Foto: Oliver Look
Schauspieler Michael Ransburg im Gespräch mit Daniel Joshua Busche
Michael Ransburg studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Erste Festengagements führten ihn an die Schauspielhäuser Bochum und Zürich, wo er u. a. mit David Bösch, Jan Bosse, Wilfried Minks und Peter Zadek arbeitete. Weitere Engagements hatte er u. a. bei den Salzburger Festspielen, am Theater am Neumarkt Zürich, Burgtheater Wien und Staatstheater Stuttgart. In Ulla Geigers Komödie »Wir drehen keinen Film« spielte er die Hauptrolle. Zudem wirkte er in der zweiten Staffel der Netflix-Serie »How To Sell Drugs Online (Fast)« mit sowie in »Babylon Berlin« (Staffel 4), dem ARD »Zürich-Krimi« und der Serie »Krank Berlin«. Neben dem Schauspiel gilt sein Interesse dem Musiktheater, das ihn u. a. zur Münchner Biennale, an die Oper St. Gallen und ans Nationaltheater Mannheim führte. Dort verkörperte er Florestan in Beethovens »Fidelio«, erarbeitete 2019 mit Phillip Stölzl die Revue »Phantome der Oper« und kehrte 2022 mit Sidney Corbetts Oper »Keine Stille außer der des Windes« zurück. In der Spielzeit 2024.25 brillierte er als Hauptdarsteller in »Comedian Harmonists« im Schlosstheater Schwetzingen und war Erzähler in der Uraufführung der Kammeroper »Der Fremde«. 2026 brachte er sein zweites Kabarett-Solo »Lachen« in Völs zur Uraufführung und kehrt 2025.26 als Erzähler in »Sommernachtstraum« ans NTM zurück.
Hat man als Schauspieler einen besonderen Bezug zum »Sommernachtstraum«?
In jedem Fall. Der »Sommernachtstraum« ist eines der ganz großen Stücke in der Theatergeschichte und als Schauspieler fiebert man ein Stück weit darauf hin... Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten »Sommernachtstraum« bei den Salzburger Festspielen 2007: eine hochintensive Arbeit unter Christian Weise. Damals durfte ich einen Handwerker spielen.
War das deine erste Begegnung mit dem Stück?
Das Stück ist ja so prominent, dass ich es natürlich vorher kannte. Auch im Schultheater habe ich mich schon damit beschäftigt. Ich erinnere mich aber auch sehr gut an einen anderen Zugriff: Da mein Vater jahrzehntelang Geiger an der Oper Bonn war, bin ich also auch sehr musikalisch aufgewachsen. Die großartigen Schauspielmusiken von Mendelssohn waren mir also auch bestens bekannt. Insofern war ich mit dem »Sommernachtstraum« auf verschiedenartige Weise vertraut; wirklich kennen und lieben lernte ich ihn aber erst in der intensiven Probenarbeit.
Nun bist du in unserem »Sommernachtstraum« nicht einer von vielen Schauspielern – eher eine Art Conférencier. Das Stück ist so vielschichtig, so reich an Ebenen; kann man das in einer einzigen Erzählrolle fassen?
Für mich ist der »Sommernachtstraum« tatsächlich ein Spiel von Welten. Es gibt nicht die eine Realität, sondern mehrere, die nebeneinander existieren: eine Welt der Feen und Elfen, des Übernatürlichen, eine Welt der Herrschenden, eine der Liebenden, eine der Handwerker. Diese Welten sind jeweils sehr eigen und konkret – zugleich stehen sie in ständiger Beziehung zueinander. Sie spiegeln sich, widersprechen sich, greifen ineinander. Man hat das Gefühl, dass verschiedene Erzählfäden gleichzeitig verlaufen, sich kreuzen, sich verlieren und wieder zusammenfinden. Daraus entsteht die ungeheure Lebendigkeit des Stücks.
Und du bewegst dich zwischen diesen Welten?
In gewisser Weise. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, eine einheitliche Perspektive erkennbar zu machen, sondern die verschiedenen Farben, Welten und Ebenen sichtbar zu halten und zwischen ihnen zu wechseln. Es ist also auch der Versuch, diese Vielstimmigkeit nicht zu glätten, sondern auszuhalten – den ›Traum‹ nicht nachzuerzählen, sondern erlebbar zu machen.
In unserer Fassung bist du auch keine neutrale Erzählfigur, sondern schlüpfst immer wieder in Rollen. Was geht dabei als Spieler auf der Bühne in dir vor?
Das Spielen bereitet mir ungeheuren Spaß: in unterschiedliche Figuren zu schlüpfen, sie dabei mit eigenen Stimmen, Haltungen und Temperamenten anzureichern. Interessanterweise ist es wohl mitunter das, was mir am leichtesten fällt. Über die Jahre habe ich ein beträchtliches Arsenal an Stimmen und Typen entwickelt, auf das ich zurückgreifen kann. Wirklich lebendig und umfassend wird das aber erst im Probenprozess. Dort zeigt sich, welche Figuren wirklich tragen oder welche noch geschärft oder neu gedacht werden müssen. Es bleibt also immer ein Suchen und Ausprobieren.
Unter diesen Figuren nimmt Puck für uns eine besondere Rolle ein. Wie siehst du ihn?
Puck ist der Erzähler, der Spielmacher. Er ist sich als einzige Figur im Stück der Bühnenfiktion und der Anwesenheit eines Publikums bewusst. Damit ist er ein zentrales Medium im Stück.
Ein Medium zum Publikum?
Nicht nur. Puck vermittelt auch zwischen diesen Welten: Von der Elfenwelt mit einem klaren Auftrag ausgestattet, dringt er auch in andere Welten vor, richtet jede Menge Unheil und Chaos an. Wenn man so will, setzt er verschiedene Erzählstränge überhaupt erst in Gang. Er ist also Vermittler zwischen den Bühnenwelten, zwischen Bühne und Publikum – und letztlich zwischen Traum und Realität. Auf ungemein spielerische Art und Weise ist er der Dreh- und Angelpunkt dieses Stücks. Und so hat er als permanenter Spielmacher auch eine gewisse Übermacht. Mit dieser Übermacht geht Puck äußerst lapidar um, hat nicht das geringste Verantwortungsgefühl. Er ist also kein harmloser Hanswurst. Er streift gewissermaßen als ›schicksalhaftes Moment‹ durch dieses Stück: In seinen Händen liegen zeitweise der Verlauf der Handlung und die Geschicke der Figuren. Dieses Spiel hat auch etwas Brutales.
Nun geht es nicht nur um Shakespeare. Wir spielen die Schauspielmusik von Felix Mendelssohn. Was ist das für ein Verhältnis zwischen Text, literarischer Vorlage und Musik?
Das Wesen dieser Kunstform ist die Musik, sie steht im Zentrum. Vielleicht war sie nicht der allererste Ausgangspunkt; Mendelssohn mag sich gefragt haben: »Wo führt mich diese Geschichte musikalisch hin?« Doch die Musik ist das, was am stärksten nachhallt. Die Musiken von Mendelssohn sind darüber hinaus so mutig, stark und raumgreifend gearbeitet, dass durch sie wirklich etwas ganz neues Eigenes entsteht.
Was sind für dich Chancen und Herausforderungen dieser Kunstform?
Ich sehe vor allem die Chancen. Die Verbindung von gesprochener Sprache und Musik halte ich für hochfaszinierend. Mir als Schauspieler kommt die Musik zum Beispiel unheimlich entgegen: Nichts vermittelt Stimmungen und Gefühle so eindringlich wie sie. Das bedeutet gleichzeitig, dass man auf diese Kraft der Musik vertrauen und mit ihr umzugehen wissen muss. Wenn das gelingt, entsteht eine echte Symbiose.
Sprache hat ja auch immer eine Melodie.
Nicht nur das, Sprache ist Melodie. Vielleicht eine genauere Form von Melodie: Sprache kann in Teilen das präzisere Ausdrucksmittel sein und dennoch nie ein so deutliches wie die Musik. Im besten Fall ist dieses Verhältnis nie ein Abwägen, sondern immer eine gegenseitige Bereicherung. Es ergibt etwas Starkes und Großes, was beides für sich alleine nicht sein könnte.
Hast du eine Lieblingsfigur im Stück?
Klar: Der Handwerker Zettel. Im Schauspiel ist er derjenige, der am liebsten jede Rolle übernehmen würde. Später wird er ja auch von Puck mit einem Eselskopf versehen und von Titania umgarnt. Sein Übereifer hat etwas Komisches, Bewundernswertes und Liebenswürdiges zugleich. Als Schauspieler, der in verschiedene Rollen schlüpft, sehe ich mich an diesem Abend auch ein Stück weit demselben Geist wie Zettel verpflichtet. Ganz nach dem Motto: »Lasst mich den Löwen auch noch spielen«!
Vielen Dank!
In jedem Fall. Der »Sommernachtstraum« ist eines der ganz großen Stücke in der Theatergeschichte und als Schauspieler fiebert man ein Stück weit darauf hin... Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten »Sommernachtstraum« bei den Salzburger Festspielen 2007: eine hochintensive Arbeit unter Christian Weise. Damals durfte ich einen Handwerker spielen.
War das deine erste Begegnung mit dem Stück?
Das Stück ist ja so prominent, dass ich es natürlich vorher kannte. Auch im Schultheater habe ich mich schon damit beschäftigt. Ich erinnere mich aber auch sehr gut an einen anderen Zugriff: Da mein Vater jahrzehntelang Geiger an der Oper Bonn war, bin ich also auch sehr musikalisch aufgewachsen. Die großartigen Schauspielmusiken von Mendelssohn waren mir also auch bestens bekannt. Insofern war ich mit dem »Sommernachtstraum« auf verschiedenartige Weise vertraut; wirklich kennen und lieben lernte ich ihn aber erst in der intensiven Probenarbeit.
Nun bist du in unserem »Sommernachtstraum« nicht einer von vielen Schauspielern – eher eine Art Conférencier. Das Stück ist so vielschichtig, so reich an Ebenen; kann man das in einer einzigen Erzählrolle fassen?
Für mich ist der »Sommernachtstraum« tatsächlich ein Spiel von Welten. Es gibt nicht die eine Realität, sondern mehrere, die nebeneinander existieren: eine Welt der Feen und Elfen, des Übernatürlichen, eine Welt der Herrschenden, eine der Liebenden, eine der Handwerker. Diese Welten sind jeweils sehr eigen und konkret – zugleich stehen sie in ständiger Beziehung zueinander. Sie spiegeln sich, widersprechen sich, greifen ineinander. Man hat das Gefühl, dass verschiedene Erzählfäden gleichzeitig verlaufen, sich kreuzen, sich verlieren und wieder zusammenfinden. Daraus entsteht die ungeheure Lebendigkeit des Stücks.
Und du bewegst dich zwischen diesen Welten?
In gewisser Weise. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, eine einheitliche Perspektive erkennbar zu machen, sondern die verschiedenen Farben, Welten und Ebenen sichtbar zu halten und zwischen ihnen zu wechseln. Es ist also auch der Versuch, diese Vielstimmigkeit nicht zu glätten, sondern auszuhalten – den ›Traum‹ nicht nachzuerzählen, sondern erlebbar zu machen.
In unserer Fassung bist du auch keine neutrale Erzählfigur, sondern schlüpfst immer wieder in Rollen. Was geht dabei als Spieler auf der Bühne in dir vor?
Das Spielen bereitet mir ungeheuren Spaß: in unterschiedliche Figuren zu schlüpfen, sie dabei mit eigenen Stimmen, Haltungen und Temperamenten anzureichern. Interessanterweise ist es wohl mitunter das, was mir am leichtesten fällt. Über die Jahre habe ich ein beträchtliches Arsenal an Stimmen und Typen entwickelt, auf das ich zurückgreifen kann. Wirklich lebendig und umfassend wird das aber erst im Probenprozess. Dort zeigt sich, welche Figuren wirklich tragen oder welche noch geschärft oder neu gedacht werden müssen. Es bleibt also immer ein Suchen und Ausprobieren.
Unter diesen Figuren nimmt Puck für uns eine besondere Rolle ein. Wie siehst du ihn?
Puck ist der Erzähler, der Spielmacher. Er ist sich als einzige Figur im Stück der Bühnenfiktion und der Anwesenheit eines Publikums bewusst. Damit ist er ein zentrales Medium im Stück.
Ein Medium zum Publikum?
Nicht nur. Puck vermittelt auch zwischen diesen Welten: Von der Elfenwelt mit einem klaren Auftrag ausgestattet, dringt er auch in andere Welten vor, richtet jede Menge Unheil und Chaos an. Wenn man so will, setzt er verschiedene Erzählstränge überhaupt erst in Gang. Er ist also Vermittler zwischen den Bühnenwelten, zwischen Bühne und Publikum – und letztlich zwischen Traum und Realität. Auf ungemein spielerische Art und Weise ist er der Dreh- und Angelpunkt dieses Stücks. Und so hat er als permanenter Spielmacher auch eine gewisse Übermacht. Mit dieser Übermacht geht Puck äußerst lapidar um, hat nicht das geringste Verantwortungsgefühl. Er ist also kein harmloser Hanswurst. Er streift gewissermaßen als ›schicksalhaftes Moment‹ durch dieses Stück: In seinen Händen liegen zeitweise der Verlauf der Handlung und die Geschicke der Figuren. Dieses Spiel hat auch etwas Brutales.
Nun geht es nicht nur um Shakespeare. Wir spielen die Schauspielmusik von Felix Mendelssohn. Was ist das für ein Verhältnis zwischen Text, literarischer Vorlage und Musik?
Das Wesen dieser Kunstform ist die Musik, sie steht im Zentrum. Vielleicht war sie nicht der allererste Ausgangspunkt; Mendelssohn mag sich gefragt haben: »Wo führt mich diese Geschichte musikalisch hin?« Doch die Musik ist das, was am stärksten nachhallt. Die Musiken von Mendelssohn sind darüber hinaus so mutig, stark und raumgreifend gearbeitet, dass durch sie wirklich etwas ganz neues Eigenes entsteht.
Was sind für dich Chancen und Herausforderungen dieser Kunstform?
Ich sehe vor allem die Chancen. Die Verbindung von gesprochener Sprache und Musik halte ich für hochfaszinierend. Mir als Schauspieler kommt die Musik zum Beispiel unheimlich entgegen: Nichts vermittelt Stimmungen und Gefühle so eindringlich wie sie. Das bedeutet gleichzeitig, dass man auf diese Kraft der Musik vertrauen und mit ihr umzugehen wissen muss. Wenn das gelingt, entsteht eine echte Symbiose.
Sprache hat ja auch immer eine Melodie.
Nicht nur das, Sprache ist Melodie. Vielleicht eine genauere Form von Melodie: Sprache kann in Teilen das präzisere Ausdrucksmittel sein und dennoch nie ein so deutliches wie die Musik. Im besten Fall ist dieses Verhältnis nie ein Abwägen, sondern immer eine gegenseitige Bereicherung. Es ergibt etwas Starkes und Großes, was beides für sich alleine nicht sein könnte.
Hast du eine Lieblingsfigur im Stück?
Klar: Der Handwerker Zettel. Im Schauspiel ist er derjenige, der am liebsten jede Rolle übernehmen würde. Später wird er ja auch von Puck mit einem Eselskopf versehen und von Titania umgarnt. Sein Übereifer hat etwas Komisches, Bewundernswertes und Liebenswürdiges zugleich. Als Schauspieler, der in verschiedene Rollen schlüpft, sehe ich mich an diesem Abend auch ein Stück weit demselben Geist wie Zettel verpflichtet. Ganz nach dem Motto: »Lasst mich den Löwen auch noch spielen«!
Vielen Dank!
Ein Auszug aus dem Programmheft zu »Ein Sommernachtstraum«.