Schillertage 2011

16. Internationale Schillertage

2. bis 10. Juni 2011

 

„Unser menschliches Jahrhundert herbeizuführen haben sich – ohne es zu wissen oder
zu erzielen – alle vorhergehenden Zeitalter angestrengt. Unser sind alle Schätze, welche
Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht
haben. Ein edles Verlangen muss in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von
Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt
an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag
zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter
sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen“, schreibt Schiller 1789 unmittelbar
vor Beginn der Französischen Revolution in seiner Jenaer Antrittsvorlesung als Professor
der Geschichte. „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, ist
der Titel jener Vorlesung, mit der Schiller noch stark in der Tradition der europäischen
Aufklärung steht. Getrieben vom humanistischen Freiheitsideal, vom Glauben an die
großen Begriffe und Erzählungen, baut er auf eine alles verbindende Kategorie: die
Universalgeschichte, die sich im Rückgriff auf eine Vergangenheit in eine Zukunft
(ent)wirft. Von Europa aus, aus der Perspektive des zivilisatorischen Fortschritts mit
dem Wissen der Entdeckungsreisenden im Gepäck, eignet sich Schiller in einer selbstermächtigenden
Geste die Welt mit all ihren Lücken und Bruchstücken an, um an einem harmonischen Ganzen zu weben, am Kollektivsingular „Geschichte“ ganz im Sinne der ‚klassischen’ Geschichtsphilosophie.

1989, zweihundert Jahre nach Schillers Antrittsvorlesung, ging mit dem Ende des Kalten Krieges auch das Ende der Geschichte einher. Das behauptete jedenfalls der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama in einem Text, der, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs veröffentlicht, auf gewaltige Resonanz stieß.
Die Geschichte schien nicht mehr der übergeordnete Wert zu sein, der es ermöglichte,
die Dinge zu ordnen und zu hierarchisieren. Immerhin gingen zwei Gesellschaftsentwürfe unter, jedoch nur, um einer anderen Utopie den Weg freizuräumen: Wenn „alle Welt behauptet hat, dass das Ende des Kommunismus den Tod der Utopie bedeutete und man jetzt in eine Welt des Realen und der Ökonomie eintreten würde“, bemerkte der slowenische Philosoph Slavoj Žižek im Jahre
2004 ironisch, deutet alles darauf hin, dass die 1990er Jahre im Gegenteil „die wahre Explosion der Utopie waren, einer liberalen, kapitalistischen Utopie, von der erwartet wurde, dass sie alle Probleme löste. Seit dem 11. September weiß man, dass die Spaltungen noch immer vorhanden sind, und zwar
reichlich.“

Die Zeit der großen Erzählungen ist vorüber, es klaffen Risse und Lücken, liegen Fragmente und Trümmerfelder offen, aus denen allerorten wieder Narrationen entstehen. Ein im Schillerschen Sinne Ganzes mit Anfang und Ende überhaupt zu denken, fällt vielen schwer: Wie oder auch warum soll
man noch Herr der Lage werden über all die Disparatheit der Welt? Universale Geschichtsschreibung
hatte stets sowohl mit dem Machtspiel offizieller und inoffizieller Geschichtsschreibung zu tun als auch mit der Frage des Blickwinkels und der Aneignung des Anderen, fern im zeitlichen oder räumlichen
Sinne. Schiller blickte von Europa aus auf die Welt. Heute muss man fragen: Wen außerhalb von Europa interessiert eigentlich noch Europa? Werden Europas Errungenschaften wie Demokratie, Rechtsstaat,
Sozialstaat, Säkularisierung, die Würde des Einzelnen sowie die Freiheit von Kunst und Wissenschaft noch eine Rolle spielen in oder für die Welt? Muss Europa in Zeiten globaler Bewegungen von Gedanken,
Gütern und Kapital gar befürchten, aus der Weltgeschichte zu verschwinden? Wird Europa bald ein interessantes Ferienerlebnis für Millionen chinesischer Touristen, ein Disneyland voll von altem Zeug, das zeugt von alten Zeiten? „Musealisiert Euch!“, lautet daher der logische Aufruf des Künstlers ohne
Kunstwerk Bazon Brock. Vielleicht wäre das eine Lösung, um ihr endlich einmal Herr zu
werden, der Welt und ihrer Geschichte.

Die 16. Internationalen Schillertage werden 2011 die hier gelegten Spuren und Verzweigungen
aufnehmen und Schiller als Historiker und Dramatiker mit Leidenschaft für die Historie würdigen und für die heutige Zeit reflektieren. Wie in den letzten Jahren laden die 16. Internationalen Schillertage zu Gastspielen aus dem In- und Ausland, Eigen- und Koproduktionen sowie Seminaren und Vorträgen
ein und lassen die Abende mit langen Konzertnächten und Parties ausklingen. Dabei wird 2011 der Impuls der letzten beiden Editionen, selbst produzierendes Festival zu sein und über die Gastspiele hinaus vor allem in Kooperation mit internationalen Künstlern Schiller-Projekte in Mannheim zu initiieren,
weiter verfolgt. In einer geplanten Koproduktion mit Weimar wird auch der seit 1997 bestehende Austausch der beiden Nationaltheater fortgesetzt.

 

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