Opernhaus

Superflumina

Salvatore Sciarrino Premiere: Fr, 20. Mai 2011

»Die Einsamkeit ist nichts als die Oberfläche des Verlassen-Seins. Dieses verursacht noch tiefere Wunden, unsichtbare, deren Spuren sich verloren haben: Dieser Schrei kann wie eine Katastrophe in jedem von uns erwachen, in jedem Moment.«
(Salvatore Sciarrino)

Der Schauplatz von Sciarrinos neuem Musiktheater nach einem lyrischen Roman von Elisabeth Smart ist ein großer Bahnhof. Ein Ort kollektiver Ströme und Wanderungen, des Ineinanders von Masse und Vereinsamung. Ein Ort vergrößerter Geräusche, ein Sammelbecken für die Heimatlosen. Die Protagonistin ist eine Frau, die obdachlos und verloren scheint und eine schmerzdurchwachte Nacht erlebt: Sie spricht in Rätseln, bleibt ungehört oder unverstanden, wir erleben einzig Fragmente ihrer Geschichte und ihrer Begegnungen.

Salvatore Sciarrino gehört zu den zeitgenössischen Komponisten, die maßgeblich zur Erneuerung des Musiktheaters in unserer Zeit beigetragen haben. Seine unverwechselbare Klangsprache, die oft die Grenzen des Klangs abtastet, verbindet sich mit einer neuartigen Dramaturgie. Flüsternde Klänge und vokale Andeutungen entspinnen eher innere als äußere Geschichten. Das Fragmentarische, Zögerliche, manchmal zeitlos Schwebende ersetzt vordergründige Theatralik und Aktion. Das Unterdrückte scheint wesentlicher als das Ausgedrückte, die Andeutung wichtiger als das scheinbar Eindeutige. So umkreisen seine Musiktheaterwerke, für die zahlreiche literarische Quellen die Textgrundlage bilden, oft das Unsichtbare oder Namenlose, den inneren Raum und das eingefrorene Gefühl. Sciarrinos Musiktheater macht uns aufmerksam.

 

Dauer: ca. 1 Stunde und 40 Minuten, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

 

Andrea Schwalbachs uneitle und dabei überaus wirkungssichere Inszenierung gibt Anna Radziejewskas Ausdrucksvermögen einen klar konturierten Rahmen, in dem sich ihre beharrliche Irrealität mit großer Präsenz entfaltet. Manchmal wird dem Klangraum der Musik eine choreografische Zeichenebene (Thomas McManus) beigefügt. Anne Neusers Bühne, ein abstrahiertes Bahnhofsinterieur mit Säulen und Bewegungsdiagonale, unterstützt die räumliche Ambivalenz, ermöglicht gleichermaßen bedrängende Enge wie bedrohliche Weite und entrückt manchmal den ganzen Raum mit flirrenden, fraktalen Projektionen, in die die Realität in Gestalt eines Polizisten (Artur Janda) oder eines jungen Mannes (Thomas Lichtenecker) eindringt. […] Tito Ceccherini am Pult des Orchesters der Mannheimer Oper kann offenbar auf eine fruchtbare Probenarbeit für diese komplizierte Partitur zurückblicken und sich auf das Orchester verlassen. Timing und Dynamik sind perfekt ausgearbeitet, Farben zurückhaltend eingesetzt.(Frankfurter Rundschau, 23. Mai 2011)

 

Sciarrinos Obdachlose als eine Schwester von Verdis Violetta Valéry: Faszinierend, wie hier Menschenschicksale aus scheinbar weit auseinanderliegenden Zeiten in unsere psychische Nähe gerückt werden. Diese spürbare Bedrängung, ja Erschütterung unseres doch so unerschütterlichen Selbstbewusstseins wurde in der Mannheimer Uraufführung noch intensiviert durch die überlegene Gestaltungskraft der Sopranistin Anna Radziejewska. Eine grandiose Studie der Verlorenheit, die eindringlich zeigte, wie ein Mensch durch äußeren existentiellen Druck langsam seelisch zerstört wird – bis hin zur Auflösung seiner Identität.
Sciarrinos Fähigkeit, mit seiner Musik gleichsam ins Innere seiner Figuren vorzustoßen, sie schmerzhaft zu durchleuchten, ihre wahren psychischen Dispositionen aufzuzeigen, hat in „Superflumina“ noch einmal eine gesteigerte Sublimierung und kompositorische Dringlichkeit erreicht. Nicht zuletzt auch durch eine überzeugende szenische, vokale und orchestrale Darstellung, die dem Leistungsstandard der Mannheimer Oper das beste Zeugnis ausstellt (Dirigent: Tito Ceccherini, Inszenierung: Andrea Schwalbach).
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 2011)

 

Man muss nur eine paar Takte hören und ist sofort wieder gebannt von der Suggestivkraft, die der Musik Salvatore Sciarrinos innewohnt und der ganzen Rätselhaftigkeit seines Komponierens: Wie schafft es dieser italienische Komponist, mit wenigen zarten Klängen eine so starke musikdramatische Wirkung zu erzielen? Sciarrino erzählt, indem er alles Äußerliche verschweigt. Er knipst in seinen Opern das Licht im Theater aus und fasst in Töne, was in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen ist – Celloseufzer wie von einem kranken Tier, ein Aufschrei mit zugehaltenem Mund von der gestopften Posaune, gehauchte Flötentöne und geriebene Metallgeräusche, die wie knirschende Gedanken ihre Schleifen ziehen. Sciarrino setzt ein riesiges Orchester in den Operngraben und lässt doch immer nur wenige Instrumente zugleich spielen. Das verleiht seiner Musik eine enorme Raumtiefe, in der manches ganz nah und präsent erklingt und anderes aus unbestimmbarer Ferne herüberwispert. Im Zentrum seiner stets nur mit wenigen Rollen besetzten Opern stehen immer Frauen – hoch empfindsame, somnambul visionierende Hysterikerinnen, deren Stimmen wir Seismografen funktionieren: Über lange Passagen hinweg schlagen sie nur schwach aus, um urplötzlich ihrer inneren Erregung in verdichteten, expressiv gezackten Linien Ausdruck zu verleihen. […] Eine erschütternde Verlassenheitsklage stimmt sie an (von Anna Radzijewska grandios gesungen), die den großen Lamentogesängen von Claudio Monteverdi bis Luigi Nono in nichts nachsteht. (DIE ZEIT, 26. Mai 2011)

 

Melismenreich und mit vielen Punktierungen, oft auf nur einem Ton mäandert der Gesangspart der identitätslosen Protagonistin in variierten Wiederholungen dahin. Und doch entsteht eine facettenreiche Innenspannung, gepaart mit einer sehnsuchtsvoll südländischen, ja belcantistischen Klanganmutung. Anna adziejewska seiltänzelt sich mit rößter Sicherheit und feinfühliger Tonbalance durch diese monströse Partie, die - nicht nur wegen dem zerfetzen Ballettröckchen unter dem grauen Parka – auch immer wieder an eine alt gewordene, sozial geschädigte Colombina aus der Commedia dell’arte erinnert. Tito Ceccherini dirigiert diesen, von extremen Einzelstimmen geprägten, aber sich auch kurzzeitig zu scharfen Tutti-Ballungen ausweitenden Einakter mit klugem Gespür für Klangwirkungen, die sich nie in den Vordergrund drängen und diesem Stück doch einen unverwechselbaren Sciarrino-Stempel aufdrücken. Andrea Schwalbach inszeniert in Anne Neusers leerer Bühne zweckdienlich, ohne jedes Regie-Tamtam. Am Anfang schält sich die Frau aus einem Haufen ihr Gesicht abwendender Paare und Passanten, am Ende scheint sie mit dem Einkaufswagen und den alten Kleidern im Vordergrund zu verschmelzen, während hinten die Statisten eines neuen Arbeitstages vorbeihasten. (Die Welt, 23. Mai 2011)