Opernhaus

Der Golem

Bernhard Lang (Musik) / Peter Missotten (Video-Libretto) Premiere: Sa, 16. April 2016
Musiktheater in 22 Kapiteln

Pernaths Leben bricht aus den Fugen: Er wird in reale Intrigen hineingezogen, erlebt Halluzinationen und gerät in spiritualistische Verwicklungen. Er stößt mit dem gerissenen Trödler Wassertrum zusammen, der in Wahrheit steinreich ist und das Getto beherrscht. Charousek, der illegitime und verstoßene Sohn des Trödlers, verfolgt wiederum seinen Vater gnadenlos bis in den Tod hinein. In dieser aufgeladenen Atmosphäre findet Pernath Linderung in der Gegenwart von Rabbiner Hillel und seiner Tochter Mirjam. Und begegnet einem surrealen Wesen – dem Golem. Aus der Karte eines alten Tarotspiels erzwingt er sich Gestalt und erscheint seinem Gegenüber als Doppelgänger.


Bernhard Lang und Peter Missotten, die am Nationaltheater bereits Montezuma – Fallender Adler zur Uraufführung brachten, begeben sich mit ihrer neuen Arbeit in das Reich des Mystischen, wobei ihnen Gustav Meyrinks Roman Der Golem als Anregung dient. Entstanden ist eine abendfüllende Komposition für Soli, Chor, Jazz-Trio und großes Orchester. Erstmalig wählte Bernhard Lang für eine Musiktheaterkomposition dieses traditionelle Instrumentarium und beleuchtet es in seinem Stil neu. Auch Peter Missotten hat seine eigene kreative Herangehensweise gefunden, um das Doppelgängertum auf die Bühne zu bringen: eine hochvirtuose Kombination von Virtualität und Realität, technischer Rafinesse und menschlicher Darstellung.

 

Dauer: 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.


Das Video-Libretto wurde mit freundlicher Unterstützung der Flämischen Regierung erstellt.

 

 

Die Uraufführung wird gefördert von der Stiftung Nationaltheater Mannheim.

Langs Musik entspricht in ihrer geradezu einheitlichen Vielgesichtigkeit der nicht auf lineare Narration gerichteten Dramaturgie von Meyrink wie Missotten. Insofern war es ein im besten Sinne kaleidoskopischer Abend, verwirrend, aber plastisch, zudem szenisch virtuos im Ineinander von Bildschirm- und Personen-Perspektiven-Wechsel. Und ein eindrucksvolles Zeugnis für die konzeptionelle wie praktische Leistungskraft der Mannheimer Oper. Innerhalb des fabelhaften Ensembles sei Raymond Ayers in der Schlüsselfigur des Athanasius Pernath hervorgehoben. Langs schwierige Partitur wurde unter der Leitung von Joseph Trafton suggestiv umgesetzt. (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. April 2016)

 

Ganz wunderbar offensichtlich agiert […]der Chor, ein Hauptakteur. […]
Raymond Ayers gibt Athanasius Pernath eine variable Stimme: immer gut artikuliert, oft fragend, auch mal mit einem verzweifelten ›Ich will nicht! ‹. Der Wechsel zwischen Beinahe-Gesprochenem und melodischen Elementen gelingt dem Ensemble-Mitglied des Nationaltheaters sehr gut. Ebenso überzeugend: Alin Deleanu in der Doppelrolle Charousek/Wassertrum. Er spielt Vater und Sohn in einem, zeigt dies changierend zwischen tiefer Lage und Kopfstimme und ist schauspielerisch stark. Steven Schescharegs Hillel gelingt seriös-wissend mit vollem Klang. Joseph Trafton führt das Orchester durch eine, wenn auch für zeitgenössische Musik überraschend eingängige, so trotzdem komplexe Partitur mit ständigen Taktwechseln. Ebenso irreal wie das Hin und Her zwischen Beschleunigung und Ruhe wirken die von Lotte Milder gestalteten Kostüme mit viel Schwarz und aus der Zeit gefallener Eleganz. Wir schauen gerne hin; wie auch auf einzelne Impressionen, die verzaubern […]. Es ist eine Aufführung, auch für Menschen, die sonst nicht in die Oper gehen. Weil sie eine herrliche Un-Oper ist.
(Die Rheinpfalz, 18. April 2016)

 

Es gehört zu den Stärken dieser Neuproduktion von Lang sowie Video-Regisseur Peter Missotten, dass sie uns mit Fragen entlässt, uns gewissermaßen auffordert, intellektuell tätig zu werden, Fragen nach dem Sein, nach Mensch und Maschine, nach unbegründeten Gründen von Angst zu stellen. Missotten schafft einen fantastischen Bühnenraum mit zwei psychologischen Räumen und viel Videoeinspielern. […] Der Altus Alin Deleanu (Charousek / Wassertrum) gehört […] zu den auffälligsten und expressivsten Sängern des Abends, zusammen mit Astrid Kessler, die als dramatisch angelegte Angelina einen der beiden erotischen Anziehungspunkte für Pernath darstellt […]. (Mannheimer Morgen, 18. April 2016)

 

Raymond Ayers in der Partie des Athanasius Pernath führt ein sehr geschlossenes, auf hohem Niveau agierendes Ensemble an. Joseph Trafton sorgt am Pult des Mannheimer Opernorchesters für die nötige Straffheit und Transparenz und auch Lockerheit. Denn das ist das tatsächlich Neue, Ungewöhnliche an Langs ›Golem‹, es gibt organisch fließende Passagen und sogar mehrfach Humor und Komik. (Deutschlandfunk, 17. April 2016)

 

Ein treffliches Sänger-Ensemble ist hier beteiligt, gesungen wurde mikrofonverstärkt, was dem Ganzen eine klanglich eigene Note gab. Eine starke Leistung des überragenden Countertenors Alin Deleanu in der Doppelpartie des Charousek/Wassertrum, der hochintensiv in weiten Intervallsprüngen und mit virtuosen Techniken in der Countertenor-Lage als auch in baritonaler Lage sang. Raymond Ayers als Pernath, Astrid Kessler mit schillerndem Koloraturen, Marie-Belle Sandis (Mirjam), Steven Scheschareg und viele weitere Sänger sowie der vortrefflich singende Nationaltheater-Chor machen diese Produktion zu einem musikalischen Treffer. Unter der präzisen Leitung von Joseph Trafton musizierte das Orchester des Nationaltheaters Mannheim eindrucksvoll. (Rhein-Neckar-Zeitung, 19. April 2016)

 

Symbolbehaftet-assoziativ geht das Schicksals-Traumspiel über die Bühne, was auch Langs Musik wiederspiegelt, die in Mannheim von den neun Sängersolisten und dem Chor und Orchester des Nationaltheaters unter Dirigent Joseph Trafton packend souverän umgesetzt wird. (SWR2, 18. April 2016)

 

Die Schlagzeuger des Orchesters machen ihre Sache großartig, und überhaupt sorgt der Dirigent Joseph Trafton insgesamt nicht nur für eine klare Darstellung von Langs charakterisierenden Klangfarben, sondern auch für eine gute Koordination selbst der rhythmischen und metrisch ziemlich vertrackten Passagen. (Stuttgarter Zeitung, 19. April 2016)

 

Das Nationaltheater Mannheim zeigte mit der Uraufführung von Der Golem ein Musiktheater, das begeistern kann. […]Eine wunderbare Partie gestaltete der junge Altus Alin Deleanu (Charousek/Wassertrum) mit klarem Ton und beeindruckenden Wechseln von Kopf-, Brust- und Sprechstimme; […].Für reizvolle Auftritte sorgte zwischendurch Astrid Kessler in der Rolle der Angelina, eine der beiden Frauenrollen, […]ebenso genial wie witzig sang Raphael Wittmer in der der Dreifachbesetzung von Zwack, Wenzel und Schaffranek, und es war die Stringenz, mit der alle Sänger ihre Rollen umsetzten, die das Opernerlebnis so eingängig machte. […] Besonders bemerkenswert war dabei das Schlagzeug, das in dieser komplexen Komposition äußerst präzise den Ton angab. Zwischen den großen, jazzigen Rhythmuseinheiten tauchen jedoch auch ab und zu zarte Streichermelodien auf, die im Kontrast eine feine, sensible Wirkung erzielen. […]Es war schön, unter den zeitgenössischen Opern auch einmal eine sehr moderne Oper zu sehen, die nicht auf groteske Tonfolgen setzt, sondern mit ihrer stark rhythmischen Prägung gar eingängig ist und dadurch eine starke Sogwirkung entwickelt: Ganz so, wie im Roman und auf der Bühne spirituelle, traumhafte und mystische Realitäten ineinander verschoben werden, durchlebte man als Zuhörer die Oper wie in einem rauschhaften Fluss. (bachtrack.de, 18. April 2016)

 

Die Musik von Bernhard Lang entwickelt in ihrer starken Rhythmik und den vielen Wiederholungen auf kleinstem Raum Sogwirkung. Sie hält den mäandernden Abend zusammen. Und berührt auch emotional in ihrer Mischung aus Einfachheit und Komplexität, aus Vertrautem und Verfremdetem, aus lyrischen Inseln und motorischen Energiefeldern, die eine große Dynamik entfalten. […] Joseph Trafton dirigiert diese häufig aus ungeraden Takten bestehenden Loops und komplexen Rhythmen so selbstverständlich, als hätte er nie etwas anderes getan. Auch das Orchester des Nationaltheaters Mannheim groovt sich ohne Reibungsverluste ein in diese musikalische Welt der Patterns, Wiederholungen und feinen Klangdifferenzierungen. Die sieben Schlagzeuger leisten Präzisionsarbeit. Es ist der ständig variierte Rhythmus, der diesem schillernden Abend Struktur gibt. […]Im ausgezeichneten Solistenensemble gebührt dem zwischen Kopfregister und Bruststimme spielend wechselnden Altus Alin Deleanu, der als Charousek/Wassertrum höchste Präsenz entfaltet, die Krone. Aber auch Astrid Keller (Angelina/Kellnerin) mit ihrem vielschichtigen Sopran, Raphael Wittmer (Zwack/Wenzel/Schaffranek) mit seinem hellen, ganz leichten Tenor und der Bariton Steven Scheschareg (Hillel/Double Athansius Pernath) setzen musikalische Akzente. Die Solisten haben großen Anteil daran, dass man sich einlassen kann auf diesen faszinierenden Abend, der trotz seiner Komplexität eine Leichtigkeit entfaltet, die man im zeitgenössischen Musiktheater nur selten findet. (die-deutsche-bühne.de, 17. April 2016)

 

Es ist ein rätselhafter Opernabend. Und er ist ein Glücksfall unter den aktuellen Opern-Novitäten. Zu verdanken ist der dem für seine experimentellen Ambitionen bekannten Linzer Komponisten Bernhard Lang (59). Und dem flämischen Videokünstler Peter Missotten (53). [… ] Was Graben, Chor und Protagonisten produzieren, gibt sich alsbald als ein Personalstil zu erkennen, der durch die zelebrierten Wiederholungsschleifen bestimmter Sequenzen oder Worte zwar das Artifizielle ausstellt, aber mit seinem Anschmiegen an den Rhythmus der Sprache zugleich eine Sinnlichkeit entfaltet, die sich immer wieder in die Opulenz des vollen Orchesterklangs, des pointierten Rhythmus, des oratorischen Chorsingsangs und einer geschmeidigen vokalen Eloquenz aufschwingt. Dabei sind die ganzen 80 Minuten abwechslungsreich und langweilen nie mit ausgeklügelter Selbstbezogenheit.  […]Doch nicht unbedingt jeder Hakenschlag des äußeren Geschehens der Collage aus zweiundzwanzig Kapiteln erschließt sich dem schnell gebannten Zuhörer völlig. Muss auch nicht. Denn was man hört, sieht, ahnt, assoziiert kommt als Ganzes an. […] In dieser Welt zwischen Wahn und Wirklichkeit ist das gar nicht so wichtig. Die offene Frage nach uns selbst als Gesamtkunstwerk - in dieser Form macht das Lust auf mehr. (Wiener Zeitung, 21. April 2016)

 

Für den Erfolg der Uraufführung maßgeblich ist der Dirigent Joseph Tafron. Unter seiner Anleitung musiziert das Orchester des Nationaltheaters Mannheim auf hohem Niveau, outen sich einzelne Instrumentalisten als brillante Solisten, bilden sie im Zusammenspiel einen sehr durchsichtigen Klang. Dadurch wirkt die Komposition zur Inszenierung sehr stringent. Wer das Verwirrende der Szenerie akzeptiert, entdeckt den Neutöner Lang als expressiven wie empathischen Klangzeichner. (opernetz.de, 25. April 2016)

 

Was Langs Theater der Wiederholungen über Missottens faszinierende Wahnwelten hinaus spannend macht, ist die Musik. Lang ist ein Nomade des Klangs, der zwischen dem amerikanischen Minimalismus und der postseriellen europäischen Avantgarde seinen eigenen Stil gefunden hat. Er kennt keine Berührungsängste mit Rap und Techno, mixt rhythmische Patterns mit Jazz-Improvisationen, arbeitet mit Live-Elektronik und experimentiert mit der Mikrotonalität. Dennoch erschöpfen sich die Endlosschleifen seiner Loops nicht in platter Repetition, sondern setzen einen dialektischen Prozess von Wiederholung und Differenz in Gang, der das scheinbar Gleiche stets anders klingen lässt. Die Musik wird selbst zum obsessiven Theater. […] Von diesen schmutzigen Klängen geht eine verstörende Faszination aus, der man als Zuschauer umso schneller erliegt, als Joseph Trafton Solisten, Chor und Orchester des Nationaltheaters Mannheim mit sicherer Hand durch die oft kniffligen rhythmischen Klippen wie durch die Untiefen der Liegeakkorde und Schlagzeugkaskaden lotst. (Opernwelt, Juni 2016)