The Outcast

Olga Neuwirth Premiere: Fr, 25. Mai 2012
Auftragswerk des Nationaltheater Mannheim

Der alte Schriftsteller und Zollbeamte Melville lässt sein Leben Revue passieren. Er sinnt nach über seine Kindheit, das Schreiben, über Macht und Ohnmacht und das rätselhafte, unermessliche Meer. Immer stärker drängen  sich ihm Fragen nach dem Menschen und seinen Abgründen auf. Dabei trifft Melville auf Figuren aus seinen eigenen Romanen, insbe­sondere aus Moby Dick. Trotz – oder wegen – der Suche nach tieferen geistigen Wahrheiten, die er in Analogien zwischen der menschlichen  Seele und der unerbittlichen, aber schönen Natur aufzuspüren hofft, zielt das Begehren dieses Wissenden, aber Gescheiterten, letzt­lich nur auf »Heilung durch das Meer«.

Die Inspiration zu The Outcast lieferte der Schriftsteller Herman Melville, der wie kein Zweiter in seinem Werk der menschlichen Natur in ihrem unersättlichen Verlangen nach pragmatischer Nutzbarmachung der Welt nachspürt. Auch Moby Dick ist viel mehr als ein Abenteuerroman und wurde mit seiner Vielschichtigkeit zu einem der einflussreichs­ten Prosawerke der Moderne. Olga Neuwirths Musiktheater ist von filmischen Elementen beeinflusst, die sich in unerwarteten Schnitten, Überblendungen und Montage zeigen. Dabei sucht die Komponistin mit ihren intermedialen Konzeptionen nicht eine Synthese der Künste, sondern Raum für eine »schöpferische Fantasie, um der Sprachlosig­keit über die Irrationalität des menschlichen Daseins zu entkommen.«

Olga Neuwirth erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2009 den South Bank Show Award für ihre Oper Lost  Highway sowie den Großen Österreichischen Staatspreis 2010.

 

Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung und der Stiftung Nationaltheater Mannheim
 

Neuwirth hatte einen aufwendigen Apparat aufgeboten. Neben der Komosition für Solisten, Orchester, Chor, Knabenchor und Statisterie hatte sie auch noch elektronische Zuspiele verfertigt und eingesetzt. Dass diese Musik so klar, so präzise und so überzeugend beim Publikum ankam, lag vor allem an Johannes kalitzke, dem Dirigenten des Abends, der völlig souverän im Orchetsergraben agierte und nebenbei noch Zeit fand, beruhigend auf den Knabenchor einzuwirken. (Die Welt, 1. Juni 2012)

 

„Johannes Kalitzke am Pult von NTO, Chor und Kinderchor macht seine Sache sehr gut. Das Orchester spielt intensiv, tariert die zwischen zarter Intimität, Anklängen an die Beggar’s Opera und fast popmusikalischer Ästhetik changierende Musik gelungen aus und setzt, etwa mit irisierenden Klangflächen, Spannungshöhepunkte. Melville-Darsteller Skrzypiciel ist exzellent. Sein Englisch: scharf, verständlich. Sein Ausdruck: fulminant. Die Sänger: Trine Wilsberg Lunds Ishmaela (aus „Moby Dick“) klingt prächtig, im Kern substanziell, in den ungewöhnlichen Koloraturbahnen sicher. Steven Scheschareg als Kapitän Ahab überzeugt in Gänze, trifft er doch mit fast Wotan’scher Macht die Nuance zwischen Befehlshaber und sympathischem Seebären, und auch die Knabenpartie Pip ist mit Felix Kober bestens besetzt. Er und Mutter Anke-Christine Kobers Knabenchor meistern die bisweilen atonalen Melodien sehr gut. Großes Kompliment! Bryan Boyce (Stubb) klingt gewohnt obertonreich, und Countertenor Andrew Watts (Queequeg) sowie Tenor Benedikt Nawrath (Starbuck) gelingen ihre verschrobenen Rollenporträts ebenfalls gut. Wenn Georgette Dee als Schreiber Bartleby über die Bühne schwebt, weht ein Hauch Bettleroper durch das NTM. Wunderbar.“ (Mannheimer Morgen, 29. Mai 2012)


„Olga Neuwirths Partitur gebührt volle Anerkennung. Die klug konzipierte Avantgarde-Musik nimmt den Hörer durch seltenen Facettenreichtum und eine kunstfertige kompositorische Handschrift gefangen. Mehrschichtigkeit der musikalischen Vorgänge bei regelmäßiger Überlagerung diverser Ebenen ist prägend für den Stil der österreichischen Tonsetzerin. Was bei ‚The Outcast‘ schon bei der Dramaturgie und den Gattungen beginnt: Oper und Schauspiel, Gesang und Sprache wechseln sich ab und überschneiden sich ständig.“

„Die maritimen Klangbilder sind allgegenwärtig in Neuwirths Musik mit ihren Wellenbewegungen, dem An- und Abschwellen des Tons, dem düsteren Grollen, den wuchtigen Schlägen im Orchester. Dessen Part wird dabei in fein ausgehörten Übergängen mit elektronischen Klängen kombiniert.“

„Der mit Männerstimmen besetzten ‚realen‘ Sphäre auf dem Walfangschiff stehen die ‚fantastischen‘ hellen Frequenzen von Ishmaelas hohem Sopran, einem Countertenor, einem Knabensopran und dem Knabenchor gegenüber. Neuwirth jongliert brillant mit Raumklangwirkungen und unterschiedlichen Stilebenen: von Avantgarde-Tönen bis zu Knabenchor-Sätzen.“

„Unter Johannes Kalitzkes Stabführung erlebte die Partitur eine einleuchtende Wiedergabe. Regisseur Michael Simon, auch für das Bühnenbild zuständig, steuerte eine temporeiche Inszenierung, ein hochtechnisiertes Spektakel mit aparten Bildern bei. Videoprojektionen kommentierten und illustrierten die Handlung, zeigten stürmische und ruhige Meeresbilder. Aufschriften auf Zwischenwänden zitierten Texte aus dem Stück.“ (Die Rheinpfalz, 29. Mai 2012)


„Olga Neuwirths hoch komplexes, vielschichtiges Musiktheater bezieht alle medialen Möglichkeiten mit ein. Die Trägerin des Heidelberger Künstlerinnenpreises (2008) und des Großen Österreichischen Staatspreises (2010) ist darüber hinaus eine besessene musikalische Handwerkerin, die nichts dem Zufall überlässt. Unter der kompetenten Leitung von Johannes Kalitzke garantierte dies eine technisch und musikalisch reibungslos verlaufende Premiere. Neben den anspruchsvollen Solistenpartien und der reichen Elektronik sind ein viel beanspruchter Männer- und vor allem ein Knabenchor die Hauptakteure dieses Werkes, das so ganz in der Tradition der Meerstücke Benjamin Brittens steht. Tilman Michael sowie Anke-Christine Kober und Francesco Damiani studierten diese Ensembles bestens ein, und so wurden die als Popeyes ausstaffierten großen und kleinen Seeleute (Kostüme: Zana Bosnjak) mit dem stärksten Schlussbeifall bedacht. Die Kinder-Solopartie des Kajütenjungen Pip sang Felix Kober mit hinreißender Selbstsicherheit und sängerischem Können.“ (Rhein-Neckar-Zeitung, 29. Mai 2012)

 

Neuwirths kompositorische Qualitäten bewahrheiten sich in der Balance aus relativer Einheit des Gesamteindrucks und aufgefächertem Personalstil, nicht auf eine längst fiktive Avantgarde-Homogenität fixiert. Schon die Kino-Affinität hat ihr Ohr geweitet für Jazz- und Rockmomente; nicht zuletzt die elektronische Sample-Technik sorgt für heterogene Materialien wie Blickwinkel. (FAZ, 30. Mai 2012)

 

Olga Neuwirth schafft mit von Synthesizern und Orchester produzierten Klangflächen eine spannungsgeladene Atmosphäre, in der Anton Skrzypiciels Worte raum gewinnen. Die Österreicherin mischt die akustischen Intsrumentalfarben mit den synthetischen so raffiniert, das man deren Ursprung nicht mehr erfassen kann. Der Klangteppich kann wie eine Meeresoberfläche beruhigend wirken oder verstörend, er kann Assoziationen freisetzen, Hoffnung entstehen lassen und Ängste schüren. Olga Neuwirth ist hell und metallisch. (Badische Zeitung, 30. Mai 2012)