»OPER DARF AUCH GRÖSSENWAHNSINNIG SEIN!«

Komponist Alexander R. Schweiß und Librettist Jan Dvořak
im Gespräch mit Daniel Joshua Busche
Was hat Jules Verne mit Elon Musk zu tun? Wie komponiert man eine Reise zum Mond? Kurz vor der Uraufführung haben wir die Macher der Abenteueroper auf einen Tee eingeladen. Ein Gespräch über musikalische Gigantomanie, Mondgöttinnen, Maschinenlärm und die eigentümliche Faszination des Fortschrittswahns.

Arbeitet ihr zum ersten Mal an einer Oper zusammen?
JD: Ja, zum ersten Mal im großen Stil! Bei der Kammeroper »Der Wal« von Alex habe ich ein bisschen mitgeholfen bei der Dramaturgie und überhaupt all seine Projekte immer sehr aufmerksam verfolgt. Man kann sagen: Wir kennen uns gut.
AS: Aber jetzt an so einer großen Oper zusammenzuarbeiten, ist auch für uns eine Premiere. In jedem Fall ist es wertvoll, dass wir uns schon gut kennen und miteinander so diskussionsfreudig sind.

Verne hat ja mehr als 60 Abenteuer- und Wissenschaftsromane verfasst. Wie seid ihr ausgerechnet auf die Bücher »Von der Erde zum Mond« (1865) und »Reise um den Mond« (1870) gekommen?
JD: Offen gesagt hatten wir vorher auch andere Ideen und Vorschläge geprüft. Verne mochte ich aber schon immer sehr. Eine ganz eigene Welt und Erzählweise, irre Stoffe mit vielen Gegenwartsbezügen…
AS: Und bei diesen beiden Mond-Romanen kam entsprechend vieles zusammen: Ein bekannter Titel, eine packende Erzählung mit klarer Zielrichtung, Witz und ordentlich Wumms! Dazu sind die Themen so wie die satirischen Kommentare, auch wenn sie vor über 150 Jahren verfasst wurden, erstaunlich aktuell.

Und welche Möglichkeiten kann die Erzählform Oper für die Romane bieten?
AS: Wo sonst kommt so viel zusammen?! Oper darf auch größenwahnsinnig sein – ich würde sagen, das kann sie sogar besonders gut. Wenn wir über Verne reden, dann auch immer über Gigantomanie – mit einer ordentlichen Portion Satire, versteht sich. Großes Orchester, fantastische Sänger*innen, opulente Bühnen- und Kostümbilder. Das passt natürlich perfekt zu einer Erzählung wie dem aberwitzigen Schuss auf den Mond mittels einer gigantischen Kanone.
JD: Will man eine Oper über Elon Musk oder Donald Trump sehen? Ich eher nicht. Der zeitliche Abstand aber hilft, einen klareren Blick zu bekommen auf Themen wie den amerikanischen Exzeptionalismus, Militarismus und Größenwahn. Außergewöhnliche Ereignisse schreien nach Musik!

Die beiden Romane zu wählen ist auch dramaturgisch interessant. Es gibt ja einen Bruch in der Mitte des Stücks.
AS: Genau! So kurios, nervig und unsympathisch diese Männer vom Kanonenklub von Baltimore auch sein mögen – mit Musik kann man sich im ersten Teil vom allgemeinen Wahn und der Hektik im besten Sinne mitreißen lassen. Da entfaltet sich eine musikalisch mitreißende Gewalt. Erst im zweiten Teil, in dem wir die Perspektive wirklich in die Kapsel, ins Weltall, ins Nichts werfen, gibt man sich der Ruhe und Gleichförmigkeit der Reise hin. Diese Zweiteiligkeit in der Erzählung ist natürlich ein starkes Grundgerüst, um damit musiktheatral zu arbeiten.

Im Vorwort der Partitur findet sich die schöne Anmerkung: »Das Libretto entstand zwischen Dezember 2024 und Februar 2026. In dieser Zeit erlebten amerikanisches Genie und amerikanischer Wahnsinn neuerliche Höhenflüge.« Was genau ist gemeint?
JD: Noch einmal muss ich auf Elon Musk kommen. Wenn dieser Verrückte und äußerst erfolgreiche Mann es tatsachlich schafft, die ersten Menschen auf den Mars zu schicken oder eine private Mondkolonie zu gründen, dann ist er ein Fall für die Geschichtsbücher, wie Kolumbus. Egal, ob ich ihn verabscheue: Da darf man sich nichts vormachen. Die Herren des Kanonenklubs sind gewalttätige und angeberische Gestalten, aber sie ›liefern‹.

Aber sie ›liefern‹ auf jemandes Kosten.
JD: Genau das ist die Ambivalenz, die das Stück interessant macht. Verne gilt oft als Fortschrittsfanatiker. Das ist ein Missverständnis. Letztlich steckt hinter dem Fortschrittswahn nicht nur eine rücksichtslose Gewalt, sondern auch eine große Leere. Eine Sinn- und Gefühlsleere, die zerstörerisch ist.
AS: Über diese Thematik haben wir immer wieder diskutiert. Auch wenn solche Gestalten in die Geschichtsbücher eingehen, haben sie nicht unbedingt Heldengesänge verdient. Sie sind unangenehm, peinlich und… cringe. Das passt zur Oper, auf die – das müssen wir zugeben – diese Adjektive auch manchmal zutreffen. Aber zurück zu den Größenwahnsinnigen: Trotzdem schauen wir gerne hin und hören zu, das übt also eine eigenwillige Faszination aus. Eine Faszination mit Kopfschütteln und Augenverdrehen vielleicht…

Entgegen all dieser testosterongeladenen Stimmung im Kanonenklub weiß das Stück ja eine Figur einzuführen, die bei Verne so gar nicht vorkommt. Warum war Luna als Figur wichtig und welche Funktion übernimmt sie?
JD: Luna kommt im Buch vor, aber ganz am Rande. Wir kamen im Grunde durch die Illustrationen des Buches darauf. Dort erscheint sie mehrmals als schwebende Göttin. Sie ist aber eine Göttin der Kälte, Bewegungslosigkeit und Ruhe, und gerade keine stereotype Frauenfigur. Befremdet schaut sie auf das irre und sinnlose Treiben der Mondfahrer. An ihrer Gelassenheit zerschellt jeder männliche Ehrgeiz.

Fließt auch etwas von Vernes charakteristischem Sprachstil ins Stück ein?
JD: Ich habe mich bemüht, immer wieder die tolle Vernesche Sprachakrobatik zwischen wissenschaftlichen Daten und absurden Dialogen einfließen zu lassen. Sie hat die ganze sprachliche Gestalt des Stückes beeinflusst.

… Stichwort: Zahlengesang.
JD: Ganz genau. Jules Verne wollte schließlich den »Enzyklopädischen Roman« erfinden. An seiner wissenschaftlichen Spinnerei haben Hermann Oberth und Wernher von Braun ihre Raketenfantasien entzündet. Es führt ein direkter Weg von der »Reise zum Mond« zur realen Mondlandung hundert Jahre später!

Ich würde gerne einmal auf die Musik zu sprechen kommen, denn auf mich hat sie eine sehr unmittelbare Wirkung. Alex, wie würdest du deine musikalische Sprache beschreiben?
AS: Puh, einige Hörer*innen können das vermutlich besser als ich! Ich will es aber versuchen: Wenn ich Musik höre, dann beispielsweise Queen, Strawinsky, Meat Loaf, Weill, Purcell, eine Musical-›Schnulze‹, bekrönt von einem Werbe-Jingle, der mir gerade im Kopf hängt. Vielleicht erklärt das gut, was mich an Musik interessiert? Es ist die Abwechslung, die wilde Mischung, die ich genieße – jedes Genre hat seinen eigenen Anteil daran. Mich interessiert es, diese verschiedenen Stile nebeneinander zu setzen oder miteinander zu verschränken. Im besten Fall kommt es mir selbst sehr intuitiv und gestisch vor.

Gestisch trifft es gut: In der Partitur sind ja teilweise ungewöhnliche Formen der Klangerzeugung gefragt. Was war die Idee dahinter?
AS: Das schließt eigentlich unmittelbar an dieses Gestische an – ein jedes »Zang!« oder »Tumb!« sagt mir mehr über den Kanonenklub und den Geist seiner Mitglieder als jedes Wort, das ich sie könnte singen lassen. Nach vorn! Natü rlich liegen da auch Assoziationen zu Kurt Schwitters oder den Futuristen im 20. Jahrhundert nicht fern. Auch letztere wollten Krach und Maschinenlärm ästhetisieren und hatten einen geradezu fanatischen Fortschrittszwang – das ist alles recht nah dran an unserem Kanonenklub von Baltimore!

Habt ihr als Verfasser eine Lieblingsszene im Stück?
JD: Ich finde den Anfang stark, auch den Raketenstart und den Flug. Auf Lunas Arien freue ich mich auch sehr. Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt.
AS: Ich mag tatsachlich das Quartett »Zu den Booten« am meisten. Das ist aber auch die Szene, bei der ich vergessen habe, wie und wann ich sie geschrieben habe. Sie kommt mir etwas fremd vor – wahrscheinlich gefällt sie mir deswegen am besten.
Ein Auszug aus dem Programmheft von »Reise zum Mond«

TERMINE

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