Vier bedeutende Musikensembles und ein Schauspielstar durchqueren Stile und Epochen:
Ensemble Resonanz, il Gusto Barocco, Ensemble Modern, Wooden Elephant und Charly Hübner zu Gast beim »Mannheimer Sommer«
Ensemble Resonanz, il Gusto Barocco, Ensemble Modern, Wooden Elephant und Charly Hübner zu Gast beim »Mannheimer Sommer«
von Jan Dvořák
Wer sagt eigentlich, dass Zeit nur vorwärts-läuft? Und wer hat beschlossen, dass Bach im Barock bleiben muss, Schubert im 19. Jahrhundert und Beyoncé im Streamingzeitalter? Beim »Mannheimer Sommer« wird diese Ordnung freundlich, aber bestimmt außer Kraft gesetzt. Vier Ensembles und Stargast Charly Hübner ignorieren die musikalische Uhr, erweitern ihre Besetzungen und lassen Epochen ineinanderfließen – mit Fantasie, Präzision und Lust am Risiko. Denn das Festival versteht sich seit jeher als Labor für Musiktheater und Konzertformen von Mozart bis zur Gegenwart und bespielt immer wieder bewusst Orte jenseits klassischer Bühnenräume.
RÄTSEL OHNE BEDIENUNGSANLEITUNG
Da ist zunächst »il Gusto Barocco« unter Jörg Halubek. Alte Musik? Ja. Staubig? Ganz sicher nicht. Das Stuttgarter Originalklangensemble zählt seit Jahren zu den profilierten Formationen historisch informierter Aufführungspraxis und ist für seine lebendige, rhetorisch geprägte Spielweise bekannt. Im Festival ist es gleich doppelt zu erleben. Während Halubek im Schlosstheater Schwetzingen mit Monteverdis »L’Orfeo« an den Ursprung der Oper zurückkehrt – jenem Schlüsselwerk von 1607, in dem sich erstmals Musikdrama und menschliche Affekte so unmittelbar verbinden, richtet er in der Friedenskirche Mannheim den Blick auf ein Rätsel ohne Bedienungsanleitung: Bachs »Kunst der Fuge«, erst 1751 nach seinem Tod erschienen. Ein Werk ohne Besetzungsangabe, ohne eindeutigen Schluss, voller offener Fragen.
Daraus macht »il Gusto Barocco« ein farbig instrumentiertes Raumabenteuer: Musik umgibt das Publikum, Stimmen wandern, Klangräume öffnen sich. Das abstrakte Tondenkmal wird körperlich erfahrbar – kurz: ein Erlebnis.
Daraus macht »il Gusto Barocco« ein farbig instrumentiertes Raumabenteuer: Musik umgibt das Publikum, Stimmen wandern, Klangräume öffnen sich. Das abstrakte Tondenkmal wird körperlich erfahrbar – kurz: ein Erlebnis.
REINHÖREN:
»BACH: DIE KUNST DER FUGE«
Jörg Halubek und il Gusto Barocco, erschienen bei Berlin Classics
»BACH: DIE KUNST DER FUGE«
Jörg Halubek und il Gusto Barocco, erschienen bei Berlin Classics
CHARLY HÜBNER ALS LIEDSÄNGER
Noch unmittelbarer geht das »Ensemble Resonanz« aus Hamburg vor. Das vielfach ausgezeichnete Streichensemble ist für seine genreoffenen Projekte zwischen Kammermusik, Elektronik und Clubkultur bekannt und residiert mit der Konzertreihe »urban string« selbst regelmäßig in nicht-klassischen Räumen. Was geschieht also, wenn Schuberts »Winterreise« auf den düsteren Post-Punk von Nick Cave trifft? Wenn romantische Verlorenheit und moderne Existenzfragen denselben Raum teilen? In »Mercy Seat« wird daraus eine musikalische Séance.
Im Zentrum Charly Hübner – bekannt aus »Polizeiruf 110« und »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße«. Einer der markantesten deutschen Theaterschauspieler, zugleich leidenschaftlicher Musikkenner, der ebenso über Gustav Mahler sprechen kann wie über Heavy Metal. In »Mercy Seat« spricht und singt Hübner von Schuld und Vergebung, rau und ungeschönt. Streicher, Jazztrio und Stimme überlagern sich, bis Zeiten und Stile ununterscheidbar werden. »All beauty must die« – selten klang dieser Satz so zwingend. Ein klarer Fall für den »Mannheimer Sommer«. Schon die »Rede in Es-Dur« des Hamburger Ensembles war 2024 einer der großen Publikumslieblinge des Festivals.
Im Zentrum Charly Hübner – bekannt aus »Polizeiruf 110« und »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße«. Einer der markantesten deutschen Theaterschauspieler, zugleich leidenschaftlicher Musikkenner, der ebenso über Gustav Mahler sprechen kann wie über Heavy Metal. In »Mercy Seat« spricht und singt Hübner von Schuld und Vergebung, rau und ungeschönt. Streicher, Jazztrio und Stimme überlagern sich, bis Zeiten und Stile ununterscheidbar werden. »All beauty must die« – selten klang dieser Satz so zwingend. Ein klarer Fall für den »Mannheimer Sommer«. Schon die »Rede in Es-Dur« des Hamburger Ensembles war 2024 einer der großen Publikumslieblinge des Festivals.
REINHÖREN:
»MERCY SEAT – WINTERREISE«
Ensemble Resonanz, erschienen bei resonanzraum record
»MERCY SEAT – WINTERREISE«
Ensemble Resonanz, erschienen bei resonanzraum record
Sie sind mutig. Sie sind lustig & lässig, streng & schnell. Vor allem passen sie auf die Musik auf, mit der sie Lebensglück, Klugheit & Zeitlosigkeit schenken. Das ist Rock’n’Roll in Reinkultur.
– Charly Hübner über das »Ensemble Resonanz«
RADIKAL AKUSTISCH
Dann »Wooden Elephant«: Nach dem Erfolg beim letzten Festival ist das international besetzte Streichquintett diesmal Ensemble in Residence – mit Konzerten und Workshops. Seine Perspektive: Zeit konsequent von der Gegenwart aus denken. Das junge Ensemble hat sich international einen Namen mit Re-Kompositionen von Pop- und Elektronik-Alben gemacht. Schlüsselwerke der Popgeschichte werden radikal akustisch übersetzt, mit ihren Streichinstrumenten also, die seit über vierhundert Jahren nahezu unverändert gebaut werden.
Wie aber klingt Beyoncé im Streichquintett? Eine Künstlerin, die zu den prägenden Stimmen des 21. Jahrhunderts gehört und selbst Grenzen verschiebt? Mit »Lemonade« wird ihr ikonisches Album von 2016 zur Kammermusik mit Sprecherin: Holz statt Elektronik, Körper statt Produktion...
Dazu die Gedichte der somalisch-britischen Poetin Warsan Shire, deren Texte bereits das Originalalbum prägen. Wie ein Ufo aus der Zukunft der Musik landet dieses Projekt auf dem Rasen des Rhein-Neckar-Stadions direkt gegenüber der Oper – ein bewusst gewählter Ort zwischen Alltagsraum und Kunstereignis. Und auch nach den Akademiekonzerten des Nationaltheater-Orchesters meldet sich »Wooden Elephant« zu Wort: mit kurzen Pop-up-Sets, die Mozarts Requiem und seine g-Moll-Sinfonie popkulturell kommentieren.
Darf man das? Die interessantere Frage ist: Warum nicht?
Wie aber klingt Beyoncé im Streichquintett? Eine Künstlerin, die zu den prägenden Stimmen des 21. Jahrhunderts gehört und selbst Grenzen verschiebt? Mit »Lemonade« wird ihr ikonisches Album von 2016 zur Kammermusik mit Sprecherin: Holz statt Elektronik, Körper statt Produktion...
Dazu die Gedichte der somalisch-britischen Poetin Warsan Shire, deren Texte bereits das Originalalbum prägen. Wie ein Ufo aus der Zukunft der Musik landet dieses Projekt auf dem Rasen des Rhein-Neckar-Stadions direkt gegenüber der Oper – ein bewusst gewählter Ort zwischen Alltagsraum und Kunstereignis. Und auch nach den Akademiekonzerten des Nationaltheater-Orchesters meldet sich »Wooden Elephant« zu Wort: mit kurzen Pop-up-Sets, die Mozarts Requiem und seine g-Moll-Sinfonie popkulturell kommentieren.
Darf man das? Die interessantere Frage ist: Warum nicht?
REINHÖREN:
»ANALOG FLUIDS OF SONIC BLACK HOLES«
Wooden Elephant, erschienen bei MDG
»ANALOG FLUIDS OF SONIC BLACK HOLES«
Wooden Elephant, erschienen bei MDG
BIS ZU DEN STERNEN
Auch John Cage (1912–1992) unternahm Zeitreisen eigener Art. Als Schlüsselfigur der musikalischen Avantgarde stellte er traditionelle Vorstellungen von Werk, Zeit und Autorschaft radikal infrage. Sein Ziel: den zielgerichteten westlichen Zeitbegriff in der Musik um eine meditative, vom Zen-Buddhismus geprägte Haltung zu erweitern. Mit »Atlas Eclipticalis« widmet sich das Frankfurter »Ensemble Modern« – eines der weltweit führenden Ensembles für Neue Musik – einem seiner geheimnisvollsten Werke. Die Partitur basiert auf Sternkarten des tschechischen Astronomen Antonín Bečvář, veröffentlicht 1958 – grafische Abbilder eines Himmels, dessen Licht Jahrtausende unterwegs ist. Denn auch Sternbilder sind Zeitreisende: Ob sie, Lichtjahre entfernt, überhaupt noch existieren, wissen wir nicht. Das All als Fenster in fernste Vergangenheit faszinierte Cage – und er fand Klänge, die uns aus der hektischen Gegenwart herauslösen.
Beim »Mannheimer Sommer« erklingt diese epochale Komposition unter den eindrucksvollen Kuppelprojektionen des Mannheimer Planetariums. Man hört, wie kosmische Ordnung und Zufall zu Musik werden, wird herausgelöst aus Alltag und Gegenwart und in einen schwebenden, offenen Zeitbegriff versetzt.
Beim »Mannheimer Sommer« erklingt diese epochale Komposition unter den eindrucksvollen Kuppelprojektionen des Mannheimer Planetariums. Man hört, wie kosmische Ordnung und Zufall zu Musik werden, wird herausgelöst aus Alltag und Gegenwart und in einen schwebenden, offenen Zeitbegriff versetzt.
KÜNSTLERISCHE HALTUNG
Was diese vier Ensembles verbindet, ist weniger ein Stil als eine Haltung. Sie verorten sich konsequent in Gegenwart und Zukunft, ohne die Verbindung zur nahen und fernsten Vergangenheit zu kappen. Sie vertrauen der Musik und trauen ihr Veränderung zu. So wird der »Mannheimer Sommer« zum Ort des Zeitreisens: ohne fantastische Maschinen, nur mit ein paar Geigen – und viel künstlerischer Vorstellungskraft.
REINHÖREN:
»BESCHENKT - 40 MINIATUREN ZUM JUBILÄUM«
Ensemble Modern, erschienen bei Ensemble Modern Medien
»BESCHENKT - 40 MINIATUREN ZUM JUBILÄUM«
Ensemble Modern, erschienen bei Ensemble Modern Medien