Dr. phil. Ivana Pilić
Fragen nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft lassen sich nicht isoliert von gesellschaftlichen Entwicklungen verhandeln. Sie müssen vor dem Hintergrund konkreter Herausforderungen gestellt werden: zunehmende soziale Fragmentierung, globale Kriege und Krisen sowie ein politisches Klima, in dem Zugehörigkeit erneut verstärkt entlang nationalistischer und exkludierender Logiken verhandelt wird. Diese Entwicklungen markieren auch im deutschsprachigen Raum keinen Bruch, sondern vielmehr eine Zuspitzung bereits bestehender Dynamiken. Wir leben in Zeiten, wo am Horizont der Faschismus dräut, also eine gewaltsam organisierte Form gesellschaftlicher Aus- und Abgrenzung. Diese transparente Form der Ausgrenzung steht aber nicht im Zentrum meines Beitrags. Vielmehr möchte ich über Ausgrenzung in jenen Zusammenhängen sprechen, wo der Kern-Anspruch der Aufklärung – die Gleichwertigkeit aller Menschen – noch besteht. Denn auch hier werden Grenzen gezogen, und zwar nicht erst seit heute, wodurch Erfahrungen des Ausschlusses entstehen.
Wenn die Wiener Musikerin Esra Özmen in ihrem Song »Freunde dabei« (EsRAP & Gasmac Gilmore, 2019) in einem Vers sagt: »Du hast Polizei, ich hab Brüder dabei, ich hab Schwestern dabei«, verdichtet sich darin genau diese Erfahrung. Sichtbar wird hier konkret eine Wiener Gemeinschaft, die nicht unter dem Schutz staatlicher Institutionen steht, sondern mit Racial Profiling und alltäglichen Abwertungen im öffentlichen Raum konfrontiert ist. Zugleich artikuliert sich darin eine Form von Gemeinschaft, die im Bild der »Schwestern« und »Brüder« auf gemeinsame Erfahrungen von Ausschluss verweist und daraus Solidarität und Verbundenheit hervorbringt (Pilić, zit. in Wiener Festwochen, 2024)
Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Zugehörigkeit heute hergestellt wird: Wer wird eingeladen, wer bleibt außen vor, und welche Räume eröffnen Möglichkeiten, bestehende Grenzziehungen zu verschieben? An diesem Punkt setzt der vorliegende Text an, wenn er nach Bühnen der Zugehörigkeit fragt, die jenseits symbolischer Einladungsrhetorik tatsächlich bestehende Grenzen ins Wanken bringen.
Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Zugehörigkeit heute hergestellt wird: Wer wird eingeladen, wer bleibt außen vor, und welche Räume eröffnen Möglichkeiten, bestehende Grenzziehungen zu verschieben? An diesem Punkt setzt der vorliegende Text an, wenn er nach Bühnen der Zugehörigkeit fragt, die jenseits symbolischer Einladungsrhetorik tatsächlich bestehende Grenzen ins Wanken bringen.
VON KOLLEKTIVER SOLIDARITÄT ZUR DISKREDITIERUNG VON EMPATHIE
Bestimmte Perspektiven waren im gesellschaftlichen wie künstlerischen Diskurs nie gleichermaßen repräsentiert. Die ungleiche Verteilung von Präsenz reproduziert sich dabei als ungleiche Verteilung von Sprechmöglichkeiten, Einfluss und gesellschaftspolitischer wie auch institutioneller Wirkmächtigkeit.
Politische Bewegungen wie Me Too oder Black Lives Matter haben in den letzten zwanzig Jahren nicht nur dazu beigetragen, das gesellschaftliche Bewusstsein für sexistischen und rassistischen Ausschluss zu schärfen. Sie haben zugleich Räume eröffnet, in denen marginalisierte Gruppen ihre Erfahrungen selbstbewusst artikulieren und neue Formen kollektiver Solidarität sichtbar machen können.
Gleichzeitig erleben wir in den letzten Jahren einen massiven Backlash. Begriffe wie der von Billionär Elon Musk propagierte »Woke Mind Virus« (Higgins, 2023) oder Konzepte wie »suizidale Empathie« (The Guardian, 2025) fungieren gegenwärtig als politische Kampfbegriffe, mit denen emanzipatorische oder antidiskriminierende Praktiken nicht mehr subtil diskreditiert, sondern offen attackiert werden. Solidarität und Empathie erscheinen in diesen Diskursen nicht länger als Voraussetzung gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern als Zeichen von Schwäche oder politischer Selbstgefährdung westlicher Gesellschaften.
Gerade darin zeigt sich eine gegenwärtige Verschiebung politischer Zugehörigkeit: Gemeinschaft wird offen und konzeptionell über Ausschluss, Härte und Grenzziehung organisiert. Die aktuellen politischen Verschärfungen treffen dabei insbesondere jene Akteur:innen, deren Sichtbarkeit und Teilhabe bereits zuvor prekär organisiert waren.
All diese Entwicklungen prägen kulturelle Praktiken und durchdringen institutionelle Räume. Sie beeinflussen, was sagbar und verhandelbar ist, und bestimmen mit, wer sprechen darf und wer ausgeschlossen wird. Sie prägen auch jene Institutionen, die sich selbst als Orte gesellschaftlicher Auseinandersetzung verstehen, so auch den Kulturbetrieb und in besonderer Form das Theater.
Politische Bewegungen wie Me Too oder Black Lives Matter haben in den letzten zwanzig Jahren nicht nur dazu beigetragen, das gesellschaftliche Bewusstsein für sexistischen und rassistischen Ausschluss zu schärfen. Sie haben zugleich Räume eröffnet, in denen marginalisierte Gruppen ihre Erfahrungen selbstbewusst artikulieren und neue Formen kollektiver Solidarität sichtbar machen können.
Gleichzeitig erleben wir in den letzten Jahren einen massiven Backlash. Begriffe wie der von Billionär Elon Musk propagierte »Woke Mind Virus« (Higgins, 2023) oder Konzepte wie »suizidale Empathie« (The Guardian, 2025) fungieren gegenwärtig als politische Kampfbegriffe, mit denen emanzipatorische oder antidiskriminierende Praktiken nicht mehr subtil diskreditiert, sondern offen attackiert werden. Solidarität und Empathie erscheinen in diesen Diskursen nicht länger als Voraussetzung gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern als Zeichen von Schwäche oder politischer Selbstgefährdung westlicher Gesellschaften.
Gerade darin zeigt sich eine gegenwärtige Verschiebung politischer Zugehörigkeit: Gemeinschaft wird offen und konzeptionell über Ausschluss, Härte und Grenzziehung organisiert. Die aktuellen politischen Verschärfungen treffen dabei insbesondere jene Akteur:innen, deren Sichtbarkeit und Teilhabe bereits zuvor prekär organisiert waren.
All diese Entwicklungen prägen kulturelle Praktiken und durchdringen institutionelle Räume. Sie beeinflussen, was sagbar und verhandelbar ist, und bestimmen mit, wer sprechen darf und wer ausgeschlossen wird. Sie prägen auch jene Institutionen, die sich selbst als Orte gesellschaftlicher Auseinandersetzung verstehen, so auch den Kulturbetrieb und in besonderer Form das Theater.
BÜHNEN DER ZUGEHÖRIGKEIT
Der gegenwärtige gesellschaftliche Backlash trifft die Kulturproduktion nicht von außen, sondern in seinem Kern. Fragen kultureller Teilhabe und Partizipation waren im kulturellen Feld auch in den vergangenen Jahrzehnten keine eingelösten Versprechen, sondern umkämpfte Aushandlungsprozesse (Pilić & Wiederhold 2025). Waren die Bemühungen der letzten fünfzehn Jahre noch darauf gerichtet, den konventionellen Kulturbetrieb schrittweise für postmigrantische Perspektiven zu öffnen und institutionelle Strukturen langsam zu verändern, stellt sich unter Bedingungen des Backlash zunehmend die Frage, ob diese Strategien noch tragen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Prinzip langsamen institutionellen Wandels noch trägt oder ob wir uns längst in einem politischen Moment des Rückzugs befinden, in dem vor allem jene Strukturen verteidigt werden, die einem inklusiven »Wir« nie wirklich dienten. Dass rechtsextreme Akteur*innen Ausschluss zunehmend offen und mithilfe staatlicher Gewaltmittel organisieren wollen, macht die Kritik an bestehenden, weniger sichtbaren Formen des Ausschlusses keineswegs obsolet.
Wird die Debatte auf die Verteidigung des Status quo verengt, droht sie die von rechts vorangetriebene Diskursverschiebung zu übernehmen. Gerade deshalb darf die Auseinandersetzung nicht defensiv bleiben: Demokratische Inklusion lässt sich nicht allein durch Abwehr sichern, sondern erfordert die fortgesetzte Kritik bestehender Ausschlussverhältnisse. Hier setze ich an, wenn ich trotz allem noch einmal danach frage, ob es sich nicht lohnt, an der Idee eines tragfähigen »Wir« festzuhalten, eines »Wir«, dem bislang kaum die Möglichkeit gegeben wurde, gemeinsam Welt zu gestalten. Wie wollen wir unter Bedingungen struktureller Ungleichheit und zunehmend ausschließender hegemonialer Ordnungen an Gesprächsräumen arbeiten? Was tun wir, um Räume zwischen Gleichen mit ungleichen Möglichkeiten zu initiieren? Bühnen der Zugehörigkeit jenseits der Einladung sind für mich Räume, in denen Zugehörigkeit nicht bloß behauptet wird, sondern sich bestehende Grenzen tatsächlich verschieben lassen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Prinzip langsamen institutionellen Wandels noch trägt oder ob wir uns längst in einem politischen Moment des Rückzugs befinden, in dem vor allem jene Strukturen verteidigt werden, die einem inklusiven »Wir« nie wirklich dienten. Dass rechtsextreme Akteur*innen Ausschluss zunehmend offen und mithilfe staatlicher Gewaltmittel organisieren wollen, macht die Kritik an bestehenden, weniger sichtbaren Formen des Ausschlusses keineswegs obsolet.
Wird die Debatte auf die Verteidigung des Status quo verengt, droht sie die von rechts vorangetriebene Diskursverschiebung zu übernehmen. Gerade deshalb darf die Auseinandersetzung nicht defensiv bleiben: Demokratische Inklusion lässt sich nicht allein durch Abwehr sichern, sondern erfordert die fortgesetzte Kritik bestehender Ausschlussverhältnisse. Hier setze ich an, wenn ich trotz allem noch einmal danach frage, ob es sich nicht lohnt, an der Idee eines tragfähigen »Wir« festzuhalten, eines »Wir«, dem bislang kaum die Möglichkeit gegeben wurde, gemeinsam Welt zu gestalten. Wie wollen wir unter Bedingungen struktureller Ungleichheit und zunehmend ausschließender hegemonialer Ordnungen an Gesprächsräumen arbeiten? Was tun wir, um Räume zwischen Gleichen mit ungleichen Möglichkeiten zu initiieren? Bühnen der Zugehörigkeit jenseits der Einladung sind für mich Räume, in denen Zugehörigkeit nicht bloß behauptet wird, sondern sich bestehende Grenzen tatsächlich verschieben lassen.
EINE FRAGE DER HALTUNG
Mich interessieren Praktiken, die geeignet sind, Ungleichheiten nicht zu reproduzieren, sondern zu irritieren, zu verschieben und neue Formen von Beziehung und Teilhabe zu ermöglichen. Praktiken, in denen Differenz jenseits von Macht und Herrschaft denkbar wird und zugleich bestehende Machtverhältnisse sichtbar und angreifbar gemacht werden. Kann Theater solche Räume öffnen, in denen ein »Wir« erprobt, imaginiert und vorweggenommen wird? Ein »Wir«, das der gegenwärtigen Logik von Härte, Konkurrenz und Ausgrenzung etwas entgegenzusetzen hat?
Seit Jahrzehnten wird über die Öffnung von Kulturinstitutionen diskutiert, über Teilhabe und Programme für alle. Häufig bleibt jedoch unklar, welche Zielsetzungen diese Debatten tatsächlich verfolgen:
Geht es um ökonomische Barrieren?
Um die Ansprache eines imaginierten Publikums?
Oder um jene, die trotz struktureller Hürden im Kulturbereich arbeiten, für die kulturelle Teilhabe dennoch prekär bleibt?
Kulturelle Institutionen sind nicht nur Orte ästhetischer Produktion, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Zugang zu ihnen hängt maßgeblich von Ressourcen, Zeit und Netzwerken ab. Dies zeigt sich insbesondere in der Verteilung von Entscheidungsmacht: Wer besetzt leitende Positionen und wer wird lediglich punktuell zur Mitwirkung eingeladen?
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie tragfähig Praktiken der Einladung tatsächlich sind und welche Haltung ihnen zugrunde liegt. Geht es um Formen der Teilhabe, die die Idee einer solidarischen Gemeinschaft ernst nehmen: einer Gemeinschaft, die sich kontinuierlich darüber verständigt, wer sie ist, wer sie sein möchte und wem ihre Solidarität gilt?
Oder bleiben Einladungspolitiken letztlich symbolische Gesten, ohne tatsächliche Machtverschiebung, bei denen die Definitionsmacht unangetastet bleibt und jene, die institutionelle Räume seit jeher prägen, weiterhin darüber entscheiden, wer wann und zu welchen Bedingungen teilnehmen darf? Geht es wirklich darum, mit möglichst vielen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, wer wir als Gemeinschaft sind und wer wir sein wollen?
Ohne eine solche Haltung entstehen weder Beziehungen noch Teilhabe, weder Machtteilung noch strukturelle Veränderung. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Voraussetzungen dafür häufig fehlen.
Seit Jahrzehnten wird über die Öffnung von Kulturinstitutionen diskutiert, über Teilhabe und Programme für alle. Häufig bleibt jedoch unklar, welche Zielsetzungen diese Debatten tatsächlich verfolgen:
Geht es um ökonomische Barrieren?
Um die Ansprache eines imaginierten Publikums?
Oder um jene, die trotz struktureller Hürden im Kulturbereich arbeiten, für die kulturelle Teilhabe dennoch prekär bleibt?
Kulturelle Institutionen sind nicht nur Orte ästhetischer Produktion, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Zugang zu ihnen hängt maßgeblich von Ressourcen, Zeit und Netzwerken ab. Dies zeigt sich insbesondere in der Verteilung von Entscheidungsmacht: Wer besetzt leitende Positionen und wer wird lediglich punktuell zur Mitwirkung eingeladen?
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie tragfähig Praktiken der Einladung tatsächlich sind und welche Haltung ihnen zugrunde liegt. Geht es um Formen der Teilhabe, die die Idee einer solidarischen Gemeinschaft ernst nehmen: einer Gemeinschaft, die sich kontinuierlich darüber verständigt, wer sie ist, wer sie sein möchte und wem ihre Solidarität gilt?
Oder bleiben Einladungspolitiken letztlich symbolische Gesten, ohne tatsächliche Machtverschiebung, bei denen die Definitionsmacht unangetastet bleibt und jene, die institutionelle Räume seit jeher prägen, weiterhin darüber entscheiden, wer wann und zu welchen Bedingungen teilnehmen darf? Geht es wirklich darum, mit möglichst vielen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen, wer wir als Gemeinschaft sind und wer wir sein wollen?
Ohne eine solche Haltung entstehen weder Beziehungen noch Teilhabe, weder Machtteilung noch strukturelle Veränderung. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Voraussetzungen dafür häufig fehlen.
JENSEITS DER EINLADUNG
Das Theater wird zu einem exemplarischen Ort, an dem sich diese Fragen verdichten. Es erscheint zugleich als Raum gesellschaftlicher Auseinandersetzung und als strukturell begrenztes System. Theater sind keine neutralen Orte. Sie produzieren Bilder von Gesellschaft und verhandeln kontinuierlich Zugehörigkeit und Ausschluss. Diese Bilder prägen, wer sich angesprochen fühlt und wer nicht; wer sich als Teil eines »Wir« versteht und für wen dieses »Wir« unerreichbar bleibt.
Für viele Gruppen besteht weiterhin eine erhebliche soziale Distanz zum Theater. In der Auseinandersetzung mit Themen wie Klasse oder Migration verlagert sich der Diskurs häufig in ein Sprechen über vermeintlich homogene Gruppen. Programme richten sich an »die Anderen«, ohne dass diese innerhalb institutioneller Strukturen tat-sächlich präsent sind.
Problematisch wird dieses Sprechen insbesondere dort, wo jene Perspektiven fehlen, die Zuschreibungen irritieren oder korrigieren könnten. Im Reden über mögliche Zielgruppen reproduzieren sich stereotypisierende Vorstellungen über vermeintlich »kulturferne« Gruppen, die erst an das Theater herangeführt werden müssten. So entsteht aus einer elitären Perspektive ein Kollektivsubjekt, das in dieser Geschlossenheit nie existiert hat. Das Problem des Stereotyps besteht, wie Homi K. Bhabha (2011 [1994]) formuliert, nicht darin, dass es schlicht falsch wäre, sondern darin, dass es Menschen auf vermeintlich eindeutige Identitäten festschreibt.
Wer ist tatsächlich in diese Aushandlungsprozesse einbezogen? Wer sind die verschiedenen Akteur:innen, von denen die Rede ist? Wie denke ich über diese nach und welche Vorannahmen habe ich über diese Akteur:innen? Und wie oft entstehen Räume, in denen unterschiedliche Stimmen tatsächlich an Entscheidungen beteiligt sind?
Jenseits der Einladung, weil das Aussprechen einer Einladung nicht ausreicht, um an Gemeinschaft zu arbeiten. Eine Einladung ist ein Anfang, mehr nicht.
Für viele Gruppen besteht weiterhin eine erhebliche soziale Distanz zum Theater. In der Auseinandersetzung mit Themen wie Klasse oder Migration verlagert sich der Diskurs häufig in ein Sprechen über vermeintlich homogene Gruppen. Programme richten sich an »die Anderen«, ohne dass diese innerhalb institutioneller Strukturen tat-sächlich präsent sind.
Problematisch wird dieses Sprechen insbesondere dort, wo jene Perspektiven fehlen, die Zuschreibungen irritieren oder korrigieren könnten. Im Reden über mögliche Zielgruppen reproduzieren sich stereotypisierende Vorstellungen über vermeintlich »kulturferne« Gruppen, die erst an das Theater herangeführt werden müssten. So entsteht aus einer elitären Perspektive ein Kollektivsubjekt, das in dieser Geschlossenheit nie existiert hat. Das Problem des Stereotyps besteht, wie Homi K. Bhabha (2011 [1994]) formuliert, nicht darin, dass es schlicht falsch wäre, sondern darin, dass es Menschen auf vermeintlich eindeutige Identitäten festschreibt.
Wer ist tatsächlich in diese Aushandlungsprozesse einbezogen? Wer sind die verschiedenen Akteur:innen, von denen die Rede ist? Wie denke ich über diese nach und welche Vorannahmen habe ich über diese Akteur:innen? Und wie oft entstehen Räume, in denen unterschiedliche Stimmen tatsächlich an Entscheidungen beteiligt sind?
Jenseits der Einladung, weil das Aussprechen einer Einladung nicht ausreicht, um an Gemeinschaft zu arbeiten. Eine Einladung ist ein Anfang, mehr nicht.
PARTIZIPATION ALS ZUMUTUNG
Verschiedene Menschen an einem Tisch zu versammeln, bedeutet noch lange nicht, dass Beziehungen entstehen, Macht geteilt oder Strukturen hinterfragt werden. Entscheidend ist daher nicht nur, wer eingeladen wird, sondern zu prüfen, unter welchen Bedingungen Zugehörigkeit überhaupt möglich ist und wer den Preis für diese Bedingungen bezahlt. Dafür braucht es Räume, in denen Zugehörigkeit nicht nur behauptet, sondern ermöglicht wird und Partizipation nicht dekorativ, sondern transformativ wirkt.
Ein Perspektivwechsel erscheint dabei zentral: weg von der Frage, wer eingeladen wird, hin zu den Bedingungen kultureller Produktion selbst:
Wer erzählt
wessen Geschichte,
in welchem Rahmen,
mit welchen Mitteln
und welche Bilder und Narrative werden daraus hervorgehen —
sowie die Frage, von wem und auf welche Weise diese wahrgenommen werden. (1)
Auf der Suche nach einem neuen Gemeinsamen erscheint es zentral, die eigenen Praktiken immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Partizipation sei damit verstanden als ein tiefergehendes Konzept, das längst mehr als ein Vermittlungsbegriff ist. Sie ist politisch, künstlerisch und voller Widersprüche. Sie ist keine freundliche Geste. Keine Einladung zum Mitreden. Sie ist eine Entscheidung: darüber, wer gehört wird und wer nicht, wer als Expert:in gelten darf und wer permanent in der Position der zu Integrierenden bleibt. Sie ist, wenn ernst genommen, auch eine Zumutung. Denn Teilhabe bedeutet nicht nur Repräsentation, sie bedeutet:
Verhandlung.
Aushandlung.
Mut.
Konflikt.
Veränderung.
Ein Perspektivwechsel erscheint dabei zentral: weg von der Frage, wer eingeladen wird, hin zu den Bedingungen kultureller Produktion selbst:
Wer erzählt
wessen Geschichte,
in welchem Rahmen,
mit welchen Mitteln
und welche Bilder und Narrative werden daraus hervorgehen —
sowie die Frage, von wem und auf welche Weise diese wahrgenommen werden. (1)
Auf der Suche nach einem neuen Gemeinsamen erscheint es zentral, die eigenen Praktiken immer wieder aufs Neue zu hinterfragen. Partizipation sei damit verstanden als ein tiefergehendes Konzept, das längst mehr als ein Vermittlungsbegriff ist. Sie ist politisch, künstlerisch und voller Widersprüche. Sie ist keine freundliche Geste. Keine Einladung zum Mitreden. Sie ist eine Entscheidung: darüber, wer gehört wird und wer nicht, wer als Expert:in gelten darf und wer permanent in der Position der zu Integrierenden bleibt. Sie ist, wenn ernst genommen, auch eine Zumutung. Denn Teilhabe bedeutet nicht nur Repräsentation, sie bedeutet:
Verhandlung.
Aushandlung.
Mut.
Konflikt.
Veränderung.
(1) Diese Fragen habe ich 2017 von den Fragestellungen, die im Text Migrationsgesellschaftliche Re-Präsentationen. Eine Einführung von Anne Broden und Paul Mecheril (2007) aufgeworfen werden, abgeleitet und für meine kuratorische Arbeit seither als Reflexionsschablone verwendet.
WENIGER PANIK, MEHR PRAXIS: BÜHNE FÜR KONFLIKT
Viele Institutionen sprechen über Partizipation, Einladungen und Teilhabe. Doch was geschieht, wenn eingeladene Stimmen nicht nur teilnehmen, sondern bleiben wollen? Wenn sie nicht nur auftreten, sondern mitgestalten möchten? Wenn sie das Haus nicht nur besuchen, sondern an seiner Struktur mitarbeiten wollen? Menschen dürfen auftreten, aber nicht gestalten. Sie bringen Erfahrung mit, verfügen jedoch kaum über Definitionsmacht. Wenn Veränderung tatsächlich gewollt ist, müssen die Bedingungen der Einladung selbst hinterfragt werden:
Wer lädt ein?
Wer darf irritieren?
Wer darf bleiben, ohne sich anzupassen?
Auffällig ist dabei, dass gerade jene Bereiche innerhalb kultureller Institutionen, die sich mit Partizipation, Outreach und Community-Arbeit beschäftigen, häufig prekär organisiert sind. Was geschieht mit dem Wissen ausjahrelanger partizipativer Arbeit, wenn entsprechende Programme bei Budgetkürzungen als Erstes gestrichen werden? Wenn sie kaum strukturelle Anerkennung finden?
Eine Institution, die sich ernsthaft auf Beziehungen einlässt, setzt sich dem Risiko aus, ihre eigene Ordnung zu verändern. Transformation betrifft dann nicht nur die Bühne, sondern die Grundstruktur der Institution selbst. Dafür braucht es Kontinuität, nicht projektförmige Symbolpolitik.
Es geht hier nicht um einen moralischen Appell, sondern um die Anerkennung, dass wir gesellschaftlich und institutionell viel zu verlieren haben. Der zunehmenden sozialen Fragmentierung und politischen Spaltung etwas entgegenzusetzen, ist eine gemeinsame Verantwortung.
Ich plädiere daher für ein Verständnis von Partizipation, das mehr ist als ein punktuelles Ereignis:
Partizipation als Struktur.
Als Prozess.
Nicht als fertige Antwort, sondern als gemeinsame Suche.
Wenn wir von einer heterogenen Gesellschaft sprechen, dann nicht von Vielfalt als Zierde, sondern von Differenz als Realität, von Konflikt als Möglichkeit und von Verantwortung als geteiltem Fundament. Politiken der Einladung bedeuten dann:
Arbeit an Beziehungen.
Nicht trotz gesellschaftlicher Brüche, sondern mit ihnen.
Eine Bühne für Konflikt – und für die Möglichkeit, gemeinsam Räume zu öffnen. Für ein neues Gemeinsames.
Wer lädt ein?
Wer darf irritieren?
Wer darf bleiben, ohne sich anzupassen?
Auffällig ist dabei, dass gerade jene Bereiche innerhalb kultureller Institutionen, die sich mit Partizipation, Outreach und Community-Arbeit beschäftigen, häufig prekär organisiert sind. Was geschieht mit dem Wissen ausjahrelanger partizipativer Arbeit, wenn entsprechende Programme bei Budgetkürzungen als Erstes gestrichen werden? Wenn sie kaum strukturelle Anerkennung finden?
Eine Institution, die sich ernsthaft auf Beziehungen einlässt, setzt sich dem Risiko aus, ihre eigene Ordnung zu verändern. Transformation betrifft dann nicht nur die Bühne, sondern die Grundstruktur der Institution selbst. Dafür braucht es Kontinuität, nicht projektförmige Symbolpolitik.
Es geht hier nicht um einen moralischen Appell, sondern um die Anerkennung, dass wir gesellschaftlich und institutionell viel zu verlieren haben. Der zunehmenden sozialen Fragmentierung und politischen Spaltung etwas entgegenzusetzen, ist eine gemeinsame Verantwortung.
Ich plädiere daher für ein Verständnis von Partizipation, das mehr ist als ein punktuelles Ereignis:
Partizipation als Struktur.
Als Prozess.
Nicht als fertige Antwort, sondern als gemeinsame Suche.
Wenn wir von einer heterogenen Gesellschaft sprechen, dann nicht von Vielfalt als Zierde, sondern von Differenz als Realität, von Konflikt als Möglichkeit und von Verantwortung als geteiltem Fundament. Politiken der Einladung bedeuten dann:
Arbeit an Beziehungen.
Nicht trotz gesellschaftlicher Brüche, sondern mit ihnen.
Eine Bühne für Konflikt – und für die Möglichkeit, gemeinsam Räume zu öffnen. Für ein neues Gemeinsames.