrschten4, möchte ihren Tempeltanz lernen, den Ursprung des orientalischen Tanzes.
Ich werde malen, sticken, dichten.
Ich werde kommunizieren.
Ich werde in Beziehung treten mit meinen Besuchern*innen.


Dann


stampft sie mit den Füßen auf den Boden.
schneidet sich den Bart ab.
Steckt sich die Lotusblüte ins zottelige Haar und macht sich auf den Weg.


Seitdem hat sie eine turbulente Zeitreise hinter sich:
Wo sie überall war, ist nicht bekannt. Es scheint, sie hat einiges gesehen, gelernt, aber auch Fragen offen, die ihre Kleidung schmücken, neben Mantren wie

FRAGE, ATME, LERNE.! !


Im Paradiesgarten vor dem Nationaltheater Mannheim macht sie im Jahr 2020 Station auf ihrer Reise der Transformation vom romantischen Schmuckeremiten zur zeitreisenden Schmuckeremitin. Im Gepäck hat sie Stifte und Sticknadel und Adavus5, die sie vor ihrem Zelt übt.
In ihrem Zelt, empfängt sie einzeln Gäste, die ihr eine Frage stellen dürfen. Mit Sticknadel und Garn antwortet sie, das so bestickte Stück Stoff dürfen die Besuchenden mitnehmen.

 

 

1 Die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) ist ein von Hanscarl Leuner 1954 eingeführtes tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren, das anfänglich unter den synonymen Begriffen Katathymes Bilderleben (KB) und Symboldrama bekannt wurde. […] Sie bietet außer dem verbalen Verfahren auch eine Förderung und Anregung der Symbolisierungsprozesse an, was als eine Voraussetzung für Änderungen der Persönlichkeitsstruktur angesehen wird. (https://de.wikipedia.org/wiki/Katathym_Imaginative_Psychotherapie, 21.06.2020)


2 beschrieben wird hier die südindische Regengöttin Myriamman, auf die spätere, post-vedische Göttinen wie Parvati, Kali und Durga zurückgeführt werden.


3 frei nach Beschreibungen der buddhistischen Göttin Tara


4 According to the Kama Sutra, which was written around the 4th Century C.E. by the famous yogi, Mallanaga Vatsyayana, noble ladies, dancers and concubines, besides striving to be modest and beautiful, aimed at mastering 64 arts. (http://thebestofhabibi.com/vol-19-no-2-sept-2002/rebirth-ofthe-sacred-dancer/, 20.06.2020)


5 https://onlinebharatanatyam.com/2007/07/21/more-about-adavus/, 21.06.2020