
Nachts auf der Autobahn. Herr König hat sich in Gedanken verloren. Für einen kurzen Moment entgleitet ihm die Kontrolle über das Auto. „Millisekundenbruchteile. Zeit die sich verlangsamt. Die zum Punkt schrumpft, in dem alles enthalten ist.“ Vielleicht der Bericht über den Urknall, der gerade im Radio läuft, vielleicht der Tod, dem er in diesem Moment ganz nahe kommt – irgendetwas lässt Herrn König für einen kurzen Augenblick mit anderen Augen auf die Verzweigungen, die sein Leben genommen hat, blicken: auf seine im Alltag erstarrte Ehe, auf sein früh gestorbenes Kind, überhaupt auf die Verluste und auf das, was sich dennoch auf der Habenseite angesammelt hat. Und er begegnet nochmals den wichtigen Menschen seines Lebens …
Jan Neumann war in der Spielzeit 2008/2009 Hausautor am Nationaltheater. Er schrieb und entwickelte mit der Regisseurin Christiane J. Schneider und fünf Schauspielerinnen und Schauspielern Königs Moment. In der heutigen krisengebeutelten Welt widmet sich das Stück dem einen oder anderen Welterklärungsversuch. Und der Unmöglichkeit, einen solchen trotz allem zu einem befriedigenden Ende zu bringen.
EIN KÖNIGSMOMENT IST EIN MOMENT IN DEM MAN ALLES VERSTEHT. FINDET HERR KÖNIG.
EIN KÖNIGSMOMENT IST EIN MOMENT DEN MAN NICHT ERKLÄREN KANN.
KÖNIGS MOMENT IST EIN MOMENT IN HERRN KÖNIGS LEBEN DEN HERR KÖNIG ALS KÖNIGSMOMENT BEZEICHNEN WÜRDE.
1975 in München geboren, spielte Jan Neumann nach seiner Schauspielausbildung zunächst am Bayerischen Staatsschauspiel München. Zwischen 2001 und 2006 war er festes Ensemblemitglied am schauspielfrankfurt. Seinen ersten Text für die Bühne schrieb er 2003. Einige seiner Stücke inszenierte er selbst oder entwickelte sie gemeinsam mit Schauspielern.
Jan Neumann hat einen Blick für das Alltägliche, der noch im Banalen von hoher Poesie ist. Schulhöfe, Tankstellen,
Hallenbäder: eine Welt, die man riechen und fühlen kann, in der man sich wiederfindet. Weltbewegende Reden, dramatische Gesten finden allenfalls in der Fantasie der Titelfigur statt, und historische Ausbrüche wie Wiedervereinigung und Finanzkrise erleben wir nur am Rande, fernab vom Brandenburger Tor oder in den stündlichen Nachrichtenschleifen. Dennoch sind wir Teil des Ganzen, die historische Dimension des vermeintlich unerheblichen Einzelnen gibt „Königs Moment“ dramatische Berechtigung. Es ist ein launiger und diskret hintersinniger Abend, der mit viel Gespür für die theatralische Umsetzung geschrieben wurde.
Mannheimer Morgen
Jan Neumann liefert Bühnenprosa, wahre Wortkaskaden, die mit Hilfe von Permutationen, Umstellungen und Wortverdrehungen immer wieder für satirisch-komische Effekte sorgen. Berge von Text, die in munteren Szenen und Dialogen zu Tal stürzen. Und mit genial einfachen Requisiten aufgepeppt werden. Wild gewedelte Fächer erwecken etwa das Schmetterlingshaus im Mannheimer Luisenpark zum Leben. Dort bei 32 Grad in heißer Schwüle stürzt der hässliche Siebtklässler Adolf in einen Teich und startet Ralf Dittrich als Herr König mit Fräulein Bauer eine Affäre.
Königs Moment war ein work in progress. Ein spontaner Entschluss von Jan Neumann statt eines bereits fertigen Stückes etwas ganz anderes zu schreiben, um weltweite Wirtschaftskrise und individuelle Krisen miteinander zu verschränken: Die letzten Textstellen sind erst vor anderthalb Wochen fertig geworden. Ein hartes Stück Stückentwicklung ? aber es hat sich gelohnt. Am Ende vielleicht sogar für Herrn König. Denn er überlebt den Autounfall. Bekommt nach dem Urknall doch noch eine zweite Chance. Seine Chance. Königs Moment. Doch wird er ihn nutzen?
SWR 2
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