Interview mit Vöcks de Schwindt
»Queer Opera Love« feierte im Rahmen des Mannheimer Sommer Premiere. Das Regieduo Frederico und Wenzel Vöcks de Schwindt entwickelten mit Klaus Schirdewahn einen Abend, in dem dieser seine persönliche Geschichte über queere Identität und Faszination für die Oper erzählt hat. Im Interview mit den beiden Festival-Scouts Annika Uchatius und Telse Podbielski sprechen sie über die Zusammenarbeit mit einer Privatperson, die Verbindung von Dokumentation und Theater und darüber, was eine Wohnung als Aufführungsort so besonders macht.
Scout Team: Hallo! Könnt ihr euch einmal kurz vorstellen?
Wenzel: Wir sind Vöcks de Schwindt, ein deutsch-argentinisches Regieduo. Wir sind based in Berlin und wir machen von autobiographischen, dokumentarischen Performances über mehrsprachiges Schauspiel bis Musiktheater sehr unterschiedliche Produktionen. Wir arbeiten in der Regel mit professionellen Leuten, aber auch immer wieder mit nicht professionellen Spielenden, wie hier in dem Stück.
Vöcks de Schwindt und Klaus Schirdewahn bei »Queer Opera Love«
Foto: Natalie Grebe
Foto: Natalie Grebe
Scout Team: Genau, im Rahmen des Mannheimer Sommers zeigt ihr die Produktion »Queer Opera Love«, ein dokumentarischer Abend, der sich mit der Verbindung von Queerness und Oper auseinandersetzt. Ihr seid damit eine von vier Produktionen, die den Regiewettbewerb »TO THE EDGES« gewonnen haben. Wie genau ist die Idee der Performance entstanden?
Wenzel: Wir haben die Ausschreibung gesehen und haben dann ein Konzept entwickelt, mit dem wir uns beworben haben. Wir wurden dann eingeladen, das persönlich zu präsentieren und haben das Glück gehabt, ausgewählt worden zu sein. Das Ursprungskonzept war ein bisschen anders. Es ging auch schon da um Queerness und Oper, aber dass wir mit einer Person von vor Ort arbeiten – das war noch nicht klar.
Scout Team: Die Verbindung zur Oper wird im Stück ja sehr deutlich durch die verschiedenen Musikstücke aus bekannten Opern, die abgespielt werden. War das dann von Anfang an euer Rahmen?
Wenzel: Ja, es war von Anfang an klar, dass wir mit Aufnahmen arbeiten wollen und dass das eine wichtige Rolle spielt. Wir haben dann aber auch nach Verbindungen gesucht zwischen Klaus‘ Leben und der Musik. Wir versuchen, über die Musik noch Momente mit zu erzählen. Oder streckenweise ein queeres Reading der klassischen Opernstoffe zu zeigen.
Frederico: Es geht dabei nicht darum zu gucken, was könnte in der Oper queer sein. Manchmal wird so nach einer Hosenrolle geschaut oder vielleicht nach einem Duett zwischen zwei Männern und dann wird gesagt »Oh, das könnte ein bisschen homoerotisch geladen sein« und so weiter. So sehe ich das nicht. Also ich schließe es nicht komplett aus, aber das finde ich persönlich nicht interessant. Die Oper ist gar nicht queer. Warum müssen wir als queere Menschen Legitimation finden oder versuchen zu finden? So nach dem Motto »Ah da ist Etwas, das für uns auch passt, es wurde ein bisschen an uns gedacht, wir sind da ein kleines bisschen repräsentiert. Guck mal da, in dieser kleinen Ecke, das sind wir.«
Ich denke mir, ich muss nicht finden, wo ich ein kleines bisschen repräsentiert bin. Ich sehe das anders und sage: Diese extrem heteronormativen klassischen Stoffe haben viele Emotionen und queere Menschen können mit diesen Emotionen eine Verbindung haben. Das kann sich übertragen in dieser Musik. Man muss gar nicht versuchen, literarisch zu finden, was da sein kann. Ich kann mich mit der Diva, die für Männer leidet und die in Männer verliebt ist, auch als schwuler Mann identifizieren. Es muss nicht explizit queer sein dafür. Das ist zumindest meine Position.
Wenzel: Ich sehe das etwas anders. In meiner eigenen Kindheits- und Jugenderfahrung mit Oper war das schon auch ein wichtiger Aspekt. Also einzelne Figuren und Situation zu sehen und zu sagen: Hier kann ich mich auch mehr eins zu eins darin sehen. Die Beziehung von Onegen und Lenski in der Oper von Tschaikowsky zum Beispiel. Da ist vielleicht irgendwas, dass zumindest Lenski vielleicht doch in Onegen verliebt ist. Man kann es irgendwie reinlesen oder reininterpretieren. Das war für mich schon auch immer wieder ein wichtiger Aspekt.
Auch der Fakt, dass in der Barockoper die großen männlichen Helden alle hohe Stimmen haben. Das waren früher Kastraten, jetzt werden die von Countertenören gesungen. Es gibt dort Geschlechterbilder, bei denen man zumindest aus heutiger Sicht sagen würde: Das ist queer.
Oder es gibt Situationen, da sind drei Frauen auf der Bühne, die sich mit Liebe auseinandersetzen und eine große Nähe aufbauen. Die eine Frau spielt aber einen Mann. Dann geht es auf der Libretto-Ebene um eine heterosexuelle Kombination, aber auf der Ebene, die dann tatsächlich im Realen auf der Bühne passiert, sind das halt drei Frauen. Die sind nah beieinander und miteinander. Diese Komponente finde ich schon auch spannend. Da gibt es Momente, wo ich sage: das ist super queer. Das sind wichtige Momente – als Zuschauer aber auch als Theatermacher.
Scout Team: Und wie ist Klaus‘ Verbindung zu den Opernstücken? War er stark eingebunden in dem Prozess die Nummern auszuwählen?
Wenzel: Das war so eine Mischung. Es war sehr schnell klar, dass die Turandot eine wichtige Opernfigur für ihn ist. Da wussten wir: Diese Turandot, diese sehr starke und sehr toughe Frau, die wir auch als Identifikationsfigur nehmen, ist auf jeden Fall dabei.
Wir haben aber auch durch seine Plattensammlung gestöbert, durch die Schallplatten von ihm und seinem verstorbenen Mann.
Frederico: Klaus hat dann schon selber Assoziationen aufgebaut zu verschiedenen Opern. Zum Beispiel zu Don Giovanni. Er hat selbst gesagt, er konnte sich mit Don Giovanni identifizieren. Don Giovanni ist für sein sexuelles Verlangen bestraft worden, er geht in die Hölle. Klaus wurde verhaftet von der Polizei und verurteilt. Diese Verbindung hat Klaus aufgebaut und dann haben wir dafür den Moment gefunden im Stück. Zur Zauberflöte hat er auch etwas gesagt. Diese ideale Liebe zwischen Mann und Frau, die da besungen wird, diese Romantisierung, hat ihn beeinflusst. Weil er dann versucht hat, sich anzupassen an die Norm.
Scout Team: Wie war das während dem gesamten Prozess, wie viel hat Klaus da mitgewirkt und mit rein gegeben – auch in das Inszenatorische?
Wenzel: Wir haben uns vier Tage lang stundenlang mit ihm getroffen, ihn interviewt und Musik gehört. Er hat uns viel und sehr offen aus seinem Leben erzählt. Viel viel mehr als jetzt am Ende im Stück ist. Nach diesen sehr intensiven Tagen sind wir nach Hause gefahren. Wir hatten relativ schnell ein Gefühl, welche Momente aus Klaus’ Leben für das, was wir erzählen wollen, irgendwie interessant sind. Es war dann sehr schnell klar, dass es auch eine Lebensgeschichte werden soll. Wir haben eine Struktur erarbeitet und auch schon Musiken für bestimmte Momente ausgesucht und sind hier angekommen mit dieser Struktur. Wir hatten aber nicht eins zu eins den Text. Das haben wir ihm dann vorgestellt und ihn gebeten, wieder zu erzählen und sich dabei Notizen zu machen. Also alles in seinen eigenen Worten aufzuschreiben.
Frederico: Er hat eigentlich von alleine angefangen, den Text für sich zu schreiben. Er hat es von sich aufgebaut mit unseren Notizen und am nächsten Tag hatte er das schon ausgedruckt für uns alle. Wir haben also das Skript von ihm bekommen. Was super gut ist, damit es nicht fremd ist für ihn. Er hat während dem Prozess angefangen, sich so das Stück einzuverleiben. Das war interessant. Das war das erste Mal, dass wir sowas machen.
Wenzel: Ja, dass wir so gearbeitet haben. Er hat immer wieder klare Vorstellungen gehabt. Also wie er etwas sagen möchte oder welche Aspekte ihm besonders wichtig sind. Wenn wir uns gefragt haben: Sollen wir jetzt das oder das machen? Dann war für Klaus ganz klar: Ich mache das.
Frederico: Das ist ein bisschen die Balance. Es ist sein Leben. Niemand kennt das besser als er. Gleichzeitig haben wir eine Absicht, eine künstlerische Absicht. Diese Balance gilt es zu finden.
Wenzel: Während der Probentage hat er viel Input gegeben. Gleichzeitig ist er aber auch uns sehr gefolgt und hat uns gar nicht groß in Frage gestellt. Das war auf vielen Ebenen ein sehr gutes bis extrem professionelles Zusammenarbeiten. Professioneller, als wir das mit anderen Professionellen erlebt haben.
Scout Team: Das hört sich sehr harmonisch an. Es braucht also eine Balance zwischen künstlerischer Absicht und persönlicher Geschichte. Wo ist für euch die Grenze zwischen Theater und Dokumentation und wo würdet ihr dieses Projekt verordnen?
Frederico: Das ist eine große Frage. Also erst einmal: Es gibt eine ethische Frage. Das ist ganz wichtig, das ist Respekt. Das ist in diesem Fall so, aber auch bei allen anderen Fällen. Wenn man als Künstler*in mit jemand anderem arbeitet und mit dem Leben von jemand anderem arbeitet, ist es immer wichtig, dass die Person sich wohlfühlt und sich repräsentiert fühlt. Da muss man einen kleinen Ego-Check machen. Ja, es ist mein Stück, es ist unser Stück, aber es ist nicht nur meins oder unser allein. Wenn das aus der Sicht verloren geht, dann merkst du das auch. Das ist dann gezwungen. In diesem Sinne ist dieser ethische Aspekt auch ein ästhetischer Aspekt.
Aber zur Grenze zwischen Kunst und Dokumentation: In diesem Fall war der Dokumentationsaspekt besonders wichtig, weil Klaus auch viel Zeitzeugen Aktivismus gemacht hat und immer noch macht – auch mit diesem Stück. Er erzählt hier Sachen, die er auch schon viel erzählt hat, aber jetzt in einem strukturierten Rahmen. Im Bundestag hat er auch schon gesprochen, aber vor allem waren das Live Interviews. Hier musste er sich wirklich an eine Struktur halten. Aber die Dokumentation war besonders wichtig. Also auch zu sagen: Das war wirklich eine Realität. Das ist passiert.
Wenzel: Und diese Person, die uns das erzählt, hat es erlebt. Die ist wirklich da. Es ist nicht so, dass wir über wen Drittes erzählen.
Frederico: In diesem Fall gibt es da nicht so viel Platz für Fiktion.
Wenzel: Die kleine Fiktionalisierung, die passiert, ist vielleicht die Entscheidung, bestimmte Sachen auszulassen und nicht zu erzählen.
Frederico: Die Kunst ist eher, was nicht, als was. Das ist die dramaturgische Arbeit. Die Entscheidung zu sagen, was wichtig ist und welche Musik wozu passt.
Wenzel: Oder zu sagen, hier ist ein Moment, wo wir ihn gerne sehen wollen, wie er Musik hört. Und wie nutzen wir den Raum? Also im Raum fängt dann irgendwie das Theater an. Gerade auch wenn wir hier jetzt in einer privaten Wohnung sind, stellt sich die Frage: Was lässt sich wo und wie erzählen im Raum? Was passiert dann mit dem Erzählten? Wie kann der Raum die Erzählung unterstützen?
Frederico: Das ist für jedes Projekt ein bisschen anders. Wir versuchen nicht so viel zu lügen. Wenn wir lügen - also in diesem Projekt gar nicht – dann passen wir darauf auf, dass es einen Grund gibt, warum fiktionalisiert wird.
Wenzel: Fiktion muss sehr zwingend sein und gerne machen wir das dann in irgendeiner Form klar. Wir haben eine Weile auch hier mit der Wohnung überlegt: Tun wir so, als ob das die Wohnung von Klaus ist oder erzählen wir ganz stark, dass es nicht die Wohnung von Klaus ist? Wir haben uns dann entschieden, dass es eher subtil bleibt. Also wenn man nicht so richtig aufpasst, dann kann es sein, dass man nicht mitkriegt, dass es nicht seine Wohnung ist. Aber wenn man dem Abend folgt, dann erzählt es sich doch. Man kann etwas verstehen, so wie er über die Wohnung spricht und auch über die Wohnung von Achim spricht.
Scout-Team: Es gibt ja schon auch einen persönlichen Bezug zu diesem Gebäude.
Wenzel: Genau und das ist dann auch für uns das große Glück gewesen, als es in der Wohnung von Klaus nicht möglich war. Es gibt diese Verbindung. Das hat uns in der Dramaturgie geholfen, zu begründen, warum die Aufführung in diesem Gebäude stattfindet.
Scout-Team: Es war aber eine Überlegung, es wirklich in Klaus‘ Wohnung zu machen?
Wenzel: Genau. Die Ursprungsidee war es und auch sein Wunsch war es, es bei ihm zu Hause zu machen.
Frederico: Ich glaube, am Ende war es so besser. So wird auch dieser Theater-Aspekt intensiviert. Natürlich wäre auch zu Hause etwas inszeniert worden und die Wohnung auf eine künstliche Weise benutzt worden. Aber ich glaube, es hat dem Stück geholfen, dass die Trennung ein bisschen klarer ist.
Wenzel: Ich glaube, auch für Klaus ist es gut, diesen Weg hierher zu haben, zum Theater. Man hätte auch seine Wohnung zum Theater machen können, aber die Konsequenzen wären ein bisschen anders gewesen.
Scout-Team: Wie verändert sich denn das Gefühl der Zuschauenden – oder wie hofft ihr, dass es sich verändert – dadurch, dass es in so einer intimen Atmosphäre stattfindet?
Frederico: Wie du schon sagst: Die Intimität. Man ist irgendwie gezwungen, sich intim zu verbinden mit der Geschichte.
Wenzel: Ich weiß nicht, ob man gezwungen ist, aber anders eingeladen.
Frederico: Das Publikum, aber auch Klaus. Durch das Licht ist das Publikum sichtbar. Klaus ist sichtbar. Was er erzählt, ist auch schon ganz intim. Es ist auch eine andere Art, wie man performt, je nach Situation. Wenn ich einen Vortrag halte und auf einem Podium stehe und ich genau dasselbe sage – es würde anders ankommen beim Publikum.
Was auch ganz wichtig ist für diese Performance ist Gastfreundschaft. Das ist tatsächlich für uns in allen Stücken ganz wichtig. Und wir machen ja auch Stücke, die in Theatern stattfinden.
Wenzel: Das Verhältnis zwischen Publikum und Performenden auf der Bühne, das ist immer ein großes Thema bei uns.
Frederico: Da sind wir oft frustriert. Wir gehen ins Theater als Zuschauende und die ganzen Begegnungen, die man vor der Aufführung macht, sind in der Regel nicht kuratiert. Also am Einlass oder an der Garderobe. Das ist auch eine neoliberale Frage. Das wird alles outgesourced. Früher waren diese Menschen ein Teil des Theaterensembles und jetzt ist das ein Studijob. Was auch in Ordnung ist, aber es fehlt die Identifikation mit dem Haus und man merkt das.
Wenzel: Du arbeitest dann einmal am Schauspielhaus und am nächsten Tag in der Oper. Du hast keine Identifikation mit dem Haus. Aber das müsste sich eigentlich schon von der Person an der Garderobe an das Publikum übertragen.
Frederico: Gastfreundschaft war schon in unserem Konzept mit drin, weil Klaus der Gastgeber gewesen wäre in seiner eigenen Wohnung und auch hier der Gastgeber ist.
Wenzel: Auch wenn ich die Tür aufmache. Das war auch ein Moment, wo wir überlegt haben: Wer macht eigentlich die Tür auf und was passiert da? Oder fängt die Performance selbst schon am Treffpunkt an? Wir haben entschieden: Die Menschen gehen zu Klaus und Klaus ist schon bereit das Publikum zu empfangen. Wir sind die, die den Weg zu ihm noch abschließen fürs Publikum.
Frederico: Es gibt Eis nach der Vorstellung und es gibt Wasser. Das ist auch Teil der Erfahrung, wenn man so als Publikum empfangen wird und geliebt wird.
Wenzel: Und schon am Treffpunkt wird das Publikum informiert, dass es eine Privatwohnung ist. Dann ist man besonders vorsichtig - wie wenn man zu Freund*innen geht oder zu Bekannten. Alle werden gebeten, die Schuhe auszuziehen und wer ein Problem damit hat oder das nicht kann, für den gibt es die Schuhüberzieher. Das sind aber Entscheidungen, die wir getroffen haben. Als gesagt wurde, es müssen sich alle die Schuhe ausziehen, haben wir gedacht, es gibt aber vielleicht Menschen, denen es unangenehm ist oder die das einfach körperlich in so einer Flur-Situation nicht schnell machen können. Deswegen haben wir Schuhüberzieher besorgt. Und gestern in der Vorstellung wurden sie zum ersten Mal benutzt.
Frederico: Wenn man sich darauf einstellt, in eine private Wohnung zu gehen, dann sind die Menschen ein bisschen sorgsamer. Das macht auch etwas mit der emotionalen Ebene. Ich glaube, um das zusammenzufassen: Das Stück landet intensiver in dieser intimen Atmosphäre.
Scout-Team: »Queer Opera Love« ist auf jeden Fall eine sehr intensive und emotionale Erfahrung. Danke, für diese wundervolle Produktion und für das Interview!
Wenzel: Wir haben die Ausschreibung gesehen und haben dann ein Konzept entwickelt, mit dem wir uns beworben haben. Wir wurden dann eingeladen, das persönlich zu präsentieren und haben das Glück gehabt, ausgewählt worden zu sein. Das Ursprungskonzept war ein bisschen anders. Es ging auch schon da um Queerness und Oper, aber dass wir mit einer Person von vor Ort arbeiten – das war noch nicht klar.
Scout Team: Die Verbindung zur Oper wird im Stück ja sehr deutlich durch die verschiedenen Musikstücke aus bekannten Opern, die abgespielt werden. War das dann von Anfang an euer Rahmen?
Wenzel: Ja, es war von Anfang an klar, dass wir mit Aufnahmen arbeiten wollen und dass das eine wichtige Rolle spielt. Wir haben dann aber auch nach Verbindungen gesucht zwischen Klaus‘ Leben und der Musik. Wir versuchen, über die Musik noch Momente mit zu erzählen. Oder streckenweise ein queeres Reading der klassischen Opernstoffe zu zeigen.
Frederico: Es geht dabei nicht darum zu gucken, was könnte in der Oper queer sein. Manchmal wird so nach einer Hosenrolle geschaut oder vielleicht nach einem Duett zwischen zwei Männern und dann wird gesagt »Oh, das könnte ein bisschen homoerotisch geladen sein« und so weiter. So sehe ich das nicht. Also ich schließe es nicht komplett aus, aber das finde ich persönlich nicht interessant. Die Oper ist gar nicht queer. Warum müssen wir als queere Menschen Legitimation finden oder versuchen zu finden? So nach dem Motto »Ah da ist Etwas, das für uns auch passt, es wurde ein bisschen an uns gedacht, wir sind da ein kleines bisschen repräsentiert. Guck mal da, in dieser kleinen Ecke, das sind wir.«
Ich denke mir, ich muss nicht finden, wo ich ein kleines bisschen repräsentiert bin. Ich sehe das anders und sage: Diese extrem heteronormativen klassischen Stoffe haben viele Emotionen und queere Menschen können mit diesen Emotionen eine Verbindung haben. Das kann sich übertragen in dieser Musik. Man muss gar nicht versuchen, literarisch zu finden, was da sein kann. Ich kann mich mit der Diva, die für Männer leidet und die in Männer verliebt ist, auch als schwuler Mann identifizieren. Es muss nicht explizit queer sein dafür. Das ist zumindest meine Position.
Wenzel: Ich sehe das etwas anders. In meiner eigenen Kindheits- und Jugenderfahrung mit Oper war das schon auch ein wichtiger Aspekt. Also einzelne Figuren und Situation zu sehen und zu sagen: Hier kann ich mich auch mehr eins zu eins darin sehen. Die Beziehung von Onegen und Lenski in der Oper von Tschaikowsky zum Beispiel. Da ist vielleicht irgendwas, dass zumindest Lenski vielleicht doch in Onegen verliebt ist. Man kann es irgendwie reinlesen oder reininterpretieren. Das war für mich schon auch immer wieder ein wichtiger Aspekt.
Auch der Fakt, dass in der Barockoper die großen männlichen Helden alle hohe Stimmen haben. Das waren früher Kastraten, jetzt werden die von Countertenören gesungen. Es gibt dort Geschlechterbilder, bei denen man zumindest aus heutiger Sicht sagen würde: Das ist queer.
Oder es gibt Situationen, da sind drei Frauen auf der Bühne, die sich mit Liebe auseinandersetzen und eine große Nähe aufbauen. Die eine Frau spielt aber einen Mann. Dann geht es auf der Libretto-Ebene um eine heterosexuelle Kombination, aber auf der Ebene, die dann tatsächlich im Realen auf der Bühne passiert, sind das halt drei Frauen. Die sind nah beieinander und miteinander. Diese Komponente finde ich schon auch spannend. Da gibt es Momente, wo ich sage: das ist super queer. Das sind wichtige Momente – als Zuschauer aber auch als Theatermacher.
Scout Team: Und wie ist Klaus‘ Verbindung zu den Opernstücken? War er stark eingebunden in dem Prozess die Nummern auszuwählen?
Wenzel: Das war so eine Mischung. Es war sehr schnell klar, dass die Turandot eine wichtige Opernfigur für ihn ist. Da wussten wir: Diese Turandot, diese sehr starke und sehr toughe Frau, die wir auch als Identifikationsfigur nehmen, ist auf jeden Fall dabei.
Wir haben aber auch durch seine Plattensammlung gestöbert, durch die Schallplatten von ihm und seinem verstorbenen Mann.
Frederico: Klaus hat dann schon selber Assoziationen aufgebaut zu verschiedenen Opern. Zum Beispiel zu Don Giovanni. Er hat selbst gesagt, er konnte sich mit Don Giovanni identifizieren. Don Giovanni ist für sein sexuelles Verlangen bestraft worden, er geht in die Hölle. Klaus wurde verhaftet von der Polizei und verurteilt. Diese Verbindung hat Klaus aufgebaut und dann haben wir dafür den Moment gefunden im Stück. Zur Zauberflöte hat er auch etwas gesagt. Diese ideale Liebe zwischen Mann und Frau, die da besungen wird, diese Romantisierung, hat ihn beeinflusst. Weil er dann versucht hat, sich anzupassen an die Norm.
Scout Team: Wie war das während dem gesamten Prozess, wie viel hat Klaus da mitgewirkt und mit rein gegeben – auch in das Inszenatorische?
Wenzel: Wir haben uns vier Tage lang stundenlang mit ihm getroffen, ihn interviewt und Musik gehört. Er hat uns viel und sehr offen aus seinem Leben erzählt. Viel viel mehr als jetzt am Ende im Stück ist. Nach diesen sehr intensiven Tagen sind wir nach Hause gefahren. Wir hatten relativ schnell ein Gefühl, welche Momente aus Klaus’ Leben für das, was wir erzählen wollen, irgendwie interessant sind. Es war dann sehr schnell klar, dass es auch eine Lebensgeschichte werden soll. Wir haben eine Struktur erarbeitet und auch schon Musiken für bestimmte Momente ausgesucht und sind hier angekommen mit dieser Struktur. Wir hatten aber nicht eins zu eins den Text. Das haben wir ihm dann vorgestellt und ihn gebeten, wieder zu erzählen und sich dabei Notizen zu machen. Also alles in seinen eigenen Worten aufzuschreiben.
Frederico: Er hat eigentlich von alleine angefangen, den Text für sich zu schreiben. Er hat es von sich aufgebaut mit unseren Notizen und am nächsten Tag hatte er das schon ausgedruckt für uns alle. Wir haben also das Skript von ihm bekommen. Was super gut ist, damit es nicht fremd ist für ihn. Er hat während dem Prozess angefangen, sich so das Stück einzuverleiben. Das war interessant. Das war das erste Mal, dass wir sowas machen.
Wenzel: Ja, dass wir so gearbeitet haben. Er hat immer wieder klare Vorstellungen gehabt. Also wie er etwas sagen möchte oder welche Aspekte ihm besonders wichtig sind. Wenn wir uns gefragt haben: Sollen wir jetzt das oder das machen? Dann war für Klaus ganz klar: Ich mache das.
Frederico: Das ist ein bisschen die Balance. Es ist sein Leben. Niemand kennt das besser als er. Gleichzeitig haben wir eine Absicht, eine künstlerische Absicht. Diese Balance gilt es zu finden.
Wenzel: Während der Probentage hat er viel Input gegeben. Gleichzeitig ist er aber auch uns sehr gefolgt und hat uns gar nicht groß in Frage gestellt. Das war auf vielen Ebenen ein sehr gutes bis extrem professionelles Zusammenarbeiten. Professioneller, als wir das mit anderen Professionellen erlebt haben.
Scout Team: Das hört sich sehr harmonisch an. Es braucht also eine Balance zwischen künstlerischer Absicht und persönlicher Geschichte. Wo ist für euch die Grenze zwischen Theater und Dokumentation und wo würdet ihr dieses Projekt verordnen?
Frederico: Das ist eine große Frage. Also erst einmal: Es gibt eine ethische Frage. Das ist ganz wichtig, das ist Respekt. Das ist in diesem Fall so, aber auch bei allen anderen Fällen. Wenn man als Künstler*in mit jemand anderem arbeitet und mit dem Leben von jemand anderem arbeitet, ist es immer wichtig, dass die Person sich wohlfühlt und sich repräsentiert fühlt. Da muss man einen kleinen Ego-Check machen. Ja, es ist mein Stück, es ist unser Stück, aber es ist nicht nur meins oder unser allein. Wenn das aus der Sicht verloren geht, dann merkst du das auch. Das ist dann gezwungen. In diesem Sinne ist dieser ethische Aspekt auch ein ästhetischer Aspekt.
Aber zur Grenze zwischen Kunst und Dokumentation: In diesem Fall war der Dokumentationsaspekt besonders wichtig, weil Klaus auch viel Zeitzeugen Aktivismus gemacht hat und immer noch macht – auch mit diesem Stück. Er erzählt hier Sachen, die er auch schon viel erzählt hat, aber jetzt in einem strukturierten Rahmen. Im Bundestag hat er auch schon gesprochen, aber vor allem waren das Live Interviews. Hier musste er sich wirklich an eine Struktur halten. Aber die Dokumentation war besonders wichtig. Also auch zu sagen: Das war wirklich eine Realität. Das ist passiert.
Wenzel: Und diese Person, die uns das erzählt, hat es erlebt. Die ist wirklich da. Es ist nicht so, dass wir über wen Drittes erzählen.
Frederico: In diesem Fall gibt es da nicht so viel Platz für Fiktion.
Wenzel: Die kleine Fiktionalisierung, die passiert, ist vielleicht die Entscheidung, bestimmte Sachen auszulassen und nicht zu erzählen.
Frederico: Die Kunst ist eher, was nicht, als was. Das ist die dramaturgische Arbeit. Die Entscheidung zu sagen, was wichtig ist und welche Musik wozu passt.
Wenzel: Oder zu sagen, hier ist ein Moment, wo wir ihn gerne sehen wollen, wie er Musik hört. Und wie nutzen wir den Raum? Also im Raum fängt dann irgendwie das Theater an. Gerade auch wenn wir hier jetzt in einer privaten Wohnung sind, stellt sich die Frage: Was lässt sich wo und wie erzählen im Raum? Was passiert dann mit dem Erzählten? Wie kann der Raum die Erzählung unterstützen?
Frederico: Das ist für jedes Projekt ein bisschen anders. Wir versuchen nicht so viel zu lügen. Wenn wir lügen - also in diesem Projekt gar nicht – dann passen wir darauf auf, dass es einen Grund gibt, warum fiktionalisiert wird.
Wenzel: Fiktion muss sehr zwingend sein und gerne machen wir das dann in irgendeiner Form klar. Wir haben eine Weile auch hier mit der Wohnung überlegt: Tun wir so, als ob das die Wohnung von Klaus ist oder erzählen wir ganz stark, dass es nicht die Wohnung von Klaus ist? Wir haben uns dann entschieden, dass es eher subtil bleibt. Also wenn man nicht so richtig aufpasst, dann kann es sein, dass man nicht mitkriegt, dass es nicht seine Wohnung ist. Aber wenn man dem Abend folgt, dann erzählt es sich doch. Man kann etwas verstehen, so wie er über die Wohnung spricht und auch über die Wohnung von Achim spricht.
Scout-Team: Es gibt ja schon auch einen persönlichen Bezug zu diesem Gebäude.
Wenzel: Genau und das ist dann auch für uns das große Glück gewesen, als es in der Wohnung von Klaus nicht möglich war. Es gibt diese Verbindung. Das hat uns in der Dramaturgie geholfen, zu begründen, warum die Aufführung in diesem Gebäude stattfindet.
Scout-Team: Es war aber eine Überlegung, es wirklich in Klaus‘ Wohnung zu machen?
Wenzel: Genau. Die Ursprungsidee war es und auch sein Wunsch war es, es bei ihm zu Hause zu machen.
Frederico: Ich glaube, am Ende war es so besser. So wird auch dieser Theater-Aspekt intensiviert. Natürlich wäre auch zu Hause etwas inszeniert worden und die Wohnung auf eine künstliche Weise benutzt worden. Aber ich glaube, es hat dem Stück geholfen, dass die Trennung ein bisschen klarer ist.
Wenzel: Ich glaube, auch für Klaus ist es gut, diesen Weg hierher zu haben, zum Theater. Man hätte auch seine Wohnung zum Theater machen können, aber die Konsequenzen wären ein bisschen anders gewesen.
Scout-Team: Wie verändert sich denn das Gefühl der Zuschauenden – oder wie hofft ihr, dass es sich verändert – dadurch, dass es in so einer intimen Atmosphäre stattfindet?
Frederico: Wie du schon sagst: Die Intimität. Man ist irgendwie gezwungen, sich intim zu verbinden mit der Geschichte.
Wenzel: Ich weiß nicht, ob man gezwungen ist, aber anders eingeladen.
Frederico: Das Publikum, aber auch Klaus. Durch das Licht ist das Publikum sichtbar. Klaus ist sichtbar. Was er erzählt, ist auch schon ganz intim. Es ist auch eine andere Art, wie man performt, je nach Situation. Wenn ich einen Vortrag halte und auf einem Podium stehe und ich genau dasselbe sage – es würde anders ankommen beim Publikum.
Was auch ganz wichtig ist für diese Performance ist Gastfreundschaft. Das ist tatsächlich für uns in allen Stücken ganz wichtig. Und wir machen ja auch Stücke, die in Theatern stattfinden.
Wenzel: Das Verhältnis zwischen Publikum und Performenden auf der Bühne, das ist immer ein großes Thema bei uns.
Frederico: Da sind wir oft frustriert. Wir gehen ins Theater als Zuschauende und die ganzen Begegnungen, die man vor der Aufführung macht, sind in der Regel nicht kuratiert. Also am Einlass oder an der Garderobe. Das ist auch eine neoliberale Frage. Das wird alles outgesourced. Früher waren diese Menschen ein Teil des Theaterensembles und jetzt ist das ein Studijob. Was auch in Ordnung ist, aber es fehlt die Identifikation mit dem Haus und man merkt das.
Wenzel: Du arbeitest dann einmal am Schauspielhaus und am nächsten Tag in der Oper. Du hast keine Identifikation mit dem Haus. Aber das müsste sich eigentlich schon von der Person an der Garderobe an das Publikum übertragen.
Frederico: Gastfreundschaft war schon in unserem Konzept mit drin, weil Klaus der Gastgeber gewesen wäre in seiner eigenen Wohnung und auch hier der Gastgeber ist.
Wenzel: Auch wenn ich die Tür aufmache. Das war auch ein Moment, wo wir überlegt haben: Wer macht eigentlich die Tür auf und was passiert da? Oder fängt die Performance selbst schon am Treffpunkt an? Wir haben entschieden: Die Menschen gehen zu Klaus und Klaus ist schon bereit das Publikum zu empfangen. Wir sind die, die den Weg zu ihm noch abschließen fürs Publikum.
Frederico: Es gibt Eis nach der Vorstellung und es gibt Wasser. Das ist auch Teil der Erfahrung, wenn man so als Publikum empfangen wird und geliebt wird.
Wenzel: Und schon am Treffpunkt wird das Publikum informiert, dass es eine Privatwohnung ist. Dann ist man besonders vorsichtig - wie wenn man zu Freund*innen geht oder zu Bekannten. Alle werden gebeten, die Schuhe auszuziehen und wer ein Problem damit hat oder das nicht kann, für den gibt es die Schuhüberzieher. Das sind aber Entscheidungen, die wir getroffen haben. Als gesagt wurde, es müssen sich alle die Schuhe ausziehen, haben wir gedacht, es gibt aber vielleicht Menschen, denen es unangenehm ist oder die das einfach körperlich in so einer Flur-Situation nicht schnell machen können. Deswegen haben wir Schuhüberzieher besorgt. Und gestern in der Vorstellung wurden sie zum ersten Mal benutzt.
Frederico: Wenn man sich darauf einstellt, in eine private Wohnung zu gehen, dann sind die Menschen ein bisschen sorgsamer. Das macht auch etwas mit der emotionalen Ebene. Ich glaube, um das zusammenzufassen: Das Stück landet intensiver in dieser intimen Atmosphäre.
Scout-Team: »Queer Opera Love« ist auf jeden Fall eine sehr intensive und emotionale Erfahrung. Danke, für diese wundervolle Produktion und für das Interview!
Wenzel: Wir haben die Ausschreibung gesehen und haben dann ein Konzept entwickelt, mit dem wir uns beworben haben. Wir wurden dann eingeladen, das persönlich zu präsentieren und haben das Glück gehabt, ausgewählt worden zu sein. Das Ursprungskonzept war ein bisschen anders. Es ging auch schon da um Queerness und Oper, aber dass wir mit einer Person von vor Ort arbeiten – das war noch nicht klar.