Enis Maci

Hausautorin Spielzeit 2018/19

 

 

Einige Gedanken, im Vorhinein

1. In einem wüsten, rechtlosen Amerika liefert Kevin Costner – der selbsternannte »Postman« – Briefe aus. Briefe, verfasst von längst Verstorbenen und von zu Unrecht Totgeglaubten. Dieser Mann glaubt nicht an die Macht der Kommunikation, er verachtet das hehre Ideal des Dialogs. Und doch liefert er Schreiben aus, von deren Wirkung er nicht überzeugt ist, er liefert sie aus, weil alles andere eine Auslieferung seiner Mitstreiter bedeutete, er liefert sie aus, weil er wider besseres Wissen hofft, das Miteinandersprechen sei doch eine Waffe, wenn auch nur eine unter vielen. Und Waffen, das weiß er – der mit Sicherheit kein Pazifist ist –, Waffen braucht es im Kampf gegen den Faschismus.

2. Mannheim, so lese ich, ist in Quadrate aufgeteilt. Mannheim also, denke ich, ist wie Manhattan. Nur hier konnte der jugendliche Dario Fontanella beim Experimentieren mit der Spätzlepresse das Spaghettieis erfinden, nur hier.

3. Im Frühling beginne ich vom Rhein zu träumen.

4. »Das Fragment ist der Eingriff des Todes ins Werk. Indem er es zerstört, nimmt er den Makel des Scheins von ihm«, schreibt Adorno.

5. Was wird geschehen, wenn nicht mehr das Geld (wie Marx und Engels behaupten) das »herrschende tertium comparationis aller Menschen und Dinge ist«? Wie werden die Verhältnisse geordnet sein?

6. Das Universale und das Partikulare sind keine Zwillinge, sondern ein- und dasselbe, etwas, dessen Name in einer besseren Welt, in der Vorstellungswelt nämlich, Wahrheit lautete.

7. Mit Chela Sandoval und Donna Haraway und all den anderen nach demjenigen oppositionellen Bewusstsein fahnden, das von widersprüchlichen Verortungen handelt, und nicht von Relativismen und Pluralismen.

8. Nehmen wir sie ein, gerade weil wir sie uns nicht leisten sollten, die distance from necessity, die meint, sich nicht sorgen um das bloß vermeintlich Nötige, das mit Ilse Aichingers vermeidbaren Zusammenhängen untrennbar verknüpft ist, dessen unheilvolle Allianzen strahlen wie der Morgenstern, der manchmal auch der Abendstern ist, weil eine Sache manchmal genauso wahr ist wie ihr Gegenteil.

9. Zones of contention, wobei contention Behauptung bedeutet, und Auseinandersetzung, und Streitigkeit – wenn alles gut geht, ist das Theater so ein Ort, einer, an dem die Waffen nicht freiwillig abgelegt werden, sondern: an dem sie geschärft und gestählt und modifiziert und an die Körper der Cyborgs von morgen geschraubt werden, weil, ja gerade weil einem und einer und allen in dieser streitbaren, strittigen Zone alle Waffen fehlen, weil dieser Ort dich unerwartet trifft, mit der hinterlistigen Wucht eines Schicksalsschlags.

10. Maria Leitner, die in Marseille an Erschöpfung starb, weil sie – doppelt Verfolgte, die man am liebsten doppelt noch vernichtet hätte – kein Visum mehr bekam.

11. »When you’re playing and you’re just you, powerful things happen«, sagte einst der Phreaker Joybubbles, der als blind Geborener über das absolute Gehör verfügte und so das viergestrichene F zu pfeifen vermochte, mit dem man Telefonleitungen knacken und gratis telefonieren konnte, als Gratistelefonate noch etwas völlig Unerhörtes waren, damals, im zwanzigsten Jahrhundert.

 

 

Enis Maci, geboren 1993 in Gelsenkirchen, studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 erhielt sie den Förderpreis des Literaturbüros Ruhr. Ihr erstes Stück »Lebendfallen« verfasste sie im Rahmen der Schreibwerkstatt »Flucht, die mich bedingt« am Maxim Gorki Theater Berlin. 2017 erhielt sie das Hans-Gratzer-Stipendium des Schauspielhauses Wien für den Entwurf zu ihrem Stück »Mitwisser«, das in der Regie von Nick Hartnagel ab September 2018 im Studio zu sehen sein wird. Maci, die gerade ein Master-Studium der Kultursoziologie an der London School of Economics absolviert hat, veröffentlicht im Herbst 2018 ihren Essayband »Eiscafé Europa« im Suhrkamp Verlag. In der Spielzeit 2018/19 ist sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim und lädt alle zwei Monate zu der Veranstaltungsreihe »Steinbruch der Leidenschaften« im Studio ein.

 

Ermöglicht wird der Aufenthalt des Hausautors durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.