Schauspielhaus

Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben

Kurt Wilhelm nach einer Geschichte von Franz von Kobell Premiere: Sa, 04. Juni 2016

Der Brandner Kaspar ist ein verschuldeter Kleinbauer, der als Jagdführer, aber auch als Wilderer mehr schlecht als recht durchs Leben kommt. Eines Tages kommt der Tod in Gestalt des »Boanlkramer«, um ihn zu holen, doch der 72jährige mag nicht mitgehen: Mit Kirschschnaps macht er den Tod betrunken und erschwindelt sich beim Kartenspiel weitere 18 Lebensjahre. Jetzt beginnt für den Brandner Kaspar ein Leben ohnegleichen, denn er kann ja nicht sterben. Als aber seine geliebte Enkelin Marei tödlich verunglückt, freut ihn das Leben nicht mehr. Inzwischen ist im Himmel der Betrug ruchbar geworden und der »Boanlkramer« erhält von Petrus den Auftrag, den Brandner augenblicklich heimzuholen. Der Tod, an seine Spielschuld gebunden, muss nun seinerseits zu einer List greifen. Er lockt den Alten − nur zum »Anschauen«, wie er sagt, − in den Vorhof des Paradieses. Der Brandner Kaspar ist von der himmlischen Örtlichkeit so überwältigt, dass er unbedingt bleiben will. Doch zuerst muss das Himmlische Gericht über seine irdischen Sünden urteilen…

 

Der Traum, den Tod zu überlisten und am Schicksalsrad zu drehen, ist so alt wie die Menschheit und Stoff vieler Märchen und Mythen. Selten aber wurde der »Knochenmann« mit solch schlitzohriger Durchtriebenheit ausgetrickst wie in diesem Volksstück, das auch über die Grenzen des Freistaates Bayern hinaus längst Kult ist. Kurt Wilhelm (1923 − 2009) dramatisierte die Kurzgeschichte seines Ururgroßonkels Franz von Kobell und dichtete für seine Komödie die prall-barocken Szenen im Himmel dazu.

Susanne Lietzow arbeitet als Regisseurin in Linz, Hannover und Dresden. Seit 2005 leitet sie das Projekttheater Wien / Vorarlberg. Für ihre Inszenierung Höllenangst am Theater Phönix erhielt sie 2014 den österreichischen Nestroy-Theaterpreis. Die Regisseurin gibt mit Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben ihr Regiedebüt am Nationaltheater Mannheim.

 

Dauer: 2 Stunden und 20 Minuten, inkl. einer Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

Und es gelingt dem sympathischen Filou (in Idealbesetzung: Reinhard Mahlberg) tatsächlich, mittels herzoglichem Kirschschnaps und Kartenspiel Gevatter Tod, dem bajuwarischen ›Boandlkramer‹, ein Schnippchen zu schlagen. […] In München ist die Inszenierung des Oberammergauer Regisseurs Christian Stückl seit über zehn Jahren eine stets ausverkaufte Kult-Veranstaltung. Das könnte nun auch Mannheim bevorstehen, wo Susanne Lietzow mit viel Gespür – und grandioserer Bühne – für pralle Komik sorgt. […] Dabei ist nichts so schwierig wie Komödie. Doch Susanne Lietzow ist ihr meist gewachsen und setzt auf pralles Typen-Spiel, etwa mit einer grandios sing-jodelnden Almut Henkel oder mit Stefan Reck, der einen Petrus gibt, der dem ›Königlich-bayerischen Amtsgericht‹ zur Ehre gereichen würde. Sven Prietz, ohnehin ein verlässliches Komik-Talent, überzeugt als trauriger Jäger ohne Zielwasser ebenso wie Katharina Hauter als patente Brandner Enkelin Marei. Die Regie steckt ihre honorigen Alm-Helden in die üppigen wie gelungenen Kostüme Marie-Luise Lichtenthals […]. Diese bergige Bühne (effektvoll-illustrativ [...] von Petra Zöpnek) ist eine Herausforderung und gleichsam glänzend genutzte Chance für das kraxelnde, schwebende und rutschende Ensemble. Wie ein spitzknochiger Flummi turnt hier der agil-humorige Boris Koneczny als trinkfreudiger Boandlkramer und Publikumsliebling durch sein Reich zwischen Himmel, Erde und Hölle. Die menschliche Hölle auf Erden aus Not, Elend und Trauer kommt trotz Lachen nicht zu kurz. Dafür sorgt nicht nur der wahrhafte Ton von Reinhard Mahlberg, sondern auch Lietzows Ansatz, den Humor-Abend nicht im schrillen Trash à la ›Geierwally‹ untergehen zu lassen. Sie denunziert das Volkstheater nicht. Dies ist vielleicht die größte Leistung dieses kuriosen NTM-Ausnahmeabends. Brausender Applaus (Mannheimer Morgen, 6. Juni 2016)

 

In Bayern ist Kurt Wilhelms ›Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben‹ Kult. Dass sich mit dem tiefgründigen Mundartklamauk auch außerhalb der Landesgrenzen etwas anfangen lässt, hat nun in Mannheim Susanne Lietzow bewiesen. […] Susanne Lietzow hat den Mundarttext für Mannheim in einem Kunstdialekt gezähmt, ist ansonsten mit ihrer Inszenierung aber nah dran an der volkstümlichen Vorlage, lässt sich ein auf die Sentimentalitäten der Arme-Leute-Geschichte, persifliert die soziale Hierarchie des Dorflebens und treibt mit dem Himmel ihren klamaukigen Spaß. Aurel Lenfert hat dafür ein Trumm von einem Berg gebaut, auf dem sich viel herumklettern und herunterrutschen lässt. […]  Star des Abends ist Boris Koneczny, der aus dem Boandlkramer, wie man den Tod in Bayern leutselig nennt, eine herrliche Mischung aus Gründgens Faust, Nosferatu und Rumpelstilzchen macht, eine fröstelnde Kalamitätenexistenz im altmodischen Gehrock. (Die Rheinpfalz, 6. Juni 2016)

 

Gilbert Handlers Bühnenmusik mit ihren eingängigen Glockenspiel-Klingklang und den elektropop-Rhythmen ergänzt die Musikalität des Dialekts auf stimmige Weise. […] Die Produktion kommt deshalb so gut an, weil die Regisseurin mit beiden Händen in die Register der Parodie greift, ohne dabei den Stoff zu denunzieren. Außerdem wird dem Publikum jede Menge Augenfutter geboten […]. Reinhard Mahlberg zieht in der Titelrolle bajuwarisch derb vom Leder. Boris Koneczny ist als tänzelnder, scharwenzelnder Tod der Star des Abends. […] Alle anderen kommen ebenfalls gut an, darunter auch Jaques Malan gespielte fette Engel […]. Ein Abend zum Schwelgen über eine bierernste Angelegenheit. (Rhein-Neckar-Zeitung, 6. Juni 2016)