Necati Öziri

Hausautor Spielzeit 2020/21


»Mach Dein Ding, Öztürk!«

 

 

Friedrich Schiller ist der Autor von Theaterstücken wie »Kabale und Liebe« und »Die Räuber« und gilt als erster Hausautor des Nationaltheaters Mannheim. Wir haben den Mann mit den grauen Locken (vor der Schließung) im Café Journal getroffen und mit ihm über seinen Nachfolger, Neue Dramatik und Utopien gesprochen.

 

Nationaltheater Mannheim: Herr Schiller, mit Ihrer Antrittsrede »Die Schaubühne als moralische Anstalt« haben Sie das Amt das Hausautors 1784 sozusagen begründet. Nun tritt Necati Öziri in Ihre Fußstapfen, wie schätzen Sie Ihren Nachfolger ein?

Friedrich Schiller: Der Junge hat Talent, keine Frage, aber er hat sein Temperament nicht im Griff. Okay, die Hymne will er nicht singen, von mir aus, aber das mit dem Foto? Das hätte er nicht tun dürfen.

 

NTM: Was genau meinen Sie?

FS: Das Bild mit Erdogan? Das musste doch nicht sein, oder? Den Sultan-Diktator hofieren... Damit hat er sich selbst alles verbaut.

 

NTM: Das war Özil, nicht Öziri.

FS: Ach so, der! Ach, der schreibt jetzt? Wie schön, hat der aufgehört bei den Grünen, ja? Na wurde auch Zeit, der war ja -

 

NTM: Nein, das ist Özdemir. Öziri, Herr Schiller, Necati Öziri.

FS: Oh je. Entschuldigung.

 

NTM: Nicht schlimm.

FS: Das ist mir jetzt aber peinlich. Wissen Sie, wenn man über zweihundert Jahre alt ist...

 

NTM: Verständlich, irgendein Dramaturg wird das hinterher schon rausschneiden.

FS: Ja, wirklich? Gut. Danke. Aber die sind nicht verwandt, oder? Özdemir und Ötzi?

 

NTM: Nein. Öziri war künstlerischer Leiter des Studio Я am Gorki und leitet nun das Internationale Forum des Theatertreffens.

FS: Nie gehört.

 

NTM: Sein Stück »Get Deutsch Or Die Tryin‘« wurde zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.

FD: Keine Ahnung, aber das ist nicht schlimm, ich bin ja nicht mehr wichtig. Wissen Sie, man muss irgendwann auch mal abgeben. Da müssen jetzt eben neue Leute ran. Ich mach mir da gar keine Sorgen um die junge Generation, nicht mal bei so einem No-name.

 

NTM: Den allgemeinen Abgesang auf die Neue Deutsche Dramatik teilen Sie also nicht? Dass nur noch Stückentwicklungen stattfinden würden, dass jetzt alle kollektiv schreiben, dass alle Uraufführungen wollen und kaum jemand Neue Dramatik nachspielt?

FS: Ach was, es ging ja immer irgendwie weiter! Und unter uns: Theatermäßig war der Johann doch auch nicht die Hellste Kerze im Leuchter. Lyrik und Prosa, von mir aus. Aber seine Dramatik? Zu psychologisch, zu abstrakt, voller Zitate, die schlau sein wollten. Dieser Götz? Was war das bitte? Und Faust? Ich bitte Sie: Verzweifelter Wissenschaftler auf der Suche nach Glück bringt junges Mädchen um den Verstand? So ein Plot passt als Dreizeiler in jede TV Movie – das war mal ’ne Fernsehzeitschrift, kennt heute wahrscheinlich keiner mehr. Ich hab ihm damals gesagt: »Johann, was ist denn da der ganz konkrete politische Konflikt, wo wir als Bürger der Realgeschichte aufblitzen? In einem Stück, da haben alle Recht, da darf es den Teufel nicht geben!« Wissen Sie, was der mir geantwortet hat? Ein weinerliches Gedicht voller Metaphern. Da ist mir so ein Ötzi tausendmal lieber, die haben noch was zu erzählen aus dem Leben, die bringen Geschichten mit. Was ist denn geplant diese Saison?

 

NTM: Öziri korrigiert Klassiker.

FS (ironisch): Na, dann macht doch die Örestie oder Öthellö oder die Marquise von Ö. Nein, Spaß beiseite. Klassiker korrigieren? Sowas geht nicht gut. Hat bei Johann und seiner Iphigenie ja auch nicht geklappt. Schade, also doch keine neuen Geschichten...

 

NTM: Was würden Sie der jungen Generation stattdessen raten?

FS: Scheiß auf die Alten! Mach dein eigenes Ding, Öztürk! Was früher gilt, ist doch heute nichts mehr wert. Wo bleiben nur die Wut und die Empörung der Jugend?

 

NTM: Lebt das Theater denn nicht von der Auseinandersetzung mit Geschichte(n)?

FS: Natürlich. Aber die Geschichte und die Verhältnisse ändern sich doch ständig. Das gilt auch für mich. Hört endlich auf »Die Räuber« zu spielen! Ich kann’s nicht mehr sehen. Dann besetzen die den Franz oder Karl mit jemanden, der Brüste hat, und denken sie haben was politisch Wertvolles gemacht. Das ist doch alles nichts mehr wert. Und diese ganze Idee von der Schaubühne als moralische Anstalt? Das würde ich heute ganz anders schreiben!

 

NTM: Interessant, nämlich?

FS: Nicht als moralische, sondern als empathische Anstalt! Die Theater beginnen doch jetzt, ähnlich wie die Kirchen früher, ihre moralische Autorität zu verlieren. Heute, wo alle permanent auf ihr Handy schauen, ist das Theater wieder eine echte Begegnungsstätte, wo wir in einem öffentlichen Raum so etwas wie Intimität herstellen.

 

NTM: Heißt das, das Theater muss nicht mehr politisch, sondern persönlich sein?

FS: Beides! Aber die Frage ist doch, auf welche Art und Weise politisch? Es geht doch nicht mehr darum, irgendeinen moralischen Helden zu zeigen, der trotz seiner Tugenden untergeht, das kennen wir ja jetzt. Früher mussten wir noch richtig bilden. Ich meine: so richtig Bildungsarbeit. Die Leute kannten ihre eigene politische Historie gar nicht, die grundsätzlichen politischen Prozesse, ihre Ausweglosigkeit, die menschlichen Tugenden im Würgegriff dazwischen – all das mussten wir erstmal zeigen. Wir dachten, wenn die Menschen nur gebildeter sind, dann ändern sie sich und damit die Verhältnisse. Heute sind wir über alles im Bilde und trotzdem ändert sich nichts. Wie viele Berichte über Armut, wie viele Klimareporte, wie viele Bilder von schmelzenden Gletschern brauchen wir denn noch? Wir wissen alles, aber wir wissen es nicht körperlich – und Theater ist körperlich, es ist heute im digitalen Zeitalter körperlicher als es jemals war.

 

NTM: Ziemlich schwer in Zeiten von Corona...

FS: Wem wollen Sie hier eigentlich Angst machen? Ich bin immerhin an Tuberkulose gestorben und ihr scheißt euch alle in die Hosen? Irgendwann wird es ja wohl weitergehen, oder? Und dann will ich Körper mit Tröpfcheninfektion all night long!

 

NTM: Sie sind also Anhänger unterschiedlicher Körper auf der Bühne? Es gibt ja die große Debatte um Repräsentation und Diversity auf den deutschen Bühnen.

FS: Unbedingt! Es geht heute im Theater um den Austausch von Blickwinkeln und Erfahrungen. Genau das meine ich mit der Schaubühne als empathischer Anstalt. Ich werde ja nie wissen, wie es ist, eine Frau zu sein. Aber ich kann emphatisch sein, wenn ich verstehe, welche Folgen mein Handeln für sie als dieser Körper hat. Und als emphatische Anstalt ist sie dann auch wieder eine moralische Anstalt.

 

NTM: Ist das für Sie der utopische Charakter des Theater?

FS: Ja, aber diese Utopie muss auf der Probebühne gelebt werden, damit sie auf der Bühne stattfinden kann. Da müssen Körper miteinander arbeiten, die unterschiedlichste Erfahrungen haben und unterschiedlichste, ja sogar einander widersprechende Perspektiven mitbringen und all das fließt dann in die Arbeit hinein, wo sich all die Widersprüche in einem sinnvollen Werk aushalten.

 

NTM: Klingt traumhaft!

FS: Ist es auch. Aber wie jeder Traum ist auch Kunst nicht real. Deshalb hab ich damals in meiner Poetologie (gemeint sind die Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, Anmerkung der Redaktion) auch geschrieben: »Nur, soweit er aufrichtig ist (sich von allem Anspruch auf Realität ausdrücklich lossagt), und nur, soweit er selbständig ist (allen Beistand der Realität entbehrt), ist der Schein ästhetisch.«

 

NTM: Heißt das, Kunst soll nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben?

FS: Iwo. Hätte ich dann lauter historische Dramen geschrieben? Die Fiktion einer sinnvollen Welt oder genauer gesagt, das gleichzeitige Aufzeigen davon, dass jeder Sinn immer nur auf der Probebühne ausprobierte Fiktion ist, das ist der ästhetische Schein eines Werks. Deshalb ist es so ein Jammer, dass der Dings jetzt plötzlich deutsche Geschichten von vor 200 Jahren erzählt… Dabei wären seine Erfahrungen, ich weiß jetzt nicht wo der herkommt, das wäre doch von so unschätzbarem Wert. Warum erzählt der nicht seine Geschichte?

 

NTM: Vielleicht mag er den gewalttätigen Eingriff in die deutsche(n) Geschichte(n)?

FS: Ja, das passt zu denen. Wir werden ja sehen, ob es klappt. Ich wünsche ihm trotzdem alles Gute.

 

NTM: Und wenn es nicht klappt?

FS: Da muss ich halt nochmal ran. Ach, na gut, was soll’s! Wenn Sie unbedingt wollen. Ich weiß ja jetzt schon, worauf das hinausläuft. Ist doch eh keiner besser. Geben Sie mir mal Ihren Stift rüber! Wann ist Abgabe?

 

 

 

Der neue Hausautor am Nationaltheater Mannheim in der Spielzeit 2020/21 heißt Necati Öziri. Der 1988 geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Autor und Dramaturg war von der Spielzeit 2013/14 bis einschließlich 2016/17 Teil der Dramaturgie am Maxim Gorki Theater Berlin, davon zwei Jahre künstlerischer Leiter des Studio Я. Sein Stück »Get Deutsch or die tryin’« wurde 2017 am Maxim Gorki Theater von Sebastian Nübling uraufgeführt und 2018 zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. 2019 wurde »Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch« am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt, Regie ebenfalls Sebastian Nübling. Seit 2017 leitet Necati Öziri das »Internationale Forum« des Theatertreffens der Berliner Festspiele. Öziri studierte als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung Philosophie, Germanistik und Neue Deutsche Literatur in Bochum, Istanbul, Olsztyn und Berlin. Im Auftrag des NTM hat er ein neues Stück geschrieben, das im Januar 2021 in der Regie von Sapir Heller im Schauspielhaus uraufgeführt wird: »Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist« setzt die Auseinandersetzung mit dem Werk Heinrich von Kleists fort, die Öziri mit der »Verlobung« begonnen hat. Mit »Gott Vater Einzeltäter« widmet sich Öziri denMännerbildern im Werk Kleists. Zusätzlich zu der Uraufführung sind Lesungen,thematische Workshops und Veranstaltungen unter dem Dach des»Supranationaltheaters Frauheim« geplant, das von seiner Vorgängerin Sivan Ben Yishai, der Hausautorin der Spielzeit 19/20, gegründet wurde.

Ermöglicht wird der Aufenthalt des Hausautors durch die freundliche Unterstützung der Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.