
Die junge Prostituierte Lulu wird von Dr. Schön von der Straße geholt und in die bürgerliche Gesellschaft eingeführt. Doch Lulu kann sich der dortigen Sexualmoral nicht unterordnen, betrügt erst den einen Ehemann, dann den nächsten. Lulu verwandelt Dr. Schöns Haus in ein Bordell. Als der miterlebt, wie auch sein eigener Sohn Lulu verfällt, drückt er ihr einen Revolver in die Hand, und fordert sie auf, sich zu erschießen. Doch stattdessen tötet Lulu ihren ehemaligen Retter. Nach Jahren der Flucht und des exzessiven Lebenswandels landet Lulu wieder auf dem
Strich. Leichen säen ihren Weg, bis sie schließlich selbst von einem Freier erstochen wird.
In einer zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts einzigartigen Radikalität attackiert Frank Wedekind mit seiner Lulu die verlogene Scheinmoral des Bürgertums. Wedekind schuf mehrere Fassungen des Stoffes, die
aber wegen ihrer inhaltlichen und sprachlichen Drastik immer wieder der Zensur zum Opfer fielen. Die letzte Fassung von 1913 wurde erst nach Wedekinds Tod öffentlich aufgeführt. Der groteske Handlungsverlauf
und die übersteigerte Expressivität des Stückes
finden ihre Entsprechung in der heutigen Popkultur
und im Gegenwartskino. Und vielleicht könnte die Männer mordende Lulu heute auch ein Material Girl der Popmusik sein? Die Grenzen zwischen Opfer- und Täterrolle, Selbstbestimmung und zynischer Vermarktung sind fließend geworden.
Calixto Bieito, einer der wichtigsten Regisseure Spaniens, gastierte bei den 15. Internationalen Schillertagen 2009 mit Schillers Don Karlos. Nun inszeniert er erstmals am
Nationaltheater.
„Lulu ist in drahtiger Gestalt der Sabine Fürst ein Girlie wie die junge Madonna. Zwischen ihren stets tödlichen Ehen und Affären treten Mädchen aus dem Kinderchor des Theaters in einer Mini-Playback-Show aus und zeigen singend mit Perücken und Bikinis die Erziehung zur Frühreife durch die Popindustrie: Die Lulu-Luder von heute sind Casting-Stars. Konnte Frank Wedekind (1864-1918) noch mit dem Tabubruch gegen die bürgerliche Scheinmoral seiner Zeit sticheln, ist dies längst die stumpfe Seele des Stücks. Was „Lulus“ Wirkung schwächen müsste, mach Bieito nun geschickt zum Thema und gewinnt daraus neue Stärke. Zusammengestrichen zu einem hormonrauschhaften Reigen aus Trieb und Tod, kommt Wedekinds „Monstretragödie“ mit der exzessiven Wucht eines blutigen Shakespearedramas in zwei pausenlosen Stunden daher wie ein Kommentar zum übersexualisierten Zeitgeist.“
Darmstädter Echo, 7.10.2009
„...Die Ziele der zeitgenössischen Frauenbewegung lehnte Wedekind im Übrigen als „naturwidrig“ ab, bekämpfte allerdings auch die naturalistischen Programme, besonders Gerhart Hauptmanns.
Calixto Bieito tut dies nicht, sondern bebildert den frühexpressionistischen Naturalismusverweigerer auf einer kunstvoll abstrahierten und genial ausgeleuchteten Bühne (Nicole Berry) mehr oder minder mit Naheliegendem. Da wird viel gutes angeboten von vehement agierenden Schauspielern: etwa Ralf Dittrichs maliziös-tiefsinniger Schigolch, Taner Sahintürks gewohnt impulsiver Einsatz als Eheman Numero vier oder Ragna Pitolls bis zur hingebungsvollen Selbstaufgabe leidende Gräfin Geschwitz.“
Mannheimer Morgen, 5.10.2009
„Filigran, körperbeherrscht und konzentriert ludert sich die wunderbare Sabine Fürst in bewusst unterkühlter Erotik durch ihre Lulu, stets Täterin und Opfer zugleich. [...]
Calixto Bieitos Mittel sind zwar drastisch, aber stimmig. Trotz nackter Haut, trotz der vielen Griffe unter die Gürtellinie, trotz des Theaterbluts, trotz der als Mordwerkzeug eingesetzten Cola, die bis in die ersten Reihen spritzt, und trotz des Tampons der erst aus Lulus Slip gefingert wird und dann ins Pakett fliegt – trotz all dieser Provokationen folgt das Premierenpublikum größtenteils gespannt den sprachlichen und inszenatorischen Exzessen. Drei, vier Besucher verlassen den Saal, das muss bei Bieito wohl so sein, der Rest beklatscht das Spektakel ausgiebig. Dass sich an der Inszenierung erneut die Debatte um das „Ekeltheater“ entzünden wird, ist kaum anzunehmen.“
Rhein-Neckar-Zeitung, 5.10.2009
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