
Seit der Antike erlebt die mythische Medea eine nicht endende ästhetische Metamorphose. Auch Franz Grillparzer hat sich in Das Goldene Vlies 1822 des Stoffes angenommen: Medea ist der letzte Teil dieser Trilogie.
Nachdem der Grieche Phryxus das Goldene Vlies aus dem Tempel von Delphi gestohlen hat, wird er vom König der Kolcher getötet und des Felles beraubt. König Pelias von Jolkos schickt seinen Neffen Jason, das Goldene Vlies zurückzuerobern. In Kolchis trifft Jason auf die Königstochter Medea, die sich in ihn verliebt und ihm hilft. Sie nimmt den Tod ihres Bruders in Kauf und flieht mit Jason nach Griechenland. Als Jason das Reich seines Vaters fordert, stirbt Pelias im Fieberwahn. Das Volk von Jolkos gibt Jason und besonders seiner fremdländischen Begleiterin die Schuld am Tod des Königs. Um sich der Anklage zu entziehen, flüchten die beiden erneut, diesmal nach Korinth. Medea ist bereit, sich mit Jason in dessen Geburtsstadt einzuleben, doch auch hier sieht man sie nur als Barbarin. Die „Fremde“ wird verstoßen, ihr eigener Mann lässt sie fallen und ihre Kinder wollen nichts mehr von ihr wissen. Medea reagiert verzweifelt und absolut.
Im Gegensatz zur griechischen Archaik der Euripides-Tragödie zeichnet der „Nachklassiker“ Grillparzer (1791-1872) eine psychologisch komplexe Medeafigur, auch eine Migrantin im „Kampf der Kulturen“. Es inszeniert Lisa Nielebock, die in der letzten Spielzeit am Nationaltheater Emilia Galotti zur Aufführung brachte.
Gespielt wird vor dem Eisernen Vorhang nahezu ohne Requisiten in heutigem Outfit (Bühne: Kathrin Schlecht, Kostüme: Katherina Kopp). Auch die wenigen Chrom-Leder-Möbel sprechen nur dezent von der Aktualität des Stoffes. Aber dieser inszenatorische Minimalismus geht auf: In der Weite der Bühne kann sich die ganze Wucht und Explosivität der Medea-Figur entfalten. […]
Die Mannheimer Fassung der „Medea“ fokussiert […] entsprechend der differenzierten Vorlage Grillparzers nicht auf einen Einzelaspekt, sondern gestaltet die Handlung als ein dynamisches Geschehen, das sich dramatisch aufschaukelt und nicht auf der Bühne, sondern schließlich im Kopf der Zuschauer in den großen Showdown mündet. Wobei die Zuschauer vor allem Zuhörer sind. Denn Schönheit und Schrecklichkeit der Sprache sind das eigentliche Ereignis des Abends (Sprachcoaching: Peter Georg Bärtsch). […]
Rhein-Neckar-Zeitung
[…] Mit einer fabelhaften Ragna Pitoll als Medea, die in ihren Empfindungen wunderbar frei ist von allen Mühen des Verstellens, kein Schreckensantlitz, keine Leidensgrimasse, eine Einsame und Gejagte, eine früh verfinsterte, die noch im Moment der Rache maßlos erstaunt ist über das, was die Not dem Menschen so alles abverlangen kann.[…]
Mannheimer Morgen
[…] die Regisseurin Lisa Nielebock schält aus Franz Grillparzers Version des Medea-Stoffes, dem letzten Teil der Trilogie „Das Goldene Vlies“, die Antwort heraus. Sie hat den Text auf gut achtzig Minuten gekürzt und geringfügig um Ausschnitte aus der Medea-Tragödie des Euripides erweitert, sie legt schonungslos die Motive offen, sie rückt die Tragödie dicht an den Zuschauer heran, ohne doch den Raum der öffentlichen Debatte zu verlassen. Die Figuren geben Auskunft über sich und erforschen einander. Mehr geschieht nicht, und das ist so spannend, wie eine präzise und konzentrierte Analyse nur sein kann.[…]
Darmstädter Echo
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