Bernarda Albas Haus

Federico García Lorca Premiere: Fr, 01. April 2011

Nach dem Tod ihres Mannes verschließt Bernarda Alba ihr Haus und verordnet ihren fünf Töchtern eine achtjährige Trauerzeit. Während das Leben draußen vorbeizieht, stricken die jungen Frauen an ihrer Aussteuer und verzehren sich nach den abwesenden Männern. Als sich Adela in den Verlobten ihrer ältesten Schwester verliebt und aus dem häuslichen Gefängnis ausbricht, kommt es zur Katastrophe…
Durch blindes Festhalten an Traditionen errichtet Bernarda eine Festung, in der sich Lebensfreude in Missgunst und Verlangen in Verlogenheit kehrt. Das Leben ihrer Töchter zerbricht, weil die äußere Fassade wichtiger ist, als ein selbst bestimmtes Leben.
Der spanische Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca (1898 – 1936) beschreibt in seinem 1936 kurz vor dem spanischen Bürgerkrieg entstandenem Stück eine Welt, in der sich Autorität und Freiheit, Zivilisation und Natur, Moral und sexuelles Begehren unversöhnlich gegenüberstehen. Eine Welt voller Repressionen, in der das Leben verkümmert, weil Anpassung in Selbstaufgabe und Ausbruchsversuche in Selbstzerstörung enden.

Nach Don Karlos und Lulu inszeniert der katalanische Regisseur Calixto Bieito Bernarda Albas Haus in Mannheim.

 

Dauer: ca 1 Stunde und 40 Minuten, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

Calixto Bieto hat das Drama jetzt im Mannheimer Nationaltheater auf die Bühne gebracht, und seine Bearbeitung der sinistren Vorlage seines Landsmanns ist mehr als eine Offenbarung der Schauspielkunst. Eine Mutter, fünf Töchter, eine Magd – in der Addition mit dem glänzenden Ensemble erzeugt diese Konstellation einen Wirbelsturm der Eindringlichkeit. Ausgelöst hat ihn vor allem Nicole Heesters als Bernarda […].
Heesters verleiht ihrer Rolle eine Würde des Boshaften, eine Grandezza des Abgründigen, deren soghafter Rausch keinen Widerstand im Parkett duldet. […]
Die Überraschung des Abends ist aber Michaela Klamminger als Adela, Bernardas typologisches Gegenmodell und jüngste Tochter. Sie steht – das konnte, dürfte man nicht erwarten – der Heesters in nichts nach. Klamminger lotet alle Tiefen ihrer Figur aus, erklimmt ihre Höhen, und das mit einer Leichtigkeit, als stünde die 21jährige Schauspielstudentin aus Graz seit Jahrzehnten auf der Bühne.
(Die Welt, 6. April 2011)


Nicole Heesters spielt Bernarda Alba mit beklemmender Wucht. Sie brilliert im ganzen Sadismus ihrer Figur, der so oft als Metapher für den Faschismus des 21. Jahrhunderts gelesen wurde, und wird flankiert von einem hervorragenden Frauen-Ensemble, dessen Leistung lang anhaltenden Premierenapplaus erhält. Mit einer Körperspannung bis in die Fingerspitzen, die kurzen zurückgekämmten Haare ein Helm, durchschreitet Heesters die Bühne wie ein General. Klatschend schneidet ihr Fächer durch die Luft, durch die verordnete Stille der Töchter. Tonlos, dann gellend hustet sie ihr verächtliches Lachen aus der Kehle. Ihr ganzer Körper ist Verachtung, wenn sie ihre Töchter bespuckt und mit dem Gürtel verdrischt. (Frankfurter Rundschau, 5. April 2011)


Kein Buh, nirgends. Einem Regisseur wie Calixto Bieito wird es wahrscheinlichen mulmig, wenn der ganze Saal jubelt. Und das tut er, einhellig, heftig und ungewöhnlich lange. […]
Zu sehen gibt es aber einen handwerklich blitzsauberen, symbolträchtigen und für deutsche Stadttheaterverhältnisse nahezu anachronistischen Schauspielerinnenabend. Dass dies immer noch und wieder etwas Grandioses sein kann, wenn man über ein gutes Ensemble verfügt, beweist Bieito in Mannheim eindrücklich. Heldin des Abends ist Anke Schubert in ihrer bisher stärksten Nationaltheaterrolle als Magd La Poncia, die mit draller bäuerlicher Bodenhaftung und sensationell feinnerviger Textdurchdringung gar die große Nicole Heesters an die Wand spielt.
(Mannheimer Morgen, 4. April 2011)

 

Fünf Frauen ohne Mann. Das ist alles! Aber wie Bieito diese konfliktreiche Situation in Bilder übersetzt, die Figuren immer wieder anders choreogafiert, den Zusammenprall der Leiber, den Mangel an geschwisterlicher Liebe, die wenigen zärtlichen Berührungen und die ekstatischen Körperhaltungen, wenn die Albas im Chor eine Dorfbewohnerin verdammen, weil sie ihr uneheliches Kind getötet hat – das ist schon großartig. (Stuttgarter Zeitung, 4. April 2011)

 

Sechs ununterscheidbare verschleierte schwarze Witwen, reglos am Anfang – doch unter den Trauerschleiern brodeln explosive Gefühle: Frustration, Rivalität, Gehässigkeit, Verachtung, Neid, Hass. Wahrlich nicht bloß ein „Zickenkrieg“. Die Drastik, mit der Lähmung und Hassausbrüche in Mannheim dargestellt werden, besteht in einer minutiös körpersprachlichen Umsetzung der ins Unerträgliche gesteigerten Spannungen, der unvermuteten Gefühlsumbrüche und auch all des Nichtgesagten. Exzessiv ist das Stück selber durch seine radikale Anlage: alles dreht sich um Männer, nicht obwohl, sondern weil während der gesamten anderthalb Stunden nicht ein einziger Mann konkret in Erscheinung tritt. […]
Bieito exekutiert, ganz werkgetreu und brillant, mit einem fantastischen Frauenensemble die Unzerstörbarkeit eines auf Zerstörung und Menschenvernichtung ausgerichteten Systems; zu dem auch wir als Beobachter, Voyeure, Mitmacher gehören – indem wir schweigen.
(Deutschlandradio, 2. April 2011)