Fassade wahren - und neu erzählen

Am Nationaltheater Mannheim nimmt die Zukunft Gestalt an – im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der Baustelle ist derzeit ein 1:1 Fassadenmuster zu sehen, das zeigt, wie die denkmalgeschützte Glasfassade des Spielhauses künftig aussehen wird. Ein wichtiger Meilenstein der Generalsanierung – und ein erster Blick zurück in die architektonische Vergangenheit. Das Spielhaus, 1954 entworfen von Gerhard Weber, wird maßgeblich durch die sogenannte Wandelhalle geprägt, das heutige Untere Foyer. Mit dem gestreiften Bodenbelag, der vom Goetheplatz kommend, sich über das Foyer bis zur Hebelstraße fortsetzt, und der raumhohen Glasfassade steht sie für die bewusste Öffnung des Theaters zur Stadt. Die Transparenz der Fassade lässt Innen- und Außenraum ineinanderfließen – und erzeugt zugleich die ikonische Wirkung, dass der große Baukörper scheinbar über dem Platz schwebt. Diese ursprüngliche Konstruktion der Glasfassade zu erhalten, war eines der zentralen Ziele der Generalsanierung.
Doch bei genauerer Untersuchung zeigte sich: Die bauzeitliche Stahl-Konstruktion ist über die Jahrzehnte stark beansprucht worden. Windlasten, Temperaturbewegungen und Korrosion haben der Tragstruktur stark zugesetzt – eine einfache Sanierung war nicht mehr möglich. Stattdessen fiel gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege die Entscheidung für eine originalgetreue Rekonstruktion. Wie diese aussehen kann, lässt sich nun direkt vor Ort ablesen. Das aufgebaute Muster zeigt die künftige Fassadenkonstruktion im Detail – von den Profilen bis zur Verglasung. Dabei wird deutlich: Die neue Fassade orientiert sich eng am historischen Vorbild, erfüllt jedoch gleichzeitig die heutigen Anforderungen an Sicherheit, Statik und Energieeffizienz. Überraschend ist vor allem ein Detail, das erst im Zuge der bauhistorischen Untersuchungen ans Licht kam: die Farbgebung. Viele kennen die Foyer-Fassade nur in dunklem Schwarz – doch diese Gestaltung stammt erst aus den 1970er-Jahren. Ursprünglich war diese von einem hellen Mintgrün geprägt. Mit der Rekonstruktion kehrt nun auch diese Farbigkeit zurück und rückt das Gebäude optisch näher an seinen Eröffnungs-Zustand von 1957. Das Fassadenmuster ist damit mehr als nur ein technischer Prototyp. Es ist ein sichtbares Versprechen: auf eine Sanierung, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet – und auf ein Theater, das sich auch architektonisch wieder offen zur Stadt zeigt.

Text: Nele Haller

Veröffentlicht im Theatermagazin Mai 2026
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