Montezuma - Fallender Adler

Bernhard Lang Premiere: Fr, 26. März 2010
Libretto von Christian Loidl / Peter Leisch
Mit deutschen Übertiteln

Die Begegnung des spanischen Eroberers Cortez mit dem aztekischen Herrscher Montezuma und die zwielichtige Rolle der indianischen Dolmetscherin Malinche (Malintzin), die Cortez’ Geliebte wird, ist eine der Schlüsselszenen am Beginn der europäischen Neuzeit. Die Zerstörung der aztekischen Kultur im Zeichen von Christianisierung und Goldgier kann als traumatisches Fundament neuzeitlicher Welterweiterung gelten. Zugleich waren das magische Denken und die archaischen, naturbezogenen Rituale der Azteken unvereinbar mit der Weltaneignung der Eroberer.

Bernhard Lang gestaltet in seinem Musiktheater das Aufeinandertreffen dieser zwei Welten als eine Dekonstruktion von Subjekt und Erzählung. In Langs Komposition werden Orte und Erzählperspektiven verschoben, magische Räume von Vorahnung des Untergangs und Naturdeutung werden mit konkreten Szenen von Gewalt, Zerstörung und Unterwerfung konfrontiert. Montezuma und Cortez stehen für die gegenseitige Nichtwahrnehmung des Anderen. So entsteht ein musiktheatraler Durchgang durch verschiedene Inseln und Brennpunkte der Wahrnehmung, zuweilen gar ein „psychedelisches Theater“. Letztlich handelt Montezuma – Fallender Adler vom Verschwinden: Dem Verschwinden einer Kultur im Zeichen des denkenden Subjekts folgt das Verschwinden des Subjekts in den unterschiedlichen Perspektiven des Denkens.

Bernhard Lang ist einer der interessantesten Komponisten der Gegenwart, der das Musiktheater durch Einbeziehung verschiedener musikalischer Ausdrucksformen erneuert: In der Auseinandersetzung mit elektronischer und computergenerierter Musik, mit Jazz und Turntablism entstehen neue, nicht-lineare musiktheatrale Erzählweisen.

„Der Regisseur Peter Missotten hat jeder Versuchung einer Pseudoaktualisierung des Stoffes widerstanden. […] Im Übrigen konzentriert Peter Missotten die Bühnenvorgänge auf die Gestik einer geradezu artistischen Körperbeherrschung – die gewalttätige Herrenmenschenmentalität von Cortéz (Ekkehard Abele) etwa oder die in ihrer wahnhaften Entgrenzung des Ichs nicht weniger gewalttätige Hybris Montezumas , den Daniel Gloger auf virtuoseste Weise spielte und sang. Eindrucksvoll auch Cornelia Ptassek, die die vertrackten Melismen der Malintzin mit einer Selbstverständlichkeit absolvierte, als würde sie nie etwas anderes singen. Am Pult hielt Walter Nußbaum das komplexe musikalische Geschehen unauffällig, aber präzise zusammen. Großer, ungeteilter Beifall des Premierenpublikums für Stück und Aufführung!“ (Stuttgarter Zeitung, 27. März 2010)

 

„Bernhard Langs Montezuma-Projekt war für die Kulturhauptstadtaktivitäten 2009 in Linz bestimmt. Nachdem das Musiktheater für 6 Stimmen, Chor, Jazz-Combo, Turntables, verstärktes Instrumental-Ensemble und Zuspielung (also einen Meister am Mischpult!) jedoch in Niederösterreich aus Kostengründen nicht zustande kam, nahm das Nationaltheater Mannheim die Chance wahr und sorgte für die Uraufführung – weithin mit hauseigenen Kräften. Die sahen sich vor erhebliche Herausforderung gestellt. Und sie haben unter der Leitung von Walter Nußbaum die Klippen des Neuen bravourös gemeistert.“ (Neue Musikzeitung, 31. März 2010)

 

„Die historischen Geschehnisse bilden nur einen Teil der Opernhandlung, genauso wichtig ist die Konfrontation der beiden Kulturen, einer christlich geprägten und einer fantastischen voller magischer Rituale. Ein Stück weit zeigt sich diese Perspektiven-Verschiebung in der Rollen-Besetzung. Lang lässt Montezuma von einem Countertenor (überragend: Daniel Gloger) singen, wodurch Montezuma eine irreale Färbung bekommt. Diese irreale Welt wird von der Inszenierung Peter Missottens (auch Bühnenbild und Kostüme) durch Projektionen und Verfremdungen hübsch eingefangen.“ (Die Welt, 31. März 2010)

 

„Die beiden Countertenöre Daniel Gloger und (Montezuma) und Tim Severloh (Damiano) arbeiten mit bestechender Virtuosität und bewundernswert beherrschter emotionaler Dosierung am schwierigen Material. Auch Cornelia Ptassek (Dolmetscherin Malintzin), Katrin Wagner (Tlaloc) und Martin Busen (Pinotzin) müssen sich nichts vorwerfen lassen, und Ekkehard Abele gibt dem Hernándo Cortéz eine angemessene Statur.“ (Frankfurter Rundschau, 29. März 2010)