Schauspielhaus

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe

Bertolt Brecht Premiere: Sa, 12. März 2016

Im Chicago der Weltwirtschaftskrise tobt ein Vernichtungswettbewerb unter den Produzenten von Büchsenfleisch. Die Produktion wird eingestellt und Tausende verlieren ihre Arbeit. Johanna Dark, Leutnant bei der Heilsarmee, will helfen, indem sie sich der verlorenen Seele des »Fleischkönigs« Pierpont Mauler annimmt, der im Begriff ist, sich durch Börsenmanipulation eine Monopolstellung am Fleischmarkt zu beschaffen. Mauler geht scheinbar bereitwillig auf Johanna ein, decken sich ihre Wünsche doch mit denen seiner Wallstreet-Berater. Doch mit der Zeit wird Johanna klar, wessen Geschäft sie betreibt. Ihr christlicher Glaube verbietet ihr aber die tatkräftige Unterstützung des Generalstreiks (»Es kann nicht gut sein, was mit Gewalt gemacht wird«), was zum Scheitern des Streiks beiträgt. Die Fleischbosse stilisieren Johanna zur Märtyrerin und »Trösterin der Armen«, während sie sich sterbend − im Angesicht der Toten und Erschlagenen − zur Revolutionärin wandelt. Ihr »Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht« wird vom Chor der Sieger übertönt.

Unter Mithilfe von Elisabeth Hauptmann und Emil Burri schrieb Brecht 1929 seine Version der Jeanne d’Arc. Dabei gelingt ihm das Kunststück, durch eine poetische und metaphernreiche Sprache, die Anleihe bei Shakespeare, Schiller und der Bibel nimmt, und durch das spannende „Melodram“ um sein Antagonistenpaar Johanna/Mauler die Mechanismen des Kapitalismus und deren ideologische Verschleierung sinnlich erfahrbar zu machen. Sein kolportagehafter Börsenkrimi beschreibt zeitlos eine Gesellschaft, deren Existenz immer wieder durch Finanz- und Wirtschaftskrisen bedroht ist.

 

Georg Schmiedleitner arbeitet als Regisseur u. a. am Staatstheater Nürnberg, Schauspiel Leipzig und am Burgtheater Wien. In Mannheim inszeniert er seit 2006 kontinuierlich, zuletzt Die Jungfrau von Orleans, Ein Sommernachtstraum, Maria Stuart, Woyzeck und Homo faber.

 

Dauer: ca. 1 Stunde und 50 Minuten, keine Pause

Die angegebene Dauer ist lediglich ein Richtwert.

››Die Schauspieler Boris Koneczny (Mauler), Jacques Malan (Cridle) und Reinhard Mahlberg (Graham) setzen sie über Selbstmitleid und forsches Unternehmertum bemerkenswert konturenreich um. Hinreißend unterstützt von David Müller als Makler Slift im blauen Anzug mit knallroten Schuhen. Ein rasanter Grenzgänger, ein geschmeidiger Mephisto der Schlachthöfe, der als virtuoser Führer und Verführer kundig durch die Hölle begleitet. Virtuos knüpft er im Hintergrund jene Fallstricke, über die manchmal auch Mächtige stolpern können. Schmiedleitner meidet Klischees. […] [W]ie der Regisseur zwischen Einfachheit und emotionalen Effekten zu vermitteln weiß, wie er die Ereignisse kühl auf Distanz hält und dann doch minutenlang jene Seelenwärme erzeugt, ohne die der Mensch wohl nicht existieren kann, ist schon bewundernswert. […] Anne-Marie Lux wächst […] in ihre Rolle hinein, ein bemerkenswerter Befreiungsakt aus zunächst selbstgewisser Kindlichkeit. […] Entsprechend hat ihr Spiel trotz aller Tatkraft im Unterschied zur Arbeiterführerin Smith, die Almut Henkel mit packender Vitalität gestaltet, auch immer etwas Gebrochenes und leicht Verwirrtes. Was Schmiedleitner in weniger als zwei Stunden von Brechts ›Johanna‹ übriggelassen hat, reduziert das Geschehen auf den Kern des Kapitals. […]. Klare Verhältnisse also, zu denen weitere Ensemble-Mitglieder wie Michael Fuchs (Paulus Snyder), Carmen Witt oder Hannah Müller Beachtliches beigetragen haben‹‹ (Mannheimer Morgen, 14. März 2016)

 

››Anne-Marie Lux spielt die Titelrolle schön klar und konzentriert. Ein zierliches Persönchen von eindrucksvoller Bühnenpräsenz. Ganz wie von Brecht gewünscht, identifiziert sie sich nicht mit ihrer Rolle, sondern zeigt, dass sich Johanna auch ganz anders hätte entscheiden können. […] Sonderapplaus gibt es für David Müller, der sich als Maulers Helfershelfer Slift so gekonnt mit Dandy-Allüren dreht und wendet, als wäre er bei einem Bandwurm in die Lehre gegangen. Galant schlängelt er sich durch den Spekulanten -Scheiß. Dabei signalisiert er sein Dresscode – stylische Brille, blauer Anzug, rote Schuhe –, dass er als willfähriges Werkzeug des Schlachthöfe-Königs ein ganz patentes Jüngelchen sei. Wie Müller diesen smarten Fiesling spielt, sollte man sich nicht entgehen lassen.‹‹ (Rhein-Neckar-Zeitung, 14. März 2016)

 

››Die sozialen Gegensätze bilden in Schmiedleitners Brecht-Inszenierung […] eher einen Randaspekt, auch wenn immer wieder Massenszenen in Eisenstein-Ästhetik über die Leinwand flimmern. Viel spannender ist hier der Gegensatz der beiden Hauptfiguren, des von Moralattacken heimgesuchten Fleischerkönigs und dem von Machtvisionen getriebenen Mädchen von der Heilsarmee. Boris Koneczny spielt den Mauler als sensiblen Gierschlund, der nicht bloß als blutiger Sieger vom Börsenplatz heimkehren will, sondern dafür auch noch geliebt werden. […]. Koneczny vermittelt eine Art treuherziger Grausamkeit, im Zweifel geht ihm natürlich Gewinn vor Mitgefühl. Anne-Marie Lux bringt ihre Johanna in gefährliche Nähe zu diesem Wirtschaftsabsolutisten. Getrieben von der Erfolgswut einer Aufsteigerin will auch sie ganz nach oben, wo man Gott und den Hebeln weltlicher Macht gleichermaßen nahe kommt.‹‹ (Die Rheinpfalz, 14. März 2016)

 

In knappen eindreiviertel Stunden wird das so gern totgesagte Chicago-Drama in Mannheim zu einem aufrüttelnden Diskussionsbeitrag über die Ungerechtigkeiten des aktuellen Wirtschaftskreislaufs. Die Bühne rotiert, schaufelt immer neue Figurengruppen ins Blickfeld. Und ohne einen einzigen Sudkessel, ohne auch nur eine Schweinehälfte als Requisit macht die Aufführung den Lebensmittelhandel weltweit als blutiges Ringen um kleinste Marktanteile kenntlich. […] Und Johanna? Anne-Marie Lux spielt sie zunächst als die kleine Energische mit der großen Distanz zu den Mächtigen. Doch je kämpferischer sie wird, desto mehr Verständnis entwickelt sie. Dabei kann sie nur unterliegen. Am Ende wird die bereits von der Schwindsucht Gefällte wieder auf die wackeligen Beine gestellt, um vor einer Projektion von Dosen mit ihrem Konterfei für den Fleischmarkt der Zukunft zu posieren. Das ist natürlich denkbar weit weg von Puccinis Tränenkino – aber dafür ganz nah an der Gegenwart. (Darmstädter Echo, 19. März 2016)