Prof. Dr. Michael Hampe

Am Wochenende vom 18.-20. November wurde zur Eröffnung der Feierlichkeiten rund um den 50. Geburtstag der Studiobühne im Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim ein Grußwort des ehemaligen Intendanten Michael Hampe verlesen, der die Spielstätte 1972 wider aller Bedenken des damaligen Oberbürgermeisters Hans Reschke als eine seiner ersten Amtshandlungen auf den Weg gebracht und eröffnet hatte. Hampe, der das Grußwort gerne persönlich an das Publikum gerichtet hätte, hatte sein Kommen aus gesundheitlichen Gründen bereits frühzeitig ausschließen müssen. Nun erreichte das NTM die Nachricht, dass Michael Hampe am Freitag, 18. November, dem Tag, an dem sein Grußwort verlesen wurde, gestorben ist.

NTM-Schauspielintendant Christian Holtzhauer: »Michael Hampe hatte die richtige Idee zur richtigen Zeit und öffnete dem Nationaltheater gegen alle internen und externen Widerstände mit dem Studio Werkhaus einen Raum für das künstlerische Experiment, die unmittelbare Begegnung mit dem Publikum und die unbedingte Zeitgenossenschaft. Das Studio ist heute aus dem Programm des Nationaltheaters, aber auch aus der Kulturlandschaft Mannheims nicht mehr wegzudenken. Vor wenigen Wochen haben wir noch mit Michael Hampe gesprochen, und am vergangenen Freitag durfte ich zum Auftakt der Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag des Studios ein Grußwort von ihm verlesen. Wir denken an Michael Hampe und seine Familie – und fühlen uns ihm gegenüber zu großem Dank verpflichtet. Mit unserem Programm im Studio Werkhaus sorgen wir dafür, dass Michael Hampes kreativer Geist lebendig bleibt.«
Gesprächsnotiz Prof. Dr. Michael Hampe anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Studios im Werkhaus am Nationaltheater Mannheim
»Eine meiner ersten Unternehmungen als frisch gebackener Intendant war, das Studio zu gründen. Das es nun schon seit 50 Jahren besteht, ist für mich eine große Freude und auch eine Überraschung. Denn anfangs war insbesondere die Mannheimer Politik überhaupt nicht von diesem Vorhaben überzeugt. Der von mir geschätzte damalige Oberbürgermeister Hans Reschke, der ein sehr prominenter, erfahrener Oberbürgermeister für die Stadt war, sagte zu mir: wenn Sie diese neue Bühne bauen, einrichten und bespielen wollen, werden Sie nicht nur mehr Personal brauchen, Sie werden mehr Werkstattkapazitäten brauchen, Sie werden mehr Material brauchen, mehr Beleuchtungstechnik, mehr Requisiten, auch mehr Putzpersonal. Sie werden insgesamt mehr Geld brauchen… Das alles wollte natürlich bezahlt sein und das bei der grundsätzlich sehr knappen Disposition – damals haben wir mehr als 900 Veranstaltungen im Jahr durchgeführt (und unter meinem Nachfolger Arnold Petersen wurden es sogar noch mehr) – da bekam man als Intendant jede Fehlplanung sofort als Stromschock zurück. Dennoch setzte ich meinen Kopf durch und gründete als einer meiner ersten Taten als Intendant am Nationaltheater Mannheim das Studio im Werkhaus. Ich war ein junger Intendant und junge Intendanten wollen expandieren, erfahrene Intendanten dagegen wollen konzentrieren. Ich habe also expandiert und dieses Studio gegründet.
Ich hatte damals im ersten Jahr im Schauspiel eine schwierige Zeit, weil mein Ensemble aus durchaus begabten, aber ideologisch stark an der 68er-Bewegung orientierten Schauspielern bestand, darunter z. B. der junge Jürgen Flimm in seinem Erstengagement. Ich hatte sie engagiert wegen ihrer Begabung, und mit ihrer Ideologie haben sie mir die Zusammenarbeit dann ziemlich schwer gemacht. Ich kam vom damals legendären Schauspielhaus Zürich, an dem sich die größten Schauspieler des letzten Jahrhunderts die Klinke in die Hand gaben. Mit Ihnen konnte ich als junger Regisseur arbeiten, dazu mit Autoren wie Frisch, Dürrenmatt und Arthur Miller. Diese hatten natürlich auch eine Art informelle Mitbestimmung, die sich aus ihrem künstlerischen Gewicht ergab. Nun aber war in Mannheim, wie in allen deutschen Theatern, die Mitbestimmung ein ideologisch aufgeheiztes Thema, das formalisiert werden wollte. Der Mannheimer Kulturdezernent Manfred David schlug ein Mitbestimmungsmodell vor, das seine Schwierigkeiten mitbrachte: man konnte nichts mehr wirklich vertraulich besprechen, alles wurde »ans schwarze Brett gehängt«. Die Telefonkosten des Nationaltheaters stiegen um ein Mehrfaches, alle wollten miteinbezogen sein, alle wollten Bescheid wissen, alle wollten mittelefonieren. Außerdem nutzten wir das Schauspielhaus, das noch keinen Schnürboden-Turm hatte, damals als Raumbühne. Auch das überforderte das Theater sehr stark, was an sich noch nichts Schlechtes ist. Eine gewisse Überforderung tut einem Theater gut. Aber insofern war das erste Jahr nicht leicht. Danach wurde es wunderbar mit dem Schauspieldirektor Claus Leininger und Friedrich Meyer-Oertel als Operndirektor, da hatten wir ein hervorragendes Team zusammen, für das das neue Studio ein Segen war. Die Aufführungen aus den Jahren 1972-75 waren experimentell und gingen freudvoll mit dieser neuen Bühne um, die für uns wie eine Art leere Schuhschachtel war, in der man alles machen, z. B. das Publikum ganz unterschiedlich platzieren konnte. Uns war wichtig: hier sollte kein Guckkasten-Theater stattfinden! Aber beide Bühnen – das Studio und das Schauspielhaus – im Repertoire-Betrieb als Raum-Bühnen zu bespielen, das war sehr anspruchsvoll, weil man sie ständig komplett umbauen musste. Da habe ich viel gelernt als junger Intendant, bevor ich dann nach Köln gegangen bin, was mir die Mannheimer nach nur 3 Jahren zu Recht ein bisschen übel genommen haben.
Das Nationaltheater Mannheim bleibt für mich ein besonderer Ort und das hat auch mit seiner Geschichte zu tun. Als der Kurfürst Karl Theodor nach München zog, nahm er der Mannheimer Stadtgesellschaft vieles: das Orchester, das Opernensemble und der ganze Hof folgte ihm. Das Einzige, was er den Mannheimern ließ, war das Nationaltheater, das ein bürgerlich-revolutionär gestimmtes Theater war, das er keinesfalls ins katholisch-konservative München hätte bringen können. Als der Hof die Stadt verließ, hat sich die Stadtgesellschaft an das einzige Überbleibsel, eben dieses Nationaltheater, geklammert und es in guten und schlechten Zeiten hochgehalten. Das konnte man auch zu meiner Zeit noch spüren. Ich habe das Nationaltheater in mein Herz geschlossen und bin stolz, dass ich diesem traditionsreichen Hause einige Zeit dienen durfte.
Wenn man meine Arbeit mit Schauspielern, die schon in den 1920er Jahren bei Max Reinhardt in Berlin engagiert waren einbezieht, so habe ich fast ein Jahrhundert deutsche Theatergeschichte erlebt. Die Tatsache, dass eine Stadt wie Mannheim jedes Jahr Millionen an Subventionen zur Verfügung stellt, bevor noch ein Schritt geprobt oder ein Ton gesungen ist, bürdet dem Theater eine ungeheure Verantwortung auf, das Beste daraus zu machen. Das Studio im Werkhaus hat sich in diesem Sinn bewährt, in ihm wird diese Verantwortung wahrgenommen. Dass dieser Ort nunmehr seit 50 Jahren besteht – dazu gratuliere ich dem Nationaltheater und den Mannheimern von Herzen.«

Im Wienand Verlag sind von Michael Hampe erschienen:
»Alles Theater« (2000), »Über Theater« (2015) und kommend: »Schlussvorhang« (2022)
Erschienen im Boehlau Verlag: »Opernschule« (2015)
Werdegang von Prof. Dr. Michael Hampe

Berufliche Stellung
Regisseur Oper, Schauspiel, TV
1992 – 2000 Intendant Dresdner Musikfestspiele
1984­­­ – 1990 Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele
1975 – 1995 Intendant Oper der Stadt Köln
1972 – 1975 Intendant Nationaltheater Mannheim
1965 – 1970 Vize-Direktor Schauspielhaus Zürich

Regisseur

Oper: u. a. Scala Mailand, Royal Opera London, Opèra Paris,
Salzburger Festspiele, Schwetzinger Festspiele, Edinburgh
Festival, Maggio Musicale Florenz, Rossini Festival Pesaro,
Savonlinna Festival.
München, Stockholm, Zürich, Athen, Venedig, Washington,
San Francisco, Los Angeles, Tokyo, Syndey, Buenos Aires, etc.
Schauspiel: u. a. Schauspielhaus Zürich, Staatsschauspiel München,
Schwetzinger Festspiele, Luzerner Festwochen.
Fernsehen: u. a. Schweizerisches, Deutsches, Österreichisches und
Schwedisches Fernsehen, BBC, RAI, NHK Tokyo,
1986 – 1993 Vorstandsmitglied IMZ Wien

Schauspieler Theater, Fernsehen und Film

Lehrtätigkeit Professor Hochule für Musik Köln, Gastprofessor Universität Wien
Dozent Universität Köln (Theater Betriebslehre)
Technische Fachhochschule Köln (Theaterbau)
Kunitachi College of Music, Tokyo, Yale University
University of Southern California and UCLA Los Angeles
Vorstandsmitglied Europäische Musiktheater Akademie, Wien

Theaterbau Zahlreiche Theaterbauberatungen
(u. a. Schauspielhaus Zürich, Opèra Bastille, Paris,
Nationaltheater Tokyo, Megaron Art Center Athens)
Vorstandsmitglied Deutsche Theatertechnische
Gesellschaft 1977 – 1982

Veröffentlichungen 6 Bücher sowie zahlreiche Artikel, Aufsätze,
wissenschaftliche Arbeiten

Auszeichnungen Großes Bundesverdienstkreuz, Deutschland
Commendatore della Repubblica Italiana
Goldenes Ehrenzeichen des Landes Salzburg
West End (Olivier) Award, London, 1983

Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch

Werdegang geboren 1935, Heidelberg, Vater Architekt
Aufenthalt in USA (AFS Stipendium)
Musikstudium (Cello) Syracuse University
Schauspieler Ausbildung Falckenberg Schule München
Studium Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft,
Universität München, Heidelberg, Wien
Dr. phil., Universität Wien (Dissertation über Bühnentechnik)
Dozent Internationales Opernstudio Zürich und Staatliche
Musikhochschule Mannheim
Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler