Sivan Ben Yishai

Hausautorin Spielzeit 2019/20


Mit meinem Umzug nach Deutschland habe ich nach und nach das Regieführen als meine hauptberufliche Tätigkeit aufgegeben. Je weiter ich mich von meiner der Sprache entfernt fühlte, desto ausschließlicher beschäftigte ich mich mit dem geschriebenen Wort. Parallel dazu addierten sich mehr und mehr Stunden zu der Zeit, die ich damit verbrachte, die eine neue Sprache zu lernen. Drei oder vier volle Jahre wiederholte ich, stotternd, die Übungen aus der Reihe »Thomas und seine Frau« in einem Buch, das irgendwas mit »Deutsch für die Integration« oder so ähnlich hieß: »Thomas’ Frau ruft Thomas’ Büro aus dem Supermarkt an. Sie möchte für ihn und seine Kollegen ein Abendessen organisieren. Sie fragt ihn, was sie am liebsten essen möchten.«

 

Übung 1. Vermuten Sie: Wo arbeitet Thomas? Was ist sein Beruf?

1783. Eine der ältesten Bühnen Deutschlands. Nationaltheater Mannheim. Der junge Friedrich Schiller ist als erster Hausautor am Theater angestellt – für ein Jahresgehalt von 300 Gulden. Zu dieser Zeit war das Theater auch dafür da, Hochdeutsch im Publikum zu verbreiten und so die lokale Bevölkerung zu belehren und zu »assimilieren«, die damals eine Vielfalt verschiedener Sprachen und Dialekte sprach. Das Theater war der Klassenraum, der Dichter der Lehrer, was passierte, war: Erziehung.

 

Übung 2. Helfen Sie Thomas’ Frau ein leckeres Abendessen zuzubereiten: Schreiben Sie Ihr Lieblingsrezept für sie auf.

Seit 1996 fädelt das Theater jährlich eine weitere Perle an diese Halskette, die mit F. Schiller begann und, vorerst, bei E. Maci endet. Mit jeder neuen Perle eröffnet sich die Möglichkeit, dieses »Lieblingsrezept« anzuzweifeln und aufs Neue zu überdenken, ebenso die Möglichkeit, neue Fragen zu stellen, zum Beispiel: Hat Thomas’ Frau eigentlich auch einen Namen? Die Möglichkeit, sich mit einer neuen Übung zu wappnen, zum Beispiel: »Schreiben Sie ein neues Kapitel für Thomas’ Frau, in dem sie mit ihren Vorbereitungen aufhört und sich eine Waffe nimmt.« Frage: Woher? Antwort: Vom Theater natürlich! Enis Maci: »... wenn alles gut geht, ist das Theater so ein Ort, einer, an dem die Waffen nicht freiwillig abgelegt werden, sondern: an dem sie geschärft und gestählt und modifiziert werden.«

 

Übung 3. Schreiben Sie Ihre Vorschläge auf: Was sind die Aufgaben von Thomas’ Frau vor dem Abendessen? Was muss vorbereitet werden?

Sich für mich, die Stotternde, als Storytellerin – als Storytellerin des Hauses – zu entscheiden, ist ein Statement zur zeitgenössischen Sprache, zum zeitgenössischen Erzählen und zu Identitätspolitiken. Für 300 Gulden fädelt das Supranationaltheater Frauheim jährlich einen weiteren Wirbel auf seine Wirbelsäule und erschafft eine Kapsel in Raum und Zeit, in der eine kulturelle Institution – die Hausautorin – und das Publikum sich treffen, um sich zu »assimilieren«, um die eine deutsche Sprache zu »lehren und zu lernen«. Die Stotternde als Lehrende einzuladen, könnte einen Aufruf ans Publikum bedeuten: einen Aufruf zum »unlearning«, zum Verlernen. Unlearning wovon? Unlearning eines »Wir«, zum Beispiel. Unlearning der Hochsprache als Ausdruck eines »Wir«. Unlearning von Kunst und Autorschaft, Vätern und Überlegenheit. Unlearning von Geniekult.

 

Übung 4. Schreiben Sie Ihre Vorschläge auf: Was könnte der Name von Thomas’ Frau sein?

Dieses »unlearning« wird auch Position und Status des Genies der Autorin verändern. Wenn sich der Fokus auf eine Dichtung verschiebt, der Worte fehlen, hin zur Vielfältigkeit, eher zur Vielstimmigkeit als auf eine singuläre Stimme – dann muss zwangsläufig auch die Idee von Fans und Meistern, Lernenden und Lehrenden auseinanderfallen. Ein »unlearning« des Heldentums. 1955. Busboykott von Montgomery. Dr. Martin Luther King Jr. wird als singulärer Anführer jenes Protests erinnert, der auf die Festnahme von Rosa Parks folgt. Jahre später spricht die Philosophin, Autorin und Humanwissenschaftlerin Angela Davis über Heroismus und das, was sie den »Messiaskomplex« nennt. Davis spricht über das Denkmuster einer Gesellschaft, die im einzelnen Individuum den alleinstehenden Messias der Geschichte sehen will, während tatsächlich Jahre über Jahre vorbereitender Arbeit von Denker*innen und Aktivist*innen geleistet wird, die solche Veränderungen tatsächlich möglich machen: »Die meisten Leute haben nie etwas von Jo Ann Robinson und ihrem Buch ›The Montgomery Bus Boycott and the Women Who Started It‹ gehört … Man könnte meinen, dass es da nur diese großen, männlichen, heldenhaften Führer gab, die die Geschichte geformt haben …« Jetzt noch ein Versuch: Wie könnte Thomas’ Frau mit Vornamen heißen?

 

Übung 5. Thomas’ Frau bekommt einen Namen und eine Waffe.

Hier kommt der Aufruf, das Klassenzimmer zu betreten, peng peng! ding dong! Ja, das ist ein Aufruf an unseren Hauptdarsteller, Thomas. Jahre über Jahre war er da: der Held, der Dichter, der Hausautor, der Minister, der Vater. Aber heute gibt’s kein Abendessen. Thomas wird freundlich aufgefordert, an unserem Sprachkurs teilzunehmen – Theater time! Liebes Publikum. Bitte verdächtigen Sie diese, die Lehrer, jede*n Lehrer*in, jede*n Prediger*in, sie sprechen zu lang, über zu viele Jahre. Und hey, verdächtigen Sie auch diesen Text hier, bitte tun Sie’s, die 4000-Zeichen-Begrenzung für diesen Text ist seit einigen Sätzen überschritten [5359 Zeichen bis jetzt und es geht noch weiter], und Sie wissen wie’s ist, man bekommt nie genug von der eigenen Stimme. Verdächtigen Sie. Verdächtigen Sie diesen Text. Dies ist ein Aufruf, das Klassenzimmer zu betreten. Verdächtigen Sie diesen Unterricht.

 

Übung 6. Jetzt hören Sie ihr bitte zu.

Indem ich meine Muttersprache aufgegeben habe, das flüssige Sprechen, wurde ich unsicherer, fragiler, alarmierter, vorsichtiger und bescheidener. Ich begann, weniger zu sprechen und mehr zu denken, bevor ich sprach. Ich wurde eine Schreibende. Laurie Penny schreibt in »Bitch Doktrin«: »Wenn es je eine Zeit gab, in der eine klare Linie Schreiben und Leben voneinander trennte, so ist diese Zeit vorüber.« Und wir sind alle Schreibende.

 

 

 

Sivan Ben Yishai, geboren 1978 in Tel Aviv, studierte Szenisches Schreiben und Theaterregie an der Universität Tel Aviv. Seit 2012 lebt sie in Berlin und arbeitet als freie Autorin sowie Gastdozentin an der Universität der Künste. 2017 wurde »Your very own double crisis club«, der erste Teil ihrer Tetralogie »Let the blood come out to show them«, zu den Autorentheatertagen eingeladen und am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Es folgten Aufführungen ihrer Stücke u. a. am Gorki Theater Berlin, am Theater Konstanz sowie in Helsinki, Luxemburg, Tel Aviv und New York City. In der Spielzeit 2019/20 ist Sivan Ben Yishai Hausautorin am NTM.

 

 

Ermöglicht wird der Aufenthalt der Hausautorin durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.