Opernhaus

Böse Geister

Adriana Hölszky (Komposition) / Yona Kim (Libretto) Premiere: Sa, 31. Mai 2014
»URAUFFÜHRUNG DES JAHRES 2014« (OPERNWELT)

Böse Geister errichten ein Labyrinth aus Leidenschaft, Angst und Obsession. Im Zentrum des Strudels, dem keiner zu entfliehen vermag, steht Stavrogin, ein genialisch veranlagter Desillusionierter, von dem sich die anderen Orientierung erhoffen. Wollte man in der Welt der Oper nach einem Pendant zu ihm suchen, käme einem sofort Mozarts Don Giovanni in den Sinn: Auch er die Triebfeder der Handlung, eine nicht zu fassende Figur, dessen Desinteresse für Moral ihn Taten begehen lässt, die wie ein Schatten über der ganzen Handlung hängen, da sie nicht rückgängig zu machen sind. Und die ihn als Charakter außerhalb der Gesellschaft verorten, während seine Taten tief ins Innere derselben eindringen. Doch während bei Mozart sogar die Hölle mit italienischer Leichtigkeit herausgefordert wird, verfärbt der sprichwörtliche russische Schwermut Dostojewskis Roman und Hölszkys Oper ins Unruhige und Dunkle.

Dostojewskis Roman Böse Geister ist wie kein zweites ein Buch der Stimmen: Die Tragödie einer Gesellschaft wird in Monologen und Dialogen entfaltet, die wie Kraftfelder die Handlung vorantreiben. Yona Kims Libretto nutzt diese Kraftfelder und lässt die Dialoge der Hauptfiguren, die Figur des Stavrogin und das Reservoir der Chöre separat nebeneinander stehen. Das Drama des neuen Musiktheaters entsteht dann, so die Komponistin, durch »eine Bombardierung der Schichten«.
Die Stimme steht immer wieder im Zentrum musiktheatraler Werke der vielfach preisgekrönten Komponistin Adriana Hölszky. Feine und genau ausgehörte Klänge, die sich zu fantasievollen Farbkombinationen verbinden, und eine unvermittelt gestische Musik zeichnen ihre Klangsprache aus.

 

Die Werkstattberichte, die im Vorfeld der Uraufführung in den Ausgaben Januar bis Mai 2014 unseres Theatermagazins erschienen sind, finden Sie hier noch einmal zusammengestellt.

 

Dauer: 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause

  

Die Uraufführung wird gefördert von der Stiftung Nationaltheater Mannheim.

Die Vergabe des Kompositionsauftrags an Adriana Hölszky wurde ermöglicht durch die Ernst von Siemens Musikstiftung.

Mit freundlicher Unterstützung von Deloitte

„Auf ganz eigene, eigenwillige Weise und in einer sehr persönlichen Klangsprache schreibt sie das Projekt der Moderne fort, für das Namen wie Luigi Nono oder Helmut Lachenmann stehen. Die Ansprüche, die ihre Musik sowohl in geistiger wie spieltechnischer Hinsicht stellt, sind enorm. […] Umso mehr muss man den Mut des […] Mannheimer Intendanten Klaus-Peter Kehr bewundern, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen, das sich in künstlerischer Hinsicht voll ausgezahlt hat.“
„Wer sich Hölszkys „Bösen Geistern“ aussetzt, muss alle traditionellen Vorstellungen von Oper vergessen. […] ist es die Musik selbst, die zum theatralen Ereignis wird und sich ihre eigenen Räume erzeugt.“
„Der Chor befindet sich auf der Empore im Rücken des Publikums, das auf diese Weise von der Musik ganz umkreist wird.“
„Wie in Düsseldorf war auch in Mannheim die musikalische Ausführung unter der Leitung des präzise schlagenden Roland Kluttig exemplarisch. Bewundernswert, neben den exakt agierenden neun Solisten, vor allem der von Tilman Michael mirakulös einstudierte Chor.“ (Stuttgarter Zeitung, 3. Juni 2014)


„Grinsend, grob und abgestoßen streift dieser Stawrogin zuweilen über die Bühne als zynischer Beobachter von erdiger Robustheit, die ihm Bassbariton Steven Scheschareg treffend verleiht.“
„Was der Chor des Nationaltheaters Mannheim über die gesamte Spieldauer der Oper samt ihren Zwischenspielen leistet, ist grandios: Hölszkys kollektives Sirren, Pfeifen, Schreien, Schnalzen legt sich wie ein fiebriges akustisches Band über die ganze Uraufführungs-Produktion, deren Chorpartien Tilman Michael leitet, während Roland Kluttig das perkussionsdurchsättigte Orchester im Graben führt.“ (Allgemeine Zeitung Mainz, 3. Juni 2014)


„Was Librettistin Yona Kim und Komponistin Adriana Hölszky hier nach Dostojewskis Opus Magnum „Böse Geister“ (früher: „Die Dämonen“) vorlegen, ist ein großes und mutiges Unterfangen, ein Musktheater, das vieles ist: Alptraum, Psychothriller, symbolisches Jeu macabre und gesellschaftliches Lehrstück, ein sperriges Werk, das wehtut, das mit Hörerwartungen bricht und nichts des schönen Scheines wegen ästhetisch überhöht.“
„Irgendwie aber wirkt doch alles faszinierend zusammen. Hölszkys kompositorische Kraft hält das aus, und so wie der NTM-Chor (Tilman Michael), der das Geschehen stets kommentiert und Räume öffnet, sind, entsteht ein gewaltiges Erleben, das durch die plastische Arbeit des Orchesters unter Roland Kluttig so sehr verstärkt wie durch die Solisten: Steven Scheschareg ist ein überwältigender Stawrogin als Bösewicht ohne Empathie, Martin Busen (als Stepan überzeugend)m Zvi Emanuel-Schmidt (mit lyrischem Altus als Fanatiker Pjotr) sowie Magnus Piontek (Lebjadkin) und Benedikt Nawrath (Schatow) bewältigen die schwierigen Partien ebenso gut.“
„Sängerischer Höhepunkt (neben dem Chor) ist aber das Damenquartett Warwara (Evelyn Krahe), Julia (Iris Kupke), Marja (Ludovica Bello) und Lisa (Thérèse WIncent) – große Klasse.“ (Mannheimer Morgen, 2. Juni 2014)


„In Mannheim probte der Chor bereits seit Januar, unter seinem auf der Galerie mitdirigierenden Leiter Tilman Michael war er nun der Star des Abends.“ (Frankfurter Rundschau, 2. Juni 2014)


„Es herrscht Einigkeit: Die Uraufführung für ein höchst anspruchsvolles Stück zeitgenössisches Musiktheater Musiktheater war ein Erfolg.“
„Den beeindruckenden Qualitätsstandard der Uraufführung garantieren die beiden musikalischen Leiter, Roland Kluttig (Orchester) und Tilman Michael (Chor); Joachim Schlömers Regie setzte attraktive szenische Akzente.“
„Dabei freilich hat Adriana Hölszky Großartiges geleistet. Ihre Behandlung der menschlichen Stimme zeugte von ganz frappanter Virtuosität und Fantasie.“
„Joachim Schlömer wartete – in Jens Kilians Bühnenbild, das die Behausung der Warwara Stawrogina in zwei Wohnräume geteilt hatte – mit einer gezielten, dynamischen Inszenierung aus, die, wie von ihm gewohnt, auch mit Vorliebe auf choreographische Einstellungen setzte.“ (Die Rheinpfalz, 2. Juni 2014)

„Regisseur Joachim Schlömer und Bühnenbildner Jens Kilian haben eine wundervolle szenische Lösung für diese Vielschichtigkeit des Werkes gefunden: […]“
„Der Chor des Nationaltheaters aber, der hier wie in der griechischen Antike fungiert und agiert, ist der eigentliche Star und Motor dieser Produktion, die man als aussichtsreichen Kandidaten für die „Uraufführung des Jahres“ durchaus heute schon prognostizieren kann.“ (Rhein-Neckar-Zeitung, 2. Juni 2014)


„Adriana Hölszky, von keinerlei postmodernen Konzessionen angefochten, nutzt den Text als Sprachmaterial. Als Klangmoment. Das Chorpanorama ist das große Faszinosum dieser so kantigen wie aufs Feinste ausgehörten Musik. Ein vokales Klangband ist es, für bis zu 32 Einzelstimmen notiert, das die pausenlosen 75 Minuten beherrscht. Von klangwellen ließe sich auch sprechen, von Klangsäulen, von einem Gewirr der Stimmen, das das fabelhafte Mannheimer Kollektiv da entfaltet – […]: Lautmalerei, mit bestechender Kunstfertigkeit gefügt, hier geschärft, dort verschwommen, wie Laute aus der Landschaft des Traums.“
„Das Ensemble kommt mit den sperrigen Intervall-Sprüngen, den haarsträubend schweren Meloszacken exzellent zu Rande.“ (Badische Zeitung, 2. Juni 2014)


„Unter der Leitung von Roland Kluttig und Tilman Michael wurden Hölszkys Klangaktionen von Chor und Orchester in Mannheim sehr präsent und direkt verlebendigt. Da der Chor auf dem hinteren Logenrang über dem Publikum positioniert war, ergaben sich außerdem eindrucksvolle Raumklang-Wirkungen.“ (Neue Zürcher Zeitung, 2. Juni 2014)

 

„Die aus Bukarest stammende, schon lange in Deutschland lebende und hier hoch dotierte Komponistin nutzte die „Kraftfelder“ der Textvorlage. Die jeweils einen knappen Meter hohen Partiturseiten der neuen Oper bringen einen Raum Musik hervor, deren drei konstituierenden Momente räumlich getrennt voneinander ablaufen, sich doppelchörig und responsorisch verhalten: Die Coristen, ganz hinten oben in den letzten Reihen des ansteigenden Zuschauerraums in Stellung gegangen, bilden einen unvermittelten Kontrast zum übrigen theatralen Geschehen vor und hinter dem Orchestergraben.“ (Deutschlandfunk, 3. Juni 2014)