Hausautorin

Anastasiia Kosodii

Portrait von Anastasiia Kosodii
Foto: Christian Kleiner
Як пи­сати для театру під час війни (я не знаю)
Ihre Karriere begann Anastasiia Kosodii als Mitbegründerin des Theaters Zaporizka nova drama in ihrer ukrainischen Heimatstadt Saporischschja, wo mit »Ministry of Education and Science of Ukraine« und »The Greatest Pain on Earth« einige ihrer Stücke aufgeführt wurden. Von 2014 bis 2016 waren zudem »Get me a City Council Building«, »Bring me from Lviv what we don’t have in Zaporizhzhia« und »Who Stole your Horses« für die Festivals »Week of Modern Plays« in Kyiv und »Lubimovka Young Russian Playwrights Festival« in Moskau nominiert. 2017 arbeitete sie zudem als Kreativdirektorin am Projekt »Theatrical Laboratory: Behind the Borders of Fear« mit, das vor allem in kleinen ukrainischen Städten an der Grenze zu den damaligen Besatzungsgebieten einen Ort für Theater schaffte. 2019 wurde sie leitende Dramatikerin des PostPlay Theaters in Kyiv. Im gleichen Jahr wurde ihr Stück »Timetraveller's guide to Donbas« am Lesi Ukrainki Theater in Lviv aufgeführt, in dem sich zwei Zeitreisende aus dem Jahr 2036 auf den Weg ins Jahr 2013 machen, um nach dem Ursprung des Krieges im Donbass zu suchen. Das Stück entstand für das Projekt »Krieg im Frieden« des Internationalen Dramatiker*innenlabors in Berlin. 2019 war sie zudem als Autorin an dem Projekt »City To Go«, das in drei Städten der Regionen Donezk und Lugansk (Bakhmut, Popasna, Mykolaivka) mit Kindern in lokalen Schulen aufgeführt wurde. Im Jahr 2020 schrieb sie das Stück »Was ist jüdische Musik« über ukrainischen Antisemitismus, das auf dokumentarischen Interviews über den Holocaust basiert und das sie zusammen mit dem Komponisten Yuriy Gurzhy, dem Künstler Nikolai Karabinovich und der Schauspielerin Alina Kostiukova selbst uraufführte. 2021 arbeitete Anastasiia Kosodii zusammen mit Natalia Vorozhbyt als Dramatikerin an »Crimea 5am«, einem internationalen Projekt, das politischen Gefangenen gewidmet ist. Es soll die Aufmerksamkeit der ukrainischen und internationalen Gesellschaft auf die Menschenrechtsverletzungen auf der besetzten Halbinsel Krim lenken.
Wie man während des Krieges fürs Theater schreiben kann (ich weiß es nicht)
Psycholog*innen sagen, dass zu Kriegszeiten das Syndrom des aufgeschobenen Lebens verbreitet ist. Der Mensch schaltet alles auf Pause, sagt sich: Wir müssen den Sieg abwarten, danach geht das alles (leben, den Wechsel der Jahreszeiten beobachten, sich freuen und traurig sein).

Worte, außer denen der Nachrichten, werden auch aufgeschoben. Nicht, weil wir sie nicht artikulieren wollten. Der Sinn der Worte verdirbt einfach zu schnell, schneller als Milch. Gestern hat man sie auf dem Tisch zurückgelassen und am nächsten Morgen muss man sie schon wegschütten und neue suchen.

Mein Freund Maksym Kurotschkin, ein wunderbarer Dramatiker und jetzt Soldat, sagt, man müsse so schreiben, dass es die Welt ringsum beeinflusst. Wozu sollte man sonst schreiben?

Ich denke, es wäre gut, etwas schreiben zu können, das den Sieg der Ukraine beschleunigt. Ich denke, es wäre gut, wenn in dem Moment, wo Sie diese Zeilen lesen, keine Raketen auf Kyjiw, Saporischschja, Charkiw, Lwiw, Sjewjerodonezk, Kramatorsk, Cherson, Krywyj Rih, Winnyzja, Poltawa, Dnipro, Orichiw, Huljajpole und all die anderen Städte und Städtchen meines Landes fallen würden.

Und dann denke ich noch: Wie werde ich schreiben, wenn der Krieg zu Ende ist. (darüber nachzudenken ist es zu früh) (ich weiß es nicht)

2017, als ich mit Menschen aus ukrainischen Frontstädten gearbeitet habe (wir lernten, Theater mit Gemeinschaften vor Ort zu machen), wollte dort niemand eine Inszenierung über den Krieg machen. Eher über die Liebe oder die Freundschaft. Eher ein Melodrama. Eine Komödie. Es wurden natürlich trotzdem Inszenierungen über den Krieg; der Krieg war der gegebene Umstand.

Heute hat sich dieser gegebene Umstand auf die gesamte Ukraine ausgebreitet – und über ihre Grenzen hinaus. Möglicherweise werden wir eine neue Sprache finden müssen, um diese neue Realität beschreiben zu können: auf der Ebene der Sinne, der Worte und der Formen. Die alte erschöpft sich zu schnell. Ich überlege, wie diese Sprache sein könnte. Wer sie zuerst findet. Und ob sie uns gefallen wird. (darüber nachzudenken ist schon jetzt die Zeit)


Aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel
Як писати для театру під час війни (я не знаю)
Психологи кажуть, під час війни розповсюджений синдром відкладеного життя. Людина все ставить на паузу, каже собі: треба дочекатись перемоги, потім буде можна (жити, спостерігати зміну сезонів, радіти та сумувати). Слова, окрім слів новин, стають відкладеними теж. Не тому що не хочемо їх вимовляти. Просто сенси слів швидко псуються; швидше ніж молоко. Ввечері лишив на столі - вранці вже треба виливати і шукати нове.

Мій друг Максим Курочкін, чудовий драматург, а зараз солдат, каже - писати треба так, щоб це вплинуло на світ навколо. Інакше навіщо? Я думаю - було б добре написати щось таке, що б пришвидшило перемогу України. Я думаю - було би добре, щоб в момент, коли ви читатимете ці рядки, російські ракети не падали на Київ, Запоріжжя, Харків, Львів, Северодонецьк, Краматорськ, Херсон, Кривий Ріг, Вінницю, Полтаву, Дніпро, Оріхів, Гуляйполе та всі інші міста і містечка моєї країни. І ще я думаю - як я буду

писати потім, коли закінчиться війна. (про це зарано думати) (я не знаю)

У 2017 році, коли я працювала з людьми з прифронтових українських міст (ми вчились створювати театр в локальних громадах), ніхто з них не хотів робити вистави про війну. Краще про любов, або про дружбу. Краще мелодраму. Комедію. Звісно, вистави все одно вийшли про війну; війна була запропонованою обставиною. Сьогодні ця запропонована обставина поширилась на всю територію України - і далі, за її межі. Можливо, щоб описати цю нову реальність, просто варто буде винайти нову мову: в плані сенсів, слів, і форм. Стара занадто швидко вичерпується. Я думаю, якою могла б бути ця мова. Хто перший її знайде. І чи сподобається вона нам. (вже час думати про це)

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