Noah Haidle

Der neue Hausautor der Spielzeit 2017/2018 stellt sich vor



wie schreibt man Theaterstücke?


Als mein erstes Stück in New York City aufgeführt wurde, war ich in der Pause auf der Toilette. Ein Typ am Pissoir neben mir drehte sich um und sagte: »Das ist das beschissenste Stück aller Zeiten.« Es gibt, wie man sich leicht vorstellen kann, ein paar Möglichkeiten, wie ich darauf hätte reagieren können. Aber ich sagte nur: »Ja, stimmt.« Er spülte und ging und dachte wahrscheinlich nie wieder darüber nach. Aber sagen wir mal so: Seitdem gehe ich im Theaterfoyer nicht mehr auf die Toilette.
Stellen Sie sich eine leere Bühne vor. Die Frage, die sich einem Dramatiker stellt, ist einfach: Was möchtest du auf ihr sehen? Wenn du diese Frage aufrichtig beantworten kannst, ohne dabei cool oder clever oder tiefgründig sein zu wollen, dann hast du das, was die Leute »eine Stimme« nennen. Falls irgendjemand diese Frage jederzeit beantworten kann, dann sollte man ihn sofort ins Nirvana schicken. Für den Rest von uns ist die Sache um einiges komplizierter.

Es ist ein bisschen so, wie wenn man die Freundin zum ersten Mal mit nach Hause bringt, um sie den Eltern vorzustellen. (Verzeihen Sie die weit hergeholte Metapher.) Sie lieben diese Frau. Sie lieben die Art, wie sich ihre Nase kräuselt, wenn sie lacht. Sie lieben, dass sie nie pfeifen gelernt hat oder dass sie alle Texte von Michael Jacksons Thriller auswendig kann. Sie genießen ein hervorragendes Abendessen mit angeregten Gesprächen, einigen Lachern und allgemeinem Wohlwollen. Aber in dem Moment, in dem sie im Badezimmer verschwindet, stellt man sofort die Frage: »Und, wie gefällt sie euch?« (Und das sogar, wenn die Sache gar nicht besser hätte laufen können.)
Das Bedürfnis nach Bestätigung ist eines der Dilemmata, die das Menschsein ausmachen. Und es ist letzten Endes die größte Herausforderung für das Schreiben von Theaterstücken. Was willst du sehen? Diese Frage bedeutet eigentlich: Was liebst du? Was liebst du so sehr, dass du bereit bist, sämtlicher Kritik Tür und Tor zu öffnen. Dir selbst und der Welt zu verkünden, wen und was du liebst, ist das Mutigste, was ich kenne. Erst wenn wir unsere größtenteils schwachsinnige Vorstellung von dem, was die Leute von uns denken – und von dem, was wir schreiben –, über Bord werfen, können wir unsere Talente annehmen und dankbar dafür sein. Erst dann kann unsere Stimme auf unnachahmbare und ganz eigene Weise wiedergeben, wie wir die Welt erleben. Denken Sie an die letzte Zeile von Shakespeares König Lear: »Sag, was du fühlst, nicht was du sagen sollst.« Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir uns lächerlich machen.


Noah Haidle, 1978 in Michigan/USA geboren, ist Theater- und Drehbuchautor. Er studierte an der Princeton University und der Juilliard School in New York und lebt mit seiner Frau und ihren neun Fischen in Detroit.
In Deutschland bekannt wurde Haidle 2009 durch die Erstaufführung von Mr. Marmalade, seither haben knapp ein Dutzend seiner Stücke den Weg auf deutsche Bühnen gefunden. Sein erstes Drehbuch Stand Up Guys wurde 2012 mit Al Pacino und Christopher Walken verfilmt. 2015 wählte Theater heute seinen Text Alles muss glänzen zum besten Ausländischen Stück des Jahres. Nach Götterspeise ist Für immer schön die zweite Uraufführung eines Stücks von Noah Haidle am Nationaltheater. In der Spielzeit 2017/2018 ist er Hausautor am NTM.


Ermöglicht wird der Aufenthalt des Hausautors durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.