Bach neu erlebt: Il gusto barocco begeistert in der Friedenskirche

Mannheimer Sommer: Aus einem unvollendeten Werk wurde ein vollendetes Meisterwerk

von Julia Krebs
Die Kirchenbänke der Friedenskirche haben sich am Donnerstagabend mit zahlreichen Menschen gefüllt. Die vor über 100 Jahren erbaute Kirche weckte zunächst Hoffnungen in mir: ein Zufluchtsort vor der drückenden Sommerhitze in der Mannheimer Innenstadt, vielleicht sogar ein wenig Abkühlung. Doch die Erwartungen wurden leider nicht erfüllt. Die Luft stand schwer zwischen den Kirchenbänken und Fächer wedelten zum Takt, als ich mich in eine der letzten Reihen sinken ließ. Und gleichzeitig begann ein Konzert, das alles andere als schwer war.

Im Rahmen des Mannheimer Sommers verwandelte das Stuttgarter Ensemble il gusto barocco die Kirche mit Johann Sebastian Bachs »Die Kunst der Fuge« in einen lebendigen Klangraum. Das Ensemble verband mit der Inszenierung historische Klänge der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts mit ihrer eigenen künstlerischen Sprache. Was oft als sehr trockenes, theoretisches Werk, aufgrund der Variationen von nur einem Hauptthema, gilt, wurde durch das Ensemble zur sinnlichen Entdeckungsreise mit klarer Klangfarbe.

Bachs Werk ist ein Rätsel und Monument zugleich: 14 Fugen und 4 Kanons, kein Auftragswerk und kein festgelegtes Instrumentarium. Stattdessen ist es ein sehr streng durchdachtes musikalisches Gesamtkonzept, dass die barocke Musik in einer reinen Form zeigt. Und das größte Geheimnis des Abends bis kurz vor Beginn war für mich: Was macht il gusto barocco aus diesem unvollendeten Werk? Kann es lebendig werden?
Die Antwort entfaltete sich nach und nach über den Abend!

Mit den ersten fein gesponnenen Klängen des Cembalos, gespielt von Jörg Halubek - künstlerischer Leiter des Ensembles – entfaltete sich eine Leichtigkeit, die den Raum fast unmerklich verwandelte.
Aus wenigen Grundelementen entstand das Thema, welches sich wie ein roter Faden durch den Abend zog. Motive wurden variiert, Intervalle in der sogenannten Krebsspiegelung umgekehrt, das Tempo änderte sich bei jeder Fuge und die Tonartwechsel ließen ein Gespräch zwischen den Instrumenten entstehen. Obwohl man bei der Einführung dachte, dass das Stück chaotisch, voller Umkehrungen und unstrukturiert werden könnte, wurde es zu einer klar erkennbaren Melodie.

Das Gespräch zwischen den Instrumenten, wurde definitiv greifbar und auch sichtbar. Kein Instrument war bloß Begleitung oder stand ganz alleine im Vordergrund. Alle sind gleichwertig!
Sobald die Musikerinnen und Musiker ganz sachte durch die Gänge der Kirche auf die Empore stiegen, fast schon schwebten, legte sich die barocke Melodie wie ein angenehmer Schleier über das Kirchenschiff. Traversflöte, Violine, Violoncello und Trompeten verteilten sich zum Ende hin an den Seiten der Kirchenbänke. »Die Kunst der Fuge« wurde zu einem direkten Erlebnis für das Publikum, während sich die Instrumente aus verschiedenen Richtungen mit ihren Klängen antworteten.

Ich saß genau zwischen diesen Klanginseln, mitten im Dialog. Töne trafen von allen Seiten aufeinander und verweilten. Es fühlte sich an, als würde ich Teil dieser Klänge sein. Trompetenklänge von der Empore trafen auf klare Streicherfarben im Altarraum, der – passend zur Hitze – in warmen rot-orange Tönen leuchtete. So wurde die Architektur selbst zum Resonanzkörper und die Musik durchwanderte mich, das Publikum und die ganze Kirche.
Mit jeder Fuge steigerte sich die Komplexität. Teils zweistimmig, fast modern, füllten sie die alte Kirche. Am Ende stand ein Choral, ein Verweis auf Bach selbst, auf das Unvollendete, das il gusto barocco nicht als einen Mangel, sondern als einen ganz offenen Raum erfahrbar machte. Manche Passagen wirkten überraschend modern, und doch blieben sie fest verwurzelt mit Bachs klarer Ordnung.

Was zunächst leer und unvollständig erschien, wurde zum Gefühl von Weite und Erfüllung. Und genau darin lag die wohl größte Überraschung des Abends! Denn so drückend die Hitze zu Beginn war, so leicht wirkte am Ende alles. Il gusto barocco präsentierte »Die Kunst der Fuge« beinahe szenisch, überraschend gegenwärtig und nahbar.
Der Applaus wollte schließlich kein Ende nehmen, nachdem ein lebendiger Dialog zwischen Werk, Raum und Instrumenten entstand. Und obwohl die Hitze blieb, fühlte sich die Friedenskirche seltsam leicht und voller musikalischer Wärme an. Niemand schien es eilig zu haben, das bereits begonnene WM-Spiel der Deutschen Nationalmannschaft zu schauen. Der Abend wirkte noch nach!