Online-Vorstellung

Beytna


Maqamat | Omar Rajeh (Lyon - Beirut)
Tanz

Bühne & Kostüme: Mia Habis

Technische Leitung: Christian Francois

Ton: Jean-Christophe Batut

Licht: Victor Duran Manzano

Grafik und Videoanimation: Joe Elias / Nimslabs

 

Mit:

Performance: Koen Augustijnen, Ziad Ahmadie, May Bou Matar, Moonsuk Choi, Youssef Hbeisch, Samir Nasr Eddine, Omar Rajeh, Oussama Abdel Fattah, Anani Sanouvi

Percussion: Youssef Hbeisch

Stimme: Nohad Rajeh

Vier Choreografen und vier Musiker mit unterschiedlichen künstlerischen Hintergründen und Ideen, die aus verschiedenen Kulturen und Ländern stammen, treffen sich auf der Bühne an einer reichgedeckten Tafel. Sie unterhalten sich, trinken, lachen, tanzen und kochen zusammen. Ein einfaches Zusammentreffen, aus dem sich eine komplexe choreografische Performance entspinnt. »Beytna« ist eine Produktion des international renommierten Choreografen Omar Rajeh und seiner Tanzkompagnie Maqamat aus Beirut – eine Einladung, sich beieinander zuhause zu fühlen und eine Liebeserklärung an die künstlerische Arbeit. Nicht zuletzt ist »Beytna« auch ein Willkommensgruß an die Vielgestaltigkeit auf der Suche nach einem neuen Rhythmus, einer neuen Struktur und einer neuen Logik unseres künftigen Zusammenlebens.

Für den »Mannheimer Sommer« hat die Künstlergruppe den Videomitschnitt der Produktion durch Einblicke hinter die Kulissen ergänzt. Auch wenn durch das Video, das Theater als Ort der gemeinsamen Erfahrung und sinnlichen Eindrücke nicht ersetzt werden kann, so wird mit dieser Neufassung ein andere Aspekt von Gemeinschaftlichkeit in den Mittelpunkt gerückt: die Kollaboration!

 

Die deutsche Übersetzung der Antworten auf die 5 Fragen an Omar Rajeh finden Sie unterhalb des Textes. Bitte klicken Sie auf das Dropdown-Menü »Übersetzungen«.

 

 

Eine Produktion von Omar Rajeh | Maqamat (2016) – In Koproduktion mit BIPOD-Beirut International Platform of Dance, Tanzquartier Wien, Les Théatres de la Ville de Luxembourg, CCN de La Rochelle / Cie Accrorap-Direction Kader Attou, Theater im Pfalzbau- Ludwigshafen und Fondazione Fabbrica Europa. Beytna wurde im Tanzquartier Wien im April 2016 uraufgeführt und tourte bis 2017 mit der Band LE TRIO JOUBRAN.

 

 

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

 

 

Fotos:

Ibrahim Dirani

Jean Philipse

Caroline Minjolle Steps 2018

5 Fragen an Omar Rajeh

Übersetzt aus dem Englischen

 

1. Tanzen und Kochen, das sind zwei sehr unterschiedliche Bewegungsformen, oder?

Es gibt Ähnlichkeiten in allen Dingen, die ich mache. Beim Tanzen und beim Kochen oder in der Komposition geht es immer um die Logik des Prozesses. Wir versuchen in unserer Performance, diese Logik gemeinsam zu erkunden. Natürlich spielen dabei auch persönliche oder individuelle Herangehensweise eine Rolle, so findet dieser Prozess auch innerhalb einer sozialen Dynamik statt. Es gibt also eine große Ähnlichkeit im kreativen Prozess des Kochens zu dem des Tanzens und doch ist die Dynamik oft eine andere.

 

2. Was verbindet sich gedanklich mit dem Geruch, dem Geschmack der orientalischen Küche für euch?

Ich mag das Wort »orientalisch« nicht. Ich kann über libanesisches Essen sagen, dass es frisch ist. Es ist sehr dynamisch, es hat viele Farben, viele Gerüche, viele Geschmäcker, es ist reichhaltig. Es enthält eine Vielzahl an Gemüsesorten. Manchmal gibt es Fleisch, manchmal Fisch dazu. Aufgrund der geographischen Lage des Libanon im Mittelmeerraum besteht die Küche des Landes aus verschiedenen Küchen der Region. Genau das ist Herrliche daran und sein Reichtum. Ich persönlich liebe die Farben der Gemüse, wenn sie auf dem Tisch sind und ihr Zusammenspiel mit dem Arak, den typischen Getränken. Auf dem Tisch herrscht Diversität und gleichzeitig Homogenität.

 

3. Was muss man sich also beim Betrachten des Mitschnitts dazu denken?

Natürlich ist das eine andere Angelegenheit, eine andere Erfahrung. Wenn man die Performance im Theater sieht, wird ein anderer Sinn angesprochen: Der Geruchssinn. Gleich zu Beginn, wenn wir auftreten und mit meiner Mutter zu kochen anfangen, Gemüse schneiden und vorbereiten, dann gibt es diese Minuten, in denen das Publikum anfängt, die verschiedenen Gerüche wahrzunehmen: die Petersilie, die Minze, die Zwiebeln, sogar die Tomaten… Das ist natürlich etwas, das wir durch die Kamera nicht herstellen können.

Außerdem würde das Publikum später auf die Bühne kommen, um mit uns das Essen teilen. Das ist ein Moment, in dem wir tanzen und gleichzeitig kochen, das Ritual des Kochens zelebrieren – und in diesem Moment wird es für das Publikum physisch spürbar und die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen auf die Bühne.

In unserer Erfahrung passiert da für den Zuschauer eine wichtige Veränderung, denn man kommt ins Theater, um etwas anzusehen und plötzlich ist man mittendrin. Man wird Teil der Performance und ist zugleich bei einem Picknick. Diese Vermischung der Situationen macht die Teilnahme zu einer besonderen Erfahrung. Auch das ist etwas, das wir mit Sicherheit durch die Kamera nicht herstellen, fühlen oder untersuchen können. Aber hoffentlich wird man die Idee verstehen und hoffentlich wird es für die Zuschauer in der Zukunft noch die Gelegenheit geben, die Performance live sehen zu können und mit uns das Essen und diesen Prozess zu teilen.

 

4. Wie funktioniert für euch gelungener Kulturaustausch?

Das ist eine große Frage. Vielleicht kann man zusammenfassend sagen, dass es etwas geben muss, das man austauschen kann. Das hilft, ein Gleichgewicht herzustellen. Es hilft Offenheit, Verständnis, Objektivität zu erreichen. In der Performance sind wir sicherlich zu Beginn davon ausgegangen, dass wir den Anderen grundsätzlich verstehen können. Als wir dann aber wirklich mit der Arbeit angefangen haben, dann kamen doch plötzlich Gedanken wie: Das ist etwas, das ich nicht in meiner Performance haben will oder, das ist etwas, das ich von der Logik her nicht akzeptieren kann oder etwas, das ich aus ganz anderer Perspektive betrachte. Und dann werden diese Fragen wirklich zum Kern der Sache. Man muss die Logik des Anderen akzeptieren, die festen Vorstellungen beiseitelegen, was manchmal nicht leicht ist. Denn was auch immer wir tun, wir existieren gemeinsam in einem Raum, wir machen eine gemeinsame Performance, wir müssen Lösungen finden. Dabei sollten nicht nur Kompromisse gemacht werden, deshalb mussten wir uns wirklich öffnen, wir haben viel diskutiert in diesem Prozess. Wir haben uns dabei sicher oft missverstanden. Und trotzdem war das ein erfolgreicher Prozess, weil wir es geschafft haben, zur selben Zeit einen Raum, die Bühne, zu teilen.

Für mich spiegelt dieser Vorgang das reale Leben, in dem wir, was auch immer wir tun, den gleichen Raum, den gleichen Planeten teilen müssen.

Im Moment denke ich, dass es sehr wichtig ist, dass es Dinge gibt, die wir austauschen können, denn sonst gerät alles aus dem Gleichgewicht.

 

5. Ihr seid kürzlich von Beirut nach Lion gezogen, wie verändert das zukünftig eure Arbeit?

Ja, wir sind im Dezember 2019 aufgrund der politischen Situation im Libanon nach Lion gezogen, auch um weiter arbeiten zu können, da wir ohnehin viel in Europa arbeiten. Viele Fragen sind offen. Auch wenn ich seit über fünfzehn Jahren sehr viel reise, so hat diese Verlegung der Basis doch viele Fragen aufgeworfen. Der Vorgang unterstreicht dabei meine Vorstellung vom Begriff der Zugehörigkeit. Denn ich fühle mich nicht zu einem bestimmten geographischen Teil der Welt oder Land zugehörig. Ich fühle mich bestimmten Ideen oder Werten zugehörig, bestimmten Umfeldern. Nun da ich in Lion lebe, fühle ich mich zuhause. Ich fühle mich nicht fremd und ich glaube, wenn ich anfange, mich fremd zu fühlen, dann werde ich gehen. Ich fühle mich gleichzeitig zu Lion und zum Libanon zugehörig und trotzdem gehöre ich auch nicht an beide Orte. Das ist ein interessantes und schönes Gefühl, das mit vielen Etiketten bricht. Wir betreiben schließlich viel Labelling, das uns versteift, wir ordnen ein: Dies sind die Grenzen, dies ist deine Nationalität, du machst dies, du machst das. Das fühlt sich nach Diskriminierung an. Ich hoffe, wir können als Menschheit bewusster werden, dass wir die Kraft haben mit diesen Mechanismen zu brechen.

Ich bin froh, in Lion zu sein. Ganz praktisch bin ich nah an den Menschen, mit denen ich arbeite, an den Partnern. Auch unsere Arbeit in Beirut setzen wir fort, wir machen dort weiterhin Projekte und hoffen, diese fortzusetzen.

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