Ost-Talk Demokratie: Wie werden wir »Europa«?

Podiumsdiskussion in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg

Europa als Sehnsuchtsort, der Demokratie und Wohlstand verspricht: Die »Osterweiterung« der EU gab für Beitrittsländer wie Polen oder die Slowakei Hoffnung auf ein »Ostopia«. Für große Teile der Bevölkerungen der acht Staaten Mittel- und Osteuropas, die vor 20 Jahren der Europäischen Union beitraten, war es der Abschluss eines Prozesses zu Demokratie, Marktwirtschaft und offenen Gesellschaften. Auch aus einer historischen Perspektive wurde der Beitritt vielfach als die Rückkehr nach Europa nach Jahrzehnten der Isolation im sowjetischen Machtbereich wahrgenommen.

Im Gespräch der Moderatorin Carla Sappok mit der Soziologin und Journalistin Karolina Wigura und dem Queeraktivisten und DJ Roman Samotný wollen wir nun den Blick Richtung Gegenwart und Zukunft Europas wenden: Die weitere Entwicklung erscheint offen – in Polen hat die proeuropäische Opposition die Wahlen klar gewonnen und macht sich daran, Polen auf den Weg nach Europa zurückzuführen. Das slowakische Wahlvolk setzte ein gegenteiliges Signal und wählte eine Regierung, die mit autoritären, nationalistischen und prorussischen Haltungen gegen vieles steht, was die Europäischen Union ausmacht. Nationalistische Strömungen machen sich mittlerweile in beinahe allen Mitgliedsstaaten der EU bemerkbar und so treffen die Bestrebungen neuer Beitrittskandidat*innen auf eine generelle Erweiterungsmüdigkeit. In Ländern wie der Ukraine, Moldawien oder Georgien jedoch erscheint Europa als Sehnsuchtsort, der Demokratie, Frieden und Wohlstand verspricht, gerade jetzt lebendiger denn je.

Was wird aus Ostopia?



Mit:
Roman Samotný studierte Journalismus an der Comenius-Universität in Bratislava in der Slowakei. Während und nach seinem Studium arbeitete er in verschiedenen Medien als Drehbuchautor und Dramaturg. Er ist der Gründer der Plattform Queer Slovakia, wo er verschiedene Veranstaltungen für LGBTI+ Menschen und ihre Angehörigen organisiert. Dazu gehört auch »Tepláreň«, das ursprünglich als Party begann und später in eine Bar und einen Gemeinschaftsraum umgewandelt wurde. Seit 2010 ist es Mitglied der »Inakosť«-Initiative, wo es sich vor allem für das Otherness Film Festival und die Aufklärung über LGBTI+-Themen einsetzt. Nach dem Terroranschlag in der Zámocká-Straße 2022 wurde er zum Sprecher der Initiative We Care About Life. Im Jahr 2022 erhielt er den White Crow Award für Zivilcourage und im Jahr 2023 den Preis des Bürgermeisters von Bratislava fürs Erschaffen von Freiräumen. Als DJ Vesnu organisiert er Clubnächte, die zu einer festen Größe in der slowakischen Tanzszene geworden sind.

Dr. habil. Karolina Wigura ist Soziologin und Ideenhistorikerin. Sie ist Assistenzprofessorin für Soziologie an der Universität Warschau, Vorstandsmitglied von Kultura Liberalna (Liberale Kultur), Polens führender politischer und kultureller Online-Wochenzeitung, und Senior Fellow des Zentrums für die liberale Moderne mit Sitz in Berlin. Zudem wirkt sie als Mitglied des European Council on Foreign Relations. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Rolle von Emotionen in der Politik, Nationalismus, Populismus sowie die deutsch-polnischen Beziehungen. Für ihr Interview mit Jürgen Habermas »Europę ogarnia śmiertelny bezwład« (»Europa in der Todeslähmung«) erhielt sie den Grand Press Preis in Polen. Sie ist Autorin folgender Bücher: »Wina narodów. Przebaczenie jako strategia prowadzenia polityki« (»Die Schuld der Nationen: Vergebung als politische Strategie«), »Wynalazek Nowoczesnego Serca: Filozoficzne źródła współczesnego myślenia o emocjach« (»Die Erfindung des modernen Herzens: Philosophische Quellen des zeitgenössischen Denkens über Emotionen«), »The End of the Liberal Mind: Poland’s New Politics« (zusammen mit Jarosław Kuisz) sowie »Posttraumatische Souveränität. Ein Essay« (zusammen mit Jarosław Kuisz). Sie schreibt für The Guardian, The New York Times, Neue Zürcher Zeitung, TAZ, Gazeta Wyborcza und anderen Zeitschriften.

Moderation:
Carla Sappok ist Journalistin und war viele Jahre in führenden Positionen beim Südwestrundfunk im Bereich Aktuelle Politik tätig. Von 2000-2005 arbeitete sie für die ARD als EU Korrespondentin in Brüssel und leitete dort das SWR/BR/MDR Studio des Hörfunks. Neben ARD Korrespondentenvertretungen in Paris und Genf war sie auch als Trainerin der Deutschen-Welle Akademie u.a. für politische Berichterstattung in Südafrika, Kenia und Tansania unterwegs. Das Thema Europa ist ihr Kernthema. So moderiert sie für öffentliche wie private Institutionen regelmäßig Veranstaltungen, Konferenzen und Podiumsdiskussionen zur Entwicklung in Europa.


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