WAS FÜR EINE SCHÖNE GESTE

von Cordula Demattio
Was ist eine Geste? – Eine nichtsprachliche Äußerung, die trotzdem verständlich ist. Das mit den Händen geformte Herz, der Mittelfinger, der militärische Gruß teilen sich unmittelbar mit. Aber auch in der Kunst sind Gesten bedeutsam: Beim
Dirigieren, beim Tanzen und – im übertragenen Sinne – auch beim Musizieren selbst. Zwei Produktionen des »Mannheimer Sommer« nutzen Gesten auf besondere Weise.
EINE SPRACHE DES KÖRPERS
Gesten – von Lateinisch gerere, tragen, austragen, zur Schau stellen – sind eine eigene Art von Sprache, die unsere Kommunikation entscheidend beeinflussen. Gesten können freundlich, unwillkürlich, schroff, groß, klein, symbolisch oder auch »ganz nett« sein. Sie sind für uns lesbar, weil wir uns durch kulturelle Gewohnheit auf Bedeutungen geeinigt haben. Wenn wir nicken, den Kopf schütteln, oder uns am Ende einer Aufführung verbeugen, wissen wir in der Regel, was gemeint ist. Mehr oder weniger jedenfalls, denn gerade ihre Mehrdeutigkeit macht die Geste als Kommunikationsmittel so reizvoll.
AUCH BEIM DIRIGIEREN
Möglichst unmissverständlich sollten hingegen Gesten beim Dirigat sein. Einen Auftakt, einen Einsatz, Tempo, Dynamik oder Artikulation liest ein Orchester von Händen, Körperhaltung oder auch dem Gesicht seiner musikalischen Leitung ab. Dabei ist der Mann am Pult musikgeschichtlich eine recht späte Erscheinung (und die Frau am Pult leider eine noch spätere…!). Erst im 19. Jahrhundert wurde mit wachsender Größe der Orchester sowie der Konzert- und Opernhäuser eine Person notwendig, die sich ausschließlich um Koordination und Formung des Gesamtklangs kümmerte.
GESTISCHES MUSIZIEREN
Mit Rinaldo Alessandrini kann man sich beim 8. Akademiekonzert im Rosengarten auf einen renommierten Alte-Musik-
Spezialisten freuen, der das Beste beider Welten auf höchst ansteckende Art und Weise zu verbinden weiß. Als Cembalist, Organist und Leiter des Spezialensembles »Concerto Italiano« ist er mit dem Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts bestens vertraut; seine Aufnahmen werden regelmäßig mit Preisen überhäuft. Gemeinsam mit Orchester, Soli und Chor des Nationaltheaters deutet er nun Mozarts »Requiem« (1791) aus der lebhaften, ja, »gestischen« Aufführungstradition der Mozartzeit und kombiniert es mit der berühmten »g-Moll-Sinfonie« (1788).
Das »Zwei-Finger-Zeichen«, hier aus »10000 Gesten«, erinnert an einen militärischen Gruß, kann aber auch Zeichen für Frieden sein.
10000 GESTEN
Mozarts »Requiem« und menschliche Gesten – sehr viele davon! – verbinden sich in der legendären Tanzperformance »10000 Gesten« des französischen Choreographen und Theaterkünstlers Boris Charmatz auf eine Weise, die man mit Worten eigentlich nicht beschreiben kann. Die Geste ist eben nicht nur eine bestimmte Mitteilung. Ein unerschöpfliches Reservoire an solchen Ausdrucksmöglichkeiten stellen die zehntausend von Charmatz für sein Tanzensemble vorgegebenen Gesten dar. Die Flüchtigkeit des Moments wird zur Feier des Augenblicks, zur »visuellen Hypnose«, die den Blick ständig zwischen Gruppe und Einzelfigur kippen lässt. Ein Kuss, einmal in der Nase bohren, der Schwerkraft nachgeben oder sie scheinbar vollkommen auflösen – ein Panorama wie das Leben selbst, aufgehoben in Mozarts Abschiedsmusik, die zugleich in jedem Takt davon erzählt, dass Vergeblichkeit und Vergänglichkeit nicht das letzte Wort sein können.

Was für eine schöne Geste!

TERMINE

https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Mo
22
Jun
20:00 | Kurzeinführung um 19.15 Uhr
Mozarts »Requiem« & die Sinfonie g-Moll
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Di
23
Jun
20:00 | Kurzeinführung um 19.15 Uhr
Mozarts »Requiem« & die Sinfonie g-Moll
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Do
25
Jun
19:00 | Kurzeinführung um 18.15 Uhr
Ein Tanzstück von Boris Charmatz | Terrain
zu Mozarts »Requiem«

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Mo
22
Jun
20:00 | Kurzeinführung um 19.15 Uhr
Mozarts »Requiem« & die Sinfonie g-Moll
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Di
23
Jun
20:00 | Kurzeinführung um 19.15 Uhr
Mozarts »Requiem« & die Sinfonie g-Moll
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Do
25
Jun
19:00 | Kurzeinführung um 18.15 Uhr
Ein Tanzstück von Boris Charmatz | Terrain
zu Mozarts »Requiem«