Nach der Erfolgsproduktion »Sanssouci« (2019) zelebriert die diesjährige Orchesterpremiere erneut den Dialog von Tanz und Gesang. Sakrale Chorwerke Arvo Pärts bilden dabei das Fundament für eine Betrachtung des Verhältnisses von Individuum und Gemeinschaft.
Inspiriert von dem Gedicht »Die Winterreise« von Wilhelm Müller, das vor allem in der Vertonung Schuberts bekannt ist und um den psychischen Verfall eines einsamen Wanderers nach einer gescheiterten Liebesbeziehung kreist, widmet sich das Tanzstück »Eine Winterreise« dem schleichenden Verlust von Empathie durch gesellschaftliche Spaltung und der daraus resultierenden Entfremdung eines Einzelnen von seinen Mitmenschen. In weihnachtlicher Symbolik zwischen Lichterglanz und Schneetreiben, zwischen dem geschützten Raum einer Kirche und der gnadenlosen Weite einer Winterlandschaft entspinnt sich eine Suche nach Sinn in einer immer ›kälter‹ werdenden Welt. Sehnsucht nach Verbundenheit erstarrt zu Verbitterung und Resignation. Diesem ›Requiem der Menschlichkeit‹ dienen in erster Linie Werke Arvo Pärts als musikalische Entsprechung, und damit Werke eines Komponisten, der die Reduktion auf das Wesentliche anstrebt und die Grenzen zwischen klassischem, populärem und geistlichem Genre zu sprengen vermag.