Ein Theaterabend mit Folgen: Wie kam es zu »Madama Butterfly«?
Es ist der 21. Juni 1900. Giacomo Puccini hält sich zur Einstudierung seiner Oper »Tosca« in London auf und erlebt im Duke of York’s Theatre die Premiere von David Belascos einaktigem Schauspielstück »Madame Butterfly: A Tragedy of Japan«.
Der Autor Belasco berichtet später:
»Puccini war unter den Ehrengästen und kam zu mir hinter die Bühne, um mich zu bitten, ich möge ihn das Stück als Opernlibretto benutzen lassen. Ich sagte sofort zu, er könne damit machen, was er wolle und wie er wolle – denn, wie ist es möglich, mit einem impulsiven Italiener, der dir mit Tränen in den Augen und beiden Armen am Halse hängt, auch nur irgendwelche geschäftlichen Dinge zu diskutieren! Ich glaube kaum, dass er das Stück wirklich gesehen hat, er hörte nur die Musik, die er dazu schreiben würde.«
Dass Puccini das Stück »kaum wirklich gesehen habe«, wie Belasco sagt, dürfte auch mit Puccinis eher bescheidenen Englischkenntnissen zu tun gehabt haben. Dass ihn die Geschichte dennoch zutiefst berührte, war ihm Beweis genug, dass eine Umsetzung als Oper möglich sein musste. Nicht Helden und unsterbliche Gestalten interessierten ihn, sondern die Schicksale, Nöte und Sehnsüchte wirklicher Menschen. – Und als solche traten ihm die Figuren des Dramas gegenüber. David Belasco, ein höchstproduktiver New Yorker Impresario, Autor, Regisseur und Theaterproduzent, hatte die Geschichte der Madame Butterfly der gleichnamigen (und ausführlicheren) Erzählung John Luther Longs (1897) entnommen, der seinerseits verschiedene Quellen heranzieht. Zum einen beruft sich Long auf Berichte seiner Schwester Sarah Jane Correll, die sich in den 1890er-Jahren in Nagasaki aufgehalten hatte, zum anderen stützt sich Long auf den in Teilen autobiographischen Roman »Madame Chrysanthème« (1887) des Franzosen Pierre Loti. Zahlreiche Quellen sind es also, die in Puccinis 1904 in Mailand uraufgeführter Oper zusammenfließen. Zahlreiche auch sehr subjektiv gefärbte Eindrücke, Erinnerungen und nicht zuletzt: Phantasien. Sie alle speisen sich aus der Begegnung zweier Kulturen, sei sie tatsächlich erlebt, oder auch nur imaginiert.
Japan und der Westen
1853, also knapp 50 Jahre vor Puccinis Begegnung mit »Madame Butterfly«, läuft ein Geschwader dampfgetriebener Kriegsschiffe in die Edo-Bucht ein: Ein Überfall, mit dem der US-amerikanische Commodore Matthew Perry im Auftrag seines Präsidenten die Herstellung von Handelsbeziehungen mit Japan und ein Ende der über 200-jährigen, selbstbestimmten Isolation des Landes erzwingt. Systematisch weiten die Vereinigten Staaten ihren Einfluss im Pazifischen Ozean aus, versprechen sich große Vorteile von Stützpunkten in Japan, nicht zuletzt um Schiffe auf dem Weg nach China mit Treibstoff und Lebensmitteln versorgen zu können. Perrys Kanonen sind mächtiger als die japanischen Feuerwaffen. Japan entschließt sich zu Zugeständnissen – und verändert damit den Lauf der Geschichte für immer.
Aus einer erzwungenen Öffnung wird eine aktive und von Japan mit zunehmender Intensität betriebene Auseinandersetzung mit dem Westen. Schon 1857/58 werden die ersten japanischen Dampfschiffe gebaut, eine neue Militärschule gegründet und die Küstenwache neu organisiert. 1868 folgt dann der politische Umsturz: Per Staatsstreich wird die Schogunatsverwaltung abgeschafft und der Kaiser als oberste Macht installiert. Damit beginnt die Meiji-Ära (1868-1912), innerhalb derer das Land durchschlagend industrialisiert und die Gesellschaft nach westlichem Vorbild umgebaut wird. In Europa und der westlichen Welt bricht ein regelrechter Hype um japanische oder japanisch inspirierte Kunstgegenstände, Drucke und Kleidung aus. Die einfachsten Haushaltsgegenstände thronen in Pariser Salons, mit Entzücken zeigen sich die Damen der Gesellschaft in Kimonos, der japanische Pavillon ist Publikumsmagnet der Pariser Weltausstellung 1900. Was im Westen vor allem als Modephänomen wahrgenommen wird, hat für Japan und seine Bevölkerung ganz reale Konsequenzen. Und nicht nur für Japan. »Ganz wie Perry einst sie selbst, zwingen die Japaner nun Korea zur Aufnahme von Handelsbeziehungen und zur Duldung der Modernisierung. Sie haben Formosa, Okinawa und eine Reihe von Inseln erobert, die bisher von China besetzt waren. 1902 schließen sie ein militärisches Abkommen mit Großbritannien, das erste, das ohne Bevormundung von einer westlichen und einer östlichen Macht ausgehandelt worden ist«, schreibt der Journalist und Weltreisende Pierre Enckell. 1894 tritt Japan in Krieg mit China,1904 mit Russland. Beide Kriege enden mit Siegen Japans und katapultieren das Land auf die Weltkarte der Macht. Zur Zeit der Uraufführung von Puccinis »Madama Butterfly« ist Japan also bereits eine militärische Großmacht mit expansiven Ambitionen.
Die Ankunft der amerikanischen Schiffe auf einem japanischen Druck von 1854
Puccinis Japan: Phantasie und dramatische Wirksamkeit
Mit seiner Oper richtete Puccini sich klar an ein europäisches Publikum. An die beschriebene Japanbegeisterung anknüpfend, führt er ein Japan vor, das den gängigen Klischees entsprach. Um den Konflikt zwischen westlicher und fernöstlicher Kultur, der Cio-Cio-San auf tragische Weise zum Opfer fällt, musikalisch darstellbar zu machen, bemühte er sich um deutlich unterscheidbare Klangsphären. Davon zeugen einerseits ganz direkte musikalische Zitate, etwa wenn Puccini in Pinkertons Bekenntnisarie »Dovunque al mondo« die Hymne »The Star Spangled Banner« (zunächst Marine-, ab 1931 dann Nationalhymne der Vereinigten Staaten) anklingen lässt. Oder wenn beim Auftritt des kaiserlichen Kommissars in der Hochzeitsszene des ersten Aktes ein Ausschnitt aus der japanischen Nationalhymne Kimi Ga Yo ertönt. Andererseits, und das zeichnet die Partitur der »Butterfly« grundsätzlicher aus, sucht der Komponist nach spezifischen Klangfarben, die japanisches Kolorit vermitteln und gleichzeitig die individuelle Entwicklung insbesondere der Hauptfigur plastisch machen sollten. Er konsultierte die japanische Schauspielerin und Tänzerin Kawakami Sadayakko, holte sich Rat bei der Frau des japanischen Botschafters in Rom und zog Grammophonaufnahmen sowie transkribierte Notensammlungen heran. Was ihm passend erschien, fand Verwendung: Pentatonische Wendungen, unisono geführte Gesangs- und Instrumentalstimmen, leere Quinten, japanische Glocken und Trommeln – all das im Prisma der italienischen Oper des späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts. Wichtiger als ein Bemühen um Authentizität waren dem Komponisten dabei die dramatische Durchschlagskraft und die emotionale Wirksamkeit seiner Musik. Wir sollen Butterflys Abschied von ihrem alten Leben, ihren Weg in eine mehr oder weniger selbstbestimmte Gegenwart und ihre heroisch-tragische Entscheidung zum Selbstmord am Ende als tief erschütternd wahrnehmen. Der Clash der Kulturen wird zum klanglichen Gewand der menschlichen Tragödie einer Einzelnen.
Pinkerton è antipatico
»Pinkerton è antipatico! – Pinkerton ist unsympathisch!«, so bringt es Librettist Luigi Illica für sich auf den Punkt. Genauso drastisch könnte man sich fragen: Ist Cio-Cio-San naiv und gutgläubig? Vielleicht, jedenfalls zu Beginn? Beide Hauptfiguren werden als stereotype Abbilder von (amerikanischer) Männlichkeit und (japanischer) Weiblichkeit ins Spiel gebracht. Genau daraus aber ergibt sich im Verlauf des Stückes die dramatische Fallhöhe der Figuren. Denn Cio-Cio-San und Pinkerton unterlaufen unsere Erwartungen, werden – sobald wir sie besser kennenlernen – als Menschen greifbar, die von ihren Sehnsüchten, Ängsten und Wünschen getrieben und an ihre eigenen Abgründe geführt werden. Sicherlich, Pinkerton merkt man seine Verwundbarkeit erst am Ende an. Umso deutlicher aber tritt die Vielschichtigkeit und Stärke Butterflys hervor, die mit einer Inbrunst und Zuversicht an die Macht der Liebe glaubt, die alle anderen Figuren um sie herum in den Schatten stellt. Mit welcher Wirkungsmacht es Puccini gelingt, sein Publikum emotional in Bann zu schlagen, davon zeugt die bis heute ungebrochene Beliebtheit des Werkes in aller Welt.
Mannheim 1969–2026
Puccinis »Madame Butterfly« wurde 1909 zum ersten Mal in Mannheim gezeigt. Sechzig Jahre und zwei Weltkriege später kommt die Oper im neu gebauten Nationaltheater am Goetheplatz erneut auf den Spielplan: Regie führt Wolfgang Blum, dessen »Hänsel und Gretel« seit 1971 zum festen Bestandteil des Mannheimer Repertoires gehört. Für das Bühnenbild zeichnet Paul Walter, für das Kostümbild Gerda Schulte verantwortlich – und damit das Ausstattungsteam des legendären »Parsifal« von 1957. Im Zuge neuer Regieansätze der 1950er- und 1960er-Jahre bemühte man sich um klare, eher nüchterne Raumgestaltung, um die Figuren davor umso deutlicher herausarbeiten zu können. Die Kostüme, so zeigen es historische Aufnahmen, sollten japanisches Kolorit einfangen – oder das, was man sich darunter vorstellte. Bei der Wiederaufnahme 2026 ist die Mannheimer »Madama Butterfly« beinahe 60 Jahre alt. Eine so ungebrochene Aufführungstradition ist durchaus etwas Besonderes. Sie verschafft heutigen Betrachter*innen die Möglichkeit, Regiekunst und Theaterhandwerk in ihrer Historizität wahrzunehmen, sie aber zugleich in Bezug zur Gegenwart zu stellen – mit immer neuen Sänger*innen und Rolleninterpretationen. Die Ungebrochenheit der Tradition stellt einen dabei aktiv vor die Aufgabe, die Werke immer wieder zu befragen und unseren Umgang mit ihnen zu diskutieren. Wo würden Neuinszenierungen grundsätzlich anders ansetzen – wie etwa in der zu Pandemiezeiten neu erarbeiteten White-Wall-Butterfly, die das Thema Geschlechteridentität in den Fokus rückte? Wie blicken wir heute auf die Darstellung der japanischen Gesellschaft in »Madama Butterfly« von 1969? Wo laufen wir Gefahr, Stereotype und Vorurteile lediglich zu perpetuieren, anstatt sie im Spiegel der Geschichte Butterflys kritisch zu hinterfragen? In Zusammenarbeit mit Regie, Sänger*innen-Ensemble, Kostüm-, Masken-, Beleuchtungsabteilung, Bühne und vielen mehr wurden die Umsetzbarkeit einer Wiederaufnahme von »Madame Butterfly« in der Oper am Luisenpark sorgfältig geprüft. Anpassungen – wie sie etwa aufgrund der nicht vorhandenen Unterbühne in der Interimsspielstätte rein räumlich notwendig waren – wurden erarbeitet, auch Maskenbild und Kostüme kritisch unter die Lupe genommen. Genau analysiert wurden auch die szenischen Vorgänge, die im Regiebuch festgehalten sind. Warum zum Beispiel betreten die Geishas in der Hochzeitsszene des ersten Aktes Butterflys Haus mit Schuhen? In Zusammenarbeit mit japanischen Kolleginnen aus dem Opernchor konnten hierfür sinnvolle Deutungen gefunden werden: Das Haus Butterflys ist das Haus Pinkertons und damit gewissermaßen ein »amerikanisches« Haus – wie es Cio-Cio-San auch selbst mehrfach betont. Aus Respekt vor dem Hausherren gelten hier nun neue Regeln – auch hinsichtlich des Betretens mit Schuhen. In der Gegenüberstellung westlicher und japanischer Lebens- und Verhaltensweisen ergeben sich im szenischen Kontext neue Blickwinkel.
Mit der Wiederaufnahme im OPAL laden wir Sie ein, in einen Kosmos einzutauchen, in dem sich verschiedene künstlerische Visionen begegnen, kulturelle Imagination und dramatische Phantasie aufeinandertreffen – und Solist*innen-Ensemble, Chor und Orchester des Nationaltheaters Puccinis hochemotionale Partitur Abend für Abend aufs Neue lebendig werden lassen.
Historischer Besetzungszettel der Premiere am Nationaltheater Mannheim (1969)
Eva Maria Molnar, Fred Dalberg, Ensemble und Chor (Foto von Mara Eggert, 1969)
Herzlichen Dank an die Reiss-Engelhorn-Museen, Abteilung Theater- und Literaturgeschichte mit Mannheimer Musikgeschichte für die historischen Fotografien und Besetzungszettel.