Schauspielhaus

Passaggio / Tre Donne

Luciano Berio / Joachim Schlömer (nach Musik von Luciano Berio: Sequenza III, IV & VII) Premiere: Mo, 03. Oktober 2005
Messa in scena für Sopran, 2 Chöre und Instrumente / Messa in scena für Sängerin, Tänzerin, Instrumentalisten und Bewegungschor

Der heutige Opernbetrieb – so Umberto Eco in einem Kommentar zu Passaggio – bleibe beschränkt auf immer dieselben historischen Stücke. Die humane Idee aber, die diesen Werken einmal zu Grunde lag, sei verloren gegangen. Ein bloß noch gesellschaftlicher Ritus sei Oper, eine Kirche ohne Glaube.

Die Rückkehr zur früheren Unmittelbarkeit von Opernerfahrung und deshalb eine ganz neue dramatische Form suchten Berio und der Dichter Edoardo Sanguineti mit diesem bedeutenden Werk Neuen Musiktheaters. 1963 wurde es in Mailand uraufgeführt, lang schon ist es ein Klassiker, aber bis heute gelangte es im deutschsprachigen Raum auf keine Theaterbühne.

Um die Oper zu retten, bricht Passagio mit entscheidenden ihrer Regeln. Der Widerstreit individueller Stimmen, mit dem Theater seit jeher ein Vorbild freier und demokratischer Verständigung bietet, ist in Passaggio aufgehoben. Das Personal ist geschrumpft auf einen einzigen Darsteller, als Individuum steht er nunmehr alleine. Auf einem symbolischen Kreuzweg sieht er sich konfrontiert mit der niederdrückenden Macht der Masse. Diese Masse ist das Publikum selbst, dessen Verhalten anzugreifen, herauszufordern und vielleicht zu verändern dieses Stück sich vornimmt.

Berios Skepsis gegenüber jeglicher Form von Dogmatismus kennzeichnet seine Position innerhalb der Musik der klassischen Avantgarde. Sie bestimmt auch den Inhalt von Passaggio. Berios Kritik an den Totalitarismen der Neuzeit bezieht auch den Konformismus innerhalb der westlichen Konsumgesellschaft mit ein – und mit ihm die Spielregeln, auf die sich der Opernbetrieb heute geeinigt zu haben scheint.

Als musikalischer Fachbegriff kennzeichnet das Wort »Passaggio« die Situation des Transitorischen. Die heutige Zeit als eine Situation des Übergangs untersucht auch der zweite Teil des Theaterabends. An die Aufführung von Passaggio fügt Joachim Schlömer drei Stücke aus Berios berühmtem Sequenza-Zyklus. Mit ihnen spinnt er die in Passaggio aufgeworfenen Fragen szenisch weiter und sucht nach Antworten auf die Frage nach der Möglichkeit menschlicher Freiheit.