Nationaltheater Mannheim - Die Sanierungsreportage

 

Auf dieser Seite begleiten wir die Generalsanierung in einer Artikelserie in Text, Bild und Video und lassen Mitarbeiter*innen des Nationaltheaters, Expert*innen der Geschäftsstelle der Generalsanierung und Partner*innen der Sanierung zu Wort kommen. Auf diese Weise gewähren wir nicht nur Einblicke in die verschiedenen Abschnitte der Sanierung des Spielhauses am Goetheplatz, sondern stellen auch die Interimsspielstätten vor. 

In den kommenden Monaten erscheinen an dieser Stelle immer wieder neue Reportagen, Interviews und Hintergrundtexte. Jede Folge nimmt einen anderen Bereich in den Blick und verdeutlicht, warum es Zeit ist, das Nationaltheater zu sanieren und worauf Sie sich in den neuen Spielstätten freuen können.

 

Autorin: Katharina Schantz

Generalsanierung #6: Im Herzen der Stadt

 

 

Am 01.09. eröffnet die neue Theaterkasse und das Abobüro in O7 18. Wesentlich für den neuen Standort ist seine Zentralität – inmitten der Innenstadt können ab Herbst die ersten Karten der Saison und bald darauf Festplatz- und Wahlabonnements gekauft werden. Mit zwei Minuten Fußweg zu den Haltestellen Wasserturm und Kunsthalle ist die neue Adresse ideal an den öffentlichen Nahverkehr sowie zwei Parkhäuser angebunden. »Es ist uns besonders wichtig, mit unserem Service im Herzen der Stadt zu bleiben«, sagt der Geschäftsführende Intendant Marc Stefan Sickel, der die Suche nach neuen Räumlichkeiten angeleitet hat.

 

Im Erdgeschoss der zweistöckigen Immobilie finden Abobüro und Tageskasse Platz und rücken dadurch näher zusammen. Der Verkaufsraum wird ringsum durch große Fenster von Licht durchflutet, die Passant*innen zum Schaufensterbummel einladen. Damit das Ambiente zur Eröffnung im September stimmt, wird der Innenraum aktuell renoviert: Es entstehen zahlreiche Sitzgelegenheiten, auf denen Kund*innen verweilen und durch das Programm stöbern können. Ein Teppichboden wird verlegt, die Wände werden gestrichen und das Mobiliar, das zusätzlich zur weiterverwendeten Einrichtung benötigt wird, ist bestellt. Im Obergeschoss werden bis zu acht Mitarbeiter*innen zeitgleich arbeiten können. Unter anderem Alexander Wischniewski, Leiter der Theaterkasse. »Ich freue mich auf die neuen, einladenden Räumlichkeiten«, sagt er und schmunzelt, weil sich mit ihnen auch der Weg zu seinem Lieblingsrestaurant verkürzt.

 

Generalsanierung #5: NTM frisch gestrichen

Wie kommuniziert man ein so komplexes Unterfangen wie die Generalsanierung eines 800-köpfigen Theaters? Isabelle Winter, Leiterin der Marketingabteilung des NTM, und die Geschäftsführer der Designagentur »formdusche« Tim Finke und Steffen Wierer geben einen Einblick in ihre Herangehensweise.

 

Das Spielhaus am Goetheplatz muss dringend saniert werden. Doch nicht nur am Gebäude, auch im digitalen Bereich des NTM stehen Neuerungen bevor. Sie sind Teile eines großen Farbfächers an Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen, welche die Marketingabteilung des NTM konzipiert hat, um die Generalsanierung mit all ihren Herausforderungen zu begleiten und die Vorfreude darauf so bunt wie möglich auszugestalten.

 

Besucher*innen sollen leicht an Informationen kommen – trotz der dezentralen Infrastruktur von sieben künftigen Spielstätten, erklärt Isabelle Winter. Deshalb umfasst das Marketingkonzept für die kommende Zeit u.a. Karten-Starterpakete, die ab September an der neuen, zentral gelegenen Theaterkasse in O7 18 erworben werden können. Auch ortsbezogene Abonnements, erweiterte Straßenbeschilderung sowie Informationsveranstaltungen, Führungen und digitale und analoge Feedbackmöglichkeiten, um Meinungen des Publikums einzuholen, sind Teil des Konzepts.

 

Zu den Maßnahmen zählt auch der sogenannte Relaunch, also die Überarbeitung des Webauftritts. Er ist nötig, weil die aktuelle Website den heutigen Lese- und Sehgewohnheiten nicht mehr gerecht wird und vieles technisch nicht umsetzbar ist, was benötigt wird – und, da die Interimsspielorte an Relevanz gewinnen und in den visuellen Fokus gestellt werden sollen. Optisch ausgestaltet wird die neue Homepage von der renommierten Agentur »formdusche«, die mit ihrer Kommunikationsstrategie überzeugt hat. Hier steht das Logo des NTM im Vordergrund, das für jede Interimsspielstätte individuell ausgefertigt wird.


Ein farbenfroher, spielerischer Look: Die Logovarianten der Interimsspielstätten des NTM | Bild: formdusche

 

Tim Finke und Steffen Wierer erklären ihre Entstehung. Ihnen fiel auf, wie sehr sich das dreiteilige Logo in der Fassade des Gebäudes am Goetheplatz wiederfindet. Mit der Generalsanierung spielt sich Theater nun an anderen Orten ab. Der Kern bleibt gleich, aber die Hülle verändert sich – ein dynamischer Moment entsteht. Also haben wir das Logo in Bewegung gesetzt, erklärt Finke. Wir haben uns gefragt, wie man die drei Blöcke biegen, verformen, aufblasen etc. kann, sodass viele voneinander abgrenzbare Formen entstehen, aber stets der Grundkörper der drei Blöcke erkennbar bleibt.

 

So fand »formdusche« auch eine neue Schriftart, die auf derselben Grundidee basiert. Diese sei notwendig, erklärt Winter, weil der aktuellen Schrift eine Vielzahl an Sonderzeichen fehlten und einige Buchstaben defekt seien, wodurch man sie hätte kostspielig und technisch aufwändig nachrüsten müssen. Die Idee von formdusche, stattdessen eine prägnante und charakterstarke Schrift einzuführen, gefiel uns gut, erläutert sie. Optisch orientiert auch diese sich am Spielhaus: Die Großbuchstaben ähneln den abstrahierten Längsstreben der Fassade und sind so mit den Logos verwandt.

 


So hängen Logo und Schriftart zusammen | Bild: formdusche

 

In einem ausgiebigen Abstimmungsprozess zwischen Agentur, Intendanz und Marketingabteilung des NTM wurde der Wandel finalisiert. Mit diesem Formen- und Farbenpaket haben wir nun ganz neue Möglichkeiten, die komplexe, dezentrale Infrastruktur der Generalsanierung sinnvoll zu kommunizieren, erklärt Winter begeistert. Den Prozess des Neu-Orientierens, der uns allen ohnehin bevorsteht, unterstützen die neuen Logovarianten auf spielerische Art und Weise. Ich hoffe, dass man dadurch erkennt, mit wie viel Leidenschaft und Kreativität wir arbeiten, um der bevorstehenden Zeit zu begegnen – in allen Bereichen.

Generalsanierung #4: Beweglich sein ist allesIm Tanzhaus Käfertal, in der »Oper am Luisenpark« und im »Alten Kino Franklin« wird das Tanzensemble des Nationaltheaters während der Generalsanierung zu finden sein. Tanzintendant Stephan Thoss spricht bei einem Rundgang durch das Tanzhaus über die Herausforderungen und Vorteile, die diese Vielseitigkeit beinhaltet.

 

Damit es pünktlich zu Beginn der Interimszeit als Spielstätte nutzbar ist, wird das Tanzhaus, in dem das NTM-Tanzensemble täglich probt, jetzt auf Vordermann gebracht. Um Platzprobleme zu beheben und die aktuellen Brandschutzrichtlinien umzusetzen, wird die Tribüne ausgebaut, werden Türen ausgetauscht und tiefergelegt. Von den Neuerungen abgesehen ist das Tanzhaus ein etablierter Veranstaltungsort, da es bereits im Sommer 2016 seine eigene kleine Generalsanierung durchlief: Damals wurden Lagerräume hinzugefügt, Verdunklungsanlagen vor den Fenstern des lichtdurchfluteten Raums installiert, samtschwarze Stellwände für den Auf- und Abtritt der Tänzer*innen aufgestellt und ein loungeartiger Eingangsbereich eingerichtet: Eine gemütliche Sitzecke mit Bar lädt das Publikum vor und nach Vorstellungen zum Verweilen und  zum Austausch mit den Künstler*innen ein. Vieles davon entstand in Eigenregie. Das zahlt sich jetzt aus: »Wir können hier mehr oder weniger  uneingeschränkt weitermachen. Im Oktober 2022 werden wir hier unsere erste Premiere der neuen Spielzeit feiern. Pro Saison planen wir dann 15 bis 20 Vorstellungen«, prognostiziert Tanzintendant Stephan Thoss.

 

Die Bar im Eingangsbereich des Tanzhauses symbolisiert die Nähe zum Publikum, für die diese Spielstätte steht | Bild: Christian Kleiner

 

Auch in zwei anderen Interimsspielstätten, in der »Oper am Luisenpark« (OPAL) und dem »Alten Kino Franklin«, wird das Tanzensemble proben und auftreten. Das ist möglich, da der federnde Schwingboden, der die Gelenke der Tänzer*innen schont und das  Verletzungsrisiko verringert, unkompliziert transportiert werden kann. Ohnehin hat das Tanzensemble eine bemerkenswerte Flexibilität inne. »Tänzer*innen sind ein Wandervolk«, bekräftigt Stephan Thoss lächelnd, »und für unsere Company ist das Reisen sowieso alltäglich, weil wir  schon all die Jahre im Tanzhaus geprobt haben und für Vorstellungen an den Goetheplatz umgezogen sind«. Jeder Vorstellungsort soll seinen  eigenen inszenatorischen Schwerpunkt erhalten, der sich an den technischen Gegebenheiten und dem zu erwartenden Publikum orientiert. Dass der OPAL einen Orchestergraben bietet, will Thoss ebenso nutzen wie die Bühnengröße: »Diese ermöglicht eine Parallelität in der  Erzählung, was mir inszenatorisch wichtig ist. So kann man etwa Vergangenheit neben Gegenwart stellen oder umeinanderkreisende Situationen zeigen. Die Bühne im OPAL ermöglicht uns, weiterhin Stücke nach Art von ›Sanssouci‹ aufzuführen, bei denen 70 bis 80 Leute auf der Bühne stehen. Das ist doch fantastisch«, schwärmt er. Im »Alten Kino Franklin« wird Thoss sich auf mehrteilige Tanzabende konzentrieren. Dafür ist die Möglichkeit, Bühnenbilder schnell wechseln zu können, ausschlaggebend. Inhaltlich plant der Tanzintendant für  Franklin assoziative Produktionen, während er sich im OPAL auf Stücke mit festen Figuren und stringenten Handlungen fokussieren will. Ins Tanzhaus sollen experimentelle Inszenierungen von jüngeren Choreograf*innen eingeladen werden. Die dortige Nähe zum Publikum eigne sich ideal dafür, Gefühle auf das Publikum zu übertragen, so Thoss.

 

Die Tribüne für das Publikum im Tanzhaus (im Vordergrund) soll im Mai 2022 erneuert und vergrößert werden | Bild: Christian Kleiner

 

Diese Schwerpunkte geografisch zu etablieren, sieht Thoss als eine seiner größten Aufgaben für die kommende Zeit, der er mit höchster  Konzentration begegnen will. Davon abgesehen erfüllt ihn der Gedanke an die Zukunft vor allem mit Elan: »Neues birgt immer Energie. Diese neuen Räume sind im Prinzip wie eine Premiere, die in den Darstellenden höchstes Adrenalin freisetzt. Das ganze Tanzensemble freut sich, daher kann der Neubeginn nur gut werden«, erklärt Thoss enthusiastisch und fügt, sinnbildlich für den Start in die Interimszeit, lächelnd hinzu: »Die Gefahr liegt immer in der Routine«.

Generalsanierung #3: Das Funkeln des OPALs

 

 

Doppelinterview mit Marc Stefan Sickel, Geschäftsführender Intendant, und Albrecht Puhlmann, Opernintendant

 

Herr Sickel, die »Oper am Luisenpark« (OPAL) wird eine der Interimsspielstätten für die Opernsparte des Nationaltheaters. Sie haben die intensive Suche gesteuert. Worauf haben Sie dabei geachtet?

Marc Stefan Sickel: Ein Bühnenraum hat sehr spezifische Anforderungen, die sich innerhalb der jeweiligen Sparten noch einmal stark unterscheiden. Die hohe Komplexität, welche die Einzigartigkeit der Sparte Oper ausmacht, stellte uns vor eine große Herausforderung – man denke da allein an die personelle Aufstellung, den Bereich Akustik und die bei einer Opernproduktion beteiligten Gewerke – das alles greift äußerst komplex ineinander und bedingt sich gegenseitig, damit ein exzellenter Opernabend gelingen kann.

 

Der Saal der neuen Oper am Luisenpark | Bild: metron Vilshofen GmbH

 

Herr Puhlmann, welche Voraussetzungen muss ein Gebäude dabei erfüllen, um eine Ersatzspielstätte für die Oper zu sein?

Albrecht Puhlmann: Wie Marc Stefan Sickel bereits andeutet, braucht es eine gewisse Bühnengröße und ein Mindestraumvolumen. Außerdem müssen die akustischen Verhältnisse ideal sein, sodass alle Werke der Opernliteratur gespielt werden können. Der Orchestergraben muss zudem Platz für z.B. 90 Musiker*innen bieten, wenn ich an große Opern wie »Elektra« von Richard Strauss denke. Auch benötigen wir eine Drehscheibe und einen Bühnenturm, sodass man Bühnenbilder schnell variieren und damit verschiedene Räume entstehen lassen kann.

 

Was waren die ausschlaggebenden Kriterien für OPAL?

Marc Stefan Sickel: Wir haben in der Vergangenheit ergebnisoffen verschiedene Objekte und Möglichkeiten geprüft, wie z.B. die komplett aus Holz bestehende »Opéra des Nations« aus Genf. Aber all unsere Optionen zur Nutzung eines Bestandsgebäudes stellten sich bei genauester Betrachtung aller wesentlichen Faktoren als nicht realisierbar heraus. Das Konzept der Leichtbauhalle der Firma »metron Vilshofen GmbH« bietet die nötige Flexibilität bezüglich Errichtungs- und Einrichtungszeit und gleichzeitig die meisten technischen und künstlerischen Möglichkeiten. Auch der vorgegebene finanzielle Rahmen lässt sich so einhalten. Zudem handelt es sich um eine nachhaltige Lösung, da das Gebäude reversibel und damit andernorts weiterverwendbar ist.

 

Die Außenansicht des Gebäudes inmitten großer Grünflächen | Bild: metron Vilshofen GmbH

 

Wie war Ihr erster Eindruck von der Visualisierung der Spielstätte?

Albrecht Puhlmann: Der war äußerst positiv! Ich habe gedacht: Darin lässt sich wirklich Theater machen. Was die Architekt*innen im Rendering, also der virtuellen Skizze, ausgearbeitet haben, sieht fantastisch aus.

 

Worauf kam es Ihnen bei der Einrichtung in Bezug auf das Publikum besonders an?

Marc Stefan Sickel: Der Komfort für das Publikum war Albrecht Puhlmann und mir ausgesprochen wichtig, daher haben wir z.B. kürzlich auf den vorgesehenen Theatersesseln probegesessen. Die Aufenthaltsqualität wird durch ein doppelstöckiges Foyer mit Gastronomie abgerundet. So können wir neben einem ansprechenden Programm auch den entsprechenden Service anbieten.

 

Welche Pläne gibt es, um den Ort zu beleben?

Albrecht Puhlmann: Mein Wunsch wäre, das Foyer tagsüber zu öffnen und dort auch kleinere Konzerte und Einführungsveranstaltungen stattfinden zu lassen. Vor dem Gebäude entsteht eine grüne Außenanlage, in der man sich während der Pausen gut aufhalten kann. Und die Anbindung ist großartig – die Straßenbahnhaltestelle der Linie 6 liegt direkt gegenüber und es wird zahlreiche Parkplätze geben.

 

Das Foyer mitsamt Bar bietet viel Platz zum Verweilen und Genießen | Bild: metron vilshofen GmbH

 

Das klingt alles sehr vielversprechend – warum reicht diese Bühne nicht als alleinige Spielstätte aus?

Albrecht Puhlmann: Im OPAL haben wir trotz aller Vorzüge nicht die gleichen Gegebenheiten wie am Goetheplatz, vor allem was Bühnengröße und –Ausstattung angeht. Um beispielsweise das bekannte Mannheimer Repertoire zu zeigen und diese Tradition weiterzupflegen, werden wir Repertoirestücke vor allem im Pfalzbau in Ludwigshafen aufführen. Zudem spielen wir im OPAL aufgrund der reduzierten Lagermöglichkeiten »en suite«, also in Serie. Das heißt: ein Stück hat Premiere, läuft eine gewisse Zeit, dann wird alles wieder abgebaut und das nächste Stück folgt. Man hat also statt einem halben Jahr nur einige Wochen Zeit, sich eine Produktion anzusehen. Pro Saison planen wir fünf Opern- und eine Tanzpremiere und kommen damit auf insgesamt 70 bis 80 Aufführungen. Das ist für unsere zahlreichen Besucher*innen zu wenig, daher benötigen wir die anderen Spielorte.

 

Was sagen Sie Skeptiker*innenn, die denken, dass die Qualität der Oper in einem Interimsspielort leiden wird?

Albrecht Puhlmann: Ich habe absolut keine Bedenken, dass uns im OPAL großartige Opernabende erwarten. Die akustischen Bedingungen werden ausgezeichnet sein, das ist für die Oper das Entscheidende. Außerdem haben wir tolle Regieteams und Dirigent*innen, die sich auf den Ort und seine Bedingungen einlassen und sich darauf freuen, dort Theater zu machen. Dieser Funke wird überspringen, davon bin ich überzeugt!

Der Bauplan zeigt die ansteigenden Sitzreihen für das Publikum und den Orchestergraben | Bild: metron vilshofen GmbH

 

Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie an die Oper am Luisenpark denken?

Albrecht Puhlmann: Ich freue mich darauf, mit unserem Publikum zusammen einen neuen Raum zu erobern. Wie immer, wenn etwas Neues am Horizont erscheint, bin ich sehr gespannt und neugierig. Ich glaube, das wird dem Publikum auch so gehen. Auch, dass ein neues Theater für einen gebaut wird, ist heutzutage fast etwas Einzigartiges.

 

Marc Stefan Sickel: Ich freue mich vor allem, dass es uns gelungen ist, eine Ersatzspielstätte zu finden, in der sich unser Publikum während der Zeit der Generalsanierung willkommen fühlen kann und dass wir in der Lage sein werden, weiterhin qualitativ hochwertige Opernerlebnisse anbieten zu können.

 

 

Auf unvergessliche Opernabende in der Oper am Luisenpark!

Generalsanierung #2: Umzug ins Neuland

Das »Alte Kino Franklin« ist der Interimsspielort für das Schauspiel des Nationaltheaters während der Generalsanierung. Am 11. Januar sprachen Schauspielintendant Christian Holtzhauer und Achim Judt, Geschäftsführer der MWSP (Mannheimer Wohn- und Städtebau Projektentwicklungsgesellschaft) im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Begegnung« der Freunde und Förderer des NTM über den Ort, seine Geschichte, den  aktuellen Stand des Umbaus sowie die Hoffnungen und Wünsche, die sie mit dem Umzug der Schauspielsparte verbinden.


Franklin, das ist das ehemalige Kasernengelände im Nordosten Mannheims, die größte ehemalige Wohnsiedlung des US-Militärs auf deutschem Boden. Franklin, das sind 144 Hektar – eine Fläche ungefähr so groß wie die Mannheimer Quadrate. Fünf Jahre nachdem die Amerikaner*innen das Gelände 2011 verließen, kaufte die MWSP es an. Das Ziel: der Privatisierung vorbeugen und die Entwicklung Franklins mit den strategischen Zielen der Stadt Mannheim vereinen. Mittlerweile ist Franklin Mannheims 38. Stadtteil. Aus den aktuell 4.300 ansässigen Mannheimer*innen sollen bald 10.000 werden. Ihnen sollen auf Franklin alle Komponenten für ein lokales Leben zur Verfügung stehen – nach Art der »Stadt in der Stadt«, die das Gelände für die Amerikaner*innen gewesen sei, wie Achim Judt erklärt. Das heißt, dass neben Supermärkten, Gastronomie, Arztpraxen und Büroflächen eins nicht fehlen darf: die Kultur. Für diese ist ab Herbst 2022 erst einmal das Nationaltheater zuständig.


Der Ort ist dafür prädestiniert: Im »Alten Kino« findet die Schauspielsparte Unterschlupf. Von dem Bauwerk soll möglichst viel erhalten bleiben, auch wenn die Statik auf die Belastung eines Theaterspielbetriebs nicht ausgelegt ist. Den Spagat zwischen Erhalt und erforderlicher Aufrüstung schaffen die Architekt*innen mit einer Stahlkonstruktion im Innenraum des Kinos. So bleibt auch die Substanz des Gebäudes sichtbar, wie etwa die alten Holzbalken des Daches. Der typische Mannheimer Industriecharme wird also auch in Franklin zum Tragen kommen.

 

Eine Stahlkonstruktion im Innenraum wird benötigt, um daran technische Geräte, wie begehbare Beleuchtungskörper, Videoanlagen oder schwere Bühnenbildelemente zu befestigen | Bild: Hassler made


Dem Umzug der Sparte in den neuen Stadtteil sehen Judt und die MWSP hoffnungsvoll entgegen: »Unsere Erwartung ist, dass wir mit dem Nationaltheater auf Franklin einen Magneten ausbilden – sodass Menschen neugierig auf einen Teil von Mannheim werden, an dem sie vielleicht jahrelang nur vorbeigefahren sind. Wir sind sicher, dass Franklin damit belebt wird und dass das Nationaltheater Teil der Identifikation mit Franklin werden wird«, bekräftigt er. Die Präsenz des NTM im neuen Stadtteil soll auch über das Ende der Generalsanierung hinauswirken, indem die Spielstätte kulturell nachgenutzt wird und so als Kulturstandort erhalten bleibt.

 

Ein Anbau an der Vorderfront des Bestandsgebäudes des »Alten Kinos Franklin«, der sich zum Vorplatz öffnet, soll das Foyer und die Theatergastronomie beherbergen. An der Rückseite entstehen Räume für die  Mitarbeiter*innen des NTM | Bild: Hassler made

 

Ob der Umzug ins Neuland gut angenommen wird? Christian Holtzhauer ist optimistisch – immerhin sei Franklin gut angebunden und die Straßenbahnhaltestelle der Linie 5 nur einen Steinwurf entfernt. Und: »Neueröffnungen bedeuten immer, dass sich das Theater neu erfinden muss. Das ist für das Publikum interessant, das uns schon kennt, aber auch für die Zuschauer*innen, die uns auf Franklin neu entdecken werden«. Achim Judt stimmt zu: »Am Ende des Tages wissen wir, dass das »Alte Kino« nicht 1:1 das Erlebnis am Goetheplatz spiegeln wird – das kann und soll es gar nicht«, betont er, »aber wenn man offen für das Neue ist, dann wird das eine tolle und intensive Zeit. Mein Wunsch ist, dass Sie, das Publikum, dem Ort eine Chance geben«.


»Auf Franklin soll Mannheims jüngster und modernster Stadtteil entstehen. Zugleich steckt der Ort voller  Geschichte und Geschichten, die es neu zu entdecken und künstlerisch aufzubereiten gilt. Während wir im Kino  selbst auf große Klassiker und bekannte Stoffe setzen, schreibt der bekannte Autor und Theatermacher Björn  Bicker unter dem Titel »New World Franklin« für uns ein neues Stück, das im Mai 2023 an verschiedenen Orten der ehemaligen amerikanischen Militärsiedlung uraufgeführt wird.«

 

Christian Holtzhauer


 

Generalsanierung #1: Für das Orchester graben

Über 100 Planstellen hat das Nationaltheaterorchester. Insgesamt neun Proberäume und ein Probesaal stehen den Musiker*innen an ihrem Arbeitsplatz im Nationaltheater zur Verfügung. Die Raumsituation ist ein echtes Problem und einer von vielen Gründen, warum das Haus am Goetheplatz generalsaniert werden muss.

 

Das Platzproblem hat viele Facetten, wie Johanna Pschorr, Vorstandsmitglied des Orchesters, bei einem Rundgang durch den Orchestertrakt erklärt. Durch einen der schmalen Gänge geht sie voraus zum Probesaal, dessen Volumen weit unter der Mindestgröße liegt, welche die Gesetzliche Unfallversicherung (GUV) für die Anzahl an Musiker*innen definiert.

Mit der Generalsanierung wird nicht nur für eine angemessene Größe gesorgt, es wird auch ein dreigeschossiges Instrumentenlager mit Lastenaufzug entstehen. Weil es daran aktuell fehlt, stapeln sich entlang der hinteren Wand des Probensaals Kisten, Stühle, Schlagwerk und Tasteninstrumente. Der übrige Platz wird nicht nur vom Orchester genutzt: Auch im Chorprobesaal ist es schon unter regulären Bedingungen zu eng – den aktuellen Abstandsregelungen ist der Platz absolut nicht gewachsen. Daher weicht der Chor häufiger in den Orchesterprobensaal aus. »Natürlich muss man in diesen Zeiten zusammenhalten, aber so werden die Zeitslots für die Nutzung immer enger«, erklärt Pschorr.

 

Mehr Platz ist auch für die Orchesterproberäume geplant. Während der Generalsanierung wird ihre Anzahl von 9 auf 19 wachsen. Dass dies nötig ist, wird deutlich, als Johanna Pschorr den Harfenproberaum aufschließt, der gleichzeitig als Damengarderobe dient. Im schmalen Korridor des Raums stehen zehn Spinde wie Sardinen in der Dose nebeneinander. »Vor großen Produktionen tritt man sich hier auf die Füße«, sagt sie. Zudem sind die Räume sehr hellhörig. »Wäre jemand im Nachbarraum, würde die Person uns reden hören«, gibt Johanna Pschorr im Streicherproberaum zu bedenken. Obwohl sie durch die Maske spricht, hallen ihre Worte im Raum wieder. »Musik hier drin ist unfassbar laut. Wenn ich ein oder zwei Stunden in so einem Raum übe, tun mir danach die Ohren weh«, führt sie aus.

Wegen der Lautstärke dürfen die Orchestermusiker*innen einige Räume während Vorstellungen gar nicht nutzen. Man würde sie im Opernhaus hören. Das beeinträchtigt die Vorbereitung auf Produktionen massiv. Durch diese Einschränkung üben viele lieber zu Hause. Doch das ist nicht allen möglich: »Wenn man, wie viele der jungen Kolleg*innen, in einer Mietwohnung in der Innenstadt wohnt, ist man auf Räume im Theater angewiesen«, erklärt das Vorstandsmitglied.

 

Besonders schwierig ist die Raumsituation vor Proben, wenn sich Johanna Pschorr und ihre zehn Blechbläserkolleg*innen zeitgleich warmspielen müssen. Für präzise und klare Töne muss beispielsweise der Ansatz, also die Verbindung zum Instrument und die Gesichts- und Mundmuskulatur, aufgewärmt werden. Einige weichen dafür in die Gänge des nahegelegenen Bunkers aus. »Was die Umstände angeht, wird man hier unten sehr anspruchslos«, ruft die Posaunistin, um das Gedröhne einer Lüftungsanlage zu übertönen. Pianostellen kann man hier abschreiben. »Wenn Musiker*innen keinen richtigen Raum zum Üben haben«, erklärt sie, »kann auch die Qualität leiden«. Qualität und Kraft müssen vor allem bei wechselndem Repertoire jederzeit abrufbar sein. Je höher das Leistungsniveau, desto wichtiger die gründliche Vorbereitung. Einen Marathon läuft man schließlich auch nicht ohne Aufwärmen und regelmäßiges Training. Um das professionell zu ermöglichen, ist die Generalsanierung dringend notwendig.

 

 

Kontext:

 

Ein Interview mit Marcus Augsburger, dem Leiter der Geschäftsstelle für die Generalsanierung

 

Herr Augsburger, warum muss der Orchesterbereich umgebaut werden?

 

Gebäude und Probesaal wurden in den 1950er Jahren nicht für die heutige Anzahl an Beschäftigten konzipiert. Alle Musiker*innen müssen sich bei den Proben gegenseitig hören und verstehen können. Damit das nicht auf Kosten des Gesundheitsschutzes geht, werden pro Musiker*in laut GUV ca. 30 m3 an Raumvolumen benötigt. Bei ungefähr 100 Planstellen braucht man also ein Volumen von 3.000 m3- das entspricht der Größe einer klassischen Schulturnhalle. Im bestehenden Orchesterprobesaal sind es circa 1.300 m3.

 

Wie wird das derzeit gehandhabt?

 

Arbeitsschutz sowie teilweise auch Brandschutz sind im Orchester- und Chorprobesaal momentan rechtlich nur geduldet – und das nur unter der Bedingung, dass die Generalsanierung durchgeführt wird. Wir haben für das Gebäude eine Nutzungserlaubnis bis zum 31.12.2022. Bis dahin muss die Generalsanierung begonnen haben, sonst droht eine Nutzungsuntersagung.

 

 

 

Wie wird noch auf die Arbeitssicherheit der Musiker*innen geachtet?

 

Wir arbeiten mit einem Spezialakustiker zusammen, der die Räume so gestaltet und ausstattet, dass Lautstärke und Schalldruck zum Schutz der Musiker*innen den rechtlichen Vorgaben entsprechen und gleichzeitig die beste Akustik herrscht. Die neuen Proberäume und das Instrumentenlager werden klimatisiert und belüftet, sodass die Luftfeuchtigkeit reguliert werden kann, um beispielsweise die Instrumente zu schonen. Außerdem wird es flächendeckend Brandmelde- und Sprinkleranlagen für den Brandschutz geben.

 

Warum braucht man für die Sanierungsarbeiten vier Jahre?

 

Ein Großteil der Maßnahmen, zum Beispiel der Bau von Orchester- und Chorprobesaal, geschieht unterirdisch. Das Nationaltheater steht nur zu zwei Dritteln auf dem Bunker, der Rest steht auf Bohrpfählen, die bis zum tragfähigen Grund reichen. Daher braucht man für den neuen Orchesterprobesaal eine aufwändige Baugrube, mit der das Bestandsgebäude unterfangen werden kann. Weil Rhein und Neckar ein Schwemmgebiet bilden, muss sie wasserdicht sein. Außerdem werden die Bagger den Boden nur zentimeterweise abtragen können, weil vom Krieg übrig gebliebene Kampfmittel in der Erde lagern könnten. Es ist ein durchaus komplexes Unterfangen.

 

Bildstecke Orchester

Der ohnehin zu kleine Orchesterprobesaal wird aus Platzmangel als Instrumentenlager benutzt | Bild: Katharina Schantz

Die provisorischen Übeplätze im Bunker sind kalt, nass und es herrscht Durchgangsverkehr | Bild: Katharina Schantz

 

Wenn sich vor den Vorstellungen elf Musikerinnen in diesem Einspielzimmer umkleiden müssen, stehen sie nebeneinander wie Sardinen in der Dose | Bild: Maximilian Borchardt

Der gelbe Schaumstoff an der Decke des beschwerlichen Arbeitswegs  dient dem Schutz der Instrumente und Köpfe, da die Übergangshöhe zwischen Treppe und Flur zu niedrig ist | Bild: Hans-Jörg Michel

 

 

Der neue Orchesterproberaum

 

Das Architekturbüro Schmucker und Partner Planungsgesellschaft mbH ist mit der Planung für die Sanierung des Spielhauses am Goetheplatz beauftragt. Im Zuge dessen sind Renderings entstanden, die den finalen Orchesterproberaum visualisieren. Dessen Bau geschieht unterirdisch, wofür eine aufwändige, wasserdichte Baugrube entstehen wird, mit der das Bestandsgebäude unterfangen werden kann.