Studio Werkhaus

Mädchen in Not (UA)

Anne Lepper Premiere: Do, 26. Mai 2016

ab sofort träume ich davon mein eigenes Leben zu führen ich bin mündig obwohl ich dazu eigentlich nicht erzogen wurde ab jetzt mache ich was ich will und ich will mit einer Puppe als Mann nach Italien

 

Baby will ein souveränes Leben führen, das heißt, nicht mehr so zu wollen, wie alle wollen, nicht mehr mitmachen zu wollen, wobei alle mitmachen, etwas Eigenes zu wollen. Aber was kann das sein, das Eigene, wenn es ohne Beispiel ist? Und wie könnte man es ausbilden, wenn eine Gesellschaft der Freunde des Verbrechens jeden, der auffällt in seiner Differenz, vernichten will?

Die Ausbildung eigener Bedürfnisse und die Ausbildung des eigenen Verstandes, die Entwicklung des Einzelnen zum mündigen Menschen wäre in ihrer reinsten Form ein künstlicher Mensch, der aber in Mädchen in Not nicht auftaucht.

 

Anne Lepper gewann mit ihrem Debütstück Sonst alles ist drinnen 2009 den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik. Es folgten die Stücke Käthe Hermann, Hund wohin gehen wir, Seymour und La Chemise Lacoste. Ihre Stücke wurden zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, zu den Mülheimer Theatertagen und zu den Autorentheatertagen ans Deutsche Theater Berlin eingeladen. Die Zeitschrift Theater heute wählte sie 2012 zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres, 2013 erhielt sie den Dramatikerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Das neue Stück Mädchen in Not entstand während ihrer Hausautorenschaft am Nationaltheater Mannheim in der Spielzeit 2014/2015.

Dominic Friedel war von 2012 bis 2015 Hausregisseur am Nationaltheater Mannheim, wo er u. a. Der Prozess, Die Ehe der Maria Braun/Draußen vor der Tür, Wir sind keine Barbaren! (DE) und die Bürgerbühnenproduktion Hoffnung auf größeres Wohlbehagen (UA) inszenierte. Seine Regiearbeit Seymour von Anne Lepper am Theater Bern wurde zum Schweizer Theatertreffen 2015 eingeladen.

 

Anne Lepper wurde für Mädchen in Not mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2017 ausgezeichnet.

 

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

Regisseur Dominic Friedel hat Erfahrung mit dem ganz speziellen Lepper-Sound. In Bern hat er ihr viel beachtetes Stück Seymour in Szene gesetzt. Er versteht es auch in Mannheim, seine Schauspieler*innen Subtexte rüberbringen zu lassen. Kongenial ist die Regie-Idee, die komplizierte Komposition der Geschichte als Marionettenaufführung mit naiver ballettöser Choreographie spielen zu lassen. Sein Team bewältigt diese Aufgabe mit bewundernswerter Intensität. Der Fluch der Suche nach dem idealen Glück wird als perfider Businessplan für ein letztlich scheiterndes Leben eindringlich vorgeführt. Alles ist zu kaufen, wenn man selbst käuflich ist. Die Magie der schönen neuen Welt, everything goes, ein grandioses Missverständnis. Ein faszinierendes und zugleich verstörendes Theatererlebnis ist in Mannheim geboten, nicht zuletzt wegen der phantasievollen Kostüme Peter Schickarts und der fulminanten Lichtregie von Wolfgang Schüle. (nachtkritik.de, 26. Mai 2016)

 

Am Nationaltheater Mannheim findet Dominic Friedel, erfahrener Lepper-Regisseur, schillernde Bilder für eine schillernde Situation. […] Effektvolle Bilder (Ausstattung: Peter Schickart) ergeben sich […], nicht zuletzt durch den Einsatz von Licht und Theaternebel, der die Chorauftritte begleitet – teils als trippelnde, trappelnde Zylinderträger, teils als Geisterlein in Ganzkörperanzügen auf leisen Sohlen. Anne-Marie Lux und Sabine Fürst als Baby und Dolly tragen Riesenpappköpfe auf ihren Körperchen, ebenso nach Bedarf Julius Forster und Hannah Müller als echte Männer und Duran-Duran. Michael Fuchs steht als Mutter rum und redet mit (›was werden die Leute sagen‹). Eine Freude, wie Fuchs nicht ins Parodieren gerät, sondern minimalistisch Komik produziert. Nur Müller als Duran-Duran wird spät ein wenig ertragreiches Sich-Ereifern abverlangt – Leppers Worte sprechen ja glasklar für sich –, ansonsten ist der Ton scharf, aber gedämpft. (Frankfurter Rundschau, 28. Mai 2016)

 

Baby (engagiert vielseitig: Anne-Marie Lux) träumt davon, ihr eigenes Leben zu führen. […] Neben Baby stößt Freundin Dolly (brillant: Sabine Fürst) ins gleiche Horn, nur ist ihr Klagelied trauriger: […] Dominic Friedel tut das einzig Richtige: Er zieht das bisschen Frauenfrust buchstäblich künstlich in die Länge. Dem umgekehrten Olympia-, Pygmalion-, Lulu-Stoff zuliebe verordnet er seinen Darstellern Automaten- und Puppenspiel. Melodramatik, Pathos, umhüllt ihn mit einer Wolke von artifizieller Spielastik, die […] zauberisches Kolorit belässt. (Mannheimer Morgen, 28. Mai 2016)

 

Man könnte die Uraufführung im Mannheimer Nationaltheater-Studio getrost in die Schublade der bemühten Dutzendware stecken und rasch vergessen, wäre da nicht die atmosphärische dichte Regie Dominic Friedels mit all ihren postbrechtianischen Verfremdungseffekten, mit den Stimm-Modulationen des spielfreudigen Ensembles, den grotesken Pappmasken, den puppenhaften Bewegungsmustern sowie den magischen Licht- und Projektionseffekten des Gespanns Regina Hess und Wolfgang Schüle. (Rhein-Neckar-Zeitung, 28. Mai 2016)

 

Anne Leppers jüngster Theatertext ist ziemlich witzig. Babys Ausbruchsversuch auf dem Trampelpfad in die selbstbestimmte Einöde eines bindungslosen Glücks mit Puppe produziert einiges an Situationskomik. [...] Anne Leppers Sprung in die Untiefen einer Freiheit jenseits aller heterosexuellen Bindungen ist ein bemerkenswerter Text, aber auch eine Herausforderung für Regisseurinnen und Regisseure. [...] Dominic Friedel, der mit einer Inszenierung von ›Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier‹ am Theater Bern schon einmal ein Händchen für Lepper-Texte gezeigt hat, siedelt das Stück konsequent in einer Puppenwelt an. (Theater heute, Juli 2016)