KASIMIR UND KAROLINE

Interview aus dem Theatermagazin September/Oktober 2026
Mit dem Verlust seiner Anstellung verliert Kasimir auch einen Teil seiner Identität. Seine Verlobte Karoline hingegen lässt sich weder Optimismus noch berufliche Ambitionen nehmen. Prompt steht beider Liebe auf dem Prüfstand. Ödön von Horváth (1901-1938) spiegelt in »Kasimir und Karoline« die gesellschaftliche Zerrissenheit der späten Weimarer Republik in der Weltwirtschaftskrise. Satirisch, aber liebevoll zeichnet er seine Figuren und ihre (und unsere) Sehnsucht nach Selbstbestimmung, nach Aufstieg trotz Krise. Sie leben in vollen Zügen, scheitern krachend, lieben hungrig. Charlotte Sprenger und ihr Team versetzen das Stück im Alten Kino Franklin aus den 1930er Jahren in die Gegenwart.
OLIVIA EBERT: Die Stücke von Horváth gelten als moderne Klassiker, »Kasimir und Karoline« wurde 1931 veröffentlicht, vor fast 100 Jahren. Warum sollten wir Horváth heute noch spielen?
CHARLOTTE SPRENGER: Horváth gibt Menschen eine Stimme, für die man sich sonst im Theater nicht unbedingt interessieren würde. Es sind keine großen Helden, sondern Menschen wie du und ich, aus unterschiedlichen sozialen Klassen, mit denen er sich auf eine sehr liebevolle und gleichzeitig fast brutal analysierende Art und Weise beschäftigt. Seine Figuren reden, wie wir heute im Alltag oft auch, sehr uneigentlich; d.h. in Sprichwörtern, Floskeln, Sprachbildern. Gleichzeitig ist ihre Sprache sehr geformt, denn Horváth untersucht, wie sich gesellschaftliche und politische Umstände auf zwischenmenschliche Beziehungen und auf Sprache auswirken. Auf einzigartige Weise lässt er komplexe Gespräche und Situationen aus einfachen Worten entstehen.
OE: Momentan werden wir oft mit einem Vergleich konfrontiert, der Parallelen zwischen unserer heutigen gesellschaftlichen Situation, und der Situation der späten Weimarer Republik kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zieht.
CS: Für mich war diese Art des Vergleichs die Initialzündung dafür, heute ein Stück von Horváth zu inszenieren. Aber mehr, um den Vergleich zu überprüfen. Ich glaube nicht daran, dass sich Geschichte automatisch wiederholt. Einerseits gibt es deutliche Parallelen: die Schwächung der Wirtschaft, die Inflation, das Erstarken der rechten Parteien, die Ungleichverteilung im Kapitalismus. Andererseits sind wir heute in einer ganz anderen Situation, wir sind demokratieerprobte Menschen. Und die Menschen damals kamen aus einem anderen Horror, dem Ersten Weltkrieg,
in eine krasse Inflation und Krise.
Mich interessiert zu untersuchen, wo genau die Vorahnung eines Zusammenbruchs bei Horváths Figuren liegt, und wo bei uns heute? Was kann man – zumindest in der Betrachtung der Menschen, die man auf der Bühne zeigt – diesem scheinbaren Automatismus entgegensetzen?
OE: Das Stück spielt auf dem Oktoberfest der 1930er Jahre und wird meistens auch so inszeniert – mit allem, was einem dazu einfällt: Bier, Tracht, Fahrgeschäfte. Das wirkt heute auf der Bühne oft grotesk. Wir haben mit Blick auf die Gegenwart den Schauplatz verändert und lassen die Figuren auf einer Betriebsfeier eines Technologie-Unternehmens aufeinander treffen …
CS: Ja, ich finde an dem Stück heute spannend, dass darin die Angst vor Abstieg und, konkreter, die Angst, die Arbeit zu verlieren und nicht mehr gebraucht zu werden deutlich beschrieben wird. Und diese Angst und Ohnmacht von Kasimir spiegelt sich für mich gegenwärtig in unseren diffusen Gefühlen gegenüber den neuen Technologien: Die schnelle Entwicklung Künstlicher Intelligenz macht in Verbindung mit einer neuen Generation Roboter immer mehr Jobs überflüssig. Die führenden Tech-Unternehmen haben eine unglaubliche mediale und politische Macht, sind teilweise ideologisch stark mit der Neuen Rechten verbunden, gleichzeitig herrscht in unseren Gesellschaften auch eine große Technologiegläubigkeit und ganz konkrete Abhängigkeit. Dies verbunden mit der Angst arbeitslos zu sein, von einer KI ersetzt zu werden, hat uns interessiert. Aleksandra Pavlović, unsere Bühnen- und Kostümbildnerin, hatte sehr früh die Intuition, dass der Zeppelin – in Horváths Text ein wichtiges Symbol für Zukunftstechnologie, Fortschrittsglauben und Wirtschaftsmacht – heute eine Drohne sein müsste.
Ich würde sagen, dass unsere Inszenierung versucht, das Verhältnis von uns Menschen zu den neuen Technologien zu zeigen. Nicht mit Realismus, sondern auf emotionaler Ebene: zwischen Bewunderung und Hass, zwischen Angst und Ablehnung, zwischen ethischen und moralischen Fragen.
OE: Wie wird das auf der Bühne aussehen?
CS: Aleksandra hat sich einen multiperspektivischen und vieldeutigen Ort ausgedacht. Wir arbeiten mit zwei beweglichen, gelben Wänden, die verschiebbar sind und in verschiedenen Konstellationen Innen- oder Außenräume darstellen könnten. Der Ort assoziiert eine Art Büro- oder Firmenarchitektur, hat aber auch etwas von einer Arena, und ist dennoch in einigen Details vom Oktoberfest inspiriert: Gelb, die Farbe der Wände, ist die Farbe Münchens, die Wände stehen auf einer blauen »Wiesn«, und ihre Türen könnten zu den verschiedenen Attraktionen führen.
OE: Die Musik bildet eine weitere Brücke, zwischen Oktoberfest und Betriebsfeier, zwischen 1931 und heute. Horváth hat ja ziemlich genau aufgeschrieben, welche Musikstücke wann gespielt werden sollen.
CS: Ja, die Volks- und Festlieder sind tatsächlich Teil des Textes. Einige davon sind weltweit bekannt, wie „Ein Prosit. Ein Prosit“, andere fast vergessen. Philipp Plessmann, unser Musiker, hat sich mit ihren Melodien und Texten auseinandergesetzt. Wir werden ausgewählte Lieder beibehalten, die die Schauspielenden gemeinsam singen. Teilweise hat Philipp auch abstraktere musikalische Varianten von den Motiven entwickelt, und teilweise werden wir Pop-Schlager spielen, die heute neben den alten Festliedern auf dem Oktoberfest oder auf Betriebsfeiern gespielt werden. Es ist interessant, sich mit der Entwicklung dieser Kategorie des Volks- und Festlieds auseinanderzusetzen, seiner Kommerzialisierung und den Emotionen, die es auslösen kann.
OE: In deiner Inszenierung gibt es neben der Änderung des Schauplatzes eine weitere interessante Setzung, die sich vom Original unterscheidet. Karoline, die durch Kasimirs Arbeitsplatzverlust selbst ins Straucheln gerät, ist schwanger. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Schauspielerin schwanger ist …
CS: Stimmt. Als ich erfahren habe, dass Rahel Weiss schwanger ist, fand ich es gleich toll, die Schwangerschaft für die Rolle der Karoline aufzugreifen. Eine Schwangerschaft ist ein starkes Symbol für eine unbekannte Zukunft. Ganz konkret vergrößert sie die Not von Karoline, für die Karriere arbeiten zu müssen, sich zu finanzieren, sich zu organisieren. Aber auch die Notwendigkeit, nicht zu pessimistisch in die Zukunft zu blicken und an die Zukunft zu glauben, um dem Kind eine Perspektive zu geben. Mit der Schwangerschaft verschärfen sich einige Konflikte zwischen Kasimir und Karoline, die dem Stück eingeschrieben sind. Gleichzeitig steht die Eigenständigkeit der Person jenseits der Mutterschaft zur Debatte. Was ist eigentlich das Mutterbild, was projizieren andere Menschen in mich rein? Das sind wichtige Themen, die viele Menschen und vor allem Frauen beschäftigen.
v.l.n.r. Aleksandra Pavlović (Bühnenbild), Olivia Ebert (Dramaturgie), Charlotte Sprenger (Regie)

Charlotte Sprenger (*1990) ist Regisseurin. Sie studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität in Lüneburg. Sie inszenierte u.a. am Thalia Theater, an den Münchner Kammerspielen, am Schauspiel Köln, am Theater Bonn und regelmäßig am Nationaltheater Mannheim.

TERMINE

https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Fr
25
Sep
19:00 | mit anschließender Premierenfeier
Volksstück von Ödön von Horváth
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Sa
3
Okt
19:00 | Kurzeinführung um 18.30 Uhr
Volksstück von Ödön von Horváth
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Di
13
Okt
19:00 | Kurzeinführung um 18.30 Uhr
Volksstück von Ödön von Horváth
https://www.nationaltheater-mannheim.de Nationaltheater Mannheim Mozartstr. 9, 68161 Mannheim
Mi
21
Okt
19:00
Volksstück von Ödön von Horváth