Opernhaus

La Traviata

Giuseppe Verdi Premiere: Sa, 08. Dezember 2007
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Marie Duplessis war in ihrem ersten Beruf Modistin, größere Einnahmen bezog sie freilich aus ihrer Nebenbeschäftigung als eine der begehrtesten Kurtisanen im Paris ihrer Zeit. Als Zwanzigjähriger begegnete ihr der junge Dumas, und als sie, kaum älter als er, wenig später an der Schwindsucht starb, fasste er ihre Geschichte in einen Zeitroman. Bald darauf wurde aus diesem ein Bühnenstück. Mehrfach musste die Premiere verschoben werden, die Hüter der öffentlichen Doppelmoral brandmarkten den Stoff als anstößig. 1852, nur wenige Wochen nach der Uraufführung, sah Verdi eine der Pariser Aufführungen. Er erkannte das Potential von Dumas’ Vorlage für seine eigenen musikdramatischen Ziele.  

Wie schon Rigoletto und Il trovatore legte auch La traviata den Fokus auf die Person eines gesellschaftlichen Außenseiters. Verdi ging damit ein neues Risiko ein – das Risiko des Zeitstücks: La traviata spielte in der Gegenwart und nahm dem Publikum so jegliche Möglichkeit zu innerer Distanzierung von der enthaltenen Gesellschaftskritik. Was im Schauspiel gerade noch angegangen wäre, entpuppte sich als zu viel für die Oper. Eine Hure als Opernheldin? Noch dazu eine, für die man Mitleid empfinden soll? Die Premiere 1853 endete in einem Fiasko.    

Freyer interessiert an La traviata weniger die romantische Sozialkritik. Vielmehr sieht er in Verdis Oper die wesentlichen archetypischen Menschheitskonflikte angelegt, die er ins Zentrum seiner Inszenierung stellen wird.  

Der einstige Brecht-Schüler hat mit seiner Inszenierung von Carl Maria von Webers Der Freischütz (1980) in Stuttgart und mit seinen ZAUBERFLÖTEN-Inszenierungen in Hamburg, bei den Schwetzinger und Salzburger Festspielen stilbildende und Theatergeschichte schreibende Inszenierungen geschaffen. Diesen Anspruch möchte er auch in der Mannheimer Traviata-Inszenierung, die übrigens seine erste ist, einlösen.
Freyer hat in Mannheim mit Die Zauberflöte für 20 Finger  und Médée zwei herausragende Inszenierungen präsentiert. Er ist ein Magier der Bilder, ein Visionär des Theaters: Der Maler, Bühnen- und Kostümbildner, Regisseur und Stückemacher Achim Freyer, der in seiner Arbeit wie kein anderer die Grenzen zwischen Bühne und bildender Kunst auslotet. Seine Inszenierungen sind poetische »Gesamtkunstwerke« aus Malerei, Sprache, Musik, Choreografie, Raum und Licht, die in archaischen Bildern von menschlichen Mythen erzählen.


Konzeptionsnotizen von Achim Freyer

Im Taumel ihrer rauschhaften Feste einer Herrenwelt, die dem  einen Bild: Frau nachjagt, sucht Violetta sich im Spiegel  als Frau zu definieren, ihre Todesnähe verdrängend. Der angekündigte neue Gast, Alfredo, verwirrt Violettas Entschlüsse, sich ganz dem Vergnügen hinzugeben. Die große, reine Liebe ergreift von ihr Besitz. Ihr Wettlauf zwischen Liebe und Tod wird beschleunigt durch den Einbruch der gesellschaftlichen Außenwelt, der Gefährlichkeit wirtschaftlicher, religiöser und konventioneller Vorurteile und Interessen. Der Vater Alfredos fordert Violettas Verzicht auf den Sohn.  Der feste Glaube und Violettas Wissen um den nahenden Tod geben ihr Kraft zu diesem Opfer. Im Geben liegt ihre Hoffnung auf Versöhnung mit dem Himmel und auf Erfüllung der Liebe jenseits der Welt.

Verdi erzählt das Phänomen Liebe in drei Archetypen: Als Flucht vorwärts vor der einmaligen, Himmel und Hölle vereinenden reinen Liebe in ihre Veräußerung und Vervielfältigung. Als ein Bekenntnis zu der erfüllenden, alles umfassenden immateriellen Liebe im materiellen Körper. Als Flucht rückwärts in die seelische Vereinigung der Liebenden im Zustande der Auflösung des Körpers, im Tode.Diese großen Themen, über und mit einer Figur erzählt, bedürfen der Bilder, die dem Zuschauer Raum schaffen für das eigene Bearbeiten von Erfahrungen, Ahnungen, Verdrängungen und Ängsten. Der Weg - Die Flucht - Das Licht - Das Schwarz - Die Leere - Der Schuh - Das Kleid - Der Spiegel - Der Schrank - Die Braut. Sie bilden zugleich Überrealitäten, Irritationen, Dejavués, Traum und Lebenserinnerungen.

Der Raum schafft die Orte, in denen die Zeit unaufhaltsam, mit ihrem Personal sich vermischend, ins Schwarze tanzt, ein jäher Strudel in den unendlichen Abgrund, über ihm der unbegreifbare weiße Engel: Liebe. Verdi fördert das große Weinen in uns; Lachen und Weinen, Jubel und Schmerz in einem Zustand. Dem ausschließlichen Ja zum geliebten Gegenstand mit seiner Aura und seinen Peripherien, erfüllt den ganzen Lebensraum. Der Verlust des geliebten Gegenstandes lässt noch immer die schmerzenden Ränder zurück .Verdi ist der geniale Meister, diese doppelten Böden schmerzhaft erfahrbar zu machen. In seiner Darstellung größter Liebeseuphorien bleibt mit seinen Tanzrhythmen der Triumph des Todes abgründig präsent.  

 

Dauer: 2 Stunden und 30 Minuten, inkl. einer Pause (20 Minuten) nach 1 Stunde und 30 Minuten