Gegründet von Kurfürst Carl Theodor als „stehende Bühne“ mit festem Ensemble in der Nachfolge des höfischen Theaters wurde das Nationaltheater bereits 1839 vollständig städtischer Verantwortung unterstellt und ist damit heute das älteste kommunale Theater der Welt.
Der Name Carl Theodor steht für die wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit Mannheims im 18. Jahrhundert und für den Aufstieg der Stadt zu einem der Kristallisationspunkte des europäischen Barock. In seiner Regierungszeit wurden der Bau der kurfürstlichen Residenz mit Schloss und Schlosskirche, eine der größten barocken Schlossanlagen in ganz Europa, sowie der Sommersitz in Schwetzingen vollendet, das Leben in Mannheim entfaltete bislang nicht gekannten höfischen Glanz.
Carl Theodor war ein aufgeklärter Landesherr, gerühmt für seine intellektuelle Neugierde und Toleranz, seine Bildung und seinen Kunstgeschmack. Wissenschaft und Kunst förderte er weit über das übliche Maß hinaus. So ließ er Johann Stamitz als „Instrumental-Musicdirektor“ die Hofkapelle reformieren und vergrößern. In konsequenter Strenge erzogen, wurde sie zu einem Elite-Ensemble, das herausragende Instrumentalisten aus ganz Europa vereinigte. Hinzu kamen exzellente Sängerinnen und Sänger.
Doch Carl Theodor genügte es nicht, sich im Glanz prachtvoller Opernaufführungen zu sonnen. Er ermöglichte auch die Weiterentwicklung eines bis dahin unbekannten besonderen Instrumentalstils, mit dem seine Hofkapelle zum Wegbereiter der europäischen Klassik wurde: Als „Mannheimer Schule“ ging dieser Stil in die Musikgeschichte ein. Außerdem beteiligte sich der Kurfürst engagiert an einer Diskussion über die Erneuerung der Oper seiner Zeit: Weg von der italienischen Opera seria hin zur deutschsprachigen Oper.
Angelockt vom Ruf des in ganz Europa hochangesehenen Hoforchesters suchten auch die bedeutendsten Komponisten jener Zeit den Kontakt zu den Mannheimer Musikern. Wolfgang Amadé Mozart, der schon als Wunderkind die kurpfälzische Hofgesellschaft in Verzückung versetzt hatte, verbrachte 1777 und 1778 mehrere Monate in Mannheim. Die Hoffnungen seines Vaters Leopold auf eine Festanstellung seines Sohnes erfüllten sich nicht, aber Mozart gewann viele wertvolle Anregungen für seine weiteren Kompositionen. Und er lernte die Familie Weber kennen, deren Tochter Constanze später seine Frau wurde.
Von den herausragenden musikalischen Bedingungen profitierte auch das Mannheimer Hof-Ballett. Spätestens mit dem Haus-Choreographen Sebastian Scio und der aus Lyon stammenden Tänzerfamilie Lauchery erlangte es in den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts als eine der führenden Compagnien auf dem Gebiet des dramatischen Handlungsballetts ebenfalls einen überregionalen Ruf, den es bis 1777 kontinuierlich ausbaute.
Diese „Erste Goldene Ära“ Mannheims endete abrupt 1777, als die bayerische Linie der Wittelsbacher ausstarb. Carl Theodor erbte Bayern und musste seine Residenz nach München verlegen. Viele wichtige Solisten der Hofkapelle zogen mit ihm nach München, ebenso das höfische Publikum. Das Ende der kulturellen Blütezeit in Mannheim schien besiegelt – und mit ihm das weit vorangetriebene Bemühen um die Gründung eines Nationaltheaters in Mannheim gefährdet. Die Idee einer solchen Institution zur Förderung und Weiterentwicklung des deutschen Dramas, der deutschen Sprache und Literatur war damals in Theaterkreisen allgegenwärtig – spätestens seit einem ersten von Gotthold Ephraim Lessing mitgetragenen, jedoch 1769 gescheiterten Versuch in Hamburg.
Doch Carl Theodor bestimmte, dass das Schauspiel als wichtiger Wirtschaftsfaktor in Mannheim verbleiben sollte, bewilligte die notwendigen Mittel zum Engagement eines festen Ensembles im gerade neu gebauten Schauspielhaus im Quadrat B 3 und ernannte Freiherr Wolfgang Heribert von Dalberg zum ersten Intendanten. Günstiger hätte die Gelegenheit kaum sein können: Gerade erst hatte der Herzog von Gotha sein Hoftheater geschlossen. Dalberg verpflichtete dessen Spitzenkräfte, darunter August Wilhelm Iffland, nach Mannheim. Am 7. Oktober 1779 nahm das neu gegründete Ensemble den Spielbetrieb auf – und entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einer der angesehensten Bühnen Deutschlands. Ein erster Meilenstein war die legendäre Uraufführung der Räuber am 13. Januar 1782. Dalberg hatte Mut bewiesen und das ungestüme Drama eines unbekannten jungen Autors auf seiner Bühne vorgestellt. Mit Erfolg: Das Mannheimer Nationaltheater war plötzlich in aller Munde; bis heute ist ihm der Beiname Schillerbühne geblieben.
Auch die weitere wechselvolle Geschichte des Mannheimer Schauspiels ist immer wieder geprägt worden von großen Namen und Erfolgen: Von Intendant August Bassermann (1895-1904) und seinem Neffen Albert, der in Mannheim als Eleve spielte und später zu einem der bedeutendsten deutschen Schauspieler heranwuchs. Oder von Carl Hagemann (1906-10 und 1915-20), unter dessen Intendanz Hasenclevers Der Sohn zu einer Sternstunde des expressionistischen Theaters wurde. Oder von Franceso Sioli (1924-30), der Spielplan und Ensemble verjüngte und Schauspieler wie Ida Ehre oder Willy Birgel an Mannheim band. Oder von Claus Leininger und Jürgen Bosse (1975-88) und ihrem herausragenden Ensemble in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Ein wichtiger Einschnitt in der jüngeren Mannheimer Theater-Geschichte war die Einrichtung der Studiobühne im Werkhaus, die am 29. November 1972 mit der Uraufführung Verräter Faust, einer Revue nach Christopher Marlowe, offiziell eingeweiht wurde. Hier fand das Schauspiel nach langer Suche den passenden Ort für eine lebendige Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Dramatik und experimentellen Theaterformen.
Anknüpfend an die Tradition fühlt sich das Mannheimer Schauspiel bis heute ebenso der Pflege klassischer Dichter und ihrer Werke verpflichtet wie zeitgenössischer Literatur. Seit 1996 wird jährlich ein Autor mit Hilfe der Freunde und Förderer des Nationaltheaters als Hausautor besonders unterstützt – bewusst anknüpfend an den ersten Intendanten Dalberg und seinen ersten Theaterdichter: Friedrich Schiller.
Das Musiktheater stand nach dem Wegzug der kurfürstlichen Residenz zunächst im Schatten des Sprechtheaters. Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich dann aber auch in Mannheim, dem bürgerlichen Publikumsgeschmack entsprechend, ein Opernrepertoire, das sich zusehends stabilisierte und in dessen Zentrum von Anfang an die Werke Mozarts standen. In der Ära der Brüder Franz und Vinzenz Lachner (1834-72) als Leitende Kapellmeister, die auch die lange Wagner-Tradition in Mannheim begründeten, wurde das Nationaltheater zu einem Repertoire-Spielort ersten Ranges: Eine Tradition, die bis heute die Arbeit des Mannheimer Musiktheaters prägt und auszeichnet.
Nach dem Ersten Weltkrieg profilierten nacheinander die Intendanten Francesco Sioli (1924-30) und Herbert Maisch (1930-33) zusammen mit Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Franz von Hößlin, Richard Lert und Joseph Rosenstock Mannheim als eines der innovativsten Opernhäuser der Weimarer Republik: Mit Uraufführungen zeitgenössischer Werke, einer Händel-Renaissance und der Entdeckung russischer und tschechischer Opern.
1933 wurde diese Aufbruchstimmung abrupt beendet, die Jahre des Nationalsozialismus konnte das Theater nur mit einem überwiegend klassischen Spielplan überdauern. Nach 1945 standen zunächst der Wiederaufbau des Theaters und der Ausbau des Repertoires im Mittelpunkt. Mit bisweilen mehr als 60 verschiedenen Werken entwickelte sich die Mannheimer Oper im neuen Haus am Goetheplatz zu einem der größten Repertoiretheater in Europa. Sie war und ist Sprungbrett für zahllose Weltkarrieren, enge Verbindungen bestehen auf diese Weise zwischen der Mannheimer Wagnerpflege und den Bayreuther Festspielen.
Überregionale Beachtung fanden in den zurückliegenden Jahren aber nicht zuletzt auch Aufführungen vergessener Opern sowie Uraufführungen zeitgenössischer Werke wie Wolfgang Rihms Hamletmaschine, Violeta Dinesvus Der 35. Mai oder Der Spiegel des großen Kaisers von Detlev Glanert und Auf den Marmorklippen von Giorgio Battistelli.
Das Ballett erholte sich im Gegensatz zu Schauspiel und Oper lange nicht vom Ende der kurfürstlichen Epoche. Fast 100 Jahre lang begnügten sich die Mannheimer mit Gastspielen reisender Tänzer oder Ballettensembles. Gelegentliche Versuche, eine eigene Compagnie zu etablieren, scheiterten frühzeitig. Erst der Wunsch, notwendige Tanzszenen in Opernproduktionen angemessen zu choreografieren, gab schließlich ab 1870 den Impuls, das Ballett wieder dauerhaft als eigenständige Sparte in den Theaterbetrieb zu integrieren. Über mehrere Jahrzehnte wurde die Mannheimer Compagnie nach ihrer Neu-Gründung von Ballettmeisterinnen geführt. Deren erste war Pauline Frühwald-Gutenthal (1. Tänzerin von 1870-84, Ballettmeisterin von 1882-88) und deren wohl bekannteste (und beliebteste) Aennie Häns (1909-22 und 1928-31). Sie sorgte als Ballettmeisterin und Leiterin der angeschlossenen Ballettschule vor allem ab 1915 unter der Intendanz von Carl Hagemann für tänzerische Glanzlichter im Repertoire des Nationaltheaters und förderte von hier aus den Aufbruch des deutschen Ausdruckstanzes. In ihrer Ära durfte auch der große Praktiker und Theoretiker der neuen Tanzbewegung, Rudolf von Laban, seine Theorien erstmals im praktischen Theaterbetrieb erproben.
Die mit großem Elan gestartete Ausdruckstanzbewegung litt besonders unter den Restriktionen des nationalsozialistischen Regimes, erlebte jedoch in den 50er Jahren noch einmal eine Renaissance, in Mannheim vor allem durch die Choreographien von Mary Wigman wie Orffs Carmina burana und Catulli Carmina oder Glucks Alcestis.
Bis heute spiegeln sich in den drei Jahrhunderten Mannheimer Ballettgeschichte die jeweils aktuellen Entwicklungen des modernen Tanzes wider – ohne dass die Ballett-Direktoren je die klassischen Wurzeln des Tanzes verleugnet hätten.
Die jüngste Sparte des Nationaltheaters ist der Schnawwl. Die bundesweite Strömung, Theaterkunst für Kinder und Jugendliche durch finanzielle, räumliche und personelle Freiräume besonders zu fördern, griff Intendant Arnold Petersen 1979 auf und beauftragte Pavel Mikulastik mit dem Aufbau eines eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters: Zunächst mit wechselnden Spielorten, ab Mai 1981 mit eigener Spielstätte unter dem Dach der Alten Feuerwache. Obwohl die kleinste Sparte seit ihrer Gründung mit kleinem Etat und begrenzten Personalausgaben, aber hohem Einspielsoll und Produktionsdruck zu kämpfen hatte und deshalb immer wieder Wechsel im Ensemble verkraften musste, erlangte der Schnawwl mit seiner großen Bandbreite an Geschichten und Erzählweisen schnell eine große und bis heute ungebrochene Popularität in der Region. Seit vielen Jahren gehört er zudem zu den führenden Kinder- und Jugendtheatern in Deutschland.
Die Geschichte des Nationaltheaters ist wie die anderer großer Theater reich an legendären Aufführungen und wichtigen Persönlichkeiten. Was sie aber einmalig macht in der deutschen Theaterlandschaft, das ist die lange Tradition bürgerlichen Engagements: Die Mannheimer haben ihr Nationaltheater – bisweilen heftigen Auseinandersetzungen zum Trotz – nie im Stich gelassen und so seine Geschichte maßgeblich beeinflusst.
In der von höfischem Glanz entblößten Stadt entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts ein enges Verhältnis zwischen Künstlern und Bürgerschaft. Schon wenige Wochen nach der Verlegung der Residenz fand das erste öffentliche Konzert statt, das noch in der Stadt verbliebene Orchestermusiker zusammen mit Musikliebhabern organisiert hatten. Eine Tradition war begründet, die bis heute fortdauert: Als einziges Symphonie-Orchester Deutschlands arbeitet die Musikalische Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e.V. finanziell und organisatorisch eigenverantwortlich, auch bei der Programmgestaltung und bei Neuengagements von Konzertsolisten und Dirigenten.
Die Gründungsphase war nur die erste von vielen Existenz bedrohenden Krisen, die die Schillerbühne gemeinsam mit den Mannheimer Bürgern meistern musste. 1817 etwa kürzte das Großherzogtum Baden seinen Zuschuss auf ein Fünftel und zwang die Stadt dazu, die Differenz aus ihren Steuereinnahmen auszugleichen. Im Jahr 1839 wurde das Theater dann vollständig in die kommunale Verantwortung überführt, in den folgenden fünfzig Jahren leiteten jeweils Mannheimer Honoratioren als „Hoftheaterkomitee“ die Schillerbühne, das Mannheimer Großbürgertum unterstützte sein Theater mit beträchtlichen Zuwendungen.
Die nächste große Bewährungsprobe war die Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ein Ausschuss aus 68 prominenten Bürgern beteiligte sich 1929 nicht nur aktiv an den Vorbereitungen der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen, sondern sammelte zudem 30.000 Mark, um der Wirtschaftskrise zum Trotz Neuinszenierungen zu ermöglichen. Nur wenige Monate später sorgte ein finanzpolitischer Beschluss des städtischen Bürgerausschusses, der zur Schließung des Theaters geführt hätte, für heftige Proteste. 4000 Mannheimer sprachen sich im Rosengarten gemeinsam mit dem Oberbürgermeister, mit prominenten Bürgern und Ensemblemitgliedern für den Erhalt ihres Theaters aus – und hatten Erfolg.
Noch schwieriger war die Situation nach dem Kriegsende 1945. Obwohl das Bühnengebäude am Schiller-Platz von Bomben zerstört worden war, hatte das Nationaltheater mit einer Jedermann-Premiere schon im November 1945 den Spielbetrieb wieder aufgenommen: Provisorisch unter enorm beengten Verhältnissen im ehemaligen Lichtspielhaus „Schauburg“ im Quadrat K 1. Fünf Jahre später, mitten in den Diskussionen über einen eventuellen Theaterneubau, stand im Stadtrat plötzlich eine Fusion mit der Städtischen Bühne Heidelberg zur Debatte. Ein Aufruf des Intendanten zur Rettung des Nationaltheaters führte zur Gründung der „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Mannheimer Nationaltheaters“ durch beherzte Bürger, die sich für den Erhalt der Schillerbühne einsetzten. Sie sorgten später auch, erfinderisch und engagiert, für einen finanziellen Grundstock, als es schließlich um den Neubau am Goethe-Platz ging, organisierten Liederabende und Gesellschaftsbälle, überzeugten große Teile der Mannheimer Wirtschaft davon, sich mit Sachspenden an einer riesigen Tombola zu beteiligen, veranstalteten ein Volksfest und steuerten am Ende 1 Mio. DM zum Neubau bei – in der Nachkriegszeit eine ungeheuer große Summe.
Der Grundstein wurde am 30. Juni 1953 gelegt, eingeweiht wurde das neue Haus am 13. Januar 1957 mit der Piscator-Inszenierung von Schillers Räubern, auf den Tag genau 175 Jahre nach der Uraufführung, und mit Carl Maria von Webers Der Freischütz – in Erinnerung an die letzte Aufführung im alten Nationaltheater in B3. An neuem Standort, einem ehemaligen Bunker aus dem 2. Weltkrieg, aber doch gewissermaßen auf dem Fundament des kurfürstlichen Hoftheaters hatten sich die Mannheimer zum zweiten Mal ihr Nationaltheater aufgebaut: Ein modernes Haus mit einer der größten Bühnen Deutschlands im Opernhaus und einer variablen kleineren Bühne im Schauspielhaus. Dazu kamen später noch das Werkhaus mit seiner Studiobühne und der Schnawwl in der Alten Feuerwache.
Diese vier Spielstätten bieten ideale Rahmenbedingungen für ein abwechslungsreiches lebendiges Theater, das sich der Klassiker-Pflege ebenso verschrieben hat wie der Gegenwart, ebenso anspruchsvoll wie unterhaltend sein möchte, so vielseitig wie speziell, kurz: Ein Theater für möglichst alle Mannheimer Bürgerinnen und Bürger, das auch überregional immer wieder Beachtung findet.
Christian Schönfelder